Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
- Fracking rückt inmitten lauterer Diskussionen über deutsche Energiesicherheit wieder etwas stärker in den Fokus.
- Die Technik ist zutiefst umstritten: Kritiker beklagen u.a. negative Umwelteffekte, Wasserverbrauch, Erdbebengefahr, Gesundheitsrisiken und negative Klimafolgen.
- Dabei können sie auf die Erfahrungen in den USA verweisen, welche ihren Wandel vom Energieimporteur zum -exporteur mit Umweltproblemen und hohen Emissionen erkauften.
- Inzwischen betonen die meisten Experten, dass die Umweltrisiken der Technik gering seien – dank neuer Technologien und deutscher Umweltregeln.
- Selbst die Klimaeffekte sind nicht völlig eindeutig; sie könnten plausibel positiv ausfallen, indem Kohle und importiertes LNG ersetzt werden.
- Die größte Hürde könnte damit politisch-gesellschaftlicher Natur sein: Fracking wird in der Bevölkerung zwar nicht mehr vollständig abgelehnt, doch bleibt kontrovers – und trifft auf kräftigen Widerstand von NGOs und Lokalinitiativen.
Wie Fracking funktioniert_
(5 Minuten Lesezeit)
Energiesicherheit
Es ist die Renaissance der Energiepolitik in Deutschland, oder zumindest einer ihrer Seiten. Seit der Energiekrise 2021 steht nämlich die Energiesicherheit wieder im Vordergrund zahlreicher Debatten. Es folgten in rascher Abfolge die russische Invasion der Ukraine samt Energie-"Decoupling", der davon beeinflusste Inflationssprung 2022/23, das destabilisierte Verhältnis zu den USA, welche heute das zweitmeiste Gas der EU beisteuern (hinter Norwegen), und nun eine Energiekrise aufgrund des Irankriegs 2026.
Nicht, dass der vorherige Hauptvektor der deutschen und europäischen Energiedebatte – Dekarbonisierung und Energiewende – nichts mit Energiesicherheit zu tun gehabt hätte. Europa bezieht rund 45 Prozent der fossilen Energieträger aus seinem Primärenergieverbrauch aus dem Import. Die Dekarbonisierung lässt sich damit auch als Autarkiezuwachs interpretieren (allerdings mit Schwachstellen, z.B. wegen der Fluktuation erneuerbarer Energien und der Importabhängigkeit bei zentralen grünen Lieferketten). Und doch: Es ging im öffentlichen Diskurs bei Politik, Boardrooms, Analysten, Medien und Stammtischen eher um die Klimapolitik als um Energiesicherheit. Heute ist das andersherum.
Wenn von "Energiesicherheit" die Rede ist, kann das grob gesagt drei Dinge meinen. Erstens, dass genug Energie vorhanden ist für all das, wofür sie gebraucht wird – nämlich Wärme, Transport und Strom, geordnet von größtem nach kleinstem Anteil. Zweitens, dass diese Menge zu einem gangbaren und halbwegs stabilen Preis verfügbar ist, damit Firmen wettbewerbsfähig bleiben und Haushalte passable Lebenshaltungskosten haben. Drittens, riskante politische Abhängigkeiten bei der Energie zu vermeiden, welche das Land irgendwann in die Situation von Versorgungsschwierigkeiten oder Preisrisiken bringen könnten – oder es durch die Androhung dessen einen Teil seiner politischen Autonomie einbüßt.Vor diesem Hintergrund regt sich seit Jahren gelegentlich eine bislang sehr stille Debatte: Warum nicht das Fracking wiedereinführen?
