August 2, 2026
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12 Minuten Lesezeit

Spanien und der Maghreb

Wieso Spanien Exklaven in Nordafrika hat, und wieso es aus der Region nicht so schnell herauskommt.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
  • Ein Vorfall in der spanischen Exklave Ceuta wirft ein erneutes Schlaglicht auf die europäische Grenz- und Asylpolitik – und die schiere Existenz der Afrika-Exklaven.
  • In der Vergangenheit war die Ankunft Tausender Migranten meist eine Folge eines marokkanisch-spanischen Streits, da Marokko maßgeblich die "Durchquerbarkeit" der Grenze kontrolliert.
  • Hauptstreitpunkt ist der Westsahara-Konflikt: Marokko beansprucht das große Territorium, eine indigene Miliz (Frente Polisario) bekämpft das Königreich. Spaniens Positionierung war lange vage.
  • Ein Faktor darin ist Algerien. Das Verhältnis zum Nachbarland Marokko ist historisch gewachsen feindselig; Algerien unterstützt die Polisario.
  • Für Spanien bedeutet das, einen Balanceakt zwischen beiden Ländern leisten zu müssen, denn Marokko steuert die Migration; Algerien liefert ein Drittel des spanischen Erdgas. Beide sind wichtige Handels- und Sicherheitspartner.
  • Nun kommt auch noch Druck aus dem restlichen Europa hinzu. Die aktuelle Episode zeigt, wie sensibel die EU auf den Eindruck reagiert, dass Spaniens Migrationspolitik nicht streng genug ist.

Die Exklaven_

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Ceuta ist vor allem für zwei Dinge bekannt. Dafür, eine von zwei (eigentlich zweieinhalb) Landgrenzen der EU in Afrika zu sein, und für gelegentliche, niedrigschwellige Migrationsdiskurse. Die kleine Stadt mit rund 80.000 Einwohnern ist eine von drei spanischen Exklaven auf Kontinentalafrika, neben Melilla und der kleinen, unbevölkerten Halbinsel Peñón de Vélez de la Gomera. Alle drei befinden sich an der Mittelmeerküste, umgeben vom Staatsgebiet Marokkos. Ceuta ist nicht nur mit Abstand am größten, sondern weitaus näher an marokkanischen Bevölkerungszentren (z.B. Tangier), dank der Küstenstruktur leichter erreichbar und auch sehr nah am spanischen Festland. Für potenzielle Migranten ist Ceuta damit weitaus nützlicher als Melilla.

Migranten aus Afrika, vornehmlich jedoch aus Marokko selbst, schaffen es regelmäßig in die Exklaven. Sie hoffen, dort Asylanträge stellen und auf das spanische Festland weiterreisen zu können. Die Größenordnung ist jedoch kaum vergleichbar mit der viel höheren Zahl der Ankünfte auf den Balearischen und vor allem Kanarischen Inseln (wo es mehrheitlich Menschen aus Subsahara-Afrika sind, welche die Überfahrt wagen). Die öffentlich-mediale Aufmerksamkeit, welche Ceuta und Co. erfahren, ist damit vor allem eine Funktion ihres besonderen Status als einzige Afrika-Exklaven, und weil es alle paar Jahre zu einem medienwirksamen "Ansturm" kommt, bei welchem Tausende Menschen gleichzeitig versuchen, hineinzugelangen.

Neue Größenordnung

Nun also ein erneutes Großereignis, und dieses Mal tatsächlich in vollkommen neuer Dimension: Schätzungsweise 60.000 Menschen gelangten nach Ceuta. Sie umgingen die äußerst extensiven Grenzbefestigungen, indem sie durchs Wasser schwammen, wobei Dutzende starben. Für Ceuta mit seinen rund 80.000 Einwohnern ist der Vorgang ein denkbar großer Schock; und es ist auf einen Schlag eine weitaus höhere Zahl an irregulären Migranten, als Spanien im gesamten Jahr 2025 entlang sämtlicher Routen erlebt hatte (36.775).

