July 26, 2026
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OPEC: Ein Bruch in der Ölordnung

Die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen die OPEC – hinter den wirtschaftlichen Gründen steckt ein tiefer politischer Bruch.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die VAE treten nach 59 Jahren aus der OPEC aus und erschüttern damit die Energie- und Machtordnung im Mittleren Osten.
  • Der Kernkonflikt liegt zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten, ihre Strategie in der Ölpolitik läuft komplett auseinander.
  • Die Saudis wollen einen langfristig hohen Ölpreis durch Verknappung garantieren, die VAE dagegen setzen auf maximale Produktion und kurzfristige Gewinne.
  • Strukturelle Unterschiede treiben den Bruch an, Saudi-Arabien ist in seinem Strukturwandel von Ölgewinnen abhängig, die Emirate haben ihre Wirtschaft bereits diversifiziert.
  • Der Krieg im Iran legt tiefe sicherheitspolitische Spaltungen offen und beschleunigt den Zerfall der gemeinsamen Geopolitik der Golfstaaten.
  • Die Folgen sind eine schwächere OPEC, neue Allianzen im Nahen Osten und wahrscheinlich ein volatilerer globaler Energiemarkt.

Das Öl-Kartell bröckelt_

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Anfang Mai sind die Vereinigten Arabischen Emirate recht überraschend aus der OPEC ausgetreten – nach 59 Jahren der Mitgliedschaft. Die Organisation erdölexportierender Länder ist eine der wichtigsten internationalen Organisationen im Nahen Osten, und eine der einflussreichsten der Welt, denn ihre Mitglieder kontrollieren nicht nur etwa 35 Prozent der weltweiten Ölproduktion, sondern auch rund 80 Prozent der weltweit überhaupt nachgewiesenen Rohölvorkommen.



Trotzdem gehen die Emirate, die mit nur 11 Millionen Einwohnern zu den kleineren OPEC-Ländern gehörten, jetzt eigene Wege. Ihr Austritt erschüttert nicht nur die globalen Energiemärkte, sondern auch die machtpolitische Ordnung der Region. Die OPEC ist nämlich weit mehr als nur ein ökonomischer Zusammenschluss; die Organisation bestimmt seit den 70er-Jahren auch die Weltpolitik mit. Der Bruch zwischen Saudi-Arabien und den VAE wird mit deren Austritt und dem Krieg im Iran noch tiefer. Damit zeichnet sich in der arabischen Welt eine Verschiebung des Machtzentrums ab, bewegt durch die stets selbstbewusster und bestimmter handelnden Emirate.



Die Austrittsentscheidung der VAE hat zwei Dimensionen: Nach außen wird sie vor allem wirtschaftlich begründet, dahinter steckt aber auch politisches Kalkül. An der Oberfläche geht es um eine relativ einfache Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Strategie der OPEC. Die Organisation vertritt nämlich schon seit Jahrzehnten eine Politik, die vor allem die Bedürfnisse und Prioritäten Saudi-Arabiens widerspiegelt. Kurz gesagt sorgt die OPEC für eine scharfe Kontrolle der Ölproduktion ihrer Mitglieder, um so eine langfristige Preisstabilität und Vorhersehbarkeit auf dem Ölmarkt zu gewährleisten.



Für die Saudis ist das sinnvoll, weil so ein langfristig hoher Ölpreis garantiert werden kann, von dem der Staatshaushalt des Königreichs abhängig ist. Die Emirate dagegen wollen ihre Ölproduktion frei von den Produktionsquoten der OPEC maximieren, um kurzfristige Gewinne zu realisieren; die daraus resultierende, langfristige Senkung des Ölpreises hat für sie einen zusätzlichen strategischen Wert. All das steht dem Ziel der OPEC, und damit Saudi-Arabiens, diametral entgegen.

Was ist die OPEC?

Die OPEC ist eigentlich nichts anderes als ein zwischenstaatliches Kartell: Durch eine Zusammenarbeit der größten Ölexporteure der Welt will sie eine Monopolmacht auf dem Erdölmarkt darstellen, so die Marktbedingungen kontrollieren, und ihre Mitglieder dadurch gegen Preisfluktuationen auf dem Weltmarkt absichern. Ihr Hauptwerkzeug dabei sind künstliche Verknappungen oder Steigerungen der Ölproduktion in ihren Mitgliedstaaten, wodurch der Ölpreis gedrückt, angehoben oder stabilisiert werden kann. Die Organisation erlegt ihren Mitgliedern tagesgenaue Produktionsquoten auf und lenkt Investments in den Ausbau der Produktionskapazitäten. Einfach ausgedrückt ist die OPEC also ein Kartell zur Kontrolle des Erdölpreises.

