March 8, 2026
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11 Minuten Lesezeit

Chinas Wachstumssorgen und das "Rebalancing"

Auch fünf Jahre später ist Chinas Wirtschaftslage verhalten.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die chinesische Wirtschaft läuft derzeit schleppend. Die Wachstumsraten sind verhalten; das Ziel fürs laufende Jahr so niedrig wie seit 1991 nicht mehr.
  • Ein großes Problem ist der schwache Konsum, welcher zu Druck auf Unternehmen, zu Deflation und zu einem Arbeitsmarkt in Schieflage führt.
  • Die Konsumschwäche dürfte in hohem Maße mit der (staatlich mitverschuldeten) Teil-Implosion des wichtigen Immobiliensektors ab 2021 zusammenhängen.
  • Inzwischen wirken die Probleme bei Konsum, Firmen, Deflation, Arbeitsmarkt und Immobiliensektor wechselwirkend aufeinander ein und verstärken sich.
  • Die Regierung könnte durch Konjunkturmaßnahmen vermutlich recht effektiv dagegenwirken, tut dies bislang aber zögerlich.
  • Hauptgrund könnte sein, dass Xi eine Restrukturierung der Wirtschaft hin zu mehr Hightech-Investitionen wünscht – und dafür kurzfristige "Schmerzen" zu akzeptieren bereit ist. Ökonomen raten jedoch eine völlig andere Restrukturierung an, nämlich zu mehr Konsumanteil.
  • In all dem ein Problem: Peking berichtet deutlich weniger Wirtschaftsdaten als früher, offenkundig, weil sie unschöner ausfallen würden. Das senkt das Verständnis über die Lage.

Chinas Wirtschaft tut sich weiterhin schwer_

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Es spielt keine Rolle, ob eine Katze schwarz oder weiß ist, wenn sie eine Maus fängt, ist sie eine gute Katze. Die chinesische Sprache ist dafür bekannt, bildlich zu sein, und eines der berühmtesten Zitate von Deng Xiaoping macht dem alle Ehre. Der faktische Staatschef Chinas von 1979 bis 1997 führte sein Land aus der chaotischen Mao-Ära und brachte es auf den Weg zu dem, was es heute ist. Die Katze in seinem Zitat war, etwas plump gesagt, der Kapitalismus; und etwas präziser gesagt waren es liberalisierende Reformen, welche China zu einer staatlich gelenkten Marktwirtschaft machten.

Eine solche Mischwirtschaft ist China seit der Ära Deng geblieben, und zudem ist es eine wirtschaftliche Erfolgsstory. Das Land hat sein BIP pro Kopf rasant gesteigert und damit seine Lebensstandards. Zwischen 1979 und 2018 wuchs es durchschnittlich um 9,5 Prozent pro Jahr, gegenüber Deutschlands Rate von 1,84 Prozent. Das BIP verdoppelte sich rechnerisch alle acht Jahre. 800 Millionen Menschen ließen die Armut hinter sich und formen heute die größte Mittelschicht der Welt. Peking tritt inzwischen selbstbewusst in der Außenwirtschaft auf und setzt sie als geopolitisches Werkzeug ein. In zahlreichen Schlüsselindustrien sind chinesische Firmen relevante, manchmal sogar dominante Player, spielen an der technologischen Spitze mit und drängen immer häufiger auf westliche Märkte – manchmal durch Übernahmen, welche die Politik im Ausland auf den Plan rufen.

Das bescheidenere BIP

Zur anderen Seite der Medaille gehört allerdings auch, dass China seit einigen Jahren mit größeren Problemen kämpft. Schon 2021 schrieb die whathappened-Redaktion in "Chinas Bewährungsprobe" über eine Reihe von Strukturproblemen. 2023 legte sie mit dem Explainer "Chinas Wirtschaft tut nicht, was sie soll" nach. Wie sieht es heute aus? In aller Kürze: Die Herausforderungen sind seitdem eher noch gewachsen.

Das erste, das auffällt, ist die Bescheidenheit. Anfang März hat das Parlament, der Nationale Volkskongress (NVK), ein Wachstumsziel der Regierung von 4,5 bis 5 Prozent für 2026 abgesegnet. Das ist das niedrigste Ziel seit 1991, liegt unterhalb den "etwa 5 Prozent" aus den drei Vorjahren und ist auffällig unsicher. Dazu kommt, dass das Wachstum der Vorjahre nach einem schwachen 2022 ebenfalls nicht gerade rasant ausgefallen war, sondern für chinesische Verhältnisse verhalten.