Wie Fracking funktioniert
Fracking steht kurz für Hydraulic Fracturing, und so wie eine "Fraktur" einen Bruch bedeutet, so geht es auch beim Fracking ums Aufbrechen. Die Methode bedeutet, eine Flüssigkeit (Frac-Fluid) – genauer mit bestimmten Chemikalien versetztes Wasser – unter hohem Druck in Gestein zu pressen. Das erlaubt die vereinfachte Förderung von Gasen und Flüssigkeiten im Boden, genauer Erdöl und Erdgas (seltener kommt Fracking auch bei der Wassergewinnung und Geothermie zum Einsatz). Häufig wird Fracking in Kombination mit der Horizontalbohrung verwendet, bei welcher nach einer senkrechten Bohrung ins Erdreich eine Ablenkung in die Horizontale folgt.
Erstmals erprobt wurde Fracking 1947, und zwei Jahre später erfolgreich kommerziell angewandt. Seitdem wurde es genutzt, um die Fördermengen von Öl- und Gasvorkommen zu steigern. Der große Durchbruch der Technik geschah allerdings in den frühen 2000ern. Das inzwischen technologisch verbesserte Fracking erlaubte es auf einmal, Schiefergas (shale gas) und Schieferöl (shale oil) zu fördern. Dieses "unkonventionelle" Gas und Öl ist anders als "konventionelles" Gas und Öl nicht praktisch in Hohlräumen vorzufinden, sondern in wenig durchlässigem Tongestein. Also brauchte es eine besondere Methode, um an die Energieträger wirtschaftlich sinnvoll heranzukommen.
Gut zu wissen: Die Zusatzstoffe beim Fracking sind Stützstoffe wie Quarzsand oder Keramikkugeln, welche die geschaffenen Risse (Fracs) offenhalten sollen. Dazu kommen Additive, welche vor Korrosion schützen, Bakterien abtöten und als Schmier- und Verflüssigungsmittel wirken sollen. Insgesamt besteht Frac-Fluid heute offenbar zu 95 bis 99 Prozent aus Wasser.
.png)
Die Shale Revolution
In den USA stieß das die "Shale Revolution" an. Das Land wandelte sich vom Netto-Energieimporteur zum Exporteur; geriet 2009 zum weltgrößten Gasproduzenten und 2018 zum weltgrößten Ölproduzenten. Entsprechend haben die USA auch ihre Energieunabhängigkeit deutlich ausgebaut. Sie sind zwar nicht isoliert von internationalen Märkten und Preisveränderungen, doch können diese besser abpuffern – und haben kaum Risiko, in echte Versorgungsengpässe zu geraten. Je nach Quelle gehen 70 bis 80 Prozent des amerikanischen Erdgases auf Fracking zurück.
Ein Modell für Deutschland und Europa? In Anbetracht der Dominanz des Themas Energie mehren sich zumindest die entsprechenden Wortmeldungen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) forderte zuletzt mehrfach, die Technologie einzusetzen, um heimische Vorkommen zu nutzen. Auch der CDU-Wirtschaftsrat fordert das; die FDP ohnehin bereits seit Jahren.
In Europa ist Fracking heute fast überall verboten oder eingeschränkt, doch das war nicht immer so. In Deutschland kam die Technik ab den 1960ern zum Einsatz, um Erdgas (tight gas) aus Sandstein zu fördern – das wird konventionelles Fracking genannt. Der Einsatz bei besonders dichtem Gestein wie Schiefer-, Ton-, Mergel und Kohleflözgestein, wo auch horizontales Bohren erforderlich ist, ist dagegen unkonventionelles Fracking und das, was in der Regel mit dem Begriff gemeint ist. Hierzu gibt es in Deutschland keinerlei Erfahrungen – und seit 2017 zudem ein gesetzliches Verbot. Die einzige Ausnahme sind Probebohrungen zu wissenschaftlichen Zwecken, doch auch die sind eng reglementiert und rar. Konventionelles Fracking an Sandstein ist zwar nicht verboten, doch findet faktisch auch nicht mehr statt.