Bei ihrer Gründung 1960 hatte die Organisation zunächst ein rein ökonomisches Ziel, denn sie sollte durch kollektive Verhandlungen der Produzentenländer die Macht des ursprünglichen Kartells der sieben gigantischen, multinationalen Ölkonzerne schwächen, die damals den globalen Markt kontrollierten und die Preise vorgaben. Schnell wurde klar, dass dieses Ziel auch eine gewaltige politische Tragweite hatte – denn Erdöl wurde im 20. Jahrhundert rasant zum wichtigsten Rohstoff der Weltwirtschaft. Der weltweite Nachkriegsboom, das deutsche Wirtschaftswunder, die Trente Glorieuses in Frankreich, wurden maßgeblich durch die Verfügbarkeit fossiler Energie aus Erdöl angetrieben. Gleichzeitig befand sich der weitaus größte Teil der weltweiten Erdölproduktion als strategische Ressource in den Händen der Supermächte USA und UdSSR. Der freie Weltmarkt wurde also vor allem durch die Golfstaaten gespeist.

Ab 1970 wurde die OPEC explizit politisch:Sie senkte die Fördermengen und hob den Ölpreis um 30 Prozent an, und strengte gleichzeitig die Verstaatlichung der Ölproduzenten in ihren Mitgliedstaaten an. Das wahre Potenzial der Erdölpolitik wurde drei Jahre später deutlich. Nach dem Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 verhängte die OAPEC, praktisch die OPEC der arabischen Welt, einen Exportboykott gegen jene Länder des Westens, die Israel unterstützten. Als Folge der Fördermengenverknappung und des Boykotts vervierfachten sich die Ölpreise. In vielen Ländern standen die Autos still, und mit der Ölkrise endete der ungebremste Aufschwung der Nachkriegszeit. Es wurde klar, dass die Ölversorgung der wichtigste Drehpunkt der Weltwirtschaft war, und dass die Kontrolle über Produktion und Export den Golfstaaten die Macht gab, sie zu ersticken.

Der globale Ölpreis und die Eingriffe der OPEC. Quelle: U.S. Energy Information Administration.

Zwischen Marktmonopol und Souveränität_

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Die Staaten der OPEC und OPEC+ nach dem Austritt der VAE. Quelle: Caspian Delta, wikimedia.

Seitdem ist deutlich, dass die Preispolitik der OPEC auch ein Werkzeug politischer Macht ist. Mit der Produktionskapazität ihrer Mitglieder bündelt die Organisation auch deren Machtpotenzial. An der Basis der OPEC steht dabei ein Paradoxon: Keines der einzelnen Mitgliedsländer produziert genug Erdöl, um den Weltmarkt selbstständig zu kontrollieren, nur als Gruppe kontrollieren sie genug der weltweiten Produktion, um ihn gezielt zu beeinflussen. Die OPEC bringt ihren Mitgliedsstaaten also enorme Macht. Gleichzeitig geben die Mitgliedsstaaten aber die Souveränität über ihre eigene Ölproduktion an die OPEC ab und verlieren so in großen Teilen die Kontrolle über die Inlandsproduktion. Mitgliedsländer können zum Beispiel nicht einfach entscheiden, dieses Jahr mehr Erdöl zu exportieren, um ein Haushaltsloch zu stopfen. Im Gegenzug für strategische Macht über den Weltmarkt verlieren sie also taktische Macht über ihre eigene Wirtschaft.

Solange die Interessen der Mitgliedsstaaten mit denen der OPEC übereinstimmen, ist das kein Problem. Doch für die VAE wurde dieses Paradoxon jetzt zu viel, denn die Interessen des kleinen Golfstaates stimmen schon lange nicht mehr mit denen des tonangebenden Nachbarn Saudi-Arabien überein. Grund dafür sind die fundamentalen Strukturunterschiede zwischen beiden Ländern.

Golfstaat ungleich Golfstaat

Vorhersehbarkeit und ein langfristig hoher Ölpreis sind für die Saudis enorm wichtig, denn das Land ist ein großer Flächenstaat mit einer schnell wachsenden Bevölkerung, der sich noch dazu in einem enormen Umbruch befindet. Seit 2016 holt Saudi-Arabien im Hauruckverfahren den Strukturwandel nach, den der Rest der Golfstaaten schon seit den 90er-Jahren durchlebt: Alte Hierarchien werden entmachtet, der Staatsapparat wird nach unternehmerischen Prinzipien umgestaltet, überall im Land werden gigantische Infrastrukturprojekte aus dem Boden gestampft.

