Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
- Der Ukrainekrieg ist derzeit vom Warten geprägt: Die russische Offensive ist deutlich verlangsamt; Verhandlungen gestoppt; und europäische Hilfe kommt öffentlich nicht voran.
- Ein Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan ist derzeit für den Ramadan pausiert, doch droht, regional destabilisierend zu wirken.
- In Gaza müsste nun die zweite Phase eines Friedensplans beginnen, doch der Irankrieg lässt das unwahrscheinlicher wirken – mit Themen wie einer Hamas-Entwaffnung und einem Israel-Abzug sind die Hürden enorm.
- Thailand und Kambodscha befinden sich derzeit in einer Waffenruhe, nach zwei Konfliktrunden 2025.
- In Myanmar und im Sudan laufen schwere Bürgerkriege weiter; beiderorts herrscht derzeit ein Patt, im Sudan wirkt ein Zerfall in zwei Teile immer wahrscheinlicher.
- In Ruandas Attacken auf die DR Kongo wechseln sich wenig glaubwürdige Verhandlungsschritte mit erneuten Kampfhandlungen ab, trotz amerikanischer Vermittlung.
- Nicht in diesem Explainer: U.a. Jemen, Syrien, Mexiko, Ecuador, Venezuela, Sahelzone, Äthiopien/Eritrea
Die Ukraine_
(6 Minuten Lesezeit)
Der Blick zurück
Die Ukraine bleibt Schauplatz für den größten und tödlichsten Krieg der aktuellen Zeit. Ein Rückblick: Russlands Invasion 2022 war schlecht geplant und basierte auf der Annahme, dass die Ukraine rasch zerfallen würde. Stattdessen erlebte Russland eine desaströse Niederlage in der Schlacht um Kiew und wurde in zwei beachtlichen Gegenoffensiven aus Charkiw und Cherson vertrieben – womit die Invasoren nirgendwo mehr Land jenseits des Dnjepr besetzten.
Festsetzen konnte Russland sich allerdings in den weiten Flächen des Donbass und Saporischschjas. Dort rückte es 2022 und auch 2023 langsam vor. Ein Höhepunkt war die Schlacht um Bakhmut. Eine ukrainische Gegenoffensive mit dem Ziel, einen Keil in die russischen Besatzungen im Süden zu schlagen, scheiterte. Der Konflikt fror regelrecht ein: Weder Russland noch die Ukraine erzielten 2023 und 2024 nennenswerte Territorialgewinne; das Fortschrittstempo war minimal, und zwar dermaßen minimal, dass es historische Rekorde gebrochen haben dürfte. Mit einer Ausnahme: Die Ukraine eroberte im Sommer 2024 handstreichartig große Teile der russischen Region Kursk, um ein Verhandlungsmittel zu erlangen und russische Kräfte zu binden.
2025 intensivierten sich die russischen Angriffe wieder und die Territorialgewinne nahmen zu. Zwar blieb das Tempo langsam, doch eben schneller als im Vergleich zu den Vorjahren; auch Kursk wurde bis Jahresmitte befreit. Die Ukraine wirkte deutlich stärker unter Druck; die Stimmung verfinsterte sich und blieb so bis Ende des Jahres.

Russland verlangsamt sich
Und jetzt? Der Krieg ist zumindest vorläufig wieder zurück ins Eisfach gewandert. Seit Dezember 2025 haben sich Russlands Angriffe wieder spürbar verlangsamt. Im Februar gelang es der Ukraine sogar zum ersten Mal seit Herbst 2023, wieder mehr Territorium zu befreien, als sie verloren hatte – was auch Analysten bestätigen, die an den offiziellen Zahlen zweifeln (wobei das Institute for the Study of War, ISW, noch immer auf einen sehr leichten russischen Nettozuwachs kommt - siehe Grafik unten).

Wie kommt das? Zum einen könnte sich die Theorie bestätigen, dass Russland sein Tempo im Jahr 2025 zu teuer erkauft hatte. Hinter den optisch eindeutigen Ergebnissen der Territorialverschiebungen steckt schließlich das wahre Kräftegleichgewicht, welches von Verlusten, Personal- und Materialnachschub, Logistik, Taktik, Luft- und Seeüberlegenheit, Motivation und vielem mehr definiert wird. Russland rückte lange vor, doch das war womöglich nicht nachhaltig, sondern praktisch auf "Kredit" – in dem Sinne, dass es seine jüngsten Erfolge damit gezahlt hat, längerfristig schwächer zu sein.