Toxisch und unpopulär
Die Hauptgründe für das Verbot waren die befürchteten Umwelteffekte von Fracking. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), eine NGO und Lobbygruppe, beklagt durchaus repräsentativ, dass das in den Boden eingeleitete Frac-Fluid "giftig" sei. Bohrungen fänden nahe am Grundwasser statt, vor allem beim unkonventionellen Fracking, und würden dieses "häufig" verseuchen. Ökosysteme, Trinkwasser und die menschliche Gesundheit seien somit gefährdet. Der Wasserverbrauch sei äußerst hoch und die Emissionsbelastung ebenfalls, weil beim Fracking Methan austrete. Zudem kann es bei Fracking-Bohrungen in der Tiefe zu Erdbeben kommen, insofern bereits Spannungen im Untergrund vorlagen.
Diese Warnungen sind nachvollziehbar, denn die Anfangsphase der "Shale Revolution" in den USA ging tatsächlich mit hohen Umweltschäden einher. Diese hingen zwar häufig eher mit generell schwachen Standards als mit dem Fracking an sich zusammen, doch die Assoziation war da: Gasrückstände im Grundwasser in Pennsylvania, Explosionen in Wohngebäuden in Ohio wegen Gas im Trinkwasser. Die Dokumentarfilme Gasland (2010) und Gasland 2 (2013) sorgten für Aufsehen, unter anderem mit Szenen von brennendem Wasser aus dem Wasserhahn, wegen Methanverunreinigungen – was von der Industrie als Desinformation attackiert wurde. Erdbeben aufgrund von Fracking gab es nachweislich in den USA, Kanada, Argentinien und in China sogar einmal mit Todesfolge (beim hierzulande relativ prominenten Gasfeld in den Niederlanden, welches mit Erdbeben in Verbindung gebracht wird, kommt kein Fracking zum Einsatz).
Die Forschungslage_
(4 Minuten Lesezeit)

Nicht mehr das Fracking deines Großvaters
Experten blicken inzwischen jedoch weitaus freundlicher auf die Technologie, was vor allem damit zusammenhängt, dass sich in den vergangenen 20 Jahren viel getan hat. Da wäre ein Bericht der Expertenkommission des Deutschen Bundestages aus 2021. Ihr Befund: Die Umweltrisiken von Fracking ließen sich "minimieren", was die Gefährdung von Grund- und Oberflächenwasser, Methanemissionen und induzierter Seismizität (also Erdbebengefahr) meint. Das gelinge durch moderne automatisierte Steuerung, hochsensible Überwachung, weniger Bedarf für oberirdische Eingriffe, weniger Flächenbedarf dank horizontaler Bohrungen, "weniger toxische" sowie besser überwachte Zusätze im Frac-Fluid und ein besseres Wasserrecycling.
Gut zu wissen: Der Expertenkommission gehörten Forscher aus Stellen wie dem Umweltbundesamt, der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und dem Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) an. Ihr Befund basierte auf drei Studien, welche Erfahrungswerte aus vor allem den USA, doch auch Kanada, Australien und China dokumentierten. Diese Erfahrungen ließen sich weitestgehend übertragen – mit der Ausnahme, dass in Deutschland und Europa eine höhere Siedlungsintensität vorliegt.
Andere Experten äußern sich ähnlich. Der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel, früher BGR-Chef, rät zum Fracking und nennt Risiken für die Grund- und Trinkwasserversorgung "maßlos übertrieben". Der Spiegel zitiert Bernd Kirschbaum, Grundwasserschutz-Experte beim Umweltbundesamt (welches sich früher nicht gerade begeistert über das Fracking geäußert hatte), damit, dass die ökologischen Risiken sich inzwischen "stark begrenzen" ließen. Holger Weiß, vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ, sagt: "Heutzutage kann man Fracking mit einem vertretbaren Restrisiko machen", und Frac-Fluids seien kein Gift, sondern: "Das ist Spüli".
