January 25, 2026
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10 Minuten Lesezeit

Rheinmetall in der neuen Ära

Ein Rüstungskonzern im Zentrum der neuen europäischen Realität.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Rheinmetall steht derzeit im Zentrum einer europäischen Sicherheitswende und profitiert von ihr wie kein zweites Unternehmen.
  • Der 137-jährige Rüstungskonzern hat seine Munitionsproduktion deutlich ausgeweitet und auch Fertigungsstätten in der Ukraine errichtet; er gerät zu einem der wichtigsten Ausrüster des Landes.
  • Die Konsequenz war unter anderem ein mutmaßlicher russischer Anschlagsversuch gegen den öffentlichkeitswirksam auftretenden CEO Papperger.
  • Zwei wichtige Trends, die Rheinmetall derzeit verfolgt: eine Konsolidierung des europäischen Rüstungssektors und den Wandel zum All-Domain-Defense-Unternehmen, welches also auch in der Luft und zur See existiert.

Rheinmetall verstehen_

(5 Minuten Lesezeit)

Im Fadenkreuz

Woran erkennt man, dass man wichtige Arbeit verrichtet? Vielleicht daran, dass man Ziel eines russischen Attentatsplans ist. Armin Papperger, CEO des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, war in ein solches Fadenkreuz geraten. Anfang 2024 hatten amerikanische Geheimdienste die deutschen Behörden über einen entsprechenden Plan unterrichtet, Teil mehrerer ähnlicher Pläne gegen europäische Rüstungschefs, doch offenbar der am weitesten fortgeschrittene. Sie nannten spezifische Details über Verdächtige und Vorhaben.

Die Deutschen weiteten daraufhin den Personenschutz aus, und zwar auf ein mit dem Bundeskanzler vergleichbares Niveau. Papperger stieß nichts zu – wenn man von einem Brandanschlag auf sein Wohnhaus in Hermannsburg, Niedersachsen, absieht, für welchen später ein anonymes Bekenntnisschreiben durch mutmaßliche Linksextreme kursierte. Den russischen Tötungsplan gegen Papperger bestätigte im Januar 2025 dann auch die NATO öffentlich vor dem Europaparlament.

Der mutmaßliche Plan lässt sich vor dem Hintergrund des "hybriden Krieges" betrachten, in welchem Russland mit Brandanschlägen, Sabotageaktionen, Drohnenvorfällen und mehr in Europa in Verbindung gebracht wird. Er lässt sich aber auch vor dem Hintergrund des Aufstiegs Rheinmetalls lesen. Kein anderer Konzern in Europa nimmt eine wichtigere Rolle in der Ausrüstung der Ukraine und der Sicherheitswende des Kontinents ein; und kein anderer CEO in der Branche ist so kommunikativ und öffentlichkeitswirksam wie Papperger.

Der Traditionskonzern

Wenn dem Begriff "Rüstungskonzern" etwas Altbackenes anhaftet, so ist Rheinmetall der Gipfel dessen. Der Konzern wurde schon 1889 gegründet und war damit bereits ein Ausrüster für die Truppen des Deutschen Kaiserreichs. Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Vertrag von Versailles musste Rheinmetall vollständig auf eine zivile Produktion umsteigen. Es stellte Lokomotiven und Agrarmaschinen her – und sollte auch für den überwiegenden Rest seiner Geschichte stets ein ziviles Industriegeschäft neben dem Rüstungsgeschäft behalten, am namhaftesten seine Automobilzulieferersparte. Seit den 1930ern ist der Konzern jedoch wieder in erster Linie eine Waffenschmiede.

Heute ist Rheinmetall der wichtigste Rüstungskonzern Deutschlands und mehrere der bekannteren Waffensysteme gehen auf ihn zurück. Darunter sind Kampfpanzer wie der KF51 Panther, die Schützenpanzer Puma, Marder und Lynx sowie das Artilleriesystem Panzerhaubitze 2000. Am Leopard-2-Panzer von Rivale KNDS ist Rheinmetall als wichtiger Zulieferer beteiligt, etwa bei der Hauptkanone. Es ist kein Zufall, dass es sich dabei vor allem um Fahrzeuge handelt: Rheinmetall ist spätestens seit den 2010ern ein Komplettanbieter für militärische Radfahrzeuge.