Das niedrige Ziel ist Ausdruck einer Reihe akuter Schwächen: Der Konsum läuft nicht so recht, die Unternehmen tun sich schwer, die Preise fallen und der Arbeitsmarkt sieht ungut aus. Das alles sind unterschiedliche Facetten einer schwachen Wirtschaftsaktivität. Um sie zu erklären, lohnt sich ein Blick auf den früheren Lieblingssektor und das heutige Sorgenkind des Landes.

Der Einbruch am Immobilienmarkt

Der Immobilienmarkt ist weiterhin ein Problem für China. 2021 kollabierte der überschuldete Branchengigant Evergrande (sein Schuldenberg betrug am Ende knapp 300 Milliarden USD) und zog den gesamten Sektor in eine Vertrauenskrise sowie in viele weitere Insolvenzen. Die Immobilienbranche ist in China beileibe keine Industrie wie jede andere, sondern trieb maßgeblich den Wachstumsschub der letzten Jahrzehnte. Je nach Rechnung konnte bis zu ein Viertel des chinesischen BIP auf den Bausektor im weiteren Sinne (z.B. inklusive Zulieferern und Möbeln) bezogen werden. Die whathappened-Redaktion warnte 2021, dass die Krise im Bausektor zu einer größeren Finanz- und Wirtschaftskrise ausarten könnte. Die Finanzkrise ließ sich verhindern, auch dank neuer Regeln der Finanzregulatoren – doch als Wachstumsmotor fungiert die Branche nicht mehr, und sie macht heute wohl auch nur noch etwa ein Fünftel des BIP aus.

Tatsächlich dürfte die Entwicklung im Immobiliensektor eine zentrale Erklärung für den schleppenden Binnenkonsum sein. Das Vermögen vieler Chinesen war mit Immobilien verbunden und ist eingebrochen, und in jedem Fall fungierte die Branche mit ihren einfach sichtbaren Ergebnissen als Gradmesser für das chinesische Wirtschaftswunder. Ihre Krise und die resultierende Vertrauenskrise schlagen sich auf das generelle Konsumverhalten nieder. Das belastet im Umkehrschluss auch wieder die Immobilienfirmen, da Chinesen in Erwartung fallender Preise weniger in Immobilien und Bauprojekte investieren. Das Ergebnis ist ein Rückgang der Immobilienpreise seit 2021 von rund 30 Prozent, so einige Schätzungen.

Genau jene neuen Regeln aus dem Jahr 2021, welche ein Ausweiten der Immobilienkrise in eine Finanzkrise verhindern sollten, scheinen die heutige Wirtschaftskrise übrigens angestoßen zu haben. Die "Three Red Lines" verstrengten deutlich, wie die Firmen in der Branche Schulden machen durften. Die Regeln kamen allerdings abrupt und stießen zahlreiche Firmen in die Insolvenz, da sie damit nicht gerechnet hatten und nun in Refinanzierungsschwierigkeiten gerieten.

Die Preise fallen

Der schwache Konsum äußert sich in hartnäckiger Deflation. China durchlief keine Phase steigender Preise in den vergangenen Jahren, wie viele andere Länder, sondern erlebte im Gegenteil fallende Preise. Eine solche Deflation ist allerdings ein Risiko: Sie erhöht die Verschuldung (da eine fixe Kreditsumme bei sinkenden Preisen plötzlich mehr wert ist), schränkt die Flexibilität der Geldpolitik ein (da die Zentralbank auf preissenkende Maßnahmen verzichten muss) und droht eine negative Deflationsspirale an:

Die Deflationsspirale lässt sich bereits beobachten. Fallende Preise lassen Verbraucher ihre Anschaffungen aufschieben, was die Firmenumsätze fallen lässt. Die Firmen reagieren mit sinkenden Preisen, um ihre Marktanteile zu verteidigen und Inventar abzubauen – was Verbrauchern noch mehr Grund zum Warten gibt. Zugleich belastet der Vorgang die Margen der Firmen, weswegen sie Stellen abbauen und Investitionen verschieben. Die Schwäche am Arbeitsmarkt verunsichert Verbraucher weiter und lässt sie vorsichtiger konsumieren (oder nimmt ihnen schlicht und ergreifend die Ressourcen dafür). Die Spirale dreht sich weiter.