Geringe Umweltrisiken
Eine gemeinschaftliche Analyse der renommierten Forschungsinstitute Leopoldina, Acatech und der Union der deutschen Akademien und Wissenschaften aus dem Jahr 2023 nahm sich ebenfalls des Themas an. Die Umweltrisiken des Frackings bezogen auf Grundwasser, Methanemissionen und Erdbebengefahr seien heutzutage "gering", bestätigen sie. Es gebe weltweit tatsächlich nicht einmal Nachweise für eine Kontaminierung von oberflächennahem Grundwasser wegen Frac-Fluids; und bislang keine belastbaren Aussagen über gesundheitliche Effekte in der Umgebung (auch wenn einige Studien Korrelationen zeigen).
Mehr Unklarheit herrsche beim Wasserverbrauch. Eingesetzte Flüssigkeiten ließen sich zu 30 bis 70 Prozent recyclen und wiederverwenden, so die Studie, was den Wasserverbrauch senkt – doch das ist nicht ganz klar und bezieht sich offenbar auf Meldungen der Industrie. Und auch wie viel Flüssigkeit eingesetzt werden muss, ist unklar: Das Umweltbundesamt schätzt zwischen Tausend und einigen Zehntausend Kubikmetern pro Bohrloch, also eine große Spanne. Damit ist ein Beitrag zu Wasserknappheit in bestimmten Situationen nicht auszuschließen, auch wenn Experten wie Andreas Hagedorn, Chef des Berufsverbands Deutscher Geowissenschaftler (BDG), und Christoph Hilgers, Geologe am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), geringeSchwierigkeiten sehen.
Die Studie diskutiert zudem weitere Punkte als nur die Umweltrisiken: Fracking würde tatsächlich die deutsche Versorgungssicherheit erhöhen, so ihr Schluss. Und "technisch und rechtlich notwendige" Schritte würden bedeuten, dass deutsches Fracking nach einer Verbotsaufhebung "erst mittelfristig" anlaufen würde – womit die Institute fünf bis neun, oder im "Schnellverfahren" (angelehnt an das hohe Tempo beim Aufbau von deutschen Flüssigerdgas-Kapazitäten ab 2022) drei bis vier Jahre meinen. Damit wäre die Technik zwar keine rasante Krisenlösung, doch auch kein Dekadenprojekt wie manch Atomkraftwerk.
Ein... positiver Klimaeffekt?
Womöglich am überraschendsten für viele Beobachter dürfte sein, dass der Klimaeffekt von Fracking uneindeutig ist – und sogar positiv ausfallen könnte. Der Gedanke dahinter lautet, dass mit der heimischen Gasförderung und dem steigenden Angebot der Bedarf für die besonders schädliche Kohle und für importiertes Gas wegfallen könne – unter anderem amerikanisches Flüssigerdgas (LNG), welches heute knapp ein Viertel der EU-Importe ausmacht. Das spart jene Energie und Emissionen, welche für die Verflüssigung und den Transport von LNG anfallen (was derzeit knapp ein Viertel an Verlust darstellt). Plus Zusatzemissionen, welche bei Zulieferern wie den USA, Algerien und Qatar aufgrund laxerer Umwelt- und Klimaregulationen anfallen, aber in Deutschland verhindert würden, zum Beispiel bei Methanlecks.
Das Gegenargument lautet, dass durch das günstigere Gas womöglich überhaupt erst mehr Gasnachfrage entsteht, Importe also gar nicht ersetzt werden. Die Emissionen könnten also doch netto steigen, ungeachtet der beschriebenen Effizienzgewinne (auf globaler Ebene ist dieser Effekt praktisch auszuschließen, da das deutsche Mehrangebot zu gering wäre, um den Weltpreis und damit die Nachfrage zu bewegen).
