Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
- Die USA und Israel haben eine neue Kriegsrunde gegen Iran begonnen, welche auf jene aus Juni 2025 folgt.
- Ayatollah Khamenei ist bestätigt getötet worden, zahlreiche weitere militärische und politische Anführer offenbar ebenso.
- Trump und Netanjahu rufen Regime Change als Ziel aus und appellieren an die Iraner, auf die Straßen zu gehen – eine erste Protestwelle im Januar wurde von den Behörden ungewöhnlich brutal niedergeschlagen.
- Der Angriff geschieht für die USA, vor allem aber für Israel zu einem strategisch opportunen Zeitpunkt: Selten war Iran so schwach, selten Israel so stark. Gelingt kein Regime Change, bleibt zumindest die Schwächung und Destabilisierung des Erzrivalen.
- Die Aussichten für Regime Change wirken allerdings niedrig: Die Revolutionsgarden stützen das System militärisch; nur aus der Luft werden sie kaum zu verdrängen sein.
- Selbst, wenn es zu einer Verhandlungslösung käme, sind kleinteilige Konzessionen deutlich denkbarer als echter Systemwandel. Sogar ein Bürgerkrieg mitsamt staatlichem Zerfall wirken dagegen wahrscheinlicher.
- In jedem Fall bestärkt der aktuelle Vorgang die Beobachtung seit 2022, dass zwischenstaatlicher Krieg ein Comeback erlebt – und Völkerrecht nur noch sekundäre Relevanz besitzt.
Der Angriff_
(2,5 Minuten Lesezeit)
Khamenei ist tot
Dieser Abschnitt des Explainers bezieht sich auf laufende, hochdynamische Vorgänge und hat keinen Anspruch auf Aktualität.
Die nächste im Nahen Osten hat begonnen. Die USA und Israel führten am Samstag, dem 28. Februar, heftige Luftangriffe gegen Iran durch – womit Washington eine wochenlange und Jerusalem eine monatelange Drohung wahrmachten. Explosionen gab es laut der iranischen Fars News Agency im ganzen Land: Teheran, Qom, Isfahan und vielen weiteren Städten. Allein bis Samstagabend sei die Zahl der Toten auf über 200 gestiegen. Die USA und Israel attackierten zentrale Institutionen des Landes, darunter den Regierungskomplex, Khameneis Residenz, das Parlament, die Geheimdienste, Häfen, die Atomenergiebehörde und die Kommandozentrale der mächtigen Revolutionsgarden (IRGC).
Mehr noch: Beide Angreifer verkündeten Samstagabend, dass Ayatollah Khamenei, der geistliche und formelle Anführer Irans, bei einem israelischen Angriff getötet wurde. Einige Stunden später bestätigten das auch iranische Staatsmedien (derart konkrete militärische Aussagen Israels und der USA waren auch in der Vergangenheit häufig zuverlässig). Die Köpfung der iranischen Regierung war schon vor der Bestätigung äußerst plausibel: Irans Außenminister Abbas Araghchi konnte zeitweise nur erklären, dass Khamenei "soweit er wisse" am Leben sei.
Der zweite große Schlag
Der Angriff Israels und der USA, in den Ländern jeweils mit den Operationsnamen "Roaring Lion" und "Epic Fury" versehen, ist weitreichend und lässt sich nicht mehr als "limitiert" bezeichnen. Eine Kombination aus amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern, von nahen Kriegsschiffen abgefeuert, HIMARS-Artillerie durch Bodentruppen, Drohnen und israelischen Kampfjets kam offenbar zum Einsatz. Israel führte den Erstschlag durch, kurz darauf schlossen sich die USA an, doch anders als vor einem Jahr war der Angriff eindeutig koordiniert.
