June 14, 2026
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14 Minuten Lesezeit

Der Ukrainekrieg geht in den 7. Zyklus

Die Ukraine hat wieder die Initiative inne. Wir erklären, wieso.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die Lage der Ukraine im Krieg mit Russland scheint sich seit Ende 2025 deutlich aufgehellt zu haben.
  • Tatsächlich befreit sie erstmals seit drei Jahren wieder netto Territorium, während die russischen Verluste zu steigen scheinen.
  • Dafür gibt es mehrere Gründe: der geschickte Einsatz massenhaft produzierter Drohnen, eine stärkere Nutzung digitaler Technologien und verbesserte operative Fähigkeiten.
  • Ihre Drohnen setzt die Ukraine ein, um eine "Killzone" in Frontnähe herzustellen, und um durch Angriffe auf die mittlere und lange Distanz die russische Logistik zu zerrütten und die Wirtschaft zu schwächen.
  • Die neue ukrainische Initiative ist ein weiterer Hinweis darauf, dass (lange) Kriege aus Innovations- und Anpassungszyklen bestehen, mit welchen beide Seiten einen Vorteil suchen oder den Vorteil des Gegners neutralisieren möchten.
  • Der Ukrainekrieg lässt sich ungefähr in sieben solcher Zyklen differenzieren.
  • Es wäre demnach nicht überraschend, wenn Russland nach einigen Monaten imstande ist, die ukrainische Initiative zu stoppen oder selbst erneut die Initiative zu übernehmen.
  • Früher oder später ist eine Kriegspartei in ihren wirtschaftlichen und politischen Ressourcen jedoch hinreichend erschöpft, um eine Lösung suchen zu müssen.

Die Ukraine besitzt wieder die Initiative_

(8 Minuten Lesezeit)

Nettozugewinn

Wie schnell sich das Blatt doch wendet. Noch im Herbst 2025 diskutierten Medien, ob ein Zusammenbruch der Ukraine bevorstünde. Ein halbes Jahr später ist der Tenor ein völlig anderer. "Ist das die Kriegswende in der Ukraine?", fragt beispielsweise Spiegel Online. Reuters zitiert einen wichtigen ukrainischen Kommandanten, Andriy Biletsky, Gründer des kontroversen Asow-Battalions, damit, dass ein "turning point" (Wendepunkt) bevorstünde. Und auch staatliche Stellen und unabhängige Analysten wie das Institute for the Study of War (ISW) stimmen zu.

Bevor wir erklären, was sich verändert hat, erst der Beweis, dass sich etwas verändert hat. Die Territorialgewinne Russlands haben sich seit Jahresbeginn tatsächlich bedeutsam verlangsamt, und sind zuletzt gar ins Negative gedreht: Die Ukraine befreite im April und im Mai wieder netto Land, zum ersten Mal seit 2 Jahren. Wie viel genau variiert je nach Analyst, denn die Schätzungen sind nicht völlig einheitlich, und einige sehen immer noch einen minimalen Nettozuwachs für Russland (andere verorteten bereits Ende Februar einen Nettogewinn der Ukraine). Über den günstigen Trend der letzten Monate für die Ukraine sind sie sich jedoch alle einig.

Gut zu wissen: Das Institute for the Study of War schätzt den täglichen russischen Territorialgewinn 2025 auf 13,2 km². Nur in den ersten vier Monaten 2025 (was saisonale Effekte kontrolliert, aber auch das erhöhte Offensiventempo im Jahresverlauf ausblendet) waren es 9,8 km². In den ersten vier Monaten 2026 waren es hingegen nur 2,9 km², wenn man das sicher eroberte Gebiet meint, oder 4,6 km², wenn man auch infiltrierte, aber nicht unbedingt eroberte Gebiete einrechnet (dazu später mehr). Der russische Fortschritt ist 2026 bislang also je nach Berechnungsweg um mindestens 53 Prozent oder bis zu 78 Prozent zurückgegangen.

Die whathappened-Redaktion hebt seit Jahren hervor, dass Territorialgewinne allein kein optimaler Indikator für den weiteren Kriegsverlauf sind, vor allem kleinere. Schließlich muss ein Gebietsgewinn nicht viel aussagen, wenn für die Eroberung oder Verteidigung eines Landstrichs derart hohe personelle und materielle Kosten auf sich genommen werden, dass sich das binnen der nächsten Monate oder Jahre rächt. Daran hat sich prinzipiell nichts geändert, und der ukrainische Teilerfolg muss erst einmal daran gemessen werden.