Dazu kämen womöglich nachteilige "dynamische" Effekte, insofern die höhere Verfügbarkeit von günstigerem Gas den Bedarf für Dekarbonisierungsinvestitionen senkt, etwa in der Verstromung (erneuerbare Energien), im Transportsektor (Elektroautos) und bei Industrieprozessen (z.B. beim ohnehin äußerst schleppenden Hochlauf von grünem Wasserstoff). Das ist die größte Sorge von Unterstützern einer möglichst aktiven Klimapolitik: dass eine bessere Ausstattung mit fossilen Energien die Dekarbonisierung langfristig bremst.
Gut zu wissen: Amerikanisches LNG ist aufgrund der schwächeren Regulationen im Land, der Verflüssigung und des Transports dermaßen emissionsintensiv, dass der Treibhausgasausstoß insgesamt 33 Prozent schlechter als sogar bei Kohle ausfällt, so eine Studie. Für Unterstützer von Fracking wäre das ein Argument dafür, die Importe durch eigene Förderung zu ersetzen; für Gegner, wie die DUH, einfach vollständig auf LNG zu verzichten.
Das Potenzial (und die Hürden)_
(4,5 Minuten Lesezeit)

6 bis 12 Prozent
Wie viel Potenzial hat die Erdgasförderung in Deutschland? Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schätzt 320 bis 2.030 Milliarden Kubikmeter an förderbarem Schiefergas – also eine sehr weite Spanne. Das Umweltbundesamt vermutet 800 bis 940 Milliarden. Vieles davon befindet sich allerdings unter besiedelten Gebieten, Naturschutzgebieten, oder ist selbst mit Fracking äußerst schwer zugänglich. Damit bleibt laut der Studie der Institute um Leopoldina eine realistische Förderung von 5 bis 10 Milliarden Kubikmetern pro Jahr.
Das Volumen wäre kein "game changer", aber signifikant. Die 5 bis 10 Milliarden Kubikmeter entsprächen 45 bis 90 Prozent der deutschen LNG-Importe (11 Milliarden Kubikmeter) und 6 bis 12 Prozent des Erdgasverbrauchs (ca. 84 Milliarden Kubikmeter oder 847 Terawattstunden). Das ist zwar nicht ganz eine "Shale Revolution" im Stile der USA, doch würde spürbar mehr lokales Angebot und eben auch Energieunabhängigkeit bedeuten.
Gut zu wissen: Die weite Spanne erklärt sich mit uneindeutigen geologischen, aber auch betriebswirtschaftlichen Faktoren: Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln (EWI) schätzt, dass die Förderkosten von deutschem Fracking zwischen 26 und 43 EUR pro Megawattstunde betragen würden, der Gaspreis in Europa wird derweil für 2030 auf 18 bis 59 EUR/MWh geschätzt.
Die größte Hürde
Die Geologie mag das eine sein, die Politik ist das andere. Die öffentliche Meinung zu Fracking fällt, gelinde gesagt, verhalten aus. 2015 waren 61 Prozent der Deutschen für ein vollständiges Fracking-Verbot, was von 58 Prozent bei Unionsanhängern bis 87 Prozent bei Grünen-Anhängern rangierte. 2022, inmitten der Energiekrise, beurteilten 48 Prozent in einer Civey-Umfrage es als "sehr negativ", würde in ihrer Region gefrackt werden (und weitere 11,5 Prozent "eher negativ"). In einer jüngeren Online-Umfrage der Wirtschaftswoche aus 2023 sprachen sich bereits immerhin 40 Prozent fürs Fracking aus, 42 Prozent waren dagegen. In derselben Umfrage sagten jedoch 48 Prozent, dass Fracking notwendig sei, um Energiekrisen zu bewältigen; 38 Prozent negieren das.
Wenn die Bevölkerung zumindest skeptisch ist, so sind sich Klima- und Umwelt-NGOs völlig sicher in ihrer Ablehnung der Technik. Die DUH verlangt sogar, den Import von Fracking-Gas einzustellen, geschweige denn heimische Förderung zuzulassen. Bürgerinitiativen und Aktivisten drohen mit Protesten. In Niedersachsen, wo Fracking am stärksten zum Einsatz kommen dürfte, warnte der früherer Ministerpräsident Stephan Weil (SPD): "Überall da, wo auch nur über ein solches Projekt nachgedacht wird, bilden sich jede Menge Widerstände. Dann hätte man sofort wirklich jahrelange Streitigkeiten vor der Brust".