Die andere Interpretation wäre, dass Russland einfach eine Pause einlegt, da sich jede Offensive irgendwann verläuft. Truppen sind ermüdet, Material verbraucht, der Gegner an die eigenen Taktiken gewöhnt. Das gilt umso mehr für die fraglos personal- und materialintensive russische Offensivstrategie. Nach einigen Monaten an Vormarsch konsolidiert es sich nun, füllt Verbände auf, produziert Material – und versucht dann, in einigen Monaten erneut eine Druckphase zu beginnen.
Etwas mehr Optimismus für die Ukraine
Genau wissen können wir nicht, was mehr zutrifft, denn besagtes strategisches Kräftegleichgewicht ist zu undurchsichtig. Es gibt jedoch Indizien für die erste Theorie, denn der Ukraine gelingen seit Ende 2025 wieder gewisse Erfolge:
- Territorialbefreiungen, etwa in der (nur geringfügig besetzten) Oblast Dnipropetrowsk oder rund um das belagerte Kupiansk weit im Osten
- Schwere Luftschläge auf Russlands Energieinfrastruktur, etwa den Ölhafen Noworossijsk und einen LNG-Tanker im Mittelmeer, welche es dem Land erschweren, von den aktuell erhöhten Rohstoffpreisen zu profitieren
- Die Ukraine führt heute viermal so viele Luftschläge auf der Mittelstrecke (50 bis 250km) hinter der Frontlinie in Russland durch wie im Jahr 2025 (genauer im Vergleich zur Phase März bis Oktober 2025). Dabei attackiert sie häufig Infrastruktur der russischen Luftabwehr, z.B. Radarstationen und Raketensilos – was wiederum andere russische Militärinfrastruktur vulnerabler macht. Für die Angriffe setzt die Ukraine teils auf westliches, teils auf eigens hergestelltes Militärgerät.
- Taktische ukrainische Vorstöße und eine erfolgreiche Verteidigungslinie hätten ein "operatives Dilemma" für die russische Militärführung geschaffen, so das Institute for the Study of War (ISW), und dürften die Pläne für eine Frühjahrs- und Sommeroffensive durcheinanderwerfen.
- Die Abschaltung des Satellitendiensts Starlink für Russland scheint die Armee operativ schwer getroffen zu haben; unter anderem, was Zieldaten für Artillerie, Raketen und Drohnen betrifft. Das habe der Ukraine geholfen, wieder die Initiative zu übernehmen – oder zumindest die russische Initiative abzustumpfen. Vermutlich wird Russland nicht imstande sein, diesen Verlust zu kompensieren, denn vergleichbare Satellitennetzwerke besitzt es nicht.
Dazu kommen die großen Schwierigkeiten in der russischen Wirtschaft, welche Ressourcen binden und den Krieg mit schwierigeren Abwägungen verbinden. Unser Explainer "Wie steht es um Russlands Wirtschaft" aus Mai 2025 ist im Kern immer noch aktuell; die Lage hat sich seitdem entlang der meisten Dimensionen verschlechtert.

Die Invasion legt keine Pause ein
Im Vergleich zu 2025 sieht die Lage im Ukrainekrieg damit wieder positiver für Kiew aus; das spiegelt sich auch in der medialen und öffentlichen Stimmungslage. Zugleich bleibt die Realität: Russland ist über die Jahre vorgerückt. Die Frontlinie ist in Donezk inzwischen unangenehm nah an den Festungsgürtel um Slowiansk und Kramatorsk herangerobbt. In Saporischschja ist die gleichnamige Regionalhauptstadt zwar noch nicht bedroht, aber ihr Umland allmählich schon. Die Eroberung von Pokrowsk hat zwar beachtliche anderthalb Jahre gebraucht, doch ist jetzt abgeschlossen. So historisch langsam Russland auch sein mag, so geht die Grenzverschiebung seit 2023 doch beständig in eine Richtung. Und Moskau hat, ungeachtet seiner Beteuerungen zu Verhandlungsbereitschaft, bislang keine Anstalten gemacht, den Krieg beenden zu wollen.