Ein Rüstungskonzern in Deutschland zu sein, bedeutete dabei lange eher eine zweifelhafte Reputation. Die Bundesrepublik hatte ihren Verteidigungshaushalt seit Ende des Kalten Krieges stetig sinken lassen, das politische Interesse war minimal und die gesellschaftliche Meinung im pazifistisch angehauchten Land desinteressiert bis feindselig. Zahlreiche Investoren waren durch selbstauferlegte ESG-Regeln von Rüstungsfirmen ausgeschlossen. Gelegentlich wurde dem Konzern angeraten, sich auf seine Automotive-Sparte zu konzentrieren. Angeblich führte Papperger kurz vor Ausbruch des Ukrainekriegs Gespräche darüber, das kriselnde Unternehmen von der Börse zu nehmen.

Neue Bedeutsamkeit

Alles änderte sich im Februar 2022. Die russische Invasion der Ukraine hat eine Sicherheitswende in Europa angestoßen, in deren Zentrum Rheinmetall steht. Der Konzern profitiert wie niemand Zweites von den erhöhten Verteidigungsausgaben in Europa, vornehmlich in Deutschland. Alle paar Wochen gibt es eine neue Meldung über eine Großbestellung bei Rheinmetall, meist durch die Bundeswehr. Oder über ein neues Werk, das irgendwo geplant oder in Betrieb genommen wird, zum Beispiel eine Munitionsfabrik in Litauen, wo das deutsche Heer übrigens seine erste permanente Auslandsstationierung seit dem Zweiten Weltkrieg tätigt. Oder über einen Zukauf, etwa den spanischen Munitionshersteller Expal Systems 2022 für 1,2 Milliarden EUR und den US-Militärfahrzeugspezialisten Loc Performance 2024 für 950 Millionen USD. Oder über Kooperationen mit jungen Defense-Startups, zum Beispiel dem Drohnenhersteller Anduril, dem Aufklärungsanbieter Iceye und dem Drohnen-Softwareanbieter Auterion.

Am wichtigsten sind dabei nicht einmal die großen Panzer, sondern recht profane Munition. Der Ukrainekrieg hat gezeigt, dass sich ein Krieg nicht ohne Munition führen lässt, und wie wichtig insbesondere Artilleriemunition ist. Das schafft Nachfrage seitens der Ukraine, doch auch seitens der europäischen Armeen, deren Munitionslager teils nur auf wenige Tage aktive Kriegsführung ausgelegt waren. Im Juni 2024 bestellte die Bundeswehr beispielsweise per Rahmenvertrag 8,5 Milliarden EUR an 155-Millimeter-Artilleriemunition – der größte Auftrag in der Rheinmetall-Unternehmensgeschichte. Und sehr lukrativ: Das Munitionsgeschäft erzielte 2024 eine beeindruckende operative Marge von 28 Prozent, war also äußerst profitabel.

Gut zu wissen: Beim neuen Rheinmetall ist kein Platz mehr für das Automotive-Geschäft: Der Konzern will die zivile Sparte "Power Systems" abstoßen und sich künftig nur noch auf das Verteidigungsgeschäft konzentrieren.
Neue Reichtümer

Der Erfolg schlägt sich längst auch in den Geschäftszahlen nieder. Bis Ende 2025 betrug der Auftragsbestand circa 64 Milliarden EUR, im Jahresverlauf 2026 soll er auf 120 Milliarden steigen. 2023 waren es übrigens nur 38,3 Milliarden. Bei Umsätzen und operativem Gewinn verbucht der Konzern Rekordwerte, so etwa 4,7 Milliarden EUR Umsatz im ersten Halbjahr 2025 (+36 Prozent). Und der Aktienwert hat sich seit Februar 2022 verneunzehnfacht, was den Marktwert von knapp 4,5 auf heute 85 Milliarden EUR angehoben hat – und Rheinmetall zur sechstwertvollsten deutschen Firma macht, noch vor sämtlichen Autoherstellern und der Deutschen Bank.