Einschränkungen sind hier allerdings vonnöten: Erstens kehrten laut Angaben der spanischen Behörden "fast alle" der Menschen binnen zwei Tagen wieder um (in anderen, etwas früheren Berichten war von ca. 40.000 Menschen die Rede) – zu chaotisch war die Lage vor Ort. Zweitens werden die Migranten Ceuta nur mit Zustimmung der Behörden in Richtung spanisches Festland verlassen können. Es ist für Kontinentaleuropa also weniger eine praktische Migrationskrise als eine symbolische, welche an die Diskurse rund um Grenzschutz, Asylpolitik und humanitäres Versagen anknüpft.

Die Gründe

Wie kam es zu dem plötzlichen Zustrom? Spanische und ausländische Beobachter bieten im Kern drei Erklärungen. Erstens, die generelle spanische Migrationspolitik unter der linken Pedro-Sánchez-Regierung: Anders als der Rest Europas wählt sie eine vergleichsweise liberale Linie, und bot etwa jüngst 500.000 irregulären Migranten im Land einen Weg zur Legalisierung ihres Status (und wurde offenbar davon überrascht, dass 1,2 Millionen Anträge eingingen). Das ist zwar ausschließlich rückwirkend, doch allein der Eindruck einer grundsätzlich freundlicheren Politik dürfte die Anreize für riskante Überquerungsversuche erhöht haben.

Zweitens, ein neues Gerichtsurteil in Spanien. Ein Algerier hatte erfolgreich gegen seine Zurückweisung nach Marokko geklagt (er erhielt also gar nicht erst die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen). Sein Argument: Da er Ceuta über Wasser erreicht hatte, war er weder über den Grenzzaun geklettert noch hatte er Grenzbefestigungen zerstört, was den spanischen Behörden als Legitimation für Zurückweisungen dient. Die Gerichte Ceutas, Andalusiens und nun eben der Oberste Gerichtshof stimmten zu – was bedeutet, dass "Schwimmer" nicht mehr einfach zurückgewiesen werden können. Das sorgte in Marokko unter Auswanderungswilligen offenbar für Aufsehen, z.B. in einschlägigen Facebook-Gruppen.

Drittens, die Rolle der marokkanischen Regierung. Es sind Marokkos Grenzpolizisten, welche Migranten in der Regel vom Versuch abhalten, die Grenzbefestigungen zu überqueren oder an ihnen vorbeizuschwimmen. Dass sie am 30. Juli ihre Patrouillen einstellten, ließe sich womöglich mit dem nationalen Feiertag im Land erklären, auch wenn sich das in der Vergangenheit nie dermaßen extrem äußerte. Der Verdacht, dass Rabat den Grenzschutz bewusst lockerte, ist zumindest plausibel – denn so lief es bereits einige Male in den vergangenen Jahren. Zeit, für einen Blick auf die historischen Pfadabhängigkeiten. Und auf einen dritten Akteur, ohne welchen die Lage nicht zu verstehen ist.

Die Geschichte der Region_

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Ein Berberdorf im Atlasgebirge, Marokko. Quelle: Luc Viatour, wikimedia

Von Karthago zu al-Andalus

Die iberische Halbinsel und Nordafrika trennt nur ein schmaler Streifen Mittelmeer, entsprechend war ihr Schicksal über die Jahrtausende meist verwoben. Die Völker, welche dort lebten, erhielten in der Antike griechische und phönizische Kolonien als Nachbarn; und sie gerieten mehrheitlich unter den Einfluss Karthagos (der ersten Großmacht im westlichen Mittelmeer und seinerseits ursprünglich eine phönizische Kolonie) und später Roms. Die römische Zentralverwaltung zerbrach in der Völkerwanderung der Spätantike, und an ihrer Stelle errichteten die germanischen Visigoten und Vandalen Reiche in Iberien bzw. Nordafrika, welche einige Hunderte Jahre bestanden.