Vielversprechend für die Ukraine ist allerdings, dass die russischen Verlustzahlen deutlich angestiegen sind. Bereits die raschen Fortschritte im Jahr 2025 waren für Moskau erwiesenermaßen teuer erkauft, doch seit Dezember 2025 liegen die monatlichen Verluste erstmals seit Kriegsbeginn oberhalb der Rekrutierungszahlen, so westliche Offizielle. Die Ukraine berichtet, dass der Trend mindestens bis April 2026 angehalten hat. Damals setzte sie sich außerdem das neue Ziel, Russland mindestens 50.000 Verluste pro Monat zuzufügen – und könnte das im Mai geschafft haben.

Andersherum wirkt es nicht so, als sei die Wende zugunsten der Ukraine durch besonders hohen Personaleinsatz gelungen. Im Gegenteil: Westliche Einschätzungen und anekdotische Berichte aus der Armee deuten darauf hin, dass die Verlustzahlen gesunken sind.

Der DrohnenkriegGrund für den Wandel ist vornehmlich der geschickte ukrainische Einsatz von Drohnen. Die Ukraine attackiert damit erstens die Front, zweitens das logistikrelevante Hinterland, wo sich Verkehrsknoten, Munitionsdepots, Truppenplätze und Ähnliches befinden, und drittens tief in Russland selbst, wo sie z.B. Raffinerien, Pipelines und Exporthäfen attackiert. Auf allerhöchster Ebene fügt sich das in einen Plan ein, welchen Verteidigungsminister Mychailo Fedorow "Air. Land. Economy" betitelt: Die russischen Luftangriffe abwehren; mehr russische Soldaten töten, als nachrekrutiert werden können; und die russische Exportwirtschaft schwächen.

Die Drohnen dominieren dabei inzwischen das Schlachtfeld. Das geht so weit, dass eine "Killzone" entstanden ist: Rund um die transparent gewordene Front (dank Aufklärungsdrohnen und Sensoren) ist es für Soldaten und Fahrzeuge wegen der Drohnen dermaßen gefährlich, dass sie dort nur noch eingeschränkt operieren können. Das ist im Grunde seit 2024 der Fall, doch Innovationen in der Drohnenentwicklung (und ihre verbesserte Massenfertigung) haben die Killzone heute auf bis zu 25 Kilometer rund um die eigentliche Frontlinie anwachsen lassen.

Killzone und Infiltration

Diese Killzone ist etwas Neues, und sie verändert den Stellungskrieg, welcher die Ukraine seit 2023 dominiert. Sie mag zwar Erinnerungen an den Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs wecken, doch dort war das "Niemandsland" nur wenige Dutzend oder Hunderte Meter weit – heute sind es viele Kilometer, in welchen jede Bewegung gläsern ist und tödlich bestraft werden kann. Das verändert eben nicht nur, was "Front" eigentlich bedeutet, sondern macht es sowohl für die Ukraine als auch für Russland nahezu unmöglich, in Frontnähe Truppen und Material für größere Offensiven zusammenzuziehen.

Als Reaktion darauf passte Russland 2025 seine Taktiken an und setzte auf Infiltration: Eine kleine Zahl von Soldaten, und zwar häufig ein bis drei, infiltrierte die ukrainischen Linien. In dermaßen kleiner Zahl und vor allem im Sommer geschützt von dichtem Blattwerk der Bäume gelang es den Russen immer wieder, hinter die Linien vorzustoßen. Dort warteten die kleinen Trupps, bis Verstärkung hinzukam – bis sie irgendwann zahlreich genug waren, um in den Angriff überzugehen und (gemeinsam mit Druck aus der "regulären" Frontrichtung) die flankierten Ukrainer zum Rückzug aus ihren Stellungen zu zwingen. Das klingt kleinteilig, doch war tatsächlich der modus operandi im Jahr 2025 – und setzte die Ukraine erfolgreich unter Druck.

Der "Infiltrationskrieg" führte zu extrem porösen, uneindeutigen Frontlinien; gewissermaßen verschwamm der Begriff als solcher komplett. Russische Stellungen befanden sich in beliebiger Himmelsrichtung neben ukrainischen Stellungen; Drohnen beider Seiten jagten in der Killzone die Soldaten der jeweils anderen. Panzer und anderes schweres Gerät tauchten kaum noch auf, denn sie waren Drohnen vollends ausgeliefert.