Die Erfolge des Konzerns lassen sich nicht nur an den Geschäftszahlen ablesen, sondern auch an den Produktionszahlen. Die Kapazitäten für Artilleriemunition haben sich zwischen Anfang 2022 und Anfang 2025 verzehnfacht; mit 750.000 jährlichen 155-Millimeter-Granaten produziert Rheinmetall mehr als die gesamten USA. Bis 2027 soll das auf 1,1 Millionen ansteigen.

Rheinmetall 2.0_

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Rheinmetall Panther KF51. Quelle: Rheinmetall Defence, wikimedia
Frieden und Freiheit

Während die meisten Rüstungskonzerne das Rampenlicht meiden, tritt Rheinmetall auffällig sendungsbewusst und kommunikativauf. Im Zentrum davon steht Armin Papperger, der seltene Fall eines Rüstungskonzern-CEOs, welcher namentlich von mehr als Brancheninsidern genannt werden könnte. Papperger schloss sich Rheinmetall 1990 als Ingenieur im Qualitätsmanagement an. 2010 wurde er zum Vorstand und 2013 zum Vorstandsvorsitzenden, dem CEO. Heute führt er Rheinmetall wie ein Familienunternehmen, so Insider: persönlich, direkt und nicht vor Mikromanagement zurückschreckend. Selbst um 4 Uhr morgens gäbe es mitunter E-Mails von ihm mit knappen Anforderungen.

In seinen öffentlichen Auftritten vertritt Papperger eine Aussage, welche inzwischen durchaus mehrheitsfähig ist: „Es war für uns immer klar, dass freie Gesellschaften imstande sein müssen, sich zu verteidigen [...] Frieden und Freiheit gibt es nicht kostenlos“, so der CEO etwa in einer E-Mail an Bloomberg. Rheinmetall folgt damit gewissermaßen dem Zeitgeist: Heute dreht sich dieser um europäische Verteidigungssouveranität und um ein Empfinden von Realpolitik, welches "Hard Power" zur Priorität und Aufrüstung somit zur Unabdingbarkeit macht.

Der wechselnde Zeitgeist

Auch früher folgte Rheinmetall dem Zeitgeist, egal, wohin dieser führte: 2012 brüstete sich der damalige Rheinmetall-CEO Klaus Eberhardt, dass der Konzern in keinem Brandherd aktiver Lieferant war – es war die Zeit, in welcher das Heraushalten aus globalen Konflikten Teil des deutsch-europäischen moralischen Lackmustests war. Zur selben Zeit baute Rheinmetall in der russischen Wolga-Region das mutmaßlich weltweit modernste Trainingszentrum für Soldaten auf, im Wert von 120 Millionen EUR – "mit Zustimmung der Bundesregierung und auf Wunsch Russlands". Es war die Ära des "Wandels durch Handels", des amerikanisch-russischen "Reset"-Buttons und der Nord-Stream-Pipelines.

Über den Russland-Fauxpas spricht Rheinmetall heute (genauer, seit 2014) ungern. Fragt man danach, verweist es auf die Unterstützung durch die damalige Bundesregierung. Und es ist nicht so, als würde der Konzern heute den Verdacht der Russlandnähe einladen. Im Gegenteil: Rheinmetall sucht proaktiv die Nähe zur Ukraine, positioniert sich als einer ihrer engsten Partner. Offenbar entgegen den Zweifeln seiner Führungsebene beschloss Papperger, mehrere lokale Produktionsanlagen direkt in dem Kriegsland zu errichten. Ende 2023 ging es "nur" um eine Reparaturanlage für Militärfahrzeuge, 2024 folgten dann vier Produktionswerke für Fahrzeuge, Munition und Anti-Luft-Systeme.