Ein jahrtausenddefinierendes Ereignis begann im 7. Jahrhundert, nämlich die arabische Expansion. Nordafrika fiel unter Kontrolle des großen Umayyaden-Kalifats, des zweiten arabischen Kalifats, und im Jahr 711 führte der Feldherr Tariq ibn Ziyad eine Armee über die Straße von Gibraltar. Die islamische Eroberung Spaniens begann und sollte bis 720 fast die gesamte Halbinsel unter die Kontrolle der Umayyaden bringen. Nur im äußersten Norden blieben Landstriche unter Kontrolle christlicher Reiche. Die iberische Halbinsel war künftig großteils als al-Andalus bekannt.

Gut zu wissen: "Gibraltar" geht etymologisch auf Tariq zurück, über die spanische Evolution der Bezeichnung Jabal Tariq, "Berg des Tariq".

(Re-)Conquista

Nordwestafrika (der Maghreb) und die iberische Halbinsel waren damit im Grunde ein kultureller und politischer Raum. Die arabischen Kalifate waren zwar zu groß, um allzu lange vereint zu existieren, und wurden durch separate muslimische Reiche ersetzt, doch die arabische Dominanz blieb. Diese muslimisch-arabischen Entitäten und ihre benachbarten christlichen Reiche blickten mit viel Skepsis und Ablehnung aufeinander, lebten über nahezu 800 Jahre aber häufiger in friedlicher Koexistenz (mitsamt reger Handelsbeziehungen) als im Konflikt.

Im Maghreb gewannen außerdem die lokalen Berber, die indigene Mehrheitsbevölkerung der Region, etwas an Einfluss. Die Berber hatten sich über die Jahrhunderte meist unter der Kontrolle von Karthagern, Römern, Vandalen und Arabern befunden, doch bildeten im Mittelalter erstmals eigene Reiche, etwa die Almoraviden zwischen 1050 und 1147 und die darauf folgenden Almohaden. Es handelte sich nicht um rein berberische Reiche, denn die vorherigen Jahrhunderte unter arabischer Kolonialherrschaft hatten zu einer kulturell-linguistischen Arabisierung, einer tiefgreifenden Islamisierung und zur Verankerung einer arabischen Elite geführt. Das prägt bis heute das arabisch-berberische Doppel-Selbstverständnis der Maghreb-Staaten, auch wenn die arabische Identität mehrheitlich dominiert.

Während sich im Maghreb die berberisch-arabischen Nachfolgerstaaten der arabischen Kalifate abwechselten, gewannen auf der iberischen Halbinsel die christlichen Reiche an Macht. León, Kastilien, Aragón, Navarra und Portugal agierten offensiver gegen die zerstrittenen muslimischen Reiche und verbuchten zunehmend Gebietsgewinne. Im 13. Jahrhundert fielen die großen Zentren Córdoba und Sevilla an die Christen, womit nur noch Granada als muslimisches Königreich verblieb, bevor es bis 1492 ebenfalls fiel. Zeitgleich vereinten sich die spanischen Königreiche in das moderne Spanien.

Das war die Ära der "Reconquista", also der "Rückeroberung" der iberischen Halbinsel durch die Christen von den arabischen Muslimen. Der Begriff ist in der Geschichtsforschung umstritten und entstand auch erst im frühen 19. Jahrhundert, also hunderte Jahre nach Abschluss der Eroberung. Im Kern ist es zwar richtig, dass die Reconquista die iberische Halbinsel wieder unter christliche Vorherrschaft brachte, wie bereits in der Spätantike. Der Begriff impliziert allerdings eine weitaus konzertiertere, kontinuierlichere Aktion, als es tatsächlich der Fall war, und auch eine zu deutliche religiöse Dimension mit klarer Trennlinie zwischen Christen und Muslimen. In der Realität war die Reconquista eher eine Menge separater, teils zusammenhangsloser Kriege, mitunter langen ereignislosen Phasen dazwischen, und christlich-muslimischer Kooperation – zum Beispiel bei den regelmäßigen Konflikten innerhalb der religiösen Gruppen.

Gut zu wissen: Der Begriff der Reconquista besitzt eine erwartbare politische Dimension. Er wird beispielsweise von der spanischen Rechtsaußenpartei Vox für ihre migrationsfeindlichen, identitätspolitischen Positionen bemüht: Europa müsse im Stile einer Reconquista eine "muslimische Invasion", jedoch auch "Klimaterrorismus" und "woke Ideologie" bekämpfen.