Ziel der Vision 2030 ist es, Saudi-Arabiens Wirtschaft langfristig vom Öl unabhängig zu machen,denn der Staatshaushalt ist schon jetzt kaum noch in der Lage, den Anforderungen der jungen saudischen Gesellschaft gerecht zu werden. Weil die notwendigen Investitionen teils über Jahrzehnte geplant werden müssen und die Mittel des saudischen Staates weit überschreiten, braucht Saudi-Arabien langfristige Planbarkeit, auch um ausländische Investoren zu überzeugen. In der Zwischenzeit ist die gesamte saudische Wirtschaft vom Öl abhängig – alles wird von ihm finanziert, es bezahlt alle Staatsausgaben. Damit kann der Erfolg der saudischen Wirtschaft direkt an den Ölpreis gekoppelt werden. Momentan wird der Breakeven-Preis des saudischen Staatshaushalts auf 80 bis 85 Dollar pro Barrel geschätzt, ab dann ist er ausgeglichen oder im Überschuss.

Die Emirate dagegen wollen vor allem ihre Ölproduktion maximieren. Der Strukturwandel ist dort schon viel weiter fortgeschritten. Während die Erdölindustrie in Saudi-Arabien noch für etwa 45 Prozent des BIP verantwortlich ist, sind das in den VAE nur noch rund 30 Prozent. In manchen Emiraten spielt Öl sogar so gut wie gar keine Rolle mehr, in Dubai zum Beispiel macht es nur 5 Prozent des BIP aus. Die Wirtschaft der VAE ist mittlerweile hoch diversifiziert, das Land ist ein wichtiger Logistikhub und ein Zentrum des globalen Bankenwesens, der Dienstleistungssektor nimmt schon jetzt 55 Prozent des BIP ein und ist für rund 70 Prozent aller Arbeitsplätze verantwortlich.

Erdöl ist dort längst nicht mehr die Hauptpriorität,viel eher soll die Ölwirtschaft als Unterstützung anderer Sektoren fungieren. Durch die Einnahmen des Ölsektors können wichtige Investitionen getätigt werden, die den Standort VAE in der globalen Wirtschaft weiter stärken. Diese Sichtweise ist viel kurzfristiger, sie basiert auf schnellen Gewinnen, die auch schnell wieder in Investitionen umgesetzt werden, nicht auf der langjährigen Planung des Staatshaushalts. Es geht um Volumen, nicht um Vorhersehbarkeit und Kontrolle – auch, weil die VAE trotz ihrer geringen Größe die sechstgrößten Ölreserven der Welt besitzen, nach einigen Schätzungen doppelt so viel wie die USA oder Russland. Die will das Land so schnell wie möglich zu Bargeld machen; definitiv bevor eine globale Dekarbonisierung voranschreitet.

Im Zuge dieser Strategie hatte Abu Dhabis nationale Ölgesellschaft Adnoc bereits 2025 angekündigt, 150 Milliarden USD in den Ausbau der Produktionskapazität zu investieren. In den letzten sechs Jahren ist sie bereits um 40 Prozent gestiegen, Ziel sind etwa 5 Millionen Barrel pro Tag. Die OPEC hatte die Quote der VAE allerdings bei nur 3,4 Millionen Barrel pro Tag gedeckelt, etwa 30 Prozent unter der Kapazität. Damit hatten die VAE die geringste Nutzungsrate unter den OPEC-Ländern: Saudi-Arabien und Kuwait förderten im Durchschnitt 77 bis 84 Prozent ihrer maximalen Leistung. Das sorgte bei emiratischen Entscheidungsträgern für Frustration, denn für sie ist gerade jetzt die Zeit, um die Reserven zu versilbern, während sich die globale Energiewende entscheidend intensiviert.

Im Gegensatz zu Saudi-Arabien geht man in den VAE davon aus, dass die Golfstaaten als Erdölproduzenten mit niedrigen Kosten ihre Exporte so schnell wie möglich maximieren müssen. Nämlich bevor die Nachfrage nach Erdöl abflacht, durch langfristige Trends wie Elektrifizierung, erneuerbare Energien, Klimaschutz und sich verändernde Verbrauchsmuster in Europa und Asien. In diesem Kontext sind die Emirate viel eher bereit, niedrige Ölpreise zu akzeptieren, solange sie sich durch eine hohe Exportleistung eine bessere Positionierung auf dem Energiemarkt der Zukunft erkaufen können. Sie wollen lieber so schnell wie möglich vom Ölexporteur zum Energiedienstleister werden.