Neben der bestätigten Todesmeldung über Khamenei verblasst eine womöglich beachtliche Dezimierung des iranischen Führungsstabs. Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh und der IRGC-Kommandant Mohammed Pakpour wurden mutmaßlich getötet. Oppositionsmedien und Israel berichteten von der Tötung von Ali Shamkhani, Leiter des Verteidigungsrats, sowie mehreren führenden Geheimdienstlern. Wie bereits bei der Frage zu Khamenei konnte Außenminister Araghchi nur bedingt beschwichtigen: Es seien zwar sicherlich viele Kommandeure getötet worden, doch das sei "kein großes Problem".
Irans Vergeltung
Iran vergalt die Attacken mit seiner bislang größten Angriffswelle im Nahen Osten. Es führte Luftangriffe auf amerikanische Militärinfrastruktur in der Region und auf amerikanische Verbündete durch: In Bahrain war das die Militärbasis der US Fifth Fleet bei der Hauptstadt Manama, in Qatar die wichtige Al Udeid-Luftbasis. Auch Luftbasen in Kuwait und Abu Dhabi sowie US-Militärinfrastruktur im nordirakischen Kurdistan gerieten zum Ziel. Weitere Attacken galten der saudi-arabischen Hauptstadt Riad, dem Flughafen von Kuwait, Dubai und Jordanien, welches Israel in der Vergangenheit gegen iranische Angriffe unterstützt hatte. Auch Israel selbst wurde beschossen und rief den Notstand aus. Zudem schlossen die Revolutionsgarden allem Anschein nach die Straße von Hormus, durch welche rund 20 Prozent des globalen Öl- und Flüssiggashandels laufen.
Auffällig ist dabei, dass Irans Vergeltung zwar in der Auswahl der Ziele rekordträchtig war, doch nicht in der Intensität der einzelnen Attacken. Diese waren bislang im Vergleich zu früheren Konfliktrunden eher moderat. Das könnte damit zusammenhängen, dass Iran auf Beruhigung hofft, Sorgen vor einer Eskalation hat, die Drohkulisse größerer Angriffe bewahren möchte oder einfach nicht imstande ist, intensiver anzugreifen – dann vermutlich nicht wegen erschöpfter Kapazitäten, sondern wegen einer erschütterten Kommandostruktur.
Das Kalkül_
(8 Minuten Lesezeit)

Warum – und warum jetzt?
Der Angriff ist insofern nicht überraschend, als er von den USA wochenlang angedroht worden war. Es liefen zwar Verhandlungen zwischen den USA und Iran, doch zugleich zog Washington hohe Militärkapazitäten im Nahen Osten zusammen. Die regionale Feuerkraft zu Luft war vor Kriegsausbruch so groß wie seit dem Beginn des Irakkriegs 2003 nicht mehr. Und ähnlich wie bei der russischen Invasion der Ukraine 2021 waren es nicht die zwei teuren Flugzeugträgergruppen und über 200 modernen Kampfjets, welche die Drohkulisse besonders realistisch machten, sondern Versorgungsflugzeuge, Tankflugzeuge und Command-and-Control-Flugzeuge, also fliegende Kommandozentralen. Ohne sie kann kein tage- und wochenlanger Großangriff funktionieren; sie sind das Pendant zum Lazarett in Grenznähe.
Es ist das zweite Mal, dass die USA Iran direkt attackiert haben. Im Juni 2025 führten sie einen einzigen, massiven Luftangriff auf die Atomanlagen Fordow, Natanz und Isfahan durch, nachdem Israel zuvor in knapp 10 Tagen Krieg die iranischen Luftkapazitäten zerstört und den Weg freigemacht hatte. Umgehend im Anschluss stellten die USA eine Waffenruhe her, welche bis jetzt hielt.