Was ist mit den besagten Verhandlungen? Sie bieten wenig. Die Trump-Regierung war Anfang 2025 mit Fanfaren in die Ukraine-Diplomatie gestartet. Diese gestaltete sich bemerkenswert erratisch, doch eine Konstante war, dass Washington vor allem auf Kiew Druck aufbaute. Zeitweise wechselte die Trump-Regierung ihre Strategie und machte Druck auf Moskau, doch von neuen Sanktionen gegen russische Energiefirmen abgesehen, nahm das nie sonderlich Form an.
Warten auf Alles
Im Herbst wurde ein Friedensplan bekannt, welcher offenbar maßgeblich durch Russland formuliert und von Washington übernommen worden war. Auf aufgeregte transatlantische Diplomatie folgten ab Dezember ukrainisch-amerikanische Gesprächsrunden, welche eine Abwandlung des Texts hervorbrachten – doch wie diese genau aussieht, ist bis heute nicht bekannt. Die Gespräche scheinen nicht einmal abgeschlossen zu sein: Das Thema der amerikanischen Sicherheitsgarantien dürfte offen sein (auch wenn die Seiten dazu über die Monate gewisse Erfolgsmeldungen abgaben) und das Thema möglicher ukrainischer Territorialabtritte ist definitiv noch offen.
Parallel zu den ukrainisch-amerikanischen Gesprächen lancierte Washington auch direkte Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau. Die Skepsis zahlreicher Beobachter (darunter auch der whathappened-Redaktion) bestätigte sich: Abgesehen von symbolischen Erfolgen, etwa Kriegsgefangenenaustauschen, gab es keinerlei Resultate – trotz allerlei optimistischer Rhetorik, mit welcher beide Seiten vermutlich guten Willen an Washington signalisieren wollten. Zwischendurch erklärte Präsident Selenskyj noch auf amerikanischen Druck hin, zu Neuwahlen bereit zu sein, doch auch das verlief sich (und die Wahlbehörde der Ukraine schloss vor wenigen Tagen eine baldige Wahl aus).
Mit dem Ausbruch des Irankriegs verloren die Gespräche völlig an Schwung. Der Kreml erklärt, dass sie "pausiert" seien; amerikanische Offizielle berichten, dass Trump das Interesse verloren habe. Die Diplomatie läuft zwar formell weiter, doch ohne signifikantes Momentum. Zu Gesprächen in Washington an diesem Wochenende entsandte Selenskyj gar nur eine recht niedrigrangige Delegation. Auch, dass Selenskyj in einem Interview direkt an Trump gewandt sagte, er solle mehr Druck auf Putin statt auf ihn machen (nachdem Trump öffentlich Selenskyj für den langsamen Verlauf beschuldigt hatte), war eine ungewohnt klare Kritik am US-Präsidenten - und ein Signal dafür, dass die Ukraine aktuell keine ernsthaften Maßnahmen seitens Washingtons erwartet.
Seitens seiner europäischen Unterstützer hofft Kiew derweil auf einen Kredit über 90 Milliarden EUR, welcher dem Land bei seiner Finanzierung deutlich helfen würde. Blockiert wird dieser Stand dieses Explainers von Ungarn, welches der Ukraine vorwirft, die Druschba-Pipeline sabotiert zu haben. Durch diese bezog Ungarn russisches Gas. Daraus ist ein Streit entbrannt, welcher maßgeblich vor dem Hintergrund der bevorstehenden ungarischen Parlamentswahlen zu lesen sein dürfte.
Der Ukrainekrieg ist damit aktuell in einer Wartephase: Warten darauf, ob Russland sich rasch für eine erneute Offensive konsolidieren kann, oder ob die wirtschaftlichen Herausforderungen prohibitiv werden. Warten auf die nächsten Schritte der USA. Warten auf Verhandlungen (oder deren Ende). Und Warten auf die Europäer.
Explainer: Der Ukrainekrieg im Jahr 2025 (November 2025)
Pakistan und Afghanistan_
(3,5 Minuten Lesezeit)
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Zu viele Taliban
"Offenen Krieg" rief Pakistan Ende Februar aus, gerichtet gegen seinen Nachbarn Afghanistan. Wäre der Irankrieg nicht wenige Tage darauf ausgebrochen, hätte die Meldung wohl für mehr Aufsehen gesorgt. Der große Gewaltausbruch war der endgültige Tiefpunkt eines einst sehr guten (wenn auch nie offiziell eingeräumten) Verhältnisses zwischen den afghanischen Taliban und dem Nachbarland, welches damit jahrzehntelang an der Destabilisierung Afghanistans mitgewirkt hatte. Und vergeblich gehofft hatte, dass das Verhältnis mit der Machtübernahme der Taliban gut bleiben würde.
