Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
- Ein rasanter Anstieg chinesischer Exporte erinnert an den "China-Schock" vor 20 Jahren, als China in günstige Produktkategorien vorstieß.
- Das dürfte den westlichen Volkswirtschaften insgesamt zugutegekommen sein, doch führte zu sektoralen Verwerfungen und politischen Folgen.
- Der heutige China-Schock konzentriert sich auffällig auf Hightech-Branchen, und anders als früher steigert China seine Importe kaum.
- Die Dynamik resultiert teilweise gezielt aus einer Strategie der chinesischen Regierung, teilweise ungeplant aus der Konjunkturschwäche des Landes und seiner sehr aktiven Industriepolitik.
- Gepaart mit einem strategischen Fokus auf Innovation und Pekings gewachsenem geopolitischem Selbstbewusstsein blicken westliche Staaten mit viel Skepsis auf die Exportschwemme.
- Sie bringt zwar günstige Preise und subventioniert z.B. die Dekarbonisierung, doch riskiert sektorale Deindustrialisierung, Innovationsverlust und Abhängigkeiten. Vor allem Europa ist exponiert.
- Die Optionen auf Policyebene sind limitiert: Protektionistische Maßnahmen haben eigene Kosten; Nichtstun ist jedoch ebenfalls keine Option.
Der erste China-Schock_
(3 Minuten Lesezeit)
Für Europäer und Nordamerikaner, welche in den frühen 2000ern aufwuchsen oder in den Arbeitsmarkt eintraten, ist eine gewisse China-Angst praktisch Teil der politischen DNA. Es war schließlich die Ära des "China-Schocks", jener Phase explosiv wachsender chinesischer Exporte, welche die Volkswirtschaften des Westens allermindestens verändert hat. Heute ist von einem "zweiten China-Schock" die Rede. Worum geht es diesmal – und was könnten die Auswirkungen sein?
Der erste China-Schock lief von etwa 2001, als sich China der Welthandelsorganisation anschloss, bis 2007. In diesen sieben Jahren vergrößerte sich der chinesische Leistungsbilanzüberschuss um spektakuläre 8,6 Prozentpunkte, von 1,3 auf 9,8 Prozent vom BIP. Zum Vergleich: Der deutsche Überschuss betrug 2025 4,5 Prozent. Das Volumen der Güterexporte vervierfachte sich im selben Zeitraum.
Gut zu wissen: Die Leistungsbilanz ist eine Kennzahl der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (praktisch Buchhaltung für Staaten) und fungiert als Metrik dafür, wie ein Land mit dem Rest der Welt interagiert, also ob es mehr verkauft als einkauft. Neben Güter- und Dienstleistungsexporten sowie -importen umfasst die Leistungsbilanz auch den grenzüberschreitenden Fluss von Kapital- und Arbeitseinkommen sowie Entwicklungshilfe und private, nicht-marktrelevante Überweisungen (remittances).
Niedrigere Preise, verlorene Arbeitsplätze?
Was die Effekte dieser "Exportschwemme" waren, ist nicht ganz eindeutig zu sagen. Ökonomen diskutieren bis heute, ob der China-Schock einen nettopositiven oder -negativen Effekt auf den Arbeitsmarkt in den USA und anderen westlichen Ländern hatte. Auf der negativen Seite bedeutete der Aufstieg der (günstigen) chinesischen Industrie, dass jene anderswo weniger gebraucht wurde, zumindest bei den gleichen Produkten, was also Wertschöpfung und Arbeitsplätze wegbrechen ließ.
Doch andersherum bedeuten günstige Importe geringere Preise. Das kommt nicht nur Verbrauchern zugute – sie profitierten laut einer Studie aus 2019 von Ersparnissen in Höhe von 411.000 USD pro verlorenem Industriejob –, sondern auch sämtlichen Firmen entlang der Wertschöpfungskette, welche jetzt weniger Kosten verbuchen, stärker investieren können und mehr Arbeitsplätze schaffen. Dazu kommt ein wohlhabenderer chinesischer Absatzmarkt, welcher die eigenen Exporteuren stärkt. Das Ergebnis könnten also mehr Wertschöpfung, höheres Wirtschaftswachstum, höhere Lebensstandards und auch mehr Arbeitsplätze sein. Ökonomen tendieren mehrheitlich zu einem nettopositiven Gesamteffekt, übrigens auch für die Industrie selbst. Drei Forscher, welche 2013 und 2016 die Literatur zu negativen China-Effekten angeführt hatten, räumten das 2021 ebenfalls ein und sahen nur noch für 6,3 Prozent der US-Bevölkerung einen nettonegativen Effekt auf ihr Einkommen.