Für Israel ist es wiederum der vierte direkte Angriff auf Iran. Im April 2024 bombardierte es das Land erstmals, in relativ geringfügigem Maße und nur militärische Infrastruktur – als Reaktion auf einen heftigen iranischen Drohnenangriff auf Israel, welcher wiederum als Vergeltung auf das israelische Bombardement der iranischen Botschaft in Damaskus geschah. Ein zweiter, ebenfalls limitierter Angriff geschah im Oktober 2024: Iran hatte zuvor eine noch größere Attacke gegen Israel als im April durchgeführt, nachdem Israel den Hamas-Politikchef Ismail Haniyeh in Teheran ermordet hatte. Im Juni 2025 eröffnete Israel dann besagten "Zwölf-Tage-Krieg", welchem sich am Ende auch die USA anschließen würden: Ein Mix aus gezieltem, doch intensivem Bombardement und Geheimdienstoperationen, welcher Hunderte Militäranführer, Politiker, Nuklearforscher und auch bis zu 700 Zivilisten tötete.
Die letzte Kriegsrunde
Zur Begründung des Zwölf-Tage-Kriegs bot Israel damals das iranische Atomprogramm, gegen welches es einen Präventivschlag tätigen wolle. Das mag durchaus ein Faktor gewesen sein, doch erklärte nicht den Zeitpunkt, wie whathappened damals in seinem Explainer "Israel und Iran" schrieb: Tatsächlich hatte Iran in den Vormonaten seine Uranvorräte deutlich gesteigert und war damit theoretisch näher an eine Atombombe gerückt – doch es gab nach wie vor keine Anzeichen, dass es an dieser arbeitete; auch die US-Geheimdienste negierten das. Israels nukleare Gefährdung war also nicht wesentlich zu den Vormonaten und Vorjahren gewachsen.
Wahrscheinlicher war, dass Israel eine verbesserte strategische Lage ausnutzen und iranisch-amerikanische Verhandlungen stören wollte. Der Gaza-Krieg war zu diesem Zeitpunkt noch nicht beigelegt (das sollte erst vier Monate später geschehen), doch hatte sich verlangsamt; große Gefechte mit der Hamas fanden nur noch sporadisch statt. Die Hisbollah im Libanon war seit Herbst 2024 dezimiert und hatte sich aus dem Konflikt herausgezogen. Und im Winter 2024 war die Assad-Regierung in Syrien gestürzt. Während Israel also militärisch selbstbewusst war, war Iran geopolitisch geschwächt und wirtschaftlich ohnehin labil.
Zudem blickte Jerusalem mit Argwohn auf Verhandlungen zwischen den USA und Iran über eine Rückkehr zum 2018 seitens der USA aufgekündigten Atomabkommen. Das Verhältnis zwischen den Netanjahu- und Trump-Regierungen ist zwar freundlich, doch nicht ganz so einträchtig, wie es populär manchmal verstanden wird, und Israel scheint damit gescheitert zu sein, die USA vom Verfolgen einer Verhandlungslösung abzubringen. Also startete es unilateral einen Angriff. Auf den reagierte Washington erst kühl, doch als sich seine beachtliche Wirksamkeit abzeichnete, versuchte es, die Interpretationshoheit zurückzuerlangen, und stellte sich klar dahinter – bis es sich ihm sogar anschloss.
Zu guter Letzt bot der Angriff für die Netanjahu-Regierung auch einen günstigen Weg, von innenpolitischen Problemen abzulenken: den Korruptionsermittlungen gegen den Premier, den Vorwürfen der Opposition über undemokratische Reformen und ein Versagen beim Hamas-Angriff 2023, und einen koalitionsinternen Streit rund um den Wehrdienst für ultraorthodoxe Juden. Das alles rückte für einige Tage in den Hintergrund – und danach blieb Netanjahu ein außenpolitischer Erfolg, welcher sein politisches Überleben wahrscheinlicher machte.
Die Protestwelle in Iran
Der Blick auf die Gründe für den Angriff aus Mitte 2025 ist nützlich, um auch den Angriff von Anfang 2026 zu verstehen. Die Parteien bieten zwei Begründungen: Zum einen sprechen sie beide von einem Präventivschlag gegen ein gefährliches Iran. Donald Trump erklärte etwa in einer achtminütigen Videobotschaft, es sei eine "massive und fortlaufende Operation, um zu verhindern, dass diese äußerst bösartige, radikale Diktatur Amerika und unsere zentralen nationalen Sicherheitsinteressen bedroht".