In erster Linie beruht der Konflikt darauf, dass Islamabad den afghanischen Taliban vorwirft, ihr Land einer Terrorgruppe als Zufluchtsort zu bieten: der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), auch als pakistanische Taliban bezeichnet. Die Gruppe gilt als unabhängig von, jedoch affiliiert mit den afghanischen Taliban (welche wir künftig nur als Taliban bezeichnen) und führt seit 2007 Terrorangriffe sowie Attacken auf Militärinfrastruktur in Pakistan durch. Islamabad rief die Taliban zwar nach ihrer Machtübernahme 2021 dazu auf, gegen die TTP vorzugehen, doch diese verweigerten es.
Zwei Gewaltausbrüche
Die Lage führte bereits im Oktober 2025 zu ersten pakistanischen Aktionen gegen die Taliban: Sie führten Luftschläge auf mehrere Städte durch, darunter Kabul, um TTP-Führungspersonen zu töten – doch ihr Anführer Noor Wali überlebte. Die Taliban vergalten die Attacke mit eigenen Angriffen auf pakistanische Militärposten an der Grenze. Ein zehntägiger Konflikt mit rund 100 Toten brach aus, bevor eine Waffenruhe gefunden wurde. Die Taliban versprachen darin, ihre Unterstützung für die TTP einzustellen.
Die Waffenruhe hielt knapp vier Monate, bevor Pakistan Ende Februar erneut Luftschläge auf Afghanistan flog. In den Vormonaten waren Gesprächsanläufe zwischen den zwei Seiten, um die Waffenruhe umzusetzen, gescheitert; stattdessen war es zu niedrigintensiven Grenzscharmützeln gekommen. Mehrere Terrorattacken fanden außerdem in Pakistan statt, darunter in der Hauptstadt Islamabad und in der großen Provinz Balochistan. Dort operiert die separatistische Balochistan Liberation Army (BLA), welche sich mit der TTP koordiniert und womöglich ebenfalls von den Taliban unterstützt wird. Pakistan wartete ab, bis Vermittlung durch Saudi-Arabien zur Freilassung dreier Soldaten führte, die 2025 von den Taliban gefangengenommen worden waren – und startete dann seine Angriffe.
Mindestens drei Wochen an Krieg folgten, bei welchen beide Länder zwar kein Territorium verschoben, doch Militärinfrastruktur und offenbar auch zivile Infrastruktur attackierten. Die UN schätzt rund 120.000 Vertriebene, in erster Linie auf der afghanischen Seite, und knapp 220 tote Zivilisten, auch sie fast alle afghanisch – denn Pakistan ist bei konventionellen Waffen wie Kampfflugzeugen und Artillerie deutlich überlegen; zudem traf es Mitte März allem Anschein nach ein Krankenhaus in Kabul. Die Zahl der getöteten Soldaten reicht insgesamt von 40 bis 1.100, ist also im Grunde völlig unbekannt.
Islamabads strategisches Dilemma
Stand dieses Explainers ist der Konflikt pausiert, denn beide Seiten haben sich auf eine temporäre Waffenruhe zum Ende des Ramadans geeinigt. Womöglich geht er danach weiter oder endet vorläufig, doch die Region wird destabilisiert bleiben. Hinein spielt, dass die Sorgen über die TTP für Pakistan nur ein Faktor sind: Das Land sieht sich in einer fragilen Sicherheitslage, in welcher die TPP der verlängerte Arm einer nicht-kooperativen Taliban sind und diese wiederum der Erfüllungsgehilfe des großen Rivalen Indiens, welcher zudem die BLA steuere.
Dazu passt, dass Pakistan in seinem Bombardement weitaus stärker die Taliban selbst als die TTP unter Beschuss nimmt, wie es bei einer reinen Operation gegen die Miliz zu erwarten gewesen wäre. Pakistans Militär hatte zudem jüngst bekanntgegeben, dass die Taliban mutmaßlich indisch produzierte Drohnen für ihre Schläge einsetzt. Stimmt das, dürfte es Pakistans Sorgen vor einer indisch-afghanischen Kooperation vertiefen; stimmt es nicht, so versucht Islamabad zumindest, dieses Schreckgespenst kommunikativ herzustellen. In jedem Fall findet seitens Pakistans eine Vermengung mehrerer Konfliktachsen statt.
