August 23, 2026
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13 Minuten Lesezeit

Die Ära der Klimaanlagen

Im Rest der Welt längst unabdingbar, realisiert nun auch Europa, dass kein Weg an Hitze-Adaptation vorbei führt.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Extreme Hitze wird immer stärker zur akuten Bedrohung: Allein im Juni 2026 gab es in Deutschland etwa 12.500 Hitzetote.
  • Klimaanlagen sind die wirksamste Sofortmaßnahme, doch nur 23% der europäischen Haushalte besitzen eine; in anderen Industriestaaten sind es deutlich mehr (USA: ~90%).
  • In Europa wird Kühlung zum Politikum: Rechte und linke Parteien suchen ihre Positionen; letztere sind meist skeptischer, was Klimaanlagen angeht, doch öffnen sich zunehmend.
  • Klimaanlagen retten Leben, erhöhen die Lebensqualität und fördern Wirtschaftstätigkeit, doch sie verbrauchen enorme Mengen Strom und heizen den Klimawandel weiter an.
  • In heißen, ärmeren Ländern wie Indien kommt es zu Zugangs- und Verteilungskonflikten bei Kühlung, was sich inzwischen auch in Protesten und Unruhen äußert.
  • Bis 2050 könnte sich der globale Klimaanlagenbestand verdreifachen und allein durch ihren Betrieb weitere 0,05–0,07 °C Erwärmung verursachen. Lösungen sind weitere Effizienzgewinne, passive Kühlmethoden oder grünere Stromsysteme.

Hitze wird zur Bedrohung_

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Was haben Massenproteste in Indien und die Erstürmung eines Lidls bei Paris gemeinsam? Beide sind Ausdruck einer neuen Politik der Hitze. Steigende Temperaturen weltweit bauen nicht nur Druck auf Körper auf, sondern auch auf politische Systeme. Im französischen Lidl brach Anfang Juli ein Mob die Türen ein, um inmitten 40°C-hoher Temperaturen mobile Klimaanlagen zu ergattern. In Indien war es im Mai zu ländlichen Protesten gekommen, weil ständige Stromausfälle dazu führten, dass die Menschen weder seltene Klimaanlagen noch Ventilatoren betreiben konnten.



Auch Deutschland ist warm: Im Juni 2026 wurden gleich zwei neue historische Hitzerekorde aufgestellt, mit 41,8 °C als neuer Bestmarke. An 467 von 488 Wetterstationen gab es Allzeit- oder zumindest Monatsrekorde. Im Juli kamen dennoch in drei Bundesländern gleich noch einmal neue vorläufige Höchsttemperaturen hinzu. Diese Rekordjagd ist inzwischen mehr Regel als Ausnahme: Das Klima wird wärmer, und zwar strukturell.


Ein europäischer Klimawandel



Das ist zwar ein Problem für den ganzen Planeten, doch insbesondere für Europa, welches sich schneller aufwärmt als der Rest der Welt. Im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten ist die Durchschnittstemperatur in Europa jetzt schon um etwa 2,5°C gestiegen, der globale Durchschnitt beträgt gerade einmal 1,4°C. Der Unterschied liegt vor allem an Europas besonderer Geographie: Der Kontinent ist der Arktis sehr nahe, welche die sich am schnellsten erwärmende Region der Welt ist; Verschiebungen in den arktischen Wettermustern sorgen für häufigere und intensivere Hitzewellen in Europa, wodurch neben der Durchschnittstemperatur auch die Anzahl der Hitzestresstage mit über 25°C Temperatur steigt. Das sorgt wiederum für ein Abschmelzen der verbleibenden Schneedecke in den Bergen und der europäischen Tundra, was die Albedo reduziert, also die Reflexionskraft der Erdoberfläche, wodurch mehr Sonnenwärme auf der Erde bleibt.


