January 11, 2026
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10 Minuten Lesezeit

Venezuela und das Öl

Gewaltiges Potenzial, zumindest auf den ersten Blick.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
  • Die amerikanische Einflussnahme auf Venezuela geschieht derzeit ausdrücklich auch mit Hinblick auf die Ölproduktion des Landes.
  • Die Trump-Regierung verlangt eine Steigerung der Produktion, um den Ölpreis zu senken - und will dafür auch die "Kontrolle" übernehmen.
  • Tatsächlich produziert Venezuela derzeit unter seinem Potenzial und zwei Drittel unter dem Niveau von vor 15 Jahren.
  • Das hängt teilweise mit US-Sanktionen, doch primär mit zwei Jahrzehnten Misswirtschaft zusammen.
  • Eine Professionalisierung und Steigerung des venezolanischen Ölsektors ist für das verarmte Land vielversprechend und bietet den USA geoökonomischen Machtzuwachs.
  • Dazu kommt, dass die Raffinerien in den USA besonders auf das schwere Öl angewiesen sind, welches in Venezuela gefördert wird.
  • Dieses zu fördern und zu transportieren, ist allerdings besonders teuer. Gepaart mit politischer Unsicherheit, Fachkräfte- und Kapitalmangel und einem niedrigen Ölpreis wirkt eine große Investitionsoffensive derzeit unwahrscheinlich.
  • Für Venezuela würden bereits kleine Verbesserungen wertvoll sein, doch der politische Preis könnte eine teilweise Aufgabe der eigenen Souveränität an die USA sein.

Den Ölsektor aufbauen_

(6 Minuten Lesezeit)

Die USA attackierten am 3. Januar 2026 Venezuela und nahmen Präsident Nicolás Maduro sowie dessen Ehefrau gefangen. Über die spektakuläre Aktion wurde bereits viel geschrieben, und zahlreiche interessante Elemente tauchen auf: Sei es, dass die beteiligte Eliteeinheit in einer Replik von Maduros Präsidentenpalast trainierte (was nicht unbedingtungewöhnlich ist; in China existiert ein "Mini-Taipei") oder dass das Weiße Haus die Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard aus den Planungen heraushielt, weil es der Isolationistin offenbar nicht über den Weg traute.

Dann wäre da die Frage, warum der Angriff geschah. Die offizielle Begründung des Kampfs gegen Drogenbanden wird angemessenerweise kaum ernst genommen. Venezuela ist kein wichtiger Anbaustandort für Kokain (stattdessen sind es Peru und Kolumbien) und kein primärer Transithub (sondern Ecuador und Mexiko). Für die schwere Opioidkrise in den USA spielt es überhaupt keine Rolle. Dass Maduro persönlich in Drogenschmuggel involviert war, ist nicht erwiesen. Und ohnehin hatte US-Präsident Donald Trump nur zwei Wochen zuvor den Ex-Präsidenten von Honduras begnadigt, welcher wegen Drogenschmuggels verurteilt war und in Haft saß.

Alles nur ums Öl?

Stattdessen lautet ein Verdacht, dass es den USA um den Zugriff auf venezolanisches Öl gehe. Zugegeben, ist "Verdacht" nicht unbedingt der richtige Begriff, wenn Trump selbst doch vollkommen offen davon spricht. Allein in einer Pressekonferenz am 3. Januar erwähnte er „Öl“ 20 Mal. Er will venezolanisches Öl kontrollieren und er formuliert die Vision, den Ölpreis langfristig auf 50 USD zu drücken

.Was genau meint „kontrollieren“? Die Trump-Regierung scheint sich ein Modell vorzustellen, nach welchem die USA die Verfügungsmacht über die venezolanischen Ölumsätze besitzen, wahlweise durch physische Kontrolle der Fässer (Barrel) oder Kontrolle der Konten, auf welche die Umsätze daraus fließen. Die Trump-Regierung erklärte mehrfach, dass Caracas unter der neuen Interimspräsidentin Delcy Rodríguez den amerikanischen Forderungen zugestimmt habe, darunter konkret, zwischen 30 und 50 Millionen Barrel an die USA zu übergeben. Aus Caracas heißt es bislang nur, Handelsbeziehungen mit den USA zu wünschen.

Eine Inspiration dafür könnte der Irak sein, wenn auch nur in Teilen. Nach dem Irakkrieg 2003 richteten die USA mit Mandat des UN-Sicherheitsrats ein Konto bei der Federal Reserve of New York ein (der New Yorker Sparte der Zentralbank), auf welches die irakischen Ölumsätze künftig flossen – und das bis heute tun. Der Irak hat vollständigen Zugriff auf diese Gelder und nutzt sie für seinen Haushalt; im Januar 2025 lagen rund 2 Milliarden USD auf dem Konto.