Auch ohne die Indien-Verbindung gäbe es genügend Streitpunkte zwischen Pakistan und den Taliban, selbst abseits der TTP. Historisch gesehen – also über die letzten dreißig Jahre hinaus – war das Verhältnis der zwei Nachbarländer meist komplex, denn wie die kolonial definierte Durand-Linie entlang ihrer Grenze verläuft, ist nicht völlig klar. Afghanistan hat sie nie formal anerkannt, was regelmäßig zu Streit führte.
Für Pakistan wird der Konflikt also nicht mit der aktuellen Kriegsrunde enden, für die Taliban andersherum wahrscheinlich ebenso wenig, da sie nun – inländisch inzwischen konsolidiert – Pakistan als großes Risiko betrachten werden. Das bietet Chancen für Drittakteure wie Indien, China, Russland oder sogar den Westen, um ihren Einfluss in Afghanistan auszubauen. Dass Milizen wie die TTP und BLA ihre Operationen zurückfahren, ist unwahrscheinlich; Kabul dürfte sie umso stärker als Teil seiner Machtprojektion und als Verhandlungschip gegenüber Islamabad werten. Und Indien dürfte die Vorgänge als vorteilhafte strategische Entwicklung beurteilen. Das Ergebnis ist besagte regionale Destabilisierung, welche sich in höheren Wahrscheinlichkeiten für Gewaltausbrüche und wirtschaftlicher Disruption entlang der Grenzgebiete äußern wird.
Explainer:
Indien, Pakistan und der Kaschmir-Konflikt (Mai 2025)
Wie ist die Lage in Afghanistan? (November 2024)
Leaving Afghanistan (Juli 2021)
Gaza_
(4,5 Minuten Lesezeit)
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Das Ende der Kämpfe
Mit der amerikanisch vermittelten Waffenruhe im Oktober 2025 endete der Gazakrieg vorläufig, zumindest in seiner aktivsten Form. Die Kampfhandlungen sind nicht völlig geendet: Es kommt zu gelegentlichen Scharmützeln und israelischen Luftangriffen, doch die Intensität ist nicht mit jener vor der Waffenruhe vergleichbar. Die humanitäre Lage hat sich verbessert, auch wenn sie prekär bleibt; und eine offizielle Hungersnot liegt nicht mehr vor.
Die Hamas hat das Kampfende genutzt, um sich wieder zu konsolidieren, wie es Beobachter aus Gaza berichten. Die Gruppe hat wieder die effektive Sicherheitskontrolle übernommen, patrouilliert die Straßen und geht gegen vermeintliche Kollaborateure und Kritiker vor (sowie gegen rivalisierende, teils von Israel unterstützte Banden). Sie kontrolliert Steuereinnahmen und öffentliche Dienstleistungen.
Gaza ist dabei nicht gleich Gaza, denn praktisch die äußere Hälfte des Territoriums wird nunmehr von Israel kontrolliert. Die sogenannte "gelbe Linie" demarkiert die Waffenstillstandslinie, hinter welche sich die israelischen Truppen zurückgezogen und dort Verteidigungsanlagen errichtet haben. Satellitendaten zeigen dabei, dass Israel die Linie an mehreren Stellen verschoben hat, was auch zu Situationen beigetragen haben könnte, bei welchen sich nähernde Palästinenser von israelischen Sicherheitskräften erschossen wurden.
Zwei Gazas und ein Friedensplan
Die Gemengelage deutet ein Szenario an, in welchem Israel knapp die Hälfte Gazas faktisch annektiert und die Hamas sich im (stärker bevölkerten) Rest wieder aufbaut – im Grunde ein Lose-Lose-Szenario für beide Seiten, auch wenn sie ihre Kriegsziele nie ganz klar formuliert hatten. Dagegen wirken sollte eigentlich der Trumpsche Friedensprozess, welcher im Oktober von Beobachtern (und auch der whathappened-Redaktion) in seinen Grundzügen gelobt wurde.
Die erste Phase des Plans ist inzwischen abgeschlossen: Die Waffenruhe ist umgesetzt, Israel hat sich teilweise zurückgezogen, sämtliche israelische Geiseln sind freigelassen (die Leiche der letzten Geisel wurde Ende Januar 2026 durch das israelische Militär geborgen, mutmaßlich mit Kooperation der Hamas), und im Gegenzug ließ Israel 1.950 verhaftete Palästinenser frei (wovon 250 für schwere Verbrechen, die übrigen 1.700 im Rahmen des Gazakriegs verhaftet worden waren). Israel öffnete zudem teilweise die Grenze zu Gaza und ließ, streng reglementiert, Hilfsgüter in die Enklave.
