July 5, 2026
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23 Minuten Lesezeit

Der Pfad zum 250. Jahrestag der USA

Die Geschichte eines besonderen, verunsicherten Landes.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die USA feiern ihren 250. Geburtstag inmitten einer Identitätskrise. Dieser Explainer liefert die historischen Pfadabhängigkeiten, um sie einzuordnen.
  • Nordamerika war vor der Kolonialisierung von komplexen indigenen Kulturen geprägt; die europäische Expansion verdrängte sie durch Krankheiten, Gewalt und Deportation zur heutigen 2-Prozent-Minderheit.
  • Die Amerikanische Revolution war kein Zufall: Faktische Autonomie, neue Steuern und der Wegfall der französischen Bedrohung nach dem Siebenjährigen Krieg machten die Unabhängigkeit ab 1775 fast zwangsläufig.
  • Die Verfassung von 1787 wählte einen Sonderweg: Republik statt Monarchie, strikte Gewaltenteilung – mit eingebauter Dysfunktionalität und archaischen Elementen, die bis heute nachwirken.
  • Die Sklaverei spaltete das Land von Beginn an und eskalierte 1861 in den Bürgerkrieg; die rechtliche Gleichstellung der Schwarzen dauerte danach noch ein weiteres Jahrhundert.
  • Auf das oligarchische Gilded Age folgte die Progressive Era, auf die Weltkriege der Aufstieg zur Supermacht; ein wiederkehrendes Muster aus Exzess und Gegenbewegung.
  • Vieles an der Trump-Ära ist ein Echo der Vergangenheit: "Räuberbarone",  Machtfragen der Exekutive, Isolationismus, Culture War. Die USA haben schon volatilere Phasen überstanden – doch einen historischen Determinismus gibt es nicht.

Die USA verstehen_

Die USA sind ein junges Land, heißt es gerne, schließlich kann man in Europa geradezu versehentlich auf etwas treten, das Tausende Jahre älter ist. Und doch sind sie zugleich ein altes Land, denn nicht viele Staaten in aller Welt können von sich behaupten, seit über einem Vierteljahrtausend in einem weitestgehend ähnlich gebliebenen politischen System und einem derart konsistenten historisch-kulturellen Selbstverständnis verblieben zu sein. Die USA von heute könnten den Founding Fathers durchaus vertraut erscheinen.

Und doch fühlt sich etwas zum 250. Geburtstag der USA reichlich anders an, und das wird selbstverständlich von der Regierung um Donald Trump versinnbildlicht. Das Land befindet sich in einer tiefen Krise und ist gleichzeitig so mächtig wie selten zuvor, es steckt im ewigen Aufschwung und scheinbar zugleich im Abschwung, und die Amerikaner waren selten so zynisch und so wohlhabend. Die USA befinden sich, so viel steht fest, inmitten einer transformativen Phase, in welcher sich entscheidet, welchen Pfad das Land in den kommenden Jahrzehnten einschlägt.

Wer die USA von heute verstehen möchte, muss die historischen Pfadabhängigkeiten verstehen, welche sie hierhin geführt haben. Die amerikanische Geschichte liefert wichtige Lehren über den institutionellen, kulturellen und gesellschaftlichen Zustand des Landes. Hier ein Überblick – von den Anfangstagen bis zur Moderne.

Gut zu wissen: Noch weitaus detailliertere Geschichtsexplainer lieferten wir über die Ukraine und zu Israel und Palästina – beide jeweils in drei große Teile aufgeteilt und insgesamt je knapp eine Stunde Lesezeit lang.

Ein Kontinent entsteht (Frühgeschichte bis 1763)_

3,5 Minuten Lesezeit)

Die Lage in Nordamerika um circa 1750. Quelle: Pinpin, wikimedia
Das frühe Nordamerika

Die Geschichte Nordamerikas begann vor schätzungsweise 15.000 bis 30.000 Jahren, als erste Menschen über die sibirische Beringia-Landbrücke aus Asien einwanderten. Eine Reihe komplexer indigener Völker, Stämme und Kulturen bildete sich über die Jahrtausende heraus, darunter die Mississippians, die große Erdhügel (Mounds) errichteten; die Pueblo-Kulturen im Südwesten mit ihren beeindruckenden höhlenartigen Steinklippenstädten; und die prosperierenden Kulturen an der pazifischen Nordwestküste, für welche der Lachs den Hauptrohstoff und ein spirituelles Symbol darstellte. Sie alle beschreiben dabei größere Ansammlungen von Gesellschaften mit kulturellen Ähnlichkeiten, welche manchmal als lose Clans nebeneinander existierten und manchmal in zentral organisierten Reichen strukturiert waren (z.B. Cahokia am Fluss Mississippi).

Gut zu wissen: Wie viele indigene Menschen in den USA und Kanada lebten, als die Europäer um 1492 in den Amerikas ankamen, ist schwierig zu sagen. Schätzungen reichen von 900.000 bis 12 Millionen, wobei jüngere Spannen eher zwischen 2 und 4 Millionen reichen. Das ist übrigens nur ein Bruchteil der circa 50 Millionen Menschen in den gesamten Amerikas, welche sich vor allem auf das moderne Mexiko und das Andengebiet konzentrierten (auch hier reichten die historischen Schätzungen übrigens von 8 bis 112 Millionen).