Die zweite Taktik Russlands war der Einsatz eigener Drohnen gegen die ukrainische Logistik und ukrainische Drohnenoperatoren im Hinterland der Front. Die russische Militäreinheit "Rubikon", erst Mitte 2024 gegründet, war damit beauftragt, und anfangs äußerst erfolgreich. Der beschleunigte russische Vormarsch 2025 war damit ein Ergebnis dieser verbesserten Drohnentaktiken, der Infiltrationstaktik und eben auch eines beeindruckend hohen personellen Einsatzes, welcher laut Ukraine und westlichen Beobachtern zu 35.000 gefallenen Soldaten pro Monat führte, zuletzt offenbar gar über 50 000.

Delta, Avengers und Starlink

Die Ukraine konterte die russische Innovation mit ihrer eigenen. Russische Luftabwehrsysteme werden heute durch Drohnenschwärme überwältigt, Rubikon-Operatoren gezielt getötet. Die amerikanische Hornet-Drohne kommt auf der Mittelstrecke zum Einsatz und nutzt KI für die Zielidentifikation. Die lokal hergestellte Morrigan ist wiederum leicht und günstig, und lässt sich von einer Art Schleuder aus starten, benötigt also minimalen Platz. Manchmal werfen Drohnen Minen ab, um Straßen unzugänglich zu machen.

Ein weiterer Faktor ist die Abschaltung des Satelliteninternetdiensts Starlink für russische Truppen in der Ukraine. CEO Elon Musk veranlasste die Sperrung auf Bitten der ukrainischen Regierung Anfang 2026. Das scheint die russische Schlachtfeldkommunikation und Zielauswahl bedeutend gestört zu haben, was vor allem den ukrainischen Drohnenoperatoren einen großen Vorteil verpasst (und sie besser schützt). Wie und ob Russland imstande sein wird, diesen Wegfall zu kompensieren, ist unklar – es besitzt keine äquivalente Technologie.

Der Verweis auf Starlink ist eine passende Überleitung zu zwei weiteren Gründen für die neue Initiative der Ukraine: Sie unterstützt ihre Kriegsführung immer gekonnter mit digitalen Maßnahmen; und ihre operative Planung hat sich generell auffällig verbessert. Medial findet der Faktor Drohnen derzeit fast alleinig Beachtung, doch diese Aspekte spielen ebenfalls eine große Rolle.

Konkret ist da etwa die Software "Delta", welche eine Art Schlachtfeld-Informationsmanagementsystem ist. Darin werden in Echtzeit Daten aus frontnahen Sensoren, von Drohnen, von Satelliten, direkt von Truppen und von Geheimdiensten zusammengeführt und für Entscheidungen bereitgestellt; es dient außerdem der Koordination zwischen Truppen. Die Software wurde in Zusammenarbeit mit der NATO entwickelt, wurde dann von der Ukraine aber unerwartet schnell eingeführt, hochskaliert und erweitert – und sorgte damit für Aufsehen im Verteidigungsbündnis und unter Militärbeobachtern.

Auch KI kommt inzwischen verstärkt zum Einsatz: Die KI-Plattform Avengers ist in Delta integriert und soll imstande sein, gegnerische Vehikel direkt aus dem Videostream von Drohnen zu erkennen. Laut ukrainischem Verteidigungsministerium identifiziert es so rund 12.000 Ziele pro Woche.

Die Mittel- und Langstrecke

Der Einsatz von Drohnen ist nicht nur auf die Frontnähe beschränkt. Ein großes Puzzlestück der ukrainischen Strategie ist die Zerrüttung der russischen Nachschublinien und Wirtschaft, wofür sie auf Luftschläge der mittleren und langen Distanz setzt. Eine Parallele zur "Killzone" zeigt sich dabei im "Highway des Todes“: der Autobahn R-280, welche Russland mit seinen besetzten Gebieten in der Ukraine und der Krim verbindet. Sie ist äußerst wichtig, denn die einzige andere Verbindung zur Krim ist über die exponierte Kertsch-Brücke, welche von der Ukraine bereits mehrfach attackiert worden ist.