Kein klarer Weg voraus
Die nun anstehende zweite Phase des Plans ist allerdings weitaus schwieriger. Eine Demilitarisierung der Hamas, die Kontrollübernahme durch eine "International Stabilization Force" (ISF) und die Übernahme der Regierung durch ein palästinensisches Technokratenkomitee, welches im Auftrag des Trumpschen "Board of Peace" agieren würde. Während die Hamas zwar andeutete, die zivile Regierung abgeben zu können, verweigerte sie durchgängig eine Entwaffnung, trotz angedeuteter Amnestie.
Hier passierte seit Oktober wenig. In einer UN-Resolution wurde zwar die Einrichtung der ISF bestätigt und Trump feierte ausgiebig den Start seines Board of Peace, doch "am Boden" geschah wenig. Aber immerhin ein bisschen etwas: Kurz vor diesem Explainer, Ende März, übergab das Board of Peace einen konkreten Entwaffnungsvorschlag an die Hamas, so Insider. Das könnte Bewegung andeuten – auch wenn die Ablenkung der USA durch den Irankrieg bedeutet, dass Trump seine Drohungen gegen die Miliz, sollte sie den Friedensplan nicht umsetzen, vorerst nicht glaubwürdig vertreten kann.
Wie die Hamas einer Entwaffnung zustimmen könnte, ist schwierig vorstellbar. Nicht nur vertraut sie Israel nicht, den vom Plan vorgesehenen Komplettabzug aus Gaza zu tätigen; sie befürchtet auch noch Angriffe durch rivalisierende Gruppen. Ihre Waffen sichern ihre Macht: intern, gegenüber Israel und in Verhandlungen mit Drittstaaten. Das Board of Peace bietet zwar Amnestien und Investitionen in Gaza an, doch zum einen könnte das für die Hamas nicht relevant sein, zum anderen ist gar nicht klar, wie das Board das finanzieren wird, da bislang nur 7 Milliarden USD an Mitteln zusammengekommen sind (allein die Wiederaufbaukosten in Gaza werden auf das Zehnfache geschätzt).
Der Iran-Faktor
Der Irankrieg gerät zudem zur Wildcard. Anders als die Hisbollah ist die Hamas bislang nicht aufseiten ihres großen Unterstützers in den Krieg eingetreten, denn dafür ist sie vermutlich zu zerrüttet (wobei dieselbe Einschätzung auch auf die Hisbollah im Libanon zugetroffen hätte). Doch der Irankrieg lenkt die USA ab und verlagert den globalen medial-politischen Fokus weg von Gaza.
Der Krieg hat zudem unklare strategische Implikationen für Israel. Kommt die rechte Netanjahu-Regierung zu dem Schluss, dass Iran deutlich geschwächt sei, könnte sie weniger Anlass sehen, einen Kompromiss für Gaza zu finden – und einfach mit der Annexion "seiner" Hälfte fortfahren oder sogar eine erneute Offensive erwägen. Die Hamas dürfte wiederum Trumpsche Drohungen für weniger glaubwürdig erachten. Und ein Ende der Ära Trump rückt zumindest in Sichtweite, womit sein Drängen auf einen Frieden wahlweise "überdauerbar" wird (Israel) oder seine Versprechen an Zuverlässigkeit verlieren (Hamas).
Oder andersherum: Verwundet von einem Irankrieg, in welchem er die Kontrolle über das Narrativ verlor, könnte sich Trump wieder dem Gaza-Friedensplan – einem seiner bislang größten außenpolitischen Erfolge – zuwenden. Mit reichlich Druck auf Israel und die Hamas wäre es denkbar, Fortschritte zu erzielen. Für Israel könnte hineinspielen, dass es im Irankrieg so viel Militärmaterial verbraucht, dass es die Kosten-Nutzen-Rechnung einer erneuten Gaza-Offensive für schlechter als zuvor erachtet. Und da es unter Trump zumindest eine günstigere Lösung als unter einem potenziellen demokratischen Nachfolger erwartet, könnte Israel eher zu raschen Kompromissen bereit sein. Für die Hamas fällt mit einem geschwächten Iran derweil einer der wichtigsten Unterstützer weg. Das wäre das Best-Case-Szenario für den Friedensplan.