Europas Auftritt

Die europäische Geschichte in Nordamerika wurde durch die Amerika-Entdeckung von Christopher Columbus 1492 angekündigt, mit der ersten kurzlebigen spanischen Kolonie in Florida im Jahr 1521. Erste permanente europäische Siedlungen entstanden allerdings erst in den 1560ern, und die europäische Kolonialgeschichte nahm erst ab dem 17. Jahrhundert ernsthaft an Fahrt auf. Die Briten schufen 1607 die Virginia Colony an der Ostküste, die Niederlande gründeten 1624 Nieuw Amsterdam (später New York City) und Frankreichs erste permanente Kolonie entstand 1608 in Quebec.

Zwei Dynamiken hatten in dieser Phase Vorrang: der Konflikt der europäischen Kolonialmächte mit der indigenen Bevölkerung und ihr Konflikt untereinander. Ersteres führte zur Ausbremsung vieler früher Kolonialbestrebungen und zum Tod von Hunderttausenden oder Millionen von Indigenen, häufig durch eingeschleppte Krankheiten, auf welche die nordamerikanischen Immunsysteme nicht vorbereitet waren. Diese Gewalt wechselte sich mit enger Kooperation ab, in welcher die indigenen Stämme und die Europäer miteinander handelten oder das Gegenüber als Verbündeten in intraindigene und intraeuropäische Konflikte hereinholten.

Je stärker die Kolonialbevölkerungen wuchsen, umso mehr verschob sich das Kräfteverhältnis jedoch zugunsten der Europäer. Die Dynamik wandelte sich zu einer von europäischer Vorherrschaft, welche sich in Gewaltaktionen, Deportationen, erzwungener Assimilation und erzwungener Konversion äußerte. Auch das allmähliche Wegfallen kolonialer Fraktionen aus Nordamerika (z.B. Frankreichs im Siebenjährigen Krieg) dürfte hineingespielt haben, denn die indigenen Stämme büßten ihre mächtebalancierende Funktion zwischen den Europäern ein. Je weiter diese vordrangen, umso mehr zwangen sie außerdem Stämme zur Migration gen Westen und destabilisierten damit die dortigen indigenen Gesellschaften.

Gut zu wissen: Heute existieren indigene Amerikaner nur noch als kleine Minderheit in den USA. Die selbstidentifizierten Indigenen machen 2 Prozent der Amerikaner aus. Ein Drittel lebt in speziellen Reservaten, in welchen sie Sonderrechte genießen. Sehr hohe Armutsraten, schwache Bildungsergebnisse und andere sozioökonomische Daten weisen dabei auf anhaltende Pfadabhängigkeiten der Kolonialära hin.

Der Proxy-Kontinent

Die zweite Konfliktachse war jene der europäischen Kolonialmächte untereinander. Franzosen, Briten, Spanier und Niederländer blickten mit Misstrauen aufeinander und konkurrierten um Rohstoffe und Territorien, was sich regelmäßig in Grenzkonflikten äußerte. Das eskalierte im Siebenjährigen Krieg, welcher sich in Nordamerika als French and Indian War von 1754 bis 1763 äußerte. Die Briten, also ihre "Dreizehn Kolonien" an der Ostküste, und ihre indigenen Verbündeten bezwangen Frankreich und verleibten sich dessen weitläufige Kolonialgebiete ein.

Der Siebenjährige Krieg führte vermutlich direkt in die Amerikanische Revolution, nur 12 Jahre später. Der Krieg hatte das siegreiche Großbritannien viel gekostet und die nationale Schuld nahezu verdoppelt. Also erhöhte Großbritannien die Steuern auf die Dreizehn Kolonien und verbot die Gründung neuer Kolonien westlich des Appalachengebirges, in den hinzugewonnenen Gebieten, um die dortigen indigenen Bevölkerungen zu schützen (und mögliche zukünftige Kolonialisierung zentral zu steuern). Beides verärgerte die Kolonisten zutiefst und stieß bei diesen einen politischen Prozess an, in welchem sich die Unabhängigkeit als Priorität herausbildete.

Eine neue Nation (1763 bis 1789) _

(4,5 Minuten Lesezeit)

"Declaration of Independence" von John Trumbull; das fünfköpfige Verfassungskomitee präsentiert seinen Entwurf dem Kongress. Die Zeremonie hatte es so allerdings nie gegeben. Gemälde aus 1819. Quelle: John Trumbull - US Capitol
Why not go it alone?

Die Kolonien hatten seit jeher eine starke autonome Identität. Sie war geboren aus der Distanz zum britischen Kernland, der daher erzwungenen Selbstwirksamkeit, welche das koloniale Leben erforderte, einem Pioniergeist als zentralem Leitbild, und der Weitläufigkeit der Territorien, die dezentrale, lokale Regierungen sinnvoller machte. Ein kurzer Versuch Großbritanniens 1686-89, im "Dominion of New England" eine strikte Zentralregierung im Stile Neuspaniens einzurichten, scheiterte am Widerstand der Kolonisten, inklusive einer Rebellion. Von solchen Episoden abgesehen erkannte Großbritannien die de-facto-Autonomie weitestgehend an. Es verzichtete mit der inoffiziellen Linie des salutary neglect ("heilsame Vernachlässigung") etwa darauf, Gesetze des britischen Parlaments allzu streng durchzusetzen, und akzeptierte die Selbstverwaltung der Kolonien, solange diese loyal blieben.