Die europäische Konsolidierung

Rheinmetall steht in seiner Zukunftsausrichtung repräsentativ für einige neue Trends in der globalen Rüstung. Erstens, die europäische Integration, als Teil der genannten Verteidigungssouveränität. Rheinmetall befindet sich im Zentrum einer Welle aus Konsolidierungen, welche es durch Zukäufe und Kooperationen vorantreibt. So arbeitet der Konzern mit seinem italienischen Konterpart Leonardo am neuen Kampfpanzer KF51 zusammen, und ist mit dem französischen Thales und deutsch-französischen KNDS am transnationalen Kampfpanzer "Main Ground Combat System" (MGCS) beteiligt – wobei sich Papperger darüber beschwert, dass dessen Startzeitpunkt 2040 zu spät sei. Rheinmetall wirbt zudem offenbar für einen Einstieg bei seinem großen Rivalen KNDS, doch dagegen dürfte es viel Widerstand aus Paris geben.

Papperger verweist auf die USA. Dort existieren die "Big Five", welche den Rüstungsmarkt dominieren: Lockheed Martin, Raytheon, Boeing, Northrop Grumman und BAE Systems. Ihre Größe verschafft ihnen Kapital, Effizienz, politisches Gewicht und Innovationsfähigkeit. In Europa herrscht dagegen ein recht wildes Gestrüpp nationaler, mittelgroßer Rüstungsfirmen. "Wenn wir keine großen Player in Europa haben, können wir nicht mit den USA, China oder Russland konkurrieren", so Papperger.

All-Domain-Defense

Der zweite große Trend, damit zusammenhängend: Rheinmetall entwickelt sich in seiner Produktpalette zu einem "integrierten" Rüstungskonzern weiter, und reagiert damit auf die Entwicklungen des modernen Schlachtfelds. Traditionell war Rheinmetall ein Spezialist für Landfahrzeuge, Artillerie und Munition, doch drängt jetzt auch in die Bereiche Wasser, Luft, Weltraum und Cyberspace vor. Wie Papperger es erklärt: "Künftig werden wir zu Lande, zu Wasser, in der Luft und im Weltraum ein relevanter Akteur sein. Rheinmetall entwickelt sich damit zum Domänen-übergreifenden Systemhaus".

Am bislang konkretesten äußerte sich das im September 2025 in der Übernahme der Militärsparte der Bremer Lürssen-Gruppe (NVL) für 1,35 Milliarden EUR. Die Werft stellt bislang unter anderem Fregatten und Korvetten für die Bundeswehr her. Gleichzeitig ist Rheinmetall in die Produktion von Drohnen und militärischen Satelliten eingestiegen. Vor allem der Werft-Zukauf war beachtlich, denn Marine-Aufträge gelten als riskant, teuer und relativ margenarm. Eine Konsolidierung in der Branche wirkte deswegen unausweichlich, doch die meisten Beobachter tippten darauf, dass es ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) wäre, der nach kleineren Rivalen greift. Stattdessen ist es nun der Quereinsteiger Rheinmetall. Insider erkennen in German Naval Yards Kiel (GNYK) bereits das nächste potenzielle Ziel – ausgerechnet eine Firma, mit welcher sich TKMS in Gesprächen befindet.

Für Rheinmetall sieht die Zukunft in fast jedem Fall gut aus. Der Konzern blickt gelassen auf die Diskussionen über eine Waffenruhe im Ukrainekrieg. Denn sollte sich diese entgegen aller Erwartungen realisieren, bliebe noch immer ein Kontinent, welcher auf ein aggressives Russland und eine antagonistische USA blickt, und eine gesellschaftliche Stimmung, welche sich inzwischen eher darüber empört, warum nicht genug Waffen hergestellt werden. Die in Europa zurückgekehrte Ära des Krieges ist auch jene der Waffenschmieden, und niemand ist so gut positioniert, sich in ihr Zentrum zu rücken, wie Rheinmetall.

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