Eine Hamas-Entwaffnung und ein Israel-Abzug stehen allerdings vermutlich nur in wenigen, sehr speziellen Szenarien bevor. Wahrscheinlicher ist damit, dass sich der Status quo ein Weilchen lang festsetzt und Gaza zweigespalten bleibt, mit eher zahnlosen internationalen Institutionen (Board of Peace, ISF), welche an den Rändern herumschwirren.
Explainer:
Warum der Gaza-Deal bedeutsam ist (Oktober 2025)
Israel und Palästina (Oktober 2023)
Israel und die Hamas im Krieg (Oktober 2023)
Was ist Genozid? (November 2023)
Die Optionen für Frieden in Nahost (Dezember 2023)
Wie steht es um die Hamas? (2024)
Thailand und Kambodscha_
(2 Minuten Lesezeit)

Plötzlich Krieg
Thailand und Kambodscha streiten sich seit Jahrzehnten über ihren Grenzverlauf, genauer entlang eines Tempelkomplexes. Im Juli 2025 eskalierte das in einen bewaffneten Konflikt, für welchen sich beide Seiten gegenseitig beschuldigten. Der Gewaltausbruch wurde zwar nur vier Tage später durch einen US-vermittelten Waffenstillstand beendet, doch flammte im Winter erneut auf, nachdem zwei thailändische Soldaten durch eine mutmaßlich kambodschanische Mine verletzt wurden. Die Runde lief einige Wochen, bevor sie am 27. Dezember mit einer Waffenruhe beendet wurde. Diese hält von einigen kleineren Vorfällen abgesehen bis heute.
Der Konflikt lässt sich als Grenzkonflikt beschreiben (und ist damit weit entfernt von einer vollwertigen Invasion im Stile des Ukrainekriegs), doch überstieg das Niveau "klassischer" Scharmützel. Thailand flog Luftangriffe auf kambodschanische Stellungen und startete eine begrenzte Invasion, in welcher es eine Reihe von kleinen, umstrittenen Gebieten in Grenznähe eroberte. Damit nahm der Konflikt für die zwei Länder eine neue Dimension an.
Nationalismus im Aufstieg
Vor allem für Thailand hatten die Episoden eine innenpolitische Relevanz, wohl auch, weil in Kambodscha keine relevanten demokratischen Strukturen existieren, in Thailand dagegen schon. Die vorherige Premierministerin Paetongtarn Shinawatra wurde im Sommer 2025 abgesetzt, nachdem ein Telefonat geleakt wurde, in welchem sie nach Meinung vieler Thais zu freundlich gegenüber Kambodschas de-facto-Staatsführer Hun Sen aufgetreten war. Ihr Nachfolger Anutin Charnvirakul konnte sich das entsprechend nicht leisten, womit die Eskalation der Folgemonate teilweise zu erklären sein dürfte.
Beobachter achteten drum auf die thailändische Parlamentswahl im Februar 2026: Sie hätte einen Anlass bieten können, auch nach der Dezember-Waffenruhe die Konfrontation zu suchen. Doch Charnvirakuls konservatives Bündnis sah die Risiken offenbar als zu hoch an, vor allem, da die nationalistische Stimmung bereits stark genug war, um einen überraschend klaren Sieg zu bewirken.
Dennoch bleibt das Verhältnis der beiden Länder instabil. Feindseligkeit und gewachsener Nationalismus auf beiden Seiten und Thailands Territorialverschiebung entlang der umstrittenen Gebiete schaffen Konfliktanreize für die Zukunft.
Wie vielerorts veränderten Drohnen zudem die strategische Rechnung: Kambodscha setzte die günstigen Geräte durchaus effektiv gegen die konventionell weit überlegenen thailändischen Streitkräfte ein. Auch das könnte die Schwelle für Konflikt senken. Für Kambodscha, da es sich mehr Chancen verspricht; für Thailand, um die Kontrolle des Nachbarlands über strategisch gelegene Hügel zu brechen, da diese für Drohneneinsätze besonders nützlich sind. In den Thai-Medien kursierten deswegen in den vergangenen Monaten Explainer zu bestimmten Hügeln, etwa "Hill 677". Auch wenn ein Konflikt in der Größenordnung aus 2025 sich nicht akut abzeichnet, ist er damit über die kommenden Jahre ausdrücklich denkbar.