Kolonialära und Unabhängigkeit

Mit dem Ende der Reconquista begann die Weggabelung zwischen dem Maghreb und der iberischen Halbinsel. Das Verhältnis der beiden Welten zueinander war in den folgenden Jahrhunderten misstrauisch und konfliktreich. Spanien setzte früh über das Mittelmeer und eroberte 1497 Melilla, eine seiner heutigen Exklaven; Ceuta war derweil schon 1415 von Portugal erobert worden (und sollte 1668 an Spanien übergehen). Es folgten eine Reihe an kleineren Feldzügen in Nordafrika, doch für größere Eroberungen war Spanien zu sehr von seiner Kolonialisierung der Amerikas abgelenkt.

Ein großer Faktor in dieser Zeit war die Piraterie. Die relative Schwäche der zerstrittenen regionalen muslimischen Herrscherdynastien (unter anderem wegen interner Machtkämpfe und ethnischer Konflikte zwischen Arabern, Berbern und Beduinenstämmen) schuf Machtvakuums, welche sogenannte Barbersken-Korsaren ausnutzten. Von ihren Unterschlüpfen und Machtzentren entlang der Berberküste Nordafrikas – vornehmlich Marokko und Algerien – attackierten sie die Schifffahrt, insbesondere der Christenreiche, und versklavten zwischen 1530 und 1780 rund 1,25 Millionen Menschen.

Eine französische Karte Westafrikas und der Barbareskenküste, 1707. Quelle: Guillaume Delisle

Ab dem 16. Jahrhundert begann allerdings eine erneute jahrhundertelange Kolonialphase für den Maghreb, zumindest in Teilen: Das heutige Algerien geriet unter die Herrschaft der türkischen Osmanen. Marokko, mit seinen seit jeher etwas stärkeren, zentral regierten Reichen und zudem vom Atlasgebirge geschützt, konnte hingegen seine Unabhängigkeit verteidigen. 1830, in der Hochphase des europäischen Imperialismus, erobert Frankreich das osmanische Algerien – und 1912 fällt auch Marokko und wird in ein spanisches und ein französisches Protektorat geteilt.

Das spanische Kolonialreich war zu diesem Zeitpunkt ohnehin eher zweitrangig, und auch das französische sollte nicht mehr lange existieren. 1956 erlangte Marokko die Unabhängigkeit, nachdem Massenproteste und ziviler Widerstand Paris zum Einlenken gezwungen hatten. Im benachbarten Algerien gedachte Frankreich jedoch nicht, seine Kolonie gehen zu lassen, und ein heftiger Unabhängigkeitskrieg brach aus. Nach acht Jahren Krieg und ca. 300.000 bis 700.000 Toten gab Paris auf und auch Algerien wurde 1962 unabhängig.

Der Marokko-Algerien-Konflikt_

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Aufmarsch von Polisario-Truppen bei Tifariti, Westsahara, nahe an der algerischen Grenze; im Jahr 2005. Quelle: Saharauiak, wikimedia

Die zwei benachbarten, kulturell so verwandten Länder hatten sich anfangs in ihrem Unabhängigkeitsbestreben unterstützt, doch schnell ging es in ihrem Verhältnis bergab. Sie hatten keine klar gezogene Grenze, obwohl ausgerechnet der Fund neuer Rohstoffe das umso wichtiger machte, und die Idee eines "Großmarokkos" popularisierte sich unter marokkanischen Nationalisten. Das führte in den "Sandkrieg" 1963, welcher zwar relativ niedrigschwellig blieb und nach vier Monaten in einem militärischen Patt endete, doch das feindselige Verhältnis Marokkos und Algeriens über die kommenden Jahrzehnte ankündigte.

Der größte Faktor in der aktuellen Konfliktdynamik im Maghreb entstand 1975: Spanien hatte sich soeben aus der Westsahara zurückgezogen. Das ist ein 266.000 Quadratkilometer großes Stück Land an der Atlantikküste der Sahara, direkt unter Marokko, aber auch an Algerien und im Süden an Mauritanien grenzend. Madrid hatte damals keinerlei Kraft mehr, ein Kolonialreich zusammenzuhalten, und gab (auch auf deren intensiven Druck hin) die Westsahara an Marokko und Mauritanien. Allerdings unter einer Bedingung: Die Interessen der lokalen Saharauis müssten berücksichtigt werden.