Gut zu wissen: Im November 2025 fielen die chinesischen Industrieprofite um 13,1 Prozent zum Vorjahresmonat, der höchste Rückgang seit über einem Jahr und ein kräftiger Anstieg gegenüber den 5,5 Prozent Minus aus Oktober. Immerhin: Darauf folgte ein Plus im Dezember um 5,3 Prozent und im Gesamtjahr 2025 gelang laut offiziellen Daten ein Anstieg um 0,6 Prozent, das erste Plus in vier Jahren und ein sehr sanftes positives Zeichen – insofern es denn stimmt.

Preiskriege und Überproduktion

Eine Folge – und gleichzeitig ein Treiber – der Deflation ist der heftige Wettbewerb in vielen chinesischen Sektoren. Firmen liefern sich Preiskämpfe, um zumindest noch überhaupt Produkte verkaufen zu können (in unserer Beschreibung der Deflationsspirale oben ist das der Punkt zu "Marktanteilen"). Die Regierung nennt das neijuan, "Involution", und kritisiert es scharf. Mit ihren jahrelangen, hohen staatlichen Subventionen hat sie den Angebotsüberschuss aber teilweise selbst hervorgerufen, da sie an Firmen das Preissignal gesandt hatte, mehr zu produzieren.

In Europa ist dabei häufig von "Überproduktion" die Rede (und auch die whathappened-Redaktion nutzt den Begriff in ihren Briefings), auch wenn nicht völlig klar ist, was das ökonomisch exakt meint: Solange chinesische Firmen imstande sind, ihre Waren ins Ausland zu exportieren, ist es für sie keine Überproduktion im eigentlichen Sinne. Es kreiert allerdings eine für Peking unangenehme Abhängigkeit vom Außenhandel und damit vom Ausland. Kommt es zu Handelsbarrieren, wie sie z.B. die EU teilweise umsetzt und teilweise androht, könnten chinesische Firmen plötzlich in eine tiefe Krise stürzen, denn der Heimatmarkt ist radikal übersättigt. Die heftigen Preiskämpfe in vielen chinesischen Branchen schaffen also politische Vulnerabilitäten für Peking, welches entsprechend die Wiederherstellung von Preissetzungsmacht und Margen für Unternehmen zu einer Priorität ausgerufen hat.

Der geheime Arbeitsmarkt

Als Konsequenz der Wachstumsschwäche (und mit ihr der von uns erwähnten Teilprobleme) gerät auch der Arbeitsmarkt in Schieflage – völlig ungewohnt für die heutige Generation an Chinesen. Die Arbeitslosenrate unter den 16- bis 24-Jährigen, welche konjunkturelle Schwankungen häufig schneller zu spüren bekommen, stieg von rund 10 Prozent im Jahr 2019 auf 21 Prozent bis Juni 2023, bevor Peking die Veröffentlichung der Daten kurzerhand stoppte. Ende 2023 ging die Datenreihe wieder weiter – und zwar bei 14,9 Prozent, da sie nun Studenten herausrechnete, was den Vergleich erschwerte und dem entgegenläuft, wie eine solche Metrik klassischerweise berechnet wird. Seitdem ist diese neue Rate offiziell auf 16,5 Prozent geklettert.

Auch andere Arbeitsmarktdaten werden spärlicher. Der Thinktank China Institute for Employment Research veröffentlicht keine Reports mehr seit 2022. Die Zentralbank lässt sich seit 2023 deutlich mehr Zeit mit ihren Berichten. Das Statistikbüro veröffentlicht seit 2023 nicht mehr, wie viele Stadtbewohner Arbeitslosenleistungen beziehen. Die Firma Zhaopin veröffentlichte jahrelang einen Report über die durchschnittlichen Gehälter für Neueinstellungen in 38 großen Städten – doch hat seit Herbst 2024 darauf verzichtet. Vermutlich, weil das Durchschnittsgehalt von einem Hoch von 10.560 Yuan im Dezember 2022 auf 10.060 gesunken war, also um 4,7 Prozent. In Shanghai betrug der Rückgang sogar 8,4 Prozent auf 13.540 Yuan, von einer höheren Basis.