Die Kolonien waren damit über ihre anderthalb Jahrhunderte bis zum Siebenjährigen Krieg faktisch ohnehin autonom. Unabhängigkeit war hingegen kein relevantes Thema, da sie die Unterstützung Großbritanniens im Konflikt mit Frankreich und dessen Kolonien benötigten. Das änderte sich rapide mit dem Sturz des französischen Kolonialreichs. Gleichzeitig hatte der Krieg die Kolonien gezwungen, politisch enger zusammenzurücken. Benjamin Franklin, ein späterer Founding Father, und zu Zeiten des Siebenjährigen Kriegs der Postminister der Kolonien, rief die dreizehn Lokalitäten im Krieg dazu auf, sich "zu vereinen oder unterzugehen" (Join, or Die). Die Kolonien waren also stärker vereint denn je, ohnehin Autonomie gewohnt, wütend wegen neuer Steuern und Siedlungsverbote, und hatten ihre größte externe Bedrohung verloren. Die Spannungen wuchsen; Großbritannien versuchte, seine Autorität zu festigen, und es kam zu Anfeindungen und Gewaltausbrüchen.

1775 eskalierten die Spannungen in einen Befehl an die Armee, den amerikanischen Kolonisten die Waffen zu entziehen. Deren Milizen widersetzten sich, und es kam am 19. April 1775 zu zwei ersten Schlachten. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg brach aus, welcher am 4. Juli 1776 auch mit einer offiziellen Unabhängigkeitsdeklaration der Kolonisten bedacht wurde. Er lief acht Jahre lang, bevor die Amerikaner sich, unterstützt von Frankreich und Spanien – den britischen Großmachtrivalen –, 1783 durchsetzten. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren realisiert.

Shining city on a hill

Die neue Nation wählte einen bemerkenswerten Sonderweg, welcher die Weltgeschichte nachhaltig prägte. Sie basierte auf den Werten des Republikanismus und der Gewaltenteilung, in scharfer Abgrenzung zum global dominierenden Monarchismus. Bürgerrechte und individuelle Freiheitsrechte wurden als Ecksteine der Republik festgeschrieben. Dieser Prozess und die 1787 hervorgegangene Verfassung – die nach mancher Definition älteste der Welt – dürften direkt in die Revolutions- und Liberalisierungsprozesse in Europa und anderswo hineingespielt haben. Und über allerlei Pfadabhängigkeiten ermöglichten sie, oder begünstigten allermindestens, auch den relativen Siegeszug von Demokratie, Liberalismus und Marktwirtschaft in aller Welt.

Gut zu wissen: Die USA existierten 1783 bis 1789 als lose Konföderation der Bundesstaaten, was sich allerdings als schwierig zu regieren und anfällig für externe Bedrohungen erwies. Also wurde eine neue Verfassung mit einer stärkeren Zentralregierung samt Präsidenten aufgesetzt. 1789 trat sie in Kraft und der revolutionäre Armeeführer George Washington wurde erster Präsident. Als Reaktion auf Sorgen über diese Zentralisierung wurde die Bill of Rights verabschiedet, um gewisse individuelle Freiheiten festzuschreiben. Unter ihren constitutional amendments (Verfassungsänderungen) war zum Beispiel das Recht der Amerikaner auf den Waffenbesitz, das heutzutage berühmte Second Amendment.

Eine große Frage für die jungen USA war von Anfang an, wie genau die Macht der verschiedenen Institutionen ausfallen sollte, insbesondere des Präsidenten. Viele Founding Fathers wollten einen Rückfall in eine Monarchie verhindern, und blickten damit skeptisch auf die Machtfülle der Rolle; einige plädierten gar für ein Exekutivkomitee anstelle eines Präsidenten. Andere hatten mehr Sorge vor der Entstehung einer politischen Adelsklasse als vor einem übermächtigen Staatschef. So etwa der spätere zweite Präsident John Adams, welcher an seinen Nachfolger Thomas Jefferson 1787 (also zehn Jahre vor seiner Amtszeit) schrieb:

"Du hast Angst vor dem Einen – ich vor den Wenigen. Wir sind uns vollkommen einig, dass die Mehrheit eine umfassende, gerechte und vollkommene Vertretung haben sollte. Sie haben Bedenken gegenüber der Monarchie; ich gegenüber der Aristokratie. Ich hätte daher dem Präsidenten mehr Macht und dem Senat weniger Macht eingeräumt."

Also wählten sie eine konsequente Aufteilung der Macht: zwischen der Exekutive um den Präsidenten, der Legislative um den Zwei-Kammern-Kongress und der Judikative um den Supreme Court. Ein parlamentarisches System wurde nicht ernsthaft erwogen: Es gab keine Parteientradition in den USA, und die Exekutive und Legislative wären den Founding Fathers darin zu eng verwoben, schließlich hätte eine Regierung fast immer auch eine Parlamentsmehrheit inne. Andersherum wollten die einzelnen Bundesstaaten, die früheren Kolonien, ihren Einfluss wahren, und schufen deswegen den Senat als zweite Kongresskammer, in welchem sie weitreichenden Zugriff auf die Bundespolitik besitzen (ähnlich zum deutschen Bundesrat, aber mit weitaus mehr Einfluss).