Was theoretisch klingt, ist schon jetzt ein enormes praktisches Problem, gerade für Europa. Dieses Jahr wurde es ganz besonders konkret, denn neben Herausforderungen für Landwirtschaft und Industrie trafen die vielen Hitzewellen die Europäer auch ganz direkt: Allein im Juni, dem heißesten Monat seit Beginn der Aufzeichnungen, gab es eine Übersterblichkeit von mehr als 16.000 Menschen. Besonders in Frankreich, Deutschland und den Beneluxstaaten erlagen Tausende den hohen Temperaturen, wohl weil die Länder Nordeuropas schlechter auf extreme Hitze vorbereitet sind. Allein in Deutschland gab es diesen Sommer etwa 12.500 Hitzetote. Klimaanlagen spielen in der Verhinderung eine wichtige Rolle, wahrscheinlich sogar die wichtigste.

Die Magie der Klimaanlagen

Laut der Internationalen Energieagentur besitzen nur 23 Prozent der Haushalte in Europa eine Klimaanlage (USA: 88 Prozent). Gleichzeitig entfallen aber rund 36 Prozent der weltweiten Hitzetoten auf unseren Kontinent. Bei einem Anteil von nur 10 Prozent an der Weltbevölkerung ist das erheblich. Und das Problem wird immer schlimmer: In den letzten zwanzig Jahren ist die Hitzesterblichkeit um etwa 30 Prozent gestiegen. Bei weiter steigenden Temperaturen dürften diese Zahlen erst einmal steigen.

Klimaanlagen sind die naheliegendste Lösung – und machen schon jetzt buchstäblich den Unterschied zwischen Leben und Tod. Studien im Lancet zufolge verhindern sie jährlich mindestens 200.000 Hitzetote, Tendenz stark steigend. Es gibt natürlich andere effektive Lösungen, doch die brauchen meist Zeit, Kapital und politischen Willen. Langfristig müssen Gebäude und selbst ganze Städte sich anpassen, durch gezielte Verschattung, Isolation, Abstrahlung und die Schaffung großer urbaner Grünflächen.

Urbane Grünflächen haben dabei das größte Potenzial zur passiven Hitzeregulierung, denn sie können die Temperaturen in Städten nachhaltig um bis zu 7°C senken. Das aber benötigt detaillierte Planung und energische Eingriffe in die Infrastruktur, und dafür wiederum eine intensive Zusammenarbeit verschiedenster Regierungsinstanzen. Klimaanlagen dagegen sind sofort verfügbar und sprechen das Problem auf einer individuellen Ebene direkt an. Wie die Randale diesen Sommer gezeigt hat, wählen die Europäer ihre Lieblingsstrategie mit den Füßen (oder Brieftaschen). Expertengremien unterstreichen diese Priorisierung: Im November 2025 erklärte die UN-Klimakonferenz COP30 Kühltechnologien wie Klimaanlagen zur lebenswichtigen Infrastruktur neben Energie- und Wasserversorgung sowie sanitären Anlagen.

Gut zu wissen: Singapurs Staatsgründer Lee Kuan Yew (in dem Stadtstaat eine beinahe schon mythologische Figur) erklärte 2009, dass Klimaanlagen eine der bedeutsamsten Erfindungen der Geschichte seien. Sie hätten “Entwicklung in den Tropen überhaupt erst möglich gemacht”. Die UNICEF schätzt passend dazu, dass zu heiße Klassenzimmer den Unterricht für 130 Millionen Kinder in Ost- und Südafrika unterbrochen haben (mit 140 Milliarden USD an wirtschaftlichen Lebenszeitschäden). Und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vermutet, dass Hitze bis 2030 rund 2,2 Prozent der globalen Arbeitsstunden eliminieren wird, vor allem in Südasien und Westafrika.

Kälte wird politisch_

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Klimaanlagen sind also für unsere globale Zukunft unverzichtbar – und damit werden sie so wie alle lebensnotwendigen Güter politisch. Prognosen zur Eindämmung der Folgen des Klimawandels durch Kühltechnologie sehen in verschiedenen Szenarien eine Verdopplung bis Verdreifachung des weltweiten Bestandes an Klimaanlagen bis 2050 – das sind zwischen 2,3 und 3,1 Milliarden Einheiten. Neben enormem Wachstum für die Klimatisierungsindustrie bedeutet das vor allem auch große politische Herausforderungen. Die zeigen sich wiederum entlang bekannter geo- und innenpolitischer Spannungslinien.