Der amerikanische Plan für Venezuela klingt derzeit jedoch weitreichender. Die USA wollen nicht nur Konten für Caracas einrichten, sondern diese auch noch „permanent“ kontrollieren, so Trump und sein Energiesekretär Chris Wright – also vermutlich darüber mitentscheiden, was mit den Geldern passiert. Und sie somit als Druckmittel gegen die venezolanische Regierung einsetzen können.

Der Nutzen des Öls

Übernehmen die USA tatsächlich die effektive Kontrolle über die venezolanischen Ölreserven (oder die Vermarktung dieser und der Umsätze aus ihnen), genießen sie eine Reihe von Vorteilen. Sie würden die Mehrheit der Reserven in der westlichen Hemisphäre kontrollieren und könnten den Ölpreis stärker beeinflussen, was geopolitische Hebel kreiert und andersherum Abhängigkeiten senkt. Fällt der Ölpreis, käme das amerikanischen Firmen und Haushalten zugute. US-Firmen könnten prioritär in die Förderung von venezolanischem Öl involviert werden, mitsamt der damit verbundenen Rendite. Und zu guter Letzt ist da auch das Gefühl von einem Stück Gerechtigkeit: Westliche Firmen, vornehmlich amerikanische, wurden vor 18 Jahren von der Chavez-Regierung enteignet und klagen seitdem auf kollektiv 60 Milliarden USD Schadensersatz.

Gut zu wissen: Die einzige amerikanische Energiefirma, die nach der Verstaatlichung 2007 im Land geblieben ist, ist Chevron.

Dazu kommt, dass die USA das Öl tatsächlich gebrauchen könnten. Das ist insofern unintuitiv, als die USA heute der größte Ölproduzent der Welt sind. Die Fracking-Revolution von vor über zehn Jahren machte sie vom Importeur zum Exporteur. Öl ist allerdings nicht gleich Öl. Was nämlich aus den Feldern im westlichen Texas oder in North Dakota gepumpt wird, ist meist relativ leichtes, gut flüssiges Öl. Die Raffinerien, welche in den vergangenen Jahrzehnten gebaut worden sind, häufig am Golf von Mexiko, sind jedoch auf schwereres, dickflüssiges Öl spezialisiert. Insgesamt trifft das auf 70 Prozent der US-Raffineriekapazitäten zu, so ein Branchenverband. Und dieses schwere Öl importieren die USA aus Staaten wie Kanada, Mexiko und... Venezuela.

Der Zugriff auf venezolanisches Öl, ob nun per Handel oder als quasitributäres Verhältnis, hat für die USA also tatsächlich Relevanz für die eigene Versorgung, nicht nur für die größere Marktsituation. Das ist durchaus neu, denn der Irakkrieg – entgegen einer popkulturell beliebten Erklärung – hatte keinerlei Effekte auf die amerikanische Ölversorgung. Dass es nun anders ist, sagt auch die Trump-Regierung: "Unsere Raffinerien am Golf sind die besten in der Welt, um schweres Öl zu verarbeiten, und es gab eine weltweite Knappheit von schwerem Öl. Also denke ich, dass es große Nachfrage aus der Industrie geben wird", so Außenminister Rubio.

Gut zu wissen: Mehr venezolanisches Öl würde die USA auch unabhängiger von Kanada machen, jenem Verbündeten, welchen die Trump-Regierung mitunter als Rivalen zu interpretieren scheint. Es steuert einen Großteil des schweren Öls der USA bei.

Win-Win?

Das Weiße Haus beteuert, dass sein Plan auch den Venezolanern zugutekäme. Theoretisch kann das stimmen. Venezuela sitzt heute auf 18 Prozent der globalen Ölreserven, doch stellt weniger als 1 Prozent der Produktion. Die Diskrepanz bedeutet für Venezuela, dass es realisierbaren Umsatz liegen lässt, welcher in den wirtschaftlichen Wiederaufbau des verarmten Landes einzahlen kann. Es gibt dafür zwei große Gründe. Einer ist die Art des Öls, doch der größere die Ineffizienz des venezolanischen Ölsektors.

In den 1970ern verstaatlichte Venezuela den Ölsektor und schuf den Staatskonzern PDVSA. Er wurde von Technokraten und Experten geleitet, bis die sozialistische Chavez-Regierung um die Jahrtausendwende an die Macht kam. Sie durchsetzte PDVSA mit Loyalisten und sorgte für einen spektakulären Kompetenzverlust und Investitionsrückgang, welcher sich in den folgenden Jahren und auch unter Maduro sichtbar in den Produktionszahlen zeigte. Heute produziert Venezuela zwei Drittel weniger als noch Ende der 2000er, nämlich nur noch rund 1 Million Barrel pro Tag. Das ist weniger als Libyen, welches Jahre an Bürgerkrieg hinter sich hat und de-facto zweigeteilt bleibt. Der Staatskonzern PDVSA mit seinen 70.000 Mitarbeitern wird inzwischen vom Militär kontrolliert.