Beide riefen zudem die iranische Bevölkerung dazu auf, sich gegen die Theokratie aufzulehnen: "Übernimmt eure Regierung, sobald wir durch sind. Sie wird für euch ergreifbar sein. Das wird eure vermutlich einzige Chance für Generationen sein", so Trump an die "großartigen, stolzen Menschen Irans" gerichtet. Und auch Netanjahu erklärte, dass die "mutigen Iraner" imstande sein würden, "ihr Schicksal in ihre eigene Hand zu nehmen" und "das Joch der Tyrannei abzuschütteln und einen freien und friedliebenden Iran herzustellen".
Beide Staatschefs beziehen sich auf die jüngste Protestwelle, welche Ende Dezember begann und etwa bis Mitte Januar lief. Große Proteste gibt es im wirtschaftlich schwachen, politisch polarisierten Iran zuverlässig im Zwei- bis Dreijahrestakt, doch die aktuelle Welle war beachtlich und paradox: Mit bis zu 5 Millionen Teilnehmern in fast allen Ortschaften des Landes (so Oppositionsmedien mit Bezug auf ungenannte europäische Geheimdienstler) waren es die größten Proteste seit der Iranischen Revolution 1979, welche die heutige Theokratie hervorgebracht hatte, doch mit nur zweieinhalb Wochen waren sie schon nach kurzer Zeit eingedämmt.
Erklären lässt sich das durch das besonders brutale Vorgehen der Revolutionsgarden und ihrer als Schlägertruppen operierenden Quasi-Miliz Basij. Die NGO HRANA kann rund 7.000 Tote als absolutes Minimum nachweisen und schätzt bis zu 18.000, andere, weniger zuverlässige Schätzungen reichen bis zu 36.000 Toten hoch. Das wäre die Hälfte der Toten im gesamten Gazakrieg – in zwei Wochen, wohlgemerkt, und zum allergrößten Teil binnen zwei Tagen am 8. und 9. Januar. Dazu kommen rund 350.000 Verletzte und etwa 50.000 Verhaftete. Selbst in Irans protestreicher Geschichte, von viel Brutalität gegen die eigene Bevölkerung gezeichnet, ist das eine neue Dimension. So sehr, dass Präsident Masoud Peseschkian sich am 11. Februar öffentlich entschuldigte.
Gut zu wissen: Zum Vergleich: Bei den Massenprotesten 2009 starben laut Opposition 72 Menschen, 2017/18 waren es rund 25 Menschen, bei den Mahsa-Amini-Protesten 2022/23 mindestens 551 und im "Blutigen November" 2019/20 reichten die Schätzungen auf bis zu 1.500 hoch. Dafür hielten die Proteste oft monatelang an – wenn auch mitunter in mehreren Phasen.
Regime Change
Früh in den Protesten deutete Trump eine mögliche Intervention der USA an. Sollten die Behörden Protestler erschießen, würden die USA diese "retten", so Trump am 3. Januar. Die Aussage sorgte anekdotisch für viel Aufsehen in Iran (die weitreichende Telekommunikationssperre im Land macht alles außer anekdotische Einschätzungen schwierig) und könnte die Proteste weiter angefacht haben. Am 13. Januar, nach den größten Demonstrationen und Massakern, schrieb Trump: "Iranische Patrioten, PROTESTIERT WEITER - ÜBERNEHMT EURE INSTITUTIONEN!!!... Hilfe ist auf dem Weg,".
Zu diesem Zeitpunkt scheinen die Proteste jedoch bereits komplett abgeklungen zu sein; der US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW) zählte genau null. Die USA verzichteten letztlich auf eine Intervention. Laut dem Economist wirkte Netanjahu auf Trump ein: Er solle keinen Angriff starten, bis nicht genügend Kapazitäten im Nahen Osten zusammengezogen sind. Dass Ende Februar eine neue, kleinere Protestrunde begann, dürfte die Entscheidung, loszuschlagen, dann zumindest nicht gebremst haben.