In wohlhabenden Ländern wie denen Europas geht es trotz der sehr konkreten Gefahr, die die extreme Hitze darstellt, politisch bislang vor allem um recht abstrakte Themen. In Deutschland gipfelt die Thematik im Moment wie so oft in einer Diskussion über Bürokratie: Umweltminister Carsten Schneider (SPD) will das Grundgesetz anpassen, damit der Bund Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden mitfinanzieren darf. Die CDU hält dagegen, damit nicht noch mehr Bundesmittel an die Länder fließen und sie im Bundestag nicht zusammen mit der Linken für eine Grundgesetzänderung stimmen muss (und beklagt, dass die SPD noch zu wenig konkret mit ihren Vorschlägen werde). Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) will es Mietern derweil ermöglichen, selbstständig Klimaanlagen und Sonnenblenden einzubauen, was bislang häufig verboten ist.

Kulturkampf, Kapitel 27Am politischen Rand entfacht sich derweil eine charakteristische Polemik, nur diesmal rund um Klimaanlagen. In Frankreich forderte das RN unter Marine Le Pen auf einmal Klimaanlagen für alle und warf der Regierung eine “Ökologie aus der Steinzeit” vor. Sie spielt auch in das Narrativ ein, dass ihre linksgrünen (oder hier: liberalkonservativen) Rivalen der Bevölkerung ihre Klimaanlagen vorenthalten wollen. In Frankreich gibt es dabei längst einen Hitze-Notfallplan und die Regierung investiert gezielt in die Klimatisierung von öffentlichen Einrichtungen für besonders gefährdete Gruppen, wie Krankenhäuser und Altenheime. Trotzdem springen die Rechten damit auf ein populäres und politisch gewinnbringendes Thema auf – gerade vor dem Hintergrund der baldigen Präsidentschaftswahlen. Ähnliche Dynamiken lassen sich anderswo beobachten: In den USA rief der linke New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani die Bevölkerung im Juli dazu auf, ihre Klimaanlagen auf 26 °C zu setzen, um das überlastete Stromnetz zu schützen. Der republikanische Senator aus Texas, Ted Cruz, höhnte: “In einem Industrieland würde man seine Klimaanlagen anschalten können…”, obwohl ironischerweise in Texas ähnliche Empfehlungen geäußert werden.

Tatsächlich blickten linke und grüne Parteien traditionell skeptisch auf Klimaanlagen. In erster Linie, weil sie durch ihren Energieverbrauch eigens mehr Emissionen bedeuten (dazu später mehr) und weil sie aus dem Innenraum Wärme als heiße Luft auf die Straße blasen (was gerade in eng besiedelten Städten wie Paris zum Problem wird). Teils aber auch, weil linke und grüne Beobachter die Adaptationsmaßnahme als reine Symptompolitik und Ablenkung von einer grundlegenden Klimapolitik ablehnen (analog zu Skepsis gegenüber anderen technologischen Adaptations- und Emissionssenkungsmethoden wie CO2-Einspeicherung und Atomkraft).

Speziell seit dem Sommer 2026 zeigt sich hier allerdings auch eine gewisse Veränderung. Linke Parteien und Beobachter rufen plötzlich nach Klimaanlagen, zumindest in bestimmten öffentlichen Einrichtungen, darunter selbst die deutschen Grünen; in der Deutschen Welle taucht in einem Meinungsbeitrag plötzlich die Forderung nach Klimaanlagen nahtlos neben klimapolitischer Anklage gegen die Bundesregierung und Lobesrede an die Letzte Generation auf, als wäre es nie anders gewesen. Allumfassend ist das noch nicht: In den grünen und linken Basen und unter Klima- und Umweltschützern generell herrscht weiter viel Skepsis. Im belgischen Gent rief die linke Regierung etwa jüngst dazu auf, auf Klimaanlagen zu verzichten – “die beste Klimaanlage ist ein Baum”, so die Website der Stadt –, was zu Attacken rechter Politiker führte (und, da beide Seiten nicht Unrecht haben, im Grunde ein Aufeinandertreffen langfristig-struktureller und sofort-symptomatischer Positionen demonstriert). Und doch: Die politischen Lager in Europa suchen derzeit ihre Positionen rund um das neue Thema Klimaanlagen.