Gut zu wissen: Der frühere NATO-Chef Anders Fogh Rasmussen behauptete 2014 mit Bezug auf verbündete Geheimdienste, dass Russland als Teil seiner "ausgeklügelten Informations- und Desinformationstätigkeiten" auf Anti-Fracking-NGOs einwirke, um eine europäische Abhängigkeit von russischem Gas aufrechtzuerhalten. Das sorgte für Empörung unter den NGOs; 45 Organisationen und Bürgerinitiativen forderten Beweise oder eine Entschuldigung. In den USA machte der CEO eines Energiekonzerns 2015 einen ähnlichen Vorwurf. Beweise sind nicht bekannt; im Falle Rasmussens schien sich die NATO vorsichtig zu distanzieren: Er habe eine persönliche Meinung ausgedrückt.

Der Planungshorizont
Lange gab es in Deutschland dabei einfach keinen Grund für Fracking, denn russisches Erdgas war günstig. Dazu kam das wachsende Interesse an aktiver Klimapolitik ab den 2010ern mit dem Fokus auf Dekarbonisierung – der Zubau an heimischen fossilen Energien schien da einfach paradox. Bei dieser "Nutzen"-Seite ergab es wenig Sinn für die Politik, sich die "Kosten" einer heftigen Reaktion von Aktivisten und NGOs sowie Unverständnis in der Bevölkerung aufzuladen. Den Bericht der Bundestagskommission 2021 ignorierte die damalige Ampel-Regierung im Grunde vollständig; es gab keine Bundestagsdebatte und auch kein mediales Interesse.
Für Firmen, welche einen Einstieg in das Geschäft erwägen, spielen die politische Dynamik und die öffentliche Stimmung eine große Rolle. Nicht nur haben sie Reputationsrisiken zu beachten, sie benötigen auch Planungssicherheit, denn die Frackingprojekte rentieren sich aufgrund ihrer hohen Erschließungskosten erst nach ca. 20 bis 30 Jahren. Firmen tragen also das Risiko einer plötzlichen Policy-Wende in der Zukunft – wie Deutschland etwa beim Atomausstieg und Kohleausstieg bewiesen hat. Zudem ist das Ziel von Klimaneutralität bis 2045 ja bereits formuliert. Exportgarantien (damit deutsche Gashersteller auch über 2045 hinaus verkaufen können) oder Entschädigungsmodelle könnten die Unsicherheit zwar lindern, doch die Skepsis gegenüber einem Markteintritt könnte hoch sein.
Gut zu wissen: In Europa ist Fracking unter anderem auch in Frankreich und Österreich komplett verboten. In Polen und Rumänien ist es dagegen erlaubt, wenn auch stark reglementiert.
Ein Fazit
Wer sich in die Studienlage und die Expertenmeinungen zu Fracking einliest, findet vor allem eine Meinung immer wieder: Fracking ist heute keine wissenschaftliche Frage mehr, sondern eine gesellschaftliche. Die Risiken für Umwelt und Co. seien gering – sie seien also zwar nicht null und hingen von Umweltregulationen sowie dem Einsatz moderner Technik ab, doch würden damit im Rahmen dessen liegen, was bei jeglicher industrieller Tätigkeit zu erwarten sei.
Stattdessen geht es in erster Linie um die Frage, ob die Gesellschaft heimische Ressourcen nutzen möchte, mit den eben verbundenen Restrisiken und allen lokalen Konfliktpotenzialen, wie sie selbst bei Windrädern oder Teslafabriken auftreten. Dieser Einsatz könnte potenziell mit weniger ökologischem Fußabdruck einhergehen (wenn dadurch Kohle oder LNG aus den USA und anderswo ersetzt wird) oder aber mit einem längerfristig nettonegativen Effekt für den Klimawandel (wenn er die Dekarbonisierung bremst).