Gut zu wissen: In der frühen Staatsbildung fanden sich auch die Spuren der monarchischen Tradition: Zeitweise diskutierten die Founding Fathers, ob der Präsident als "seine Hoheit", "seine Exzellenz" oder "seine Gewählte Majestät" angesprochen werden sollte. Und Founding Fathers wie Alexander Hamilton plädierten gar für eine lebenslange Amtszeit des Präsidenten.

Das Ergebnis war ein System mit einem machtvollen Präsidenten an der Spitze, dessen Verfügungsgewalt jedoch durch starke Gewaltenteilung eingeschränkt wurde. Sie baute eine gewisse alltägliche Dysfunktionalität in das System ein, da Vetos aus mehreren Richtungen kommen konnten. Gleichzeitig war vieles ungeschrieben, und in mancher Hinsicht mutet der institutionelle Aufbau der USA bis heute archaisch und chaotisch an, zum Beispiel, wenn es um den Wahlprozess mit seinen formell unabhängigen Wahlleuten geht. Selbst Amtszeitlimits wurden erst 1951 eingeführt, davor existierte nur ein von George Washington etablierter Präzedenzfall.

Die Suche nach der Identität (1789 bis 1913)_

(5,5 Minuten Lesezeit)

"A Ride for Liberty – The Fugitive Slaves" von Eastman Johnson, 1862. Quelle: Eastman Johnson, wikimedia

Von Ozean zu Ozean

Die Geschichte der USA war in den kommenden Jahrzehnten vom Westmarsch und der territorialen Expansion geprägt. Siedler bewegten sich gen Westen, was zu heftigen, mitunter genozidalen Konflikten mit der dortigen indigenen Bevölkerung führte. Viel popkulturelles Verständnis über die USA (innerhalb und außerhalb) bezieht sich auf diese Phase: seien es die indigen-amerikanischen Konflikte (z.B. der Trail of Tears), die Cowboy-Kultur oder der pazifische Goldrausch. Auch territorial entstanden die modernen USA allmählich: Sie kauften 1803 die weitläufige Kolonie Louisiana vom verschuldeten, revolutionserschütterten Frankreich, und verdoppelten damit über Nacht ihr Staatsgebiet. 1845 schloss sich Texas den USA an und 1848 eroberten sie ihren modernen Westen von Mexiko. Die USA sahen so aus wie heute, von Alaska, Hawaii und einigen Überseebesitzungen abgesehen.

Gut zu wissen: Der Konflikt mit Großbritannien flammte 1812 noch einmal in einem Krieg auf, doch beruhigte sich rasch, nachdem dieser unentschieden ausging. Danach setzten die frühere Kolonialmacht und die neue Nation in erster Linie auf Handel und Kooperation, bevor sie im 20. Jahrhundert zu engen Bündnispartnern gerieten. Der Krieg hatte auch die Folge, die US-kanadische Grenze zu definieren und ein kanadisches Nationalgefühl zu schärfen. Er war bis zur Kapitolerstürmung 2021 durch Trump-Anhänger außerdem das letzte Mal, dass der amerikanische Kongress erfolgreich durch feindselige Akteure eingenommen worden ist.

Die Sklaverei teilt das Land

In den Folgejahren wurde die Sklaverei das beherrschende Thema und führte letztlich in den Bürgerkrieg. Die Geschichte der USA war eigentlich von Anfang an von Sklaverei geprägt: Ein großer Teil der neuen Kolonisten kam als indentured servants, also "Vertragsknechte", welche sich aus sozioökonomischen Gründen häufig freiwillig und temporär in die Rolle hineinbegaben. Sie waren unbezahlt, doch erhielten eine freie Überfahrt, Versorgung und das Versprechen auf Land am Ende ihrer Dienstzeit – auch wenn Betrug und Entführungen ebenfalls üblich waren.

Die ersten versklavten Afrikaner kamen mit dem Aufstieg des transatlantischen Sklavenhandels ab 1619 an. Ihre Versklavung war nicht temporär, hatte keine Schlussvergütung und geschah selbstverständlich nicht freiwillig. Anfangs durften Afrikaner im Stile der indentured servants ihre Freiheit erkaufen, doch mit dem wachsenden Arbeitskraftmangel der Kolonien verhärtete sich die Politik rasch – und nahm eine rassistische Dimension an, in welcher dunkle Hautfarbe und Sklavendasein als inhärent verbunden interpretiert wurden, und versklavte Menschen ihren Status an ihre Kinder weitergaben.

Die Sklaverei war dabei durchaus von Anfang an umstritten, und umso mehr nach der Staatsgründung, schließlich kollidierte sie mit den revolutionären liberalen und aufklärerischen Idealen. Das nahm mitunter skurrile, widersprüchliche Züge an, etwa wenn Thomas Jefferson, auf dessen Plantage über hundert Menschen versklavt arbeiteten, in seinen Entwürfen für die Unabhängigkeitserklärung die Sklaverei zutiefst anprangerte. Im Norden der USA wurde die Sklaverei nach dem Unabhängigkeitskrieg tatsächlich allmählich bis 1804 abgeschafft, doch im landwirtschaftlichen Süden war sie das Fundament einer äußerst profitablen Plantagenwirtschaft. Entsprechend stark war dort der Widerstand gegen den Abolitionismus des Nordens.