Die Wärmepumpe grüßt

Auch in Deutschland passiert das, wenn auch weniger laut und pressegerecht. Neben der Neuausrichtung bei den Grünen wäre da die AfD. Die Partei schob Hitzetote auf den “Klimawahn”, der für “ideologische Baufehler” sorge, und meint damit das Fehlen von Klimaanlagen in Deutschland. Eine Partei, die seit jeher den Klimawandel bestreitet, fordert jetzt also eine sofortige Antwort auf seine Symptome. Dabei kommt noch erschwerend hinzu, dass die AfD seit Jahren implizit Wahlkampf gegen Klimaanlagen führt – denn klassische Klimaanlagen sind nichts anderes als eine spezielle Form der Wärmepumpe. Die Geräte funktionieren zwar auf etwas unterschiedliche Weise, nutzen aber dieselbe Technologie.

Herkömmliche Klimaanlagen sind Luft‑Luft-Wärmepumpen, also einfach simplere Varianten der Geräte, um die in Deutschland seit einigen Jahren ein Kulturkampf entbrennt. Beide funktionieren über den Transport von Wärme von einem Medium in ein anderes, zum Beispiel von der Innenluft zur Außenluft, oder vom Grundwasser zum Wasser in der Heizung. Verschiedene Pumpen und Zwischenmedien wie Kühlgase oder Solen sorgen mit cleveren Tricks für den Wärmeaustausch. Das Einzige, was man von außen zuführen muss, ist elektrische Energie. Viele Wärmepumpen, die heute in Deutschland in Heizungen verbaut werden, können auch kühlen, entweder mit kleineren Anpassungen oder sogar von Haus aus – auch wenn dafür in der Regel eine Flächenheizung wie eine Bodenheizung benötigt wird.

Eine ehrliche Debatte muss also auch Möglichkeiten in Betracht ziehen, wie existierende Technologien und Infrastruktur effektiv gegen das sich verändernde Klima eingesetzt werden können. Wer neu baut, sollte Heizung, Kühlung und Stromversorgung nicht einzeln planen, sondern ein ganzheitliches Konzept konstruieren: z.B. mit flexibler Wärmepumpe, einzelnen Luft-Luft-Klimaanlagen zur punktuellen Unterstützung, und Photovoltaik für günstigen Strom am Nutzungspunkt. Die Anpassung an langfristig höhere Temperaturen lässt sich auch zuhause nicht mit nur einer Lösung bewerkstelligen, sondern verlangt einen vielschichtigen Ansatz.

Die Armen trifft es härter_

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Eine Visualisierung der Hitzewelle im Großteil Indiens 2022, auf Basis modifizierter Copernicus Sentinel-Daten. Quelle: Copernicus Sentinel, wikimedia

Was in Deutschland vor allem eine Frage der Organisation, der Bürokratie und der politischen Lagerstreits ist, ist in armen Ländern wie Indien dagegen eine Strukturfrage. Dort sind viele der Faktoren knapp, die die Implementierung von Technologie zum Hitzeschutz erfolgreich machen könnten: es fehlt an der Energieinfrastruktur, die den massenweisen Ausbau von Klimaanlagen qua Verfügbarkeit und Kapazität tragen könnte, es fehlt an Ressourcen wie den Geräten selbst, den finanziellen Mittel für die Bevölkerung um sie anzuschaffen, und selbst oft an Strom; und es fehlt an der Technologie, denn Patente und Lizenzproduktion für die neuesten, effizienten Geräte ist teuer und in armen Ländern wenig gewinnversprechend. Gleichzeitig ist die Situation sehr dringend, da viele Entwicklungsländer besonders stark unter Hitze leiden - und das zeigt sich in Unruhen in der Bevölkerung.