Win-Win(-Lose)
Unabhängig von den Diskussionen über den Gesamteffekt gilt eine Sache praktisch als gesichert: Der China-Schock schuf Gewinner und Verlierer. Die Wirtschaft und die Industrie als Ganzes profitierten zwar netto, doch bestimmte Industriebereiche litten; meist solche, welche ohnehin bereit abgehängt und kaum import-kompetitiv waren. Schätzungen darüber, wie hoch der Anteil des China-Schocks an den amerikanischen Industriejob-Verlusten von 2001 bis 2007 war, reichen von 550.000 (rund 16 Prozent aller Industrie-Jobverluste) bis 2,4 Millionen (ganze 70 Prozent). Die übrigen 30 bis 84 Prozent wären dementsprechend auch ohne jeglichen China-Schock verloren gegangen. Das zeigt, dass gar nicht abschließend klar ist, inwieweit chinesische Importe nun tatsächlich das Ende bestimmter westlicher Industrie beschleunigt haben.
Mit den sektoralen und geografischen Verwerfungen gingen aus den gestiegenen chinesischen Importen vermutlich auch politische Folgen einher. 82 von 722 US-Regionen erlebten Nettoverluste bei ihrem Einkommen, so die Studie aus 2021. Auf Bundesstaaten-Ebene beziffert eine andere Studie aus 2025 die Zahl der "Verlierer" auf 18. Einige Forscher verbinden das mit politischer Polarisierung: Laut einer Analyse aus 2026 korrelieren Arbeitsplatzverluste in amerikanischen Industriehubs mit mehr Zustimmung für die Republikaner und populistische Kandidaten. Mehrere Studien legen nahe, dass britische Regionen, die exponierter gegenüber chinesischen Importen waren, 2016 wahrscheinlicher für den Brexit stimmten; und in Italien korrelierten chinesischer Wettbewerb für kleine Textilfabriken mit Zustimmung für die rechte Lega Nord.
Gut zu wissen: Eine Studie aus 2020 (übrigens ebenfalls von den drei Ökonomen, welche die "China-Schock"-Literatur 2013 anstießen) schätzt konkret, dass weniger chinesische Importe die Wahlergebnisse in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania 2016 anders hätten ausfallen lassen, und damit die Präsidentschaftswahl 2016, bei welcher Donald Trump gewann.
China-Schock 2.0_
(7,5 Minuten Lesezeit)
Wenn heute also von einem "zweiten China-Schock" die Rede ist, geht es erneut um chinesische Exporte, doch es geht auch um die damit verbundenen, befürchteten Risiken. Industriesterben, Arbeitsplatzverlust, politische Polarisierung und mehr (über Chancen, z.B. steigende gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung, wird seltener gesprochen). Ein reiner Blick auf die Zahlen scheint anzudeuten, dass der zweite China-Schock milder ausfällt, vielleicht das Label gar nicht verdient: Der Leistungsbilanzüberschuss stieg von 2018 bis 2025 nur um 3,6 Prozentpunkte, auf 3,8 Prozent des BIP (wobei 2018 wegen des US-chinesischen Handelsstreits auch noch ein Ausreißer nach unten war; verglichen zu 2017 sind es heute nur 2,3 PP Anstieg), verglichen zu 8,6 PP im ersten China-Schock; und das Volumen der Güterexporte stieg um 60 Prozent, weitaus weniger als die Vervierfachung von damals.
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Der reine Vergleich der Zahlen verdeckt allerdings einige Realitäten, denn die chinesische Wirtschaft ist seit 2007 schließlich deutlich gewachsen. Die Prozentwerte beziehen sich also auf eine weitaus höhere Basis; selbst die geringeren Anstiege haben somit stärkere absolute Effekte. Gemessen an einem globalen BIP-Anteil ist der Anstieg im Leistungsbilanzüberschuss zu damals vergleichbar. Die Exporte scheinen auf etwas weniger Industrien konzentriert zu sein, was sie womöglich sektoral bedeutsamer macht (allerdings sind die Daten dazu nicht ganz klar). Zu guter Letzt geht es um eine andere Art von Gütern, und das könnte große Folgen haben.
Halbleiter statt Poolnudel
Im ersten China-Schock ging es um all jene Güter, für welche China in den frühen 2000ern die Reputation als "Werkbank der Welt" erlangt hatte. Relativ günstige, Low-Tech-Industrieprodukte, Textilien und Ähnliches. Wenn heute von einem "China-Schock 2.0" die Rede ist, geht es um weitaus modernere, kapitalintensivere Produktkategorien: Elektroautos, Batterien, Solarpaneele, Windturbinen, Smartphones, Netzwerkequipment und mehr. Allein der Export von Elektroautos hat sich seit 2020 verdreiundzwanzigfacht, von 3 auf 69,6 Milliarden USD Wert (anders ausgedrückt, eine Steigerung von 2.200 Prozent). Das meiste davon saugt Europa auf, nämlich zuletzt rund 40 Prozent. Ein weiteres Viertel geht nach Asien.