Der Westsahara-Konflikt

Stattdessen brach ein bewaffneter Konflikt aus. Die Frente Polisario, eine Saharaui-Miliz, nahm den Kampf auf, mit dem Ziel, die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) zu gründen. Gegen Mauritanien gelangen zwar militärische Erfolge, doch Marokko rückte kurzerhand vor und übernahm den mauritanischen Teil. Ein 16-jähriger Krieg folgte, bevor eine Waffenruhe geschlossen wurde und ein beschwerlicher, letztlich effektloser UN-Vermittlungsprozess begann.

Die Gemengelage heute: Marokko kontrolliert die fruchtbaren, bevölkerteren drei Viertel der Westsahara, die Polisario knapp ein Viertel, weit in der Wüste. Die de-facto-Grenze ist militarisiert und befestigt, darunter mit einer "Wüstenmauer" und dem längsten Minenfeld der Welt. Für Marokko ist die Westsahara wirtschaftlich ein großer Kostenblock, doch das ist egal, denn es ist in erster Linie eine Frage der nationalen Souveränität. Genau genommen gibt es in der marokkanischen Lesart gar keine "Westsahara", denn sie sei einfach nur Marokko. Es investiert stark in die Region und betreibt seit Jahrzehnten eine koloniale Bevölkerungsumwandlung, um die Westsahara fundamental marokkanisch zu machen – das mag an den israelischen Umgang mit dem Westjordanland erinnern, nur eben in deutlich fortgeschrittenerem Maße. Die UN-Position ist derweil, dass die beiden Seiten zusammenkommen müssen, um eine langfristige Lösung für eine Unabhängigkeit der Sahrauis zu finden. Marokko bietet jedoch maximal einen Autonomiestatus, welchen die Polisario als unzureichend ablehnt. 2020 zerfiel dann auch die Waffenruhe nach einem gewaltsamen Zwischenfall, und die Westsahara findet sich wieder in niedrigschwelligem militärischen Konflikt.

Gut zu wissen: Mehr zum Westsahara-Konflikt erfährst du in unserem Explainer "Marokko und die Westsahara" aus dem Jahr 2020, sowie im Update "Die Westsahara erreicht den Rest der Welt" aus 2021. Die Links findest du auch am Ende.

Algerien verfolgte die Ereignisse keineswegs von der Seitenlinie. Es versuchte bereits in den 1970ern erfolglos, auf Spanien einzuwirken, um eine Übergabe der Westsahara an Marokko zu verhindern. Als diese stattfand, unterstützte es aktiv die Polisario. Algerien erkannte die DARS als Staat an und bot den Separatisten Material, Versorgungsgüter und militärische Ausbildung (es kam 1976 sogar zu einem einzigen, kurzen direkten Gefecht zwischen marokkanischen und algerischen Soldaten). Es ist ein offenes Geheimnis, dass Algerien bis heute die Polisario beherbergt: Wie der Großteil der Saharauis, lebt auch die Führung der Polisario in Flüchtlingslagern in Algerien und steuert von dort den Krieg gegen Marokko.

Der Westsahara-Konflikt ist damit in hohem Maße auch ein Streit um regionalen Einfluss zwischen Marokko und Algerien, deren exaktes Kräftegleichgewicht unklar ist und welche beide mit viel Misstrauen auf das Gegenüber blicken. Das strahlt in reichlich andere Feindseligkeit aus: Beide Seiten werfen einander vor, hinter illegalen Tötungen und der Unterstützung von Terrorgruppen zu stehen; beide belegen sich mit Visa- und Handelseinschränkungen; und beide machen einander schrille Vorwürfe, wie "zionistische Spione" zu sein (Algerien an Marokko). Die Landgrenze ist seit 1994 geschlossen, die diplomatischen Kontakte sind seit 2021 abgebrochen.