Die Spannungen wuchsen, insbesondere mit dem Sieg von Abraham Lincoln bei der Präsidentschaftswahl 1860, denn er war ein Gegner der Sklaverei – auch wenn er den Südstaaten versprochen hatte, die Praxis dort nicht anzutasten. In den Folgemonaten erklärten 11 südliche Bundesstaaten ihre Sezession aus den USA als Konföderierte Staaten von Amerika und der amerikanische Bürgerkrieg brach aus. Die nördliche Union siegte bis 1865, zerschlug die Konföderation, schuf die Sklaverei ab und befreite 3,5 Millionen versklavte Menschen, mehrheitlich afrikanischstämmig, in den Südstaaten.

Gut zu wissen: Knapp 4,4 Millionen schwarze Menschen lebten 1860 in den USA, davon waren 3,9 Millionen versklavt (89 Prozent) – allesamt im Süden. Im Vergleich dazu waren es 1790, also kurz nach Ende der Kolonialära, noch 757.000 Schwarze, mit einem leicht höheren 92-prozentigen Anteil an Sklaverei, da Teile des Nordens sie noch praktizierten. Der Anteil der schwarzen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung betrug 1860 14 Prozent (ähnlich zum heutigen Wert), was bedeutet, dass knapp 12,5 Prozent der Bevölkerung versklavt waren. 1790 betrug der Anteil der Schwarzen 19 Prozent.

Außen Gold, innen Schwefel

Mit dem Ende des Bürgerkriegs begann die Reconstruction Era, also der Wiederaufbau und die Wiedereingliederung des Südens, was in ein Gilded Age mündete, also ein "Vergoldetes Zeitalter". Der Begriff war ein Versuch des Schriftstellers Mark Twain, die widersprüchliche und hochdynamische Lage der USA zu beschreiben. Sie erlebten zum einen ein spektakuläres Wirtschafts- und Technologiewachstum, zum anderen aber heftige Armut, Ungleichheit, politische Korruption und Diskriminierung.

Zahlreiche Entwicklungen wirkten gleichzeitig: Die schwarze Bevölkerung war mit dem Ende der Sklaverei zwar befreit worden, doch wurde durch lokale Gesetze im Süden, die Jim-Crow-Gesetze, faktisch zu Menschen zweiter Klasse gemacht und segregiert. Millionen von europäischen Immigranten strömten in die rasch wachsenden USA, anfangs vor allem Italiener, Iren und Juden, doch sie landeten oft zumindest anfangs in prekären Lebenslagen. Die Industrialisierung brachte Elektrizität, Eisenbahnen, Wolkenkratzer und Unmengen an Konsumgütern, doch ihre Früchte waren anfangs auf eine kleine Zahl von Amerikanern beschränkt.

Angeführt und symbolisiert wurde diese ungleiche Ära vom wirtschaftlichen und politischen Einfluss einiger weniger Großindustrieller. Darunter waren der Öltitan John D. Rockefeller, die Stahlmagnaten Charles M. Schwab und Andrew Carnegie, der Bankier J. P. Morgan (Namensgeber für die heute größte Bank der Welt nach Marktkapitalisierung) und der "Eisenbahnkönig" Cornelius Vanderbilt. Ihr aggressives, monopolisierendes Geschäftsgebaren brachte ihnen den Namen der "Räuberbarone" ein. Das reichste 1 Prozent der Amerikaner kontrollierte 50 Prozent des Vermögens (heute: 32 Prozent; 1990: 23 Prozent). Ihr politischer Einfluss ließ manche Beobachter die USA damals als Plutokratie bezeichnen. Es war, frei nach Twain, kein Goldenes Zeitalter, sondern eines, welches gerne den Anschein davon erweckte; ein vergoldetes also.

Die progressive Gegenbewegung

Die rasanten Dynamiken und unübersehbaren sozialen Probleme des Gilded Age boten den Anstoß für eine Progressive Era. Die Reformer, zu denen auch die Präsidenten Theodore Roosevelt (1901-1909) und Woodrow Wilson (1913-1921) gehörten, setzten sich für bessere Arbeiterrechte, einen Sozialstaat, weniger Ungleichheit, eine Zerschlagung der oligarchischen Industriemonopole, die Zurückdrängung der politischen Korruption und die Ausweitung der Bürgerrechte ein (z.B. auf Schwarze und Frauen bezogen). Auch das Erstarken meinungsstarker, investigativer Massenmedien und des Sozialismus spielte in diese Phase hinein, etwa über eine steigende Zahl von Gewerkschaften.

Gut zu wissen: Progressiv ist nicht gleich progressiv – Woodrow Wilson brachte zwar große progressive Wirtschaftsreformen auf den Weg, doch war ein ausgesprochener Rassist, welcher nicht nur auf eine Ausweitung der Bürgerrechte verzichtete, sondern seine Regierung auch noch intensiv segregierte.