Der Spitzname als "Highway des Todes" bezieht sich auf die zahlreichen, heftigen ukrainischen Schläge. Sie haben die Autobahn, welche eigentlich rund 100 Kilometer von der Front entfernt ist, für den zivilen Verkehr komplett gesperrt und machen für Russland die Versorgung der Zivilbevölkerung wie auch seiner Armee deutlich schwerer. Auf der Krim herrscht seit einigen Wochen Treibstoffrationierung; zeitweise gar ein komplettes Kaufverbot. Touristen stranden auf der Halbinsel; Videos ukrainischer Drohnenattacken sorgen in Russland für Aufsehen.

Die Ukraine in Form von Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov nennt das einen "Logistik-Lockdown". Russlands Krim-Statthalter Wladimir Saldo zieht wiederum (in der Sache absurde) Vergleiche zur 900-tägigen Nazi-Belagerung von Leningrad, was ein Hinweis darauf ist, wie problematisch die Lage für die Besatzungsbehörden ist. Laut Robert Brovdi, Kommandeur der ukrainischen "Streitkräfte für unbemannte Systeme", ist der russische militärische Warentransport über die R-280 um 71 Prozent gefallen – allein zwischen Ende Mai und Mitte Juni.

Jene besetzten Gebiete, welche direkt an Russlands Territorium angrenzen, lassen sich zwar nicht dermaßen vollumfänglich vom Nachschub abschneiden, doch auch dort stört die Ukraine. Sie attackiert Logistikknoten, Straßen, Munitionslager und Stützpunkte. Das war seit 2022 im Grunde permanent der Fall, doch die Ukraine ist bei der Drohnentechnologie und -verfügbarkeit derzeit eben so überlegen, dass sie diese Angriffe deutlich häufiger und effektiver tätigen kann.

Ein herausgehobenes Ziel in Russland selbst ist dessen Energieinfrastruktur. Seit Ende 2025 häufen sich die Attacken auf Raffinerien, Pipelines, Exportterminals und vieles andere der russischen Infrastruktur für Ölförderung und Export. Damit trifft die Ukraine zum einen die russische Treibstoffversorgung, zum anderen die Staatsumsätze.

Die sieben Zyklen des Ukrainekriegs_

(6 Minuten Lesezeit)

Ukrainische FPV-Glasfaserdrohne. Quelle: АрміяІнформ, wikimedia

Einige Beobachter könnten davon irritiert sein, dass nun seitens Analysten und Medien eine ukrainische Stärke beschworen wird. Schließlich kam das bereits in der Vergangenheit vor, nur um einige Monate später wieder von einer prekäreren Kriegslage zu hören. Dieser regelmäßige Wechsel ist nicht Ausdruck medialer Fehleinschätzungen und Übertreibungen (wobei diese selbstverständlich mit hineinfließen), sondern ist eine grundlegende Eigenschaft von Kriegen: Innovations- und Anpassungszyklen sorgen dafür, dass die Initiative zwischen den Kombattanten hin- und hergeht.

Innovation und Anpassung

Mit der "Innovation" meinen wir dabei nicht zwingend technologische Innovation, obwohl es selbstverständlich um diese gehen kann: neuartige Drohnen, KI, Roboter, und so weiter. Stattdessen ist "Innovation" jedes neue strategische Element, das auf das Schlachtfeld gebracht wird. Jahrzehnte alte Artillerie, Minen, bestimmte Taktiken für den Vormarsch der Infanterie, etc. Dieses neue Element ist womöglich dazu da, eine vorherige Innovation des Gegners zu kontern – es sind also Anpassungsschritte, welche die eigene Schlachtfeldsituation verbessern sollen.

Findet eine Seite eine wirksame Innovation, verschafft ihr das unter Umständen temporäre Dominanz: Der Angreifer rückt schneller vor, oder der Verteidiger bremst ihn und geht zu Gegenangriffen über. Irgendwann passt sich die Gegenseite erfolgreich an die Innovation an, und der Vorteil geht verloren, oder wechselt. Hier entsteht also das Hin und Her zwischen Russland und der Ukraine über die vergangenen vier Jahre. Die whathappened-Redaktion identifiziert sieben separate Zyklen im Ukrainekrieg (andere Beobachter könnten sie etwas unterschiedlich abgrenzen):

Die Zyklen des Ukrainekriegs

Phase 1: Defensive Verwehrung, Anfang 2022. Die Ukraine wehrte sich asymmetrisch, teils mit guerillaartigen Methoden, gegen den russischen Initialangriff, vor allem in der Kiew-Offensive. Kleines, handgeführtes Militärgerät wie Javelins und NLAWs (Anti-Panzer) und MANPADS (Anti-Luft) nahm eine zentrale Rolle ein, kleine Gruppen aus Verteidigern operierten dezentral, und Hinterhalte sowie Sabotagemaßnahmen (z.B. die Sprengung von Staudämmen) stoppten den russischen Vormarsch. Prominent war das Scheitern eines 64 Kilometer langen russischen Truppenkonvois, welcher vergeblich versuchte, sich aus Belarus nach Kiew zu schlängeln.