Dass die USA und Israel den von ihnen ausgerufenen "Regime Change" tatsächlich wollen, ist sicherlich authentisch – eigentlich war der Wunsch nach Regime Change in der Vergangenheit meist das, was man unausgesprochen ließ, jetzt ist er die offene Forderung. Beide Länder haben seit Jahrzehnten ein katastrophales Verhältnis zu Iran, vor allem Israel, welches bis 2023 von iranischen Proxymilizen eingekreist war und das Land andersherum mit geheimdienstlichen Aktionen traktierte. Die Hoffnung, das feindselige System rund um die islamistische Theokratie und die Revolutionsgarden loszuwerden, ist intuitiv.
Gut zu wissen: Bereits in der Kriegsrunde im Juni 2025 sprachen die USA und Israel eher beiläufig von Regime Change als Wunsch, erklärten es aber nicht offiziell zum Ziel ihrer Operationen.
Der beste Moment, den es geben wird
Für Israel kommt hinzu, dass es sich in einem einzigartigen strategischen Moment befindet. Iran war selten so schwach. In Washington sitzt eine freundlich gesinnte, zu Militäraktionen bereite Regierung. Israel selbst war militärisch noch nie in seiner Geschichte so dominant in seiner Region – höchstens mit Ausnahme der Lage direkt nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, als es in kürzester Zeit Ägypten und Syrien ausschaltete und handstreichartig den gesamten Sinai eroberte. Erst vergangenes Jahr hat Israel in Iran "Vorarbeit" geleistet, etwa weite Teile der Luftverteidigung ausgeschaltet. Und Israels Reputation in der muslimischen Welt und in Europa ist dermaßen erschüttert, dass es im Grunde kaum noch etwas kaputtzumachen gibt. Die Gelegenheit für einen überwältigenden Angriff auf Iran war wohl noch nie so gut – und das Risiko, dass der Moment in der Zukunft vergeht, hoch.
Auch das israelische Argument, dass Iran weiterhin eine Gefahr darstelle, ist nicht völlig von der Hand zu weisen (auch wenn es sich nicht um einen "Präventivschlag" handelt, da keine akute Bedrohung bestand). Teheran feuerte im Juni 2025 neben Hunderten Drohnen auch rund 500 ballistische Raketen auf Israel ab. Nur schätzungsweise ein Drittel der Raketenkapazitäten Irans wurde in dem Krieg ausgeschaltet, und das Land produziert stetig neue. Entsprechend sprachen israelische Offizielle schon damals von "unfinished business". Dass das ballistische Raketenprogramm auch für Iran eine höchste Priorität darstellte, wird dadurch bewiesen, dass das Land sich partout weigerte, es mit den USA in den jüngsten Verhandlungen zu besprechen. Atomprogramm ja, Raketenprogramm nein.
Innenpolitisch riskant
Dazu kommen unter Umständen innenpolitische Dynamiken. In Israel laufen weiterhin das Netanjahu-Korruptionsverfahren und vor allem der Streit über das Wehrpflichtgesetz für Ultraorthodoxe, welcher bis ins Auslösen einer vorgezogenen Neuwahl eskalieren könnte. Der Irankrieg stärkt Netanjahus Hand.
In den USA ist die innenpolitische Logik uneindeutiger: Einige Beobachter könnten auf den unangenehmen Epstein-Skandal verweisen, doch andersherum geht die Trump-Regierung ein hohes Risiko vor den Zwischenwahlen im November ein. Ihren Wunsch, als Friedensstifterin wahrgenommen zu werden, wird sie getreu ihrem Motto "Frieden durch Stärke" wohl erfüllt sehen, doch die Intervention kollidiert fraglos mit dem Anspruch von "no more wars", wie ihn auch der isolationistische Flügel der Trumpisten verlangt (wobei dieser zugleich viel ideologische Flexibilität an den Tag legt, um Trump inhaltlich zu folgen).