Eine Reihe von Fortschritten geht auf diese Ära zurück. Am prominentesten das Wahlrecht für Frauen im Jahr 1920, welches fast die Hälfte der Bevölkerung in das demokratische System holte (Schwarze waren zwar formell zum Wählen berechtigt, doch wurden bis 1965 faktisch oft ausgeschlossen). Verbesserungen im Arbeitsrecht und in der Arbeitsplatzsicherheit wurden durchgesetzt, und mit der Gründung der Food and Drug Administration (FDA), der Behörde für Lebensmittelsicherheit und Arzneimittel, begann 1906 nicht nur die "Bürokratisierung" der USA, sondern auch der Verbraucherschutz. Die Bildung der Notenbank Federal Reserve (Fed) 1913, der Federal Trade Commission (FTC, eine weitere unabhängige Behörde wie die FDA) und ein Anti-Monopol-Gesetz 1914 bauten die Macht der Großbanken und Großindustriellen ab; und mit der Erhebung der ersten bundesstaatlichen Einkommenssteuer ab 1913 (mit anfangs 7 Prozent Höchststeuersatz) sank die Ungleichheit und stieg der Staatsanteil an der Wirtschaft.

Der Aufstieg (1913 bis 1945)_

(4 Minuten Lesezeit)

Franklin Delano Roosevelt. Quelle: Ukjent
Die USA erwachen

Zur selben Zeit begannen die erstarkten USA auch eine aktivere, globale Außenpolitik, nachdem sie sich in den anderthalb Jahrhunderten davor nur auf ihren Teilkontinent und später die westliche Hemisphäre konzentriert hatten. Darin mischte sich ein mit politischen Idealen begründeter Interventionismus: Roosevelt befand, die USA seien imstande, als moralische "Weltpolizei" zu fungieren; und Wilson sah sich als "Missionar der Demokratie".

Ein Wendepunkt für die amerikanische Außenpolitik und ihre Rolle in der Welt kam mit dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918. Die Wilson-Regierung wählte anfangs nominell die Neutralität, doch unterstützte Großbritannien offen. Deutschland versenkte amerikanische Frachtschiffe, zog die USA mit ihrer beispiellosen Industriekapazität in den Krieg hinein und trug zu seiner Kriegsniederlage bei. Die USA fanden sich plötzlich als einflussreichste Nation wieder, und der "Missionar" Wilson setzte erfolgreich die Gründung des Völkerbundes durch – die Vorgängerorganisation der UN, welche Kriege verhindern, Minderheiten schützen, Arbeitsbedingungen verbessern und noch viele weitere hehre Dinge erreichen sollte. Ironischerweise traten die USA selbst nie bei, da der isolationistische Senat einen Beitritt ablehnte.

Zuhause in den USA setzten die Roaring Twenties ein. Es war eine Ära exzentrischer und experimenteller kultureller Expression, welche dem Eindruck folgte, dass die Moderne die Tradition hinter sich gelassen hatte. Das war ein Spiegelbild der rasanten technologischen Veränderungen (Autos und Heimelektronik fanden sich in immer mehr Haushalten; das Land war immer stärker "durchindustrialisiert") und sozialen Veränderungen der progressiven Vorgänger-Era. Und auch in den Roaring Twenties setzte sich das starke Wirtschaftswachstum fort, angetrieben von einem Post-Weltkriegs-Boom.

Gut zu wissen: Die Prohibition von Alkohol trat in diese Phase, genauer von 1920 bis 1933. Eine breite Koalition aus Progressiven, Frauenverbänden und Protestanten sah die Abkehr von Alkohol als Beitrag zur öffentlichen Moral und setzte die Prohibition durch. Das klassische kulturelle Bild der amerikanischen Mafiosi stammt aus dieser Zeit; Al Capone operierte etwa von 1925 bis 1931.

Die Roosevelt-Ära, und das Arsenal der DemokratieDas jähe Ende der Roaring Twenties geschah mit der Finanzkrise 1929, welche bis heute ein wirtschaftliches Jahrhundertevent darstellt. Die Arbeitslosigkeit in den USA explodierte von 3 Prozent auf 25 Prozent bis 1933; das reale BIP (sowie BIP pro Kopf) fiel um ein Drittel – die Finanzkrise 2008 schlug dagegen nur mit minus 4,3 Prozent und einem Arbeitslosigkeitshoch von 10 Prozent zu Buche. Die Wirtschaftskrise hatte das Potenzial, die Nation völlig aus den Fugen zu werfen; Beobachter fürchteten seinerzeit Aufstände, Revolutionen und anarchische Zustände. Allermindestens politische Polarisierung und institutioneller Zerfall wären allesamt denkbar gewesen.

Die US-Regierung um Präsident Franklin D. Roosevelt reagierte mit dem "New Deal", im Grunde ein riesiges Wirtschaftsreformpaket. Es kombinierte progressive Reformen (z.B. eine Ausweitung des Sozialstaats, geregelte Arbeitsbedingungen, eine 40-Stunden-Woche, stärkere Gewerkschaften und einen Mindestlohn), mit strukturellen Anpassungen am Finanzmarkt (z.B. der Einführung einer Einlagensicherung) und einer massiven nachfrageseitigen Ausgabenpolitik (z.B. hohe Investitionen in Infrastrukturprojekte). Ökonomen und Historiker variieren in ihrer Bewertung des New Deals, getrennt entlang progressiver und konservativer Lager, doch loben es meist dafür, die Demokratie in den USA wenn schon nicht gerettet, so zumindest doch stabilisiert zu haben.