Phase 2: Artilleriekrieg, ab Sommer 2022. Nachdem klar geworden war, dass die russische Blitzoffensive weitestgehend gescheitert war – vor allem im Norden –, änderte Russland seine Taktik: Es marschierte im Donbass vor, indem es auf massiven Artilleriebeschuss setzte, im Stile der Weltkriege, und passenderweise manchmal sogar mit Rohrgeschützen, welche bereits im Weltkrieg zum Einsatz gekommen waren. Die Strategie mag zwar antiquiert gewirkt haben, doch war effektiv darin, die Ukrainer nach und nach aus ihren Stellungen herauszudrücken und zum Rückzug zu zwingen. Dank amerikanischer Lieferungen von Mehrfachraketenwerfern (MLRS), darunter am prominentesten den modernen HIMARS, konnte die Ukraine ihre Artillerieunterlegenheit ab Spätsommer ausgleichen; das war die Anpassung an die russische Innovation.

Phase 3: Mobiler Bewegungskrieg, ab Herbst 2022. Der Einsatz von HIMARS-Artillerie gegen die russische Frontlogistik und die Überdehnung der Invasoren ermöglichten es Kiew, zwei rasche Großoffensiven mit mobiler Kriegsführung durchzuführen: In Charkiw und Cherson gelangen der Ukraine insgesamt fast 18.000 Quadratkilometer an Befreiungen, der Anteil besetzter Staatsfläche sank um fast 15 Prozent (bzw. 3 Prozentpunkte, von 20,4 auf 17,4 Prozent).

Phase 4: Stellungs- und Abnutzungskrieg, statischer Verteidigungskampf, 2023: Die Ukraine versuchte sich im Sommer 2023 erneut an einer Gegenoffensive, doch russische Minenfelder, "Drachenzähne", gestaffelte Gräben und andere physische Verteidigungsanlagen – in starker Anlehnung an den Ersten Weltkrieg – bremsten die Offensive fast vollständig aus. Neues Gerät der Ukraine für die mobile Kriegsführung in Form westlicher Panzer und Schützenpanzer blieb fast völlig effektlos. Eine zeitnahe Antwort darauf fand die Ukraine nicht; ihre Offensive scheiterte.

Phase 5: Einsatz von FPV-Drohnen und ausgeweitete Luftkriegsführung, Ende 2023 / 2024. Der Einsatz massenhafter, günstiger First-Person-View-Drohnen (FPV) machte das Schlachtfeld "gläsern", da es plötzlich engmaschig überwacht werden konnte, und damit tödlicher. Die "Killzone" entstand. Beide Seiten setzten verstärkt auf Luftangriffe, z.B. durch Gleitbomben und Marschflugkörper; Russland nahm vor allem die ukrainische Energieinfrastruktur unter Beschuss.

Phase 6: Glasfaserdrohnen, elektronische Kriegsführung (EW) und Infiltrationstaktiken, Mitte 2024 bis Ende 2025: Da beide Seiten elektronische Störung einsetzten, um Drohnen zu neutralisieren, setzten sich (zuerst durch Russland eingeführt) Glasfaserdrohnen durch: Da sie über dünne Kabel direkt mit dem Operator verbunden sind, sind sie störungsresistent. Das Ergebnis war ein Schlachtfeld, welches von "Spinnenweben" durchzogen war, also den besagten Kabeln. Russland schlug mit der Technik die ukrainische Invasion von Kursk zurück, bevor Kiew sie später ebenfalls für sich adaptierte. Um ukrainische Drohnen zu umgehen, setzte Russland außerdem auf die Infiltration durch äußerst kleine Trupps (wie wir weiter oben beschrieben).