Die innenpolitischen Thesen wirken damit höchstens wie eine unterstützende, aber keine primäre Begründung. Am wahrscheinlichsten ist, dass Israel und die USA den strategisch günstigen Moment nutzen, um Iran zu schwächen und zu destabilisieren – und, falls es denn gelingen sollte, gerne auch einen Regime Change herbeizuführen.
Der Ausblick_
(4 Minuten Lesezeit)
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Wie geht es weiter?
Stand dieses Explainers ist die Lage dynamisch. Der Krieg könnte binnen Tagen enden – oder noch Wochen dauern. Die in der Region zusammengezogenen Kapazitäten ermöglichen sicher Letzteres. Nach einigen Wochen dürften jedoch sowohl für Israel als auch für die USA Nachschubschwierigkeiten entstehen; eine Fortsetzung darüber hinaus wäre dann mit größerem Ressourceneinsatz verbunden. Eine Invasion mit Bodentruppen ist dabei fast ausgeschlossen, selbst in einer Zeit, in welcher ehemals Unwahrscheinliches real wird: Das wäre eine völlig neue Dimension an Risiko, etwa, was die Tötung amerikanischer Soldaten betrifft.
Iran geht mit hoher Wahrscheinlichkeit geschwächt aus dieser Konfrontation heraus. Die Regierung ist geköpft und vermutlich destabilisiert, eine neue Protestwelle könnte ausbrechen und die militärischen Kapazitäten des Landes werden erschüttert. Ob die USA im Gegenzug gestärkt herausgehen, ist nicht ganz klar. Grundsätzlich kommt ein geschwächter Iran ihnen und Israel fraglos entgegen; und mit ihrer Intervention sind Spekulationen über einen amerikanischen Einflussverlust im Nahen Osten vorerst vom Tisch. Fraglicher sind die Effekte auf die Trump-Regierung: Der Krieg ist in der US-Bevölkerung unbeliebt – in einer YouGov-Umfrage aus Februar waren 49 Prozent der Amerikaner dagegen, 27 Prozent dafür – und die Effekte auf die Energiemärkte könnten der Regierung schaden, genau wie ein chaotischer oder ineffektiver Verlauf in Iran.
Die Trump-Regierung schafft es nicht so recht, der Bevölkerung zu erklären, warum sie diesen Angriff getätigt hat. Der Verweis auf Regime Change, welcher am ehesten zu vernehmen ist, legt eine hohe Messlatte: Militäranalysten können von noch so viel Prozent an zerstörten ballistischen Raketen schwärmen, wenn die Theokratie am Ende weiter existiert, werden viele Amerikaner nicht verstehen, was der Zweck dieser neuen militärischen Intervention war und warum sie als Erfolg zu interpretieren wäre.
Vermutlich kein Regime Change
Ein Regime Change in Iran wirkt tendenziell unwahrscheinlich, auch wenn er in der hochdynamischen Lage nicht auszuschließen ist. Dagegen spricht, dass die Revolutionsgarden zu viel Macht im Land besitzen: Mit 125.000 gut ausgestatteten Soldaten und weiteren rund 90.000 Basij-Paramilitärs sind sie groß genug, um selbst große Aufstände niederzuschlagen; zudem reicht ihr Einfluss bis tief in die wirtschaftliche Substanz des Landes. Nur durch eine Luftkampagne wird es kaum möglich sein, den IRGC zu zerschlagen. Raketenabschussrampen und Produktionsanlagen lassen sich zerstören, doch die kleinteilige, lokale Kontrolle, die der IRGC nutzt, um Aufstände niederzuschlagen, lässt sich weitaus schwieriger treffen.