Strategische Reserve oder verschenktes Geld?

Diese Meinungsverschiedenheit weist auf eine fundamentale strategische Diskrepanz hin. Tatsächlich geht es um zwei inkompatible Zukunftsvisionen: Die UAE gehen davon aus, dass sich die Welt grundsätzlich verändern wird, und dass Erdöl bald seine Schlüsselrolle aus dem letzten Jahrhundert verliert. Die OPEC, und Saudi-Arabien in ihrem Herzen, halten dagegen weiter an ihrer bewährten Strategie fest: Öl als Treibstoff der Weltwirtschaft, Weltpolitik durch Marktkontrolle.

Der Konflikt beider Visionen wird dadurch verschärft, dass das zentrale Instrument der OPEC-Strategie die sogenannte Reserveproduktionskapazität ist. Sie bezeichnet Produktionsleistung, die zwar technisch schnell einsatzbereit ist, jedoch zurückgehalten wird – also den Unterschied zwischen der maximalen dauerhaften Produktion eines Landes und der tatsächlichen. In der Strategie der OPEC ist das sofort einsatzbereite zusätzliche Produktionsleistung, die Ölproduzenten jederzeit aufbringen können, um Störungen in der Ölversorgung einzudämmen.

Hier geht es um die zuvor erwähnten 30 Prozent der emiratischen Produktion, die die OPEC zur Untätigkeit verdammt hatte. Für die VAE sind sie verschwendetes Potenzial, für die OPEC hingegen ein wichtiger Hebel zur Machtprojektion, da sie mit den Reserven in der Hinterhand auf plötzliche Schocks reagieren kann. Andersherum würde ein Mangel an Reservekapazität bedeuten, dass das Ölangebot kurzfristig kaum ausgeweitet werden kann, im ökonomischen Sprech also inelastisch ist. Saudi-Arabien hat die größte Reservekapazität der Welt, gefolgt von den VAE.

Gleichzeitig bietet die Reservekapazität der OPEC dem Weltmarkt seit Jahrzehnten einen Resilienzindikator. Je höher sie ist, desto besser kann der Markt auf mögliche Krisen reagieren. Dadurch hat sie auch Signalwirkung: Eine hohe Reservekapazität beruhigt Händler und Investoren und schränkt damit die Preisvolatilität ein. Je geringer sie wiederum ist, desto volatiler die Preise, und desto höher die Risikoprämie auf dem Weltmarkt. Die Reservekapazität der OPEC dient dem Ölmarkt als Puffer – sinkt sie, kann die OPEC die Preise weniger beeinflussen, der Puffer schrumpft, und der Markt wird instabiler.

Noch Anfang dieses Jahres kontrollierte die OPEC etwa 35 Prozent der weltweiten Ölproduktion und rund 50 Prozent der Ölexporte. Seit dem Austritt der VAE ist ihr Anteil auf rund 30 Prozent gefallen. Schon daraus wird deutlich, dass die Emirate die Gesamtstrategie der OPEC unterminieren. Das Ziel der Organisation, langfristige Stabilität bei hohen Preisen zu gewährleisten, kann nur dann funktionieren, wenn sie eine Pluralität der weltweiten Ölproduktion hält. Alleingänger mit sehr hohen Exporten, so wie die Emirate jetzt einer werden, schwächen die Marktmacht der OPEC entscheidend. Genau darum geht es den VAE zweifelsohne auch – denn ihr Austritt ist weitaus politischer als die komplexe Ölwirtschaft es erahnen lässt.

Die Reserveproduktionskapazität der OPEC als Marktindikator. Quelle: U.S. Energy Information Administration.

Die Sicherheit sprengt die Ölpolitik_

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Es ist kein Zufall, dass der Austritt aus der OPEC gerade jetzt passiert. Die Spannungen und Interessenkonflikte zwischen den Emiraten und Saudi-Arabien sind nicht neu, sie bauen sich seit mindestens zehn Jahren auf; die Nachbarn unterstützen konkurrierende Fraktionen in den Bürgerkriegen des Sudans und Jemens. Auslöser für den aktuellen Bruch ist jedoch der Krieg im Iran.