Die Wirtschaft der USA hatte sich bis 1936 in der Krise auf schwachem Niveau stabilisiert, und bis sie sich völlig erholen sollte, brauchte es einen Krieg. Auch im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 traten die USA neutral auf, denn erstarkte isolationistische und anti-interventionistische Kräfte aus beiden Parteien hatten, auch aus Verärgerung über den Eintritt in den Ersten Weltkrieg, mehrere Neutralitätsgesetze durch den Kongress gebracht. Die USA machten auch keine Unterscheidung mehr zwischen Aggressoren und Opfern, sondern bewerteten einfach beide als Kriegsparteien, welchen keine Unterstützung geleistet werden durfte.

Die außenpolitische Einschränkung durch den Kongress verärgerte Präsident Roosevelt, welcher die Alliierten gegen die Achsenmächte unterstützen wollte. Unterstützt von einer wachsenden antifaschistischen Stimmung im Land schaffte er es, die Neutralitätsgesetze zu schwächen und zu umgehen, und das "Arsenal der Demokratie" – die Industriestärke der USA – für die Gegner der Achse zu mobilisieren. Mit der japanischen Attacke auf Pearl Harbor 1941 kippte die Meinung in den USA endgültig zugunsten eines Kriegseintritts, die USA wurden Kriegspartei, und spielten eine zentrale Rolle im Sieg der Alliierten.

Gut zu wissen: Franklin D. Roosevelt geriet zum ersten und einzigen Präsidenten der US-Geschichte, welcher mehr als zwei Amtszeiten – die von Washington etablierte Tradition – ableistete. Das sorgte für intensive Diskussionen im Wahlkampf, doch Roosevelts Beliebtheit aufgrund des New Deals und der Ausnahmezustand des Zweiten Weltkriegs verhalfen ihm zu vier Amtszeiten und zu zwölf Jahren als Präsident (er starb kurz nach seinem letzten Wahlsieg). Die darauffolgende Truman-Regierung ließ ein Zwei-Amtszeiten-Limit per Verfassungszusatz verankern.

Der Weg zur Moderne (1945 bis heute)_

(3 Minuten Lesezeit)

Marsch der Bürgerrechtsbewegung auf Washington D.C., 1963. Quelle: U.S. National Archives and Records Administration
Der Umbau des Landes

Die USA gingen aus dem Zweiten Weltkrieg als globale Supermacht hervor. Zuhause herrschten in den kommenden drei Jahrzehnten daraufhin vier Megatrends. Erstens erlebten die USA ein erneutes hohes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum; eine Konsumgüter-Revolution stellte sich ein, in welcher der Lebensstandard der Amerikaner kräftig anstieg. Zweitens prägte der Kalte Krieg mit der Sowjetunion die Gesellschaft, zum Beispiel durch den "Red Scare", also die mitunter paranoia-artige Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung, und die Korea- und Vietnamkriege (sowie weitere, kleinere Interventionen), welche die Gesellschaft zwischen Militarismus und Pazifismus spalteten. Die Gegenkultur der 1960er mit ihrem Fokus auf kulturellem Liberalismus war eine Konsequenz daraus, und mit ihr ein Kulturkampf zwischen Progressiven und Traditionalisten.

Drittens, die Great Society unter Präsident Lyndon B. Johnson von 1964 bis 1968. Sie war ein großes Reformprogramm und praktisch die nächste progressive Phase der USA nach dem New Deal: Der Sozialstaat wurde im "War on Poverty" ausgebaut, der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung ausgeweitet, die Ungleichheit reduziert und die Bürgerrechte gestärkt - viele Elemente der modernen USA stammen aus dieser Phase.

Viertens und hervorzuheben ist die Bürgerrechtsbewegung der 1960er, welche in die rechtliche Gleichstellung von Schwarzen mündete. Eine Massenbewegung mit charismatischen Anführern wie Martin Luther King Jr., ein wohlwollend gesinnter Supreme Court und progressive Regierungen unter Harry Truman, John F. Kennedy und eben Lyndon B. Johnson trieben die Gleichstellung gegen die Opposition der (Südstaaten-)Demokraten voran. Das gipfelte in drei großen Gesetzen: Der Civil Rights Act of 1964 verbot jegliche Diskriminierung, der Voting Rights Act of 1965 machte das noch einmal für die Wahlberechtigung konkreter, und der Fair Housing Act of 1968 selbiges am Wohnungsmarkt. Mit dieser Phase endete erstmals jegliche rechtliche Ungleichstellung der schwarzen Bevölkerung in den USA, ein Jahrhundert nach dem Ende der Sklaverei.