Während gewaltbereite Proteste um Klimaanlagen in Europa bislang noch ein Kuriosum sein mögen, sind Massenproteste wie in Indien längst die Norm. Auch in Pakistan, Bangladesch, Irak und Sri Lanka kam es jüngst zu ähnlichen Massenprotesten und Angriffen auf Behörden. All diese Länder teilen extrem hohe Temperaturen, mitunter um die 45°C, und relativ geringe Einkommensniveaus. Hier zeigt sich eine spezielle Spielart der Klimaanlagen-Politik: der schiere Zugang zu Kühlung, und die ungleiche Verteilung des Zugangs.

In die Schulden kühlen

Hohe Temperaturen sind in Süd(ost)asien und dem Nahen Osten keine Neuheit, entsprechend existiert der Bedarf für Klimaanlagen seit langem. Die Anlagen sind allerdings teuer, und weder die Einkommen der Bevölkerung noch die angespannten Haushalte der Regierungen machen den Zubau einfach. In Indien sind zwar allein zwischen 2019 und 2024 rund 50 Millionen Klimaanlagen-Einheiten hinzugekommen, und Analysten rechnen mit weiteren 130 bis 150 Millionen über die nächsten zehn Jahre, doch das deckt immer noch nur einen kleinen Teil der indischen Bevölkerung ab. Vor allem, da viele der Anlagen in Unternehmen, öffentlichen Gebäuden oder mehrfach in reichen Haushalten stehen dürften, statt in ärmeren Haushalten.

Ärmere Einwohner in den einkommensschwachen Staaten haben damit eine kleine Zahl an Optionen. Sie können mit behelfsmäßigen Maßnahmen wie Ventilatoren und offenen Fenstern einfach "durchleiden", doch auch das hat Grenzen. Ein gutes Beispiel dafür ist Indien. In Indien geht es nicht allein um die Temperatur, sondern auch um die Luftfeuchtigkeit. Auch die ist in den letzten zehn Jahren gestiegen, von durchschnittlich rund 67 Prozent auf etwa 71 Prozent. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kann der menschliche Körper seine Temperatur nicht selbst durch Schwitzen regulieren, die Hitze wird also umso gefährlicher. Das Zusammenspiel wird durch die sogenannte Feuchtkugeltemperatur gemessen – sie beschreibt die niedrigste Temperatur, die eine Oberfläche durch Verdunstungskühlung erreichen kann. Während wir durch ausreichendes Schwitzen Temperaturen über 40 °C zwar unkomfortabel, aber effektiv aushalten können, ist eine Feuchtkugeltemperatur von 35 °C auch für gesunde, ruhende Menschen mit ausreichend Trinkwasser nach wenigen Stunden tödlich. In Indien kommen diese immer häufiger vor, gerade in der Monsunzeit.

Außer durch Klimaanlagen lässt sich daran nichts machen. Sie sind die einzige Möglichkeit, diese vollkommen unaushaltbare Hitze einzudämmen. Umso wichtiger ist also der Zugang dazu. Der gestaltet sich aufgrund der enormen Ungleichheit im Land aber schwierig. Indien hat zwar seit dem Jahr 2000 die Elektrifizierung massiv ausgebaut, und etwa 99 Prozent der Haushalte im Land haben heute Zugang zu Elektrizität - diese ist aber sehr teuer und die Netzkapazität ist oft unzureichend, gerade auf dem Land. Im Mai dieses Jahres, auf dem Höhepunkt der Hitze vor dem Monsun, erreichte Indien die höchste Spitzenleistungsanforderung seiner Geschichte, rund ein Viertel davon kam von Klimaanlagen. Das Netz brach teilweise zusammen, Stromausfälle und Schäden an der Infrastruktur waren die Folge, Proteste gegen den Mangel erschütterten das Land. Gleichzeitig geben die ärmsten Haushalte in Indien schon jetzt rund 8 Prozent ihres Einkommens für Elektrizität zur Kühlung aus; in reichen Ländern sind es 0,2 bis 2,5 Prozent. Dabei müssen die ärmeren Inder oft auf Leihgeräte zurückgreifen, die alt und wenig energieeffizient sind und das Netz genauso wie die Haushaltsfinanzen weiter unter Druck setzen.