Der Zusammenhalt der arabischen Golfstaaten ist dabei schon länger im Niedergang begriffen. Die markantesten Zerwürfnisse seit dem Arabischen Frühling 2011 waren wohl zwischen Saudi-Arabien und Katar (zeitweise drohte Riad, Qatar per Kanal in eine Insel zu verwandeln). Nach einer diplomatischen Krise 2017 haben sie zwar mittlerweile wieder diplomatische Beziehungen zueinander aufgenommen, doch Qatar hat seinen Austritt aus der OPEC 2019 nicht zurückgenommen. Offiziell ging es dabei darum, dass Katar vor allem Erdgas fördert, mit dem sich die OPEC nicht befasst. Trotzdem schwächte der Austritt des saudischen Rivalen die Organisation aber entscheidend, denn die OPEC ist inzwischen eben auch de-facto ein politisches Organ Saudi-Arabiens.



Der Krieg im Iran hat jetzt gezeigt, dass es schon lange keine gemeinsame Außenpolitik der Golfstaaten mehr gibt. Deren Verhältnis zu den USA, Israel und auch dem Iran hängt in der Luft, neue Allianzen bilden sich und alte brechen zusammen. Während die VAE, die selbst wiederholt durch Raketen aus dem Iran getroffen wurden, ein starkes Auftreten gegen den Iran fordern, hält sich Saudi-Arabien auffallend zurück. Auch saudisches Staatsgebiet wurde wiederholt angegriffen, darum allein geht es also nicht. Die Saudis beschwichtigen den Iran und äußern sich stattdessen immer wieder gegen Israel und damit auch die USA – kein Bruch mit letzteren, aber ein Versuch der sanften Ausbalancierung.



Unter Feuer aus dem Iran haben die VAE dagegen die strategische Allianz mit den USA und Israel bekräftigt. Seit den Abraham Accords 2020 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen Israel und den Emiraten; das Land ist nach wie vor einer der freundlichsten arabischen Staaten im Umgang mit Israel. Andersherum unterstützte Israel die Emirate offenbar sogar militärisch gegen iranische Angriffe. Für die VAE ist das Verhältnis mit Israel damit ein Mittel zu regionalem Einfluss und zu einem besseren Verhältnis zu den USA, aber auch in sich sicherheitspolitisch nützlich. Saudi-Arabien wählt dagegen seit dem Gazakrieg wieder eine vorsichtigere Linie gegenüber Israel. Kurz gesagt: Die VAE und Saudi-Arabien orientieren sich strategisch in unterschiedliche Richtungen.

Ein Ausblick

Der Konflikt könnte das politische Gefüge der Golfregion vollends zerbröckeln. Neben der OPEC schwächelt auch der GCC, also der Gulf Cooperation Council, in welchem die arabischen Golfstaaten organisiert sind. Die VAE zeigen sich ganz offen enttäuscht von der Reaktion des Rates auf den Krieg und setzen jetzt auf eine eigenständige Abschreckungs- und Verteidigungspolitik gegen den Iran, wohl in noch engerer Zusammenarbeit mit den USA und selbst mit Israel. Der Austritt aus der OPEC zeigt, dass das Land jetzt entschieden seinen eigenen Weg geht.

Auf dem Energiemarkt droht derweil vor allem eines: mehr Unvorhersehbarkeit und Instabilität. Weniger eindeutig ist die Preisentwicklung. Instabilität bedeutet meist Risikoprämien und höhere Preise, doch eine Ausweitung der Produktion seitens der VAE – nicht mehr gebunden durch OPEC‑Quoten – könnte auch zu fallenden Ölpreisen beitragen. Das bleibt vorerst theoretisch: Erst wenn die Straße von Hormus wieder offen ist, kann es überhaupt wieder ernsthaft um ein Herab- oder Heraufregeln von Fördermengen gehen.

Zu guter Letzt droht aber auch eine Intensivierung der Auseinandersetzung zwischen den VAE und Saudi-Arabien. Da der saudische Haushalt direkt vom Ölpreis abhängig ist, muss das Land auf jeden Preiskampf hart reagieren. Sollten die VAE damit beginnen, den Ölpreis selbst als Machtinstrument zu gebrauchen, ließe eine saudische Antwort wohl nicht lange auf sich warten. Der Ölmarkt, an welchem in den vergangenen Monaten von Mängeln und Krisen die Rede war, könnte sich alsbald in einem Preiskrieg und einer Angebotsschwemme wiederfinden.

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