Die USA implizieren übrigens, dass diese Ineffizienz ein Grund für den Angriff gewesen sei. "Das Ölgeschäft in Venezuela ist ein totaler Reinfall gewesen, ein totaler Reinfall für eine lange Zeit", so Trump. Amerika würde Milliarden von Dollar investieren, um es wieder auf die Beine zu bringen – und "Geld für das Land zu verdienen". Mehr venezolanisches Öl würde geringere Weltmarktpreise und mehr Verfügbarkeit jener Sorte, welche die US-Raffinerien benötigen, bedeuten.

Gut zu wissen: Zum Teil ist die Misere in der venezolanischen Ölindustrie auch durch US-Sanktionen zu erklären, welche den Sektor seit 2019 stark belasten. Die gesamte Krise erklärt das jedoch nicht, denn sie begann bereits Jahre vorher.

Das klingt nach einer perfekten Synergie. Geld für das verarmte Venezuela, Öl für die energiehungrigen USA. Die Ölumsätze in Venezuela können praktisch gar nicht weniger in der Bevölkerung ankommen, als es unter Maduro der Fall war. Und die USA würden sich etwas unabhängiger von den Golfstaaten und von Kanada machen, jenem Verbündeten, welchen die Trump-Regierung als Rivalen bewertet, und der viel schweres Öl liefert. Und niedrigere Ölpreise obendrein, was für praktisch jeden Wirtschaftsakteur gut ist, außer ölproduzierende Staaten und bestimmte Energiekonzerne.

Die Herausforderungen_

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Quelle: wikimedia
Nicht genug Ölpreis

Die Synergien mögen perfekt wirken, doch die Realität ist ein wenig komplizierter. Ein Mix aus politischen und ökonomischen Gründen wirft Zweifel daran auf, dass die goldene Trumpsche Vision in Erfüllung gehen kann.

Auf der wirtschaftlichen Seite warten strukturelle und betriebswirtschaftliche Probleme. Venezuelas Öl ist wortwörtlich dickflüssig und damit deutlich schwerer, teurer und umweltschädlicher zu extrahieren und zu transportieren – auf Englisch heißt es "heavy crude". Es benötigt deswegen vergleichsweise hohe Investitionen, um die venezolanischen Ölreserven nutzbar zu machen. Das setzt einen entsprechend höheren Ölpreis voraus, damit sich die teuren Vorabinvestitionen lohnen.

Aktuell ist der Ölpreis jedoch eher niedrig: Die Marke Western Texas Intermediate (WTI), auf welche Trump sich bezieht, wenn er von 50 USD spricht, liegt derzeit bei knapp 59 USD – die Folge von gewöhnlicher Nachfrage bei hohem Angebot. Neue Förderprojekte, welche in Venezuela gerade im Bau befindlich sind, setzen nach Analystenschätzungen einen Breakeven-Preis von 80 USD voraus. Selbst wenn künftige Projekte effizienter wären, ist ein Preis in den 50ern für sie unter Berücksichtigung der Risiken womöglich nicht mehr rentabel.

Die Strukturprobleme

Selbst wenn der Ölpreis hoch genug läge, um Investitionen attraktiv zu machen, blieben die strukturellen Probleme. Venezuela fehlt es an lokalem Kapital und an Fachkräften (viele davon gehören zu den 8 Millionen Menschen, die seit 2014 aus dem Land geflohen sind). Insofern der Staatskonzern PDSVA in die Produktion eingebunden bleibt, wird das auf absehbare Zeit einen Deckel für die Effizienz darstellen. Eine solche Einbindung, meist in Form eines Joint Ventures, ist jedoch gewöhnlich die Vorgehensweise, wenn ein ausländischer Konzern in Venezuela operieren möchte.

Dazu kommt die Politökonomie: Venezuela wird die Produktion kurzfristig nicht steigern können, wenn die Lage im Land uneindeutig bleibt. Was genau haben die USA mit Venezuela vor? Kann sich die Rodriguez-Regierung etablieren? Solange beides unbeantwortet bleibt – und die USA die Blockade vor der Küste nicht lockern, in welcher sie Öltanker festsetzen –, wird Venezuelas Produktion weiter fallen statt steigen. Und auf längere Sicht geht es für Firmen um die Frage, ob das Land politisch stabil, gewaltfrei, vorhersehbar und rechtsstaatlich genug ist, um zu investieren.