Warum Peking die Arbeitsmarktlage als Staatsgeheimnis behandelt, ist nicht schwer zu erraten. Zum einen geht es um die politische Legitimation der Kommunistischen Partei und um sozialen (Un-)Frieden; zum anderen auch darum, zu vermeiden, dass der Eindruck eines schlechten Arbeitsmarkts das Konsumverhalten weiter drückt. Das ist zwar längst der Fall – die Lage am Arbeitsmarkt ist neben jener am Immobilienmarkt eine zentrale Erklärung für die Konsumschwäche –, doch schlimmer ginge es sicherlich noch.

Wahrheit als Staatsgeheimnis

Das betrifft selbstverständlich auch andere wichtige Metriken. Peking ließ in den vergangenen Jahren Daten zu Landverkäufen, Auslandsinvestitionen und mehr verstecken; alles in allem rund Hunderte Datenpunkte. Auch die BIP-Zahlen werden zum Staatsgeheimnis. Nachdem der chinesische Ökonom Gao Shanwen im Dezember 2024 bei einer Konferenz in Washington erklärt hatte, dass das reale Wachstum der letzten "zwei bis drei Jahre" statt bei 5 Prozent eher bei durchschnittlich 2 Prozent gelegen habe, verlor er seinen Job und wurde fast ein Jahr lang öffentlich nicht mehr gesehen.

Gut zu wissen: China veröffentlicht anders als jede andere große Volkswirtschaften keine quartalsweise Erklärung seines BIP anhand der Ausgabenkategorien Konsum, Investitionen, Regierungsausgaben und Handelsbilanz – sehr zum Ärger des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Ökonomen sowie Analysten in aller Welt. Entsprechend wird das Schätzen der chinesischen Wirtschaft zu einer esoterisch anmutenden Aufgabe. Westliche Beobachter kommen für das Jahr z.B. auf 2,4 Prozent (Rhodium Group) und 3,7 Prozent (Goldman Sachs) Wachstum.

Der Umgang mit den Arbeitsmarktdaten zeigt, wie unzuverlässig die Datenlage in China grundsätzlich ist. Früher ging es oft weniger um gezielte Manipulation von ganz oben als eher darum, dass Lokalregierungen einen Anreiz hatten, ihre Zahlen aufzuhübschen – und dann eben eine Kaskade aus nicht ganz richtigen Zahlen in eine inkorrekte große Zahl hochaggregiert wurde. In den Jahrzehnten, in denen das Wachstum erwiesenermaßen rasant war, war dieser "Messfehler" eher ein Detail – und wenn die absoluten Zahlen schon nicht hilfreich waren, so werteten Ökonomen doch zumindest den Jahresvergleich als interpretierbar. Heute, inmitten der Wirtschaftsschwäche, wäre Transparenz hingegen umso wichtiger, doch ist für Peking weitaus heikler.

Was tun? Wenn es darum geht, Chinas Wirtschaft einzuschätzen, setzen Ökonomen auf kreativere, kleinteiligere Metriken, die als Proxy fungieren. Kinotickets, nächtliche Beleuchtung, Stromgeneration, die Auslastung von Zementfabriken und mehr. Das Wall Street Journal berichtet von einem Ökonomen, welcher die Wirtschaftsaktivität anhand von Zeitungsartikeln misst, in welchen die Betreiber lokaler Unternehmen schließen und mit gestohlenen Mitgliedschaftsbeiträgen untertauchen. Im Pekinger Halbdunkel gerät Verzweiflung zum BIP-Proxy.

China rebalancieren

Wenn es um die Lösung für Chinas Probleme geht, verlangen Ökonomen innerhalb und außerhalb des Landes seit langem, dass Peking die Konjunktur ankurbelt. Das bedeutet im Endeffekt: Geld auf den Konsum und auf Firmen werfen, beispielsweise auch in Form höherer Sozialausgaben. Da China in hohem Maße in einer Nachfragekrise steckt, könnte das recht simpel helfen: Nimmt der Konsum an Fahrt auf, dürfte die Deflation nachlassen, Firmenprofite steigen und der Arbeitsmarkt sich beleben. Strukturprobleme wie die demografische Krise werden zwar nicht gelöst, doch die Überschuldung von Unternehmen und Lokalregierungen sowie die Schwäche am Immobilienmarkt würden von einer aktiveren Wirtschaft ebenfalls etwas gelindert werden.