Gut zu wissen: Die marokkanische Annäherung an Israel wurde in Algerien extrem negativ aufgenommen. In Algerien ist die Unterstützung mutmaßlicher Freiheitskämpfe aufgrund der eigenen blutigen Unabhängigkeitshistorie ein zentraler Teil der politischen DNA; in Umfragen weist meist kein anderes Land dermaßen hohe Unterstützungsraten für die Unabhängigkeit der Palästinenser und dermaßen hohe Ablehnungsraten gegen Israel auf, wie Algerien – meist mehr noch als die Palästinenser selbst.

Die Quadratur des Dreiecks

Dieser Konflikt ist die zentrale politische Achse in der Dreiecksdynamik zwischen Marokko, Algerien und Spanien. Denn die einstige Kolonialmacht Spanien mischt zwar nicht direkt als Akteur im Westsahara-Konflikt (oder im breiteren Marokko-Algerien-Konflikt) mit, doch kann sich ihm eben auch nicht völlig entziehen. Algerien ist Spaniens wichtigster Erdgaslieferant und macht knapp ein Drittel der gesamten Gasimporte aus; Marokko ist wiederum ein direkter Nachbar, welcher formell die spanischen Afrika-Exklaven beansprucht, ein kompetenter Partner in der Terrorismusbekämpfung – und es nimmt eine zentrale Rolle in der Eindämmung und Steuerung der irregulären Migration ein.

Diese Gemengelage ließ sich in den vergangenen Jahren praktisch in Echtzeit beobachten. Als Spanien 2021 den Anführer der Polisario ins Land kommen ließ, um sich medizinisch behandeln zu lassen, reagierte ein verärgertes Marokko damit, dass es 8.000 Migranten nach Ceuta durchbrechen ließ. Als Premier Sánchez 2022 dann einlenkte und plötzlich Marokkos Autonomiepläne in der Westsahara unterstützte – er gab also die langjährige Unterstützung Spaniens für einen UN-Plan auf, wonach ein Referendum über die Zukunft der Westsahara abgehalten werden solle –, erzürnte er stattdessen Algerien. Dieses löste ein Freundschaftsabkommen auf und drohte mit Preissteigerungen beim Gasexport. Um diesen Streit zu besänftigen, besuchte Sánchez vor wenigen Wochen Algerien – und zog sich wieder marokkanischen Ärger zu. Wie heikel dieser Tanz zwischen den zwei Nachbarn für Spanien ist, zeigt sich wohl auch darin, dass die spanische Regierung auch bei der jetzigen Ceuta-Situation jegliche Beschuldigung Marokkos vermeidet. Stattdessen verweist sie lediglich auf Schleuserbanden.

Auffällig ist auch die europäische Reaktion auf den Ceuta-Durchbruch:Kein Druck auf Marokko, sondern viel Kritik an Spanien. Darunter ist auch ein kräftiges Stück politische Performance: Italiens Premier Giorgia Meloni forderte einen generellen Schengen-Rauswurf Spaniens, welcher gar nicht möglich wäre, und sie kündigte schärfere Grenzkontrollen an, obwohl eine spanisch-italienische Grenze nur an Häfen und Flughäfen existiert, welche für irreguläre Migranten keine realistische Route darstellen.

Doch die europäische Reaktion ist keine reine Symbolik. Ein Brief von 22 EU-Staaten, darunter auch Deutschland, welche Spaniens verhältnismäßig liberale Migrationspolitik scharf kritisieren und das Land praktisch eigens für die Lage beschuldigen, geht darüber hinaus. Er ist viel mehr ein Zeichen dafür, dass Spaniens Spannungsfeld im westlichen Mittelmeer ein weiteres Element hinzugewonnen hat: Es balanciert nicht mehr nur das Verhältnis zu Marokko und Algerien in deren jahrzehntelangem Konflikt, sondern auch das Verhältnis zur übrigen EU, wenn es um eine hinreichend strenge Migrationspolitik geht. Das westliche Mittelmeer ist damit noch ein Stück komplizierter geworden, zumindest aus spanischer Sicht.

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