Vermutlich doch kein Öltopia

Die Kombination all dieser Punkte ist eine ernsthafte Herausforderung. Ausländische Firmen werden nicht mit hohen Vorabkosten in den venezolanischen Ölsektor investieren, wenn die Ölpreise zu niedrig liegen, die politische Lage instabil ist und es im Land an benötigtem Kapital und Humankapital mangelt. Die USA könnten Investitionsprojekte zwar – wie sie andeuten – mit staatlichen Geldern fördern, doch auch das besitzt realistische Limits.

Entsprechend verhalten reagiert die Industrie derzeit. Einige Finanzinvestoren sammeln zwar bereits Kapital ein, um in Rohstoffprojekte in Venezuela zu investieren, doch die großen Energieriesen zeigen sich auffällig still. Insidern zufolge sagen die Firmenchefs im Hintergrund, dass sie nicht interessiert seien. Auch Banken und Versicherungen, welche beteiligt sein müssten, seien skeptisch. Analysten prognostizieren eher verhaltene Produktionsanstiege: S&P Global Energy rechnet mit 1,35 Millionen Barrel am Tag bis 2028, Kpler immerhin mit bis zu 1,8 Millionen Barrel. Das wären immer noch 40 Prozent weniger als vor 15 Jahren.

Um auf das Niveau von 2010 zurückzukehren, bräuchte es laut der Beratungsfirma Rystad Energy Investitionen in Höhe von 110 Milliarden USD bis 2030. Das ist doppelt so viel, wie alle amerikanischen Ölfirmen 2024 weltweit investiert hatten – und wohlgemerkt recht riskant. Zusammengefasst: Ein spektakuläres Comeback des venezolanischen Ölsektors ist derzeit eher unwahrscheinlich.

Für die USA ist das verkraftbar. Der Zugriff auf noch mehr Öl spielt für die USA heute einfach nicht mehr die Rolle, die er in den 1940ern oder 70ern hatte. Mehr schweres Öl würde den US-Raffinerien zwar zugutekommen, doch der größte Ölproduzent und viertgrößte Exporteur der Welt kommt auch jetzt zurecht. Dazu passt, dass der Ölverbrauch pro Kopf heute global weniger als halb so hoch ist wie noch 1979. Dank Erdgas, Erneuerbaren und Effizienz ist Öl heute also verhältnismäßig weniger wichtig, als es einst war.

Größer ist das Potenzial für Venezuela. Die einst reichste Nation Lateinamerikas gehört heute zu ihren ärmsten, nach kaufkraftbereinigtem BIP pro Kopf nur von Haiti und Honduras unterboten. Jede Öffnung, Professionalisierung und Vergrößerung des Ölsektors wäre wertvoll – doch ob Caracas auch zu einem Modell bereit ist, bei welchem es dafür mit seiner Souveränität bezahlt, ist fraglich. Ob Washington überhaupt die Wahl lässt, ebenso.

Gut zu wissen: Mit Rohstoffreichtum können eigene Probleme einhergehen, etwa wirtschaftliche und daraus resultierend politische Machtzentralisierung (als "Rohstofffluch" bekannt). Der Zugriff auf die Extraktion, den Transport und die Vermarktung des Rohstoffs ist attraktiv und greifbar; das kann der kontrollierenden Fraktion viel Macht bieten und zu Konflikten zwischen Fraktionen um die Kontrolle führen.
Ein weiteres Problem ist die "Dutch Disease", welche beschreibt, dass der Rohstoffsektor den Rest der Wirtschaft schwächt: Die hohen Umsätze aus z.B. Öl locken Arbeitskräfte und Kapital in den Sektor, was sie in anderen Branchen teurer macht. Die Ölexporte stärken die Währung, was andere Exportbranchen schwächt, da ihre Produkte im Ausland jetzt teurer sind. Das Ergebnis ist eine Wirtschaft, welche immer stärker auf den Rohstoffsektor zugeschnitten ist – und damit zutiefst abhängig von (nicht einfach steuerbaren) Entwicklungen beim globalen Rohstoffpreis ist.
Diese Risiken gelten natürlich auch für Venezuela, und zwar schon jetzt, und würden es umso mehr tun, wenn der Ölsektor gestärkt wäre. Allerdings gilt hier tatsächlich: "Schlimmer kann es kaum werden". Bereits jetzt fließen die Ölumsätze in hohem Maße der Maduro-Elite zu; und die venezolanische Wirtschaft ist desolat. Machtkonzentration und wirtschaftliche Destabilisierung sind also keine Risiken, denn sie sind bereits Realität – nur auf einem geringeren Einkommensniveau.

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