Bis 2035 könnte sich Indiens Bedarf an Elektrizität zu Spitzenzeiten verdreifachen, auf über 180 Gigawatt. Selbst wenn alle geplanten neuen Kraftwerke wie geplant fertiggestellt würden, prognostizieren Experten daher Stromengpässe ab 2028. Unter diesen Umständen ist es besonders schwierig, den Forderungen der Bevölkerung nach mehr und günstigerer Elektrizität nachzukommen. Netzbetreiber müssen in den Stoßzeiten oft selektiv den Strom abstellen, um Schäden am Netz zu vermeiden, gleichzeitig müssen Kapazitäten für Industrie und Verwaltung bereitgehalten werden - das führt zu Protesten, weil die Regierung scheinbar Elektrizität hortet während die ärmste Bevölkerung in tödlicher Hitze nicht einmal einen Ventilator betreiben kann. Indien drohen damit eine Energiekrise und damit einhergehende politische Verwerfungen, und der Druck dürfte in den kommenden Jahren nur zunehmen, denn auch die Folgen des Klimawandels werden in Zukunft nur noch extremer. Und auch Klimaanlagen spielen hinein.

Mehr Strom, mehr Energie, mehr Klimawandel

Obwohl Klimaanlagen immer energieeffizienter werden, treiben sie einen signifikanten Anstieg der globalen Energienachfrage an. Im Jahr 2035 sollen laut Prognosen etwa 4.500 Terawattstunden allein an die Kälteerzeugung gehen – das ist etwa der gesamte Energieverbrauch der EU, Japans und Koreas zusammengerechnet. Das setzt nicht nur das weltweite Stromnetz unter Druck, sondern verschärft auch entscheidend den Effekt, der den Anstieg überhaupt nötig macht: den Klimawandel. Schon heute entfallen etwa 4 Prozent der Treibhausgasemissionen weltweit auf die Kälteerzeugung – mit dem rasanten Wachstum des Sektors hängt ihr Anstieg vor allem davon ab, wie sauber die Energie ist, die den Zuwachs bei Klimaanlagen antreibt. Damit sind Klimaanlagen schlussendlich Teil des Gesamtproblems der Energiewende. Solange die nicht entscheidend voranschreitet, droht der weltweite Kühlzyklus der Klimaanlagen zum sich selbst verstärkenden Kreislauf der Erwärmung zu werden.

Studien schätzen die voraussichtliche zusätzliche Erderwärmung, die bis 2050 allein durch Klimaanlagen und ihresgleichen produziert wird, auf etwa 0,05 bis 0,07 °C. Im ersten Moment klingt das nach wenig, doch bei ca. 0,2 °C Erderwärmungsrate pro Jahrzehnt in den letzten drei Dekaden macht das drei bis vier “Extrajahre” an Erderwärmung aus (aus datenjournalistischer Sicht lässt sich hier übrigens auch demonstrieren, wie wichtig der Bezugszeitpunkt ist: Würden wir den Zeitraum 1998 bis 2012 heranziehen, in welchem die Erderwärmung dank bestimmter Wetterphänomene mit 0,05 °C auffällig niedrig blieb, was in der Forschung sogar die Bezeichnung “Hiatus” bekommen hat, wären Klimaanlagen scheinbar schlagartig für 10 bis 15 Extrajahre verantwortlich).

Auch weltweit ist es also entscheidend, den Einsatz von Kühltechnologie so effizient und ganzheitlich wie möglich zu gestalten, mit besonderer Beachtung der Stromproduktion und Netzstabilität. Auf Klimaanlagen zu verzichten, ist global und auch in Europa heute jedoch keine Option mehr. Die Welt und ihr lange mildester Kontinent sind in der Ära der Adaptation angekommen.

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