Honorable mentions_
(2 Minuten Lesezeit)
Dieser Explainer ist in vier Konflikte tiefer eingestiegen. Hier eine Auswahl weiterer laufender Konflikte in aller Kürze:
Myanmar
- In Myanmar läuft seit 2021 ein großer Bürgerkrieg zwischen der Militärjunta und einer prodemokratischen Opposition, welche die Generäle zuvor aus dem Amt geputscht hatten – wobei der Großteil des Bürgerkriegs von einer Vielzahl lose koordinierter ethnischer Milizen ausgefochten wird; die Opposition ist an diese angeknüpft. Die Rebellen befanden sich kollektiv ein Weilchen lang auf dem Vormarsch, doch materielle Unterstützung für die Junta – unter anderem durch Russland –, der Einsatz von Drohnen und Chinas Versuch, die Konfliktparteien gegeneinander auszubalancieren, führte zurück ins Patt.
Eine Wahl durch die Junta im Januar wurde international und inländisch nicht ernst genommen, führte aber auch nicht zu einer nennenswerten Eskalation auf dem Schlachtfeld. Der Bürgerkrieg hat damit kein Ende in Sicht.
Sudan
- Der Bürgerkrieg im Sudan zwischen der Armee (SAF) und der für Brutalität berüchtigten RSF-Miliz um die Kontrolle im Land ist die größte laufende humanitäre Krise der Welt. Die tatsächlichen Betroffenenzahlen sind kaum bekannt – doch allein die Zahl der Toten liegt fast garantiert in den Hunderttausenden.
Nachdem die RSF lange auf dem Vormarsch waren, gelang der SAF 2024 und 2025 die Wende; sie befreite die Hauptstadt Khartum, das Umland und wichtige Regionen im Zentrum. Dafür eroberten die RSF im Herbst 2025 endgültig die Region Darfur (und verübten vermutlich schwere Verbrechen in der gefallenen Festung Al-Fasher). Seitdem hat sich wenig Signifikantes getan, und der Sudan steht vor dem Zerfall in einen Westen unter der SAF und einen Osten unter den RSF.
DR Kongo / Ruanda
- Ein aus ethnischen Spannungen gewachsener Konflikt, in welchem das weitaus kleinere, doch schlagfertigere Ruanda die Schwäche seines großen Nachbarn ausnutzt. Durch seine kontrollierte Miliz M23 eroberte es ab Januar 2025 (im weiteren Sinne seit 2022) faktisch den Osten der DR Kongo, und zwar nicht nur grenznahe Bodenschätze, sondern auch Regionalhauptstädte wie Goma und Bukavu.
Die Trump-Regierung involvierte sich diplomatisch und handelte im Juni 2025 einen Friedensvertrag aus, welcher in den Folgemonaten konkretisiert wurde – doch nie allzu ernstzunehmend wirkte. Nur einen Tag, nachdem die Länder im Dezember in Washington ein Abkommen unterschrieben hatten, gingen die Kämpfe zwischen der DR Kongo und der M23-Miliz weiter; kurz darauf eroberte die Miliz eine weitere Stadt – doch gab sie nach amerikanischem Druck auf. In den Folgemonaten war und bis heute ist das der gewohnte Takt: diplomatische Ankündigungen (durch die USA vermittelt), gefolgt von neuen Kampfhandlungen, gefolgt von Druck aus Washington.
Was fehlt?
- Weitere nennenswerte Konflikte, welche in diesem Explainer fehlen, sind die bandenbezogenen Gewaltausbrüche in Mexiko und Ecuador; die komplexe Lage in Venezuela; die ethnische Gewalt im postrevolutionären Syrien (insb. mit Hinblick auf den Machtverlust der Kurden); der beschwerliche Kampf gegen Islamisten in den westafrikanischen Sahelstaaten; und Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea, welche an den nicht ganz verwundenen Tigray-Bürgerkrieg von vor sechs Jahren anknüpfen.
Explainer:
Der Sudan steht vor dem Zerfall (Oktober 2025)
Myanmar nähert sich dem Kipppunkt (Dezember 2023)
Weiterlesen
Der Ukrainekrieg im Jahr 2025 (November 2025)
Indien, Pakistan und der Kaschmir-Konflikt (Mai 2025)
Wie ist die Lage in Afghanistan? (November 2024)
Leaving Afghanistan (Juli 2021)
Warum der Gaza-Deal bedeutsam ist (Oktober 2025)
Wie steht es um die Hamas? (2024)

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