Auf die deutsche Energiesicherheit im Sinne von Verfügbarkeit und Unabhängigkeit hätte Fracking fast garantiert einen positiven Effekt. Auch wenn das realisierbare Potenzial keine "German Shale Revolution" darstellen würde, sondern eher ein bisschen Extraresilienz. Doch bereits diese würde weniger Risiko von Engpässen in Krisenmomenten wie 2021/22 und 2026 bedeuten; und es wäre weniger Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten wie Russland und den USA.
Akut zeichnet sich allerdings keine Fracking-Renaissance ab. Die darin eingesetzten Flüssigkeiten mögen zwar nicht mehr giftig sein, doch das Thema als solches ist es politisch immer noch – ungeachtet gewisser rhetorischer Vorstöße des Wirtschaftsministeriums. Dass in Deutschland in zehn Jahren gefrackt wird, ist derzeit also eher unwahrscheinlich. Wenn die deutsche Energiepolitik allerdings eines in den letzten Dekaden bewiesen hat, dann, dass sich lange wenig tut und dann schlagartig sehr viel.
Weiterlesen:
Zu Rohstoffen/Energie
Wie Ölkrisen funktionieren (2026)
Das kleine Comeback des Goldes (2025)
Die Energiekrise (2021)
Die Energiekrise, in zwei Teilen (2022)
Die Zukunft der Atomkraft: Small Modular Reactors (2024)
Die Zukunft der Atomenergie: Die Endlagerung (2024)
Das Ende der Atomenergie (2023)
Zu Geldpolitik
Der Dollar schwächelt (und was tut der Euro?) (2025)
Die Inflation ist vorüber (2024)
Die Rückkehr der Inflation (2021)
Zu Zöllen und Außenhandel
Das Missverständnis mit Handelsdefiziten (2025)
Wie Zölle funktionieren (und warum sie es meist nicht tun) (2025)
Worum es in der US-Wahl geht: Die Wirtschaft (2024)
Zu Schulden
Was es mit der Schuldenbremse auf sich hat (2024)
Die Welt in der Schuldenkrise (2022)
Der sinnlose, sinnlose Schuldenstreit in den USA (2022)
Worum es in der US-Wahl geht: Die Wirtschaft (2024)
Wirtschaftsrückblicke
Jahresreview 2021
Jahresreview 2022
Jahresreview 2023
Zu Deutschlands Wirtschaft
Das Ende der Atomenergie (2023)
Deutschland wagt die Wärmewende (2023)
Deutschlands Strukturkrise: Strom (2023)
Deutschlands Strukturkrise: Bürokratie (2023)
Deutschlands Strukturkrise: Fachkräftemangel (2023)
Die Lage mit LNG in Deutschland und Europa (2022)
Die kritische Infrastruktur in Deutschland und Europa (2022)
Zur “Polykrise” 2021/22
Die Energiekrise, in zwei Teilen (2022)
Die Welt in der Schuldenkrise (2022)
Die Welt kämpft mit der Nahrungsmittelkrise (2022)
Was ist los in der Weltwirtschaft? (2022)
Big Tech, die zweite Riege und der Crash (2022)
Die Chipindustrie, der Kreislauf und die Geopolitik (2022)
Zu EU, USA und Rest der Welt
Russlands Wirtschaft geht es nicht gut (2024)
Europas Süden wird zur Erfolgsstory (2024)
Argentinien unter Milei (2024)
Chinas Wirtschaft tut nicht, was sie soll (2023)
Ein Hauch von Finanzkrise (2023)
Worum es in der US-Wahl geht: Migration (2024)

.avif)
.jpg)