Peking scheint sich jedoch dagegen zu sträuben. Seit 2022 ist die Regierung nur zu sehr vorsichtigen Maßnahmen zur Konjunkturbelebung bereit. Sie erkennt zwar die Probleme an, etwa beim Konsum oder im Preiskrieg in vielen Branchen, und sie hat auch die "Three Red Lines"-Schuldenregeln im Immobiliensektor 2023 etwas gelockert, doch einen großen Wurf scheint sie nicht anzustreben.

Grund dafür scheint zu sein, dass Präsident Xi Jinping eine Restrukturierung der chinesischen Wirtschaft zu wünschen scheint. Das wollen auch Ökonomen, allerdings in anderer Form. Sie möchten das derzeit export-, schulden- und immobilienabhängige China auf ein Fundament von mehr Binnenkonsum stellen, ein "rebalancing". Bisher ist Chinas Konsumanteil am BIP (was nur Privat-, nicht staatlichen Konsum meint) mit 38 Prozent sehr niedrig. Die meisten größeren Volkswirtschaften liegen bei 50 bis 60 Prozent; Deutschland bei 51 Prozent und die USA bei 69 Prozent. Der Privatkonsum ist dort die größte Säule der Wirtschaftsleistung.

Xi blickt offenkundig skeptisch darauf. Anstelle von Binnenkonsum scheint seine Vision ein Fokus auf Investitionen zu sein, speziell von der Regierung geleitete Hightech-Investitionen. Dass das mit Risiken einhergeht, wird jedoch von China selbst derzeit eindrucksvoll demonstriert: Fehlgeleitete Industriepolitik kann Branchen in ruinöse Preiskriege und in die Überschuldung führen, was die gesamte Wirtschaft destabilisieren kann. Und auch eine stärker konsumbasierte Wirtschaft ist vollends imstande, technologische Innovation hervorzubringen – wie jeder Industriestaat beweist.

Ein Fazit

Der dritte whathappened-Explainer zu Chinas Wirtschaft in fünf Jahren bleibt somit ebenfalls eher pessimistisch. China kämpft mit konjunkturellen Schwierigkeiten, welche mit strukturellen Problemen (Immobiliensektor, Überschuldung, Demografie, ...) verzahnt sind. Die Regierung agiert bislang zögerlich, vermutlich, weil sie eine Langfristvision verfolgt, auf welche Ökonomen zutiefst skeptisch blicken. Und offizielle sowie private Daten verschwinden zunehmend aus dem System, was die Einschätzung umso schwieriger macht.

Zugleich bleibt China eine große Wirtschaft mit hohen Ressourcen, einem kompetenten Beamtenapparat und viel geld- und fiskalpolitischer Schlagkraft. Anders als Russland, welches aktuell in eine zutiefst gefährliche Umstrukturierung seiner Wirtschaft schreitet, sind die chinesischen Probleme vordergründig eben konjunkturell und damit gut behandelbar. Dass sich dahinter auch strukturelle Probleme verbergen, ist erst einmal nicht ungewöhnlich: Das gilt auch für Deutschland, die USA oder jedes beliebige Land. Und dass ein Entwicklungsland wie China inzwischen ein langsameres Wachstum erlebt, ist nicht ungewöhnlich, sondern zu erwarten.

Ein wenig besonders ist China allerdings schon. Der größte Punkt könnte sein, dass unklar ist, wie gut das Land eine wirtschaftliche Verlangsamung gesellschaftlich und politisch vertragen kann. Die Legitimation der Kommunistischen Partei wandelte sich seit den 1980ern dahin, dass sie die Lebensstandards der Chinesen verlässlich anheben konnte. Auch, wenn Xi seit 2012 wieder die Ideologie stärker in den Vordergrund rückt, besteht das Risiko, dass eine lange Phase an wirtschaftlicher Stagnation zu gesellschaftlicher Unruhe führt. Der China Dissent Monitor des Thinktanks Freedom House zählte 2025 etwa 5.343 öffentliche "Dissensereignisse", 44 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Katze, welche keine Mäuse fängt, ist schließlich keine gute Katze mehr. Egal, wie sie aussieht.

Gut zu wissen: Dieser Explainer legt einen etwas anderen Fokus als die vergangenen. Möchtest du stattdessen mehr zu Chinas Demografieproblem erfahren oder zur Überschuldung, empfehlen wir auf unsere früheren Explainer.

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