Phase 7: Drohnenkrieg in der Tiefe (Mittel- und Langstrecke), Drohnenabwehr und Unterstützung durch Digitaltechnologien, seit Ende 2025: Die Dynamik, welche wir im ersten Teil dieses Explainers beschrieben. Die Ukraine setzt die russische Militärlogistik (aber auch zivile Wirtschaft) unter Druck durch ausgeweitete Luftangriffe auf der Mittel- und Langstrecke, vor allem, aber nicht ausschließlich, durch Drohnen. Dazu kommen verbesserte Fähigkeiten in der Drohnenabwehr, z.B. durch andere Drohnen, was Glasfaserdrohnen etwas neutralisiert; und die stärkere Einbindung von digitalen Technologien für die Schlachtfeld-Entscheidungsfindung.

Asymmetrisch und überlappend

Diese Zyklen beschreiben nicht perfekt abgetrennte Kapitel, sondern eher überlappende Trends und die zeitweise Dominanz bestimmter Problemlösungen. Artillerie verschwand nicht, nur weil Drohnen auftauchten – doch nachdem Artillerie eine Zeit lang das Tempo und die Richtung des Krieges diktiert hatte, fanden beide Seiten eine effektive Lösung gegen sie, und heute beeinflusst sie das Geschehen in geringerem Maße als noch 2022. Stattdessen ist es die Überlegenheit der Ukraine bei modernen Drohnen und der digitalisierten Kriegsführung, welche ihr den Vorteil verschafft, der heute erkennbar ist. Zyklen schichten sich also, doch der Fokus verschiebt sich. Die Zyklen sind außerdem keine gemeinsamen Takte, welche beide Seiten gleichzeitig durchlaufen, sondern sie sind meist asymmetrisch. Eine Seite bringt einen Impuls aufs Schlachtfeld, die andere passt sich an.

Eine erfolgreiche Innovation bedeutet dabei nicht nur, eine Neuheit auf das Schlachtfeld gebracht zu haben, sondern auch ihre Skalierung. Drohnen existierten selbstverständlich schon 2022 (die türkische Bayraktar erreichte zeitweise einen gewissen Kultstatus in der Ukraine), doch waren nicht massenhaft genug verfügbar, um Angreifer oder Verteidiger eigenhändig die Initiative zu verschaffen. Glasfaserdrohnen waren raffiniert (bis sie es einige Monate später nach dem abgeschlossenen Anpassungszyklus nicht mehr waren), doch um daraus einen temporären Vorteil zu schlagen, musste Russland sie auch in Masse produzieren und an die Front bringen können. Dasselbe mit den russischen Infiltrationstaktiken: Vereinzelt wären sie ein Kuriosum gewesen, hochskaliert auf den massenhaften Einsatz setzten sie die ukrainischen Verteidigungslinien ernsthaft unter Druck und prägten das Jahr 2025.

Keine Ewigkeit

Das Bewusstsein darüber, dass Krieg aus Innovations- und Anpassungszyklen besteht, erklärt die wechselnden Dynamiken in den vergangenen vier Jahren – und deutet an, wie es weitergehen könnte. Aktuell besitzt die Ukraine wieder die Initiative, und sie dürfte vermutlich einige Monate lang imstande sein, sie auszunutzen. Das umschließt, Russland schwerere Verluste oder peinliche Misserfolge zuzufügen (z.B. wie bei jüngsten Luftangriffen auf St. Petersburg während einer wichtigen Konferenz dort), seine Wirtschaft schmerzhaft zu stören oder Territorium zu befreien. Früher oder später dürfte Russland jedoch imstande sein, sich an die aktuellen Vorteile der Ukrainer anzupassen. Dann könnte der Krieg wieder in die andere Richtung schwenken. Und irgendwann wieder zurück.

Oder auch nicht. Denn früher oder später ist einer der Kombattanten erschöpft. Sei es aufgrund eines Mangels an innenpolitischem Rückhalt, einer kritischen Menge an Verlusten oder der Unfähigkeit, den Krieg wirtschaftlich weiter tragen zu können. Dass es der Ukraine in ihrem Verteidigungskrieg aktuell wieder besser ergeht, ist also nicht einfach nur der nächste Eintrag in einem stetigen Hin und Her. Es ist ein Signal, dass sie diesen Krieg noch fortsetzen und ihm weiterhin ihren Rhythmus aufzwingen kann. Und es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Russland als Erstes aufgibt.

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