Gut zu wissen: Beispiele, wo Regime Change aus der Luft gelungen ist, sind spärlich und allesamt deutlich angreifbar: Slobodan Milošević wurde erst Monate nach dem NATO-Angriff auf Jugoslawien 1999 gestürzt; und die westliche Luftintervention in Libyen 2011 verhinderte zwar einen Sieg der Gaddafi-Regierung über die Rebellen, doch ihren Sturz ermöglichte diese selbst kurz darauf durch eigene Fehlentscheidungen (und das geschah vor dem Hintergrund eines offenen Bürgerkriegs, wie er in Iran noch nicht herrscht).
Ein neuer Tag in Iran
Das bedeutet nicht, dass Iran nicht vor Veränderungen stünde. Khameneis Tod ist fraglos eine Zeitenwende für das Land. Der 86-Jährige war erst der zweite Ayatollah, also geistliche Führer, der Islamischen Republik. In seinen drei Jahrzehnten an der Macht verfolgte er wie sein Vorgänger Ruhollah Khomenei einen erzkonservativen Kurs, mit klarer Machtzentralisierung auf seinen Wächterrat (und seine eigene Figur, um welche ein Führerkult existierte) und dem IRGC als zweiter Kraft daneben. Eine zivile, gelegentlich sogar moderate Regierung wurde zwar zugelassen, doch stets streng beschränkt; liberale Reformen fast immer kassiert. Khamenei brachte das Land auf seine feindselige Linie gegenüber Israel und dem Westen (und meist auch den arabischen Golfstaaten), und wählte eine Regionalpolitik, welche aggressiven Machtausbau betrieb, aber in der direkten Konfrontation mit Israel und den USA zurückhaltend blieb.
Mit Khameneis Tod ist es theoretisch am wichtigen 12-köpfigen Wächterrat und dem 88-köpfigen Expertenrat, einem Theologengremium, einen Nachfolger zu bestimmen. In der Praxis könnte der IRGC seine Macht gegenüber den Theologen ausbauen und künftig ein General anstelle eines (nominell weiter existierenden) Ayatollahs herrschen. Sollte die Nachfolgersuche chaotisch verlaufen, wäre im äußersten Fall ein Bürgerkrieg denkbar – doch dagegen spricht, dass die Theokratie auf ideologische Stabilität Acht gegeben hatte und, in Anbetracht der offensichtlichen Bedrohung aus dem Ausland, vermutlich Redundanzen und Nachfolgeregelungen festgelegt hatte. Selbst in einem Szenario, in welchem sich die iranische Regierung in eine Verhandlungslösung mit den USA und Israel begibt, ist es wahrscheinlich, dass einfach Elemente der Theokratie beiseitegeschoben werden – doch die Strukturen des IRGC faktisch oder auch nominell übernehmen. Ein demokratischer Übergang in Iran ist dagegen auf absehbare Zeit ein extremes Außenseiterszenario.
Krieg statt Regeln
Der Angriff zementiert außerdem den Beginn einer Ära, in welcher zwischenstaatliche militärische Aktionen die Norm, nicht mehr die Ausnahme sind; und in welcher das internationale Recht deutlich an Ordnungskraft verloren hat. Noch bis 2024 schien ein offener Krieg zwischen Iran und Israel sowie den USA wie ein Extremszenario; heute läuft die zweite große Kriegsrunde. Die Sorge vor einer Eskalation, vor einem regionalen Flächenbrand (welcher die heute dezimierte Hisbollah und Hamas meinte), vor einem Bruch des Völkerrechts und vor heftigen Auswirkungen auf die Energiemärkte beschränkte das Arsenal der USA jahrzehntelang auf Sanktionen, Cyberoperationen und Geheimdiensttätigkeiten. Heute gilt davon nichts mehr; das Arsenal ist offener Krieg.
Dass der Krieg in seiner aktuellen Form zu jenem Regime Change in Iran führt, welchen Trump und Netanjahu beschwören – und fraglos viele Beobachter begrüßen würden, innerhalb und außerhalb des Landes –, ist unwahrscheinlich. Doch ganz wie beim Alten wird nichts mehr sein. Iran und mit ihm der Nahe Osten gehen in eine neue Phase. Was diese sein wird, wird sich in den kommenden Wochen andeuten.
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