Gut zu wissen: Dieser Explainer hat das Parteiensystem der USA bis hierhin wenig erklärt. Bis etwa 1850 existierte ein Mix aus Föderalisten, Demokraten-Republikanern, Demokraten und Whigs. Danach entstand das stabile Duopol aus Demokraten und Republikanern – allerdings mit nahezu spiegelverkehrten Rollen. Die Republikaner wurden 1854 als Anti-Sklaverei-Partei des Nordens gegründet (Lincoln war ihr erster Präsident), während die Demokraten fast ein Jahrhundert lang die Partei des weißen Südens und der Segregation blieben.Das änderte sich im großen "Realignment" des 20. Jahrhunderts: Roosevelts New Deal zog schwarze Wähler und die Arbeiterschaft zu den Demokraten, und als demokratische Regierungen in den 1960ern die Bürgerrechtsgesetze durchsetzten, wanderten die weißen Südstaaten-Wähler schrittweise zu den Republikanern ab – aktiv umworben von deren "Southern Strategy". Seit den 1990ern ist der einst tiefdemokratische Süden das republikanische Kernland, und die Parteien haben ihre historischen Hochburgen praktisch getauscht. Wer also liest, dass "die Demokraten" die Partei der Konföderation waren, sollte das nicht mit den heutigen Parteien verwechseln. Die Etiketten blieben, die Inhalte wanderten.

Die letzten Jahrzehnte

Wie ging es in den USA weiter? Der Watergate-Skandal um Präsident Nixons subversives Vorgehen gegen die oppositionellen Demokraten geriet 1972-74 zum Test für die Gewaltenteilung. Die Energiekrisen der 1970er prägten die Gesellschaft und führten in ein ungewohntes Stagnationsjahrzehnt. Die Reagan-Regierung der 1980er brachte massive Deregulierung, eine Verkleinerung des Staatsanteils und beendete die lange praktizierte Ausweitung von New Deal und Great Society – und prägte den modernen Konservatismus in den USA. Auch die Bush-Regierung und die demokratische Clinton-Regierung der 1990er setzten die marktliberale, finanzmarktfreundliche Linie der 1980er fort, was zur bis dahin längsten wirtschaftlichen Aufschwungphase der USA, aber auch in die Finanzkrise 2008 führte. Die Politik polarisierte sich zunehmend, angetrieben vom republikanischen Kongressanführer Newt Gingrich, welcher seiner Partei eine "konfrontative" Sprache und ein Kooperationsverbot mit den Demokraten auferlegte.

Die 2000er, 2010er und 2020er in den USA sind endgültig die Moderne, und sie würden einen eigenen Explainer füllen. Mehrere Dynamiken wirk(t)en gleichzeitig, lösten einander aus und wechselwirkten: die finanzielle Liberalisierung der 1990er, die islamistischen Terrorangriffe 2001, die Finanzkrise 2008, das feindseligere Auftreten von Demokraten und Republikanern im zunehmend dysfunktionalen Kongress, die progressiven Reformen der Obama-Ära, der Aufstieg der Techbranche, der Machtgewinn der amerikanischen Rechtsaußen, und Autoritarisierungstendenzen sowie institutioneller Vertrauensverlust in der Trump-Ära.

Echo der Vergangenheit_

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Der Wert der GeschichteVieles in den heutigen USA scheint ein Echo der Vergangenheit zu bilden. Die Diskussionen über die präsidiale Macht und die Gewaltenteilung reichen bis in die 1780er zurück; Trumps Attacken gegen den großen, unabhängigen Behördenapparat sind ein Spiegelbild von dessen Schaffung in den 1910ern zur Einhegung der Exekutive. Die kaum verhohlen zur Schau gestellte Vermischung politischer und privater Interessen der Trump-Regierung ist in dieser Form beispiellos; ihr Abbau von Anti-Korruptionsregeln passt dagegen nahtlos in die Phase der "Räuberbarone". Auch die gestiegene Konzentration wirtschaftlicher Macht auf eine kleine Gruppe von Tech-Anführern, deren bedeutsamer politischer Einfluss und der öffentliche Unmut ihnen gegenüber erinnern an das "Gilded Age".

Der Isolationismus ist in den USA wieder erstarkt, wie schon mehrfach im 19. und frühen 20. Jahrhundert; und wie in den "Neutralitätsgesetzen" der 1930er verzichten auch die USA heute mitunter auf eine moralische Unterscheidung zwischen Kriegsparteien. Die Diskussionen über die "Rassenbeziehungen" (am stärksten symbolisiert durch die intensiven "Black Lives Matter"-Proteste der frühen 2020er) sind ein nächstes Kapitel in der jahrhundertelangen Frage des Umgangs mit der schwarzen Bevölkerungsminderheit. Auch der übrige "Culture War", sei es um Transrechte, Feminismus oder Migration, berührt uralte amerikanische Fragen und das kontinuierliche Austarieren von Bürgerrechten.

Mit historischen Analogien sollte allerdings vorsichtig und sparsam umgegangen werden. Die heutige Techbranche ist eben doch nicht Standard Oil; und der "Culture War" ist nicht die Bürgerrechtsbewegung der 1960er. Die Geschichte der USA hilft, die Lage des Landes deutlich besser zu verstehen und seine Zukunft ein kleines bisschen genauer vorherzusagen. Sie hilft auch, einzuordnen: So polarisiert und zerrüttet die amerikanische Innenpolitik heute wirken mag, das Land ist eben doch bereits durch gewaltsamere und volatilere Phasen gegangen – und aus ihnen gestärkt und meist liberaler hervorgegangen. Einen historischen Determinismus gibt es dabei allerdings nicht. Die Amerikaner müssen sich dafür entscheiden, auch mit ihrer aktuellen Identitätskrise so umzugehen.

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