Der Fokus auf relative Hightech-Güter hat drei Effekte. Erstens, fühlt es sich im Westen anders an: Auch unter chinesischen Plastikbechern und Günstigtextilien litten bestimmte Firmen, doch jetzt geht es auf einmal um Güterkategorien, welche öffentlich stärker und als wichtiger wahrgenommen werden oder in welche auch Haushalte mit höheren Einkommen involviert sind (z.B. in Form ihres Arbeitsplatzes). Zweitens, handelt es sich dabei um Kategorien, welche als innovationsrelevanter wahrgenommen werden: Wer keine Batterien mehr herstellt, kann auch nur noch peripher an der Batterieninnovation teilnehmen, womit potenzielle zukünftige Wertschöpfung "verloren" geht. Drittens, die relative Relevanz der betroffenen Sektoren schafft geopolitische Hebel für ein immer selbstbewusster agierendes China. Eine Dominanz bei Poolnudeln mag nicht allzu kritisch sein, doch wenn die europäische Versorgung mit Batterien oder bestimmten Elektronikprodukten mehrheitlich aus China stammt und nicht einfach zu ersetzen ist, kreiert das Abhängigkeiten.
Woher kommt der Schock?
Die Exportschwemme hat dabei zum Teil strategische Ursachen, zum Teil eher ungeplante. Die Xi-Jinping-Regierung setzt ausdrücklich auf eine investitionsintensive Wirtschaft und unterstützt Firmen in Sektoren, die es als zukunftsträchtig und politisch relevant identifiziert, direkt. Sei es mit Subventionen, günstiger Regulation (welche z.B. den Markteintritt ausländischer Firmen reglementiert) oder einer künstlich schwach gehaltenen Währung, was Ausfuhren erleichtert. Über Exporte dann Umsätze und Devisen (ausländische Währung) hereinzuholen sowie die eigene Rolle in globalen Lieferketten zu erhöhen, ist Teil der Strategie.
Gut zu wissen: Wie hoch sind die chinesischen Subventionen? Das ist nicht bekannt und ein wohl gehütetes Staatsgeheimnis. Der US-Thinktank CSIS schätzt allein für die Elektroautobranche beachtliche 231 Milliarden USD zwischen 2009 und 2023. Für einen Größenvergleich mag das deutsche Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz (SVIK) herhalten: Er umfasst ca. 570 Milliarden USD (um in dieselbe Währung umzurechnen) und 12 Jahre Laufzeit, womit die chinesischen Subventionen für einen einzigen Sektor ein ganzes Drittel dieses historischen deutschen Investitionspaket ausmachen würden.
Allerdings führt die aktive Industriepolitik, insbesondere in Kombination mit einer heimischen Konjunkturschwäche, auch zu einem großen Überangebot für den eigenen Markt. Die Subventionen rufen neue Firmen ins Leben und regen existierende Firmen zu mehr Produktion an. Und zwar dermaßen stark, dass es in vielen Branchen zu einem ruinösen Preiskampf gekommen ist: Firmen versuchen, einander zu unterbieten, um ihre Waren überhaupt noch an den Markt zu bringen. Der Export wird für diese Firmen nicht nur zur lukrativen Umsatzquelle, sondern häufig zu einer notwendigen Überlebensmaßnahme.
Das zeigt sich auch in der Preisentwicklung. Im ersten China-Schock stiegen die Preise der chinesischen Güterexporte zwischen 2000 und 2007 um rund 40 Prozent. Heute, zwischen 2018 und 2025, haben sie sich dagegen überhaupt nicht verändert: Bis 2022 stiegen sie zwar, sogar schneller als vor zwanzig Jahren, doch im Angesicht der dann eintretenden Konjunkturschwäche (pünktlich zum Zero-Covid-Schock in der chinesischen Wirtschaft) brachen sie wieder um 20 Prozent auf das Ursprungsniveau ein.
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Auch die Importe entwickeln sich anders. Vor 20 Jahren wuchs Chinas Importvolumen beständig, denn das Land nutzte seine Devisen, um im Ausland einzukaufen – auch jene Maschinen und Ausrüstungen, die es für seine Exportproduktion benötigte. Damit profitierte das Ausland wiederum vom chinesischen Boom. Heute haben sich die chinesischen Importvolumina seit 2018 praktisch gar nicht verändert, trotz kräftigem BIP-Wachstum im selben Zeitraum. Der zweite China-Schock materialisiert sich bislang also nicht in Vorteilen für ausländische Exporteure – China exportiert, doch kauft nicht ein.
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Gut zu wissen: Medial und politisch ist von chinesischer "Überproduktion" die Rede, auch einige Ökonomen nutzen in der öffentlichen Kommunikation den Begriff. Was genau "Überproduktion" ist, ist allerdings nicht klar definiert. Wenn Produktion im Ausland verkauft werden kann, kann sie eigentlich keine "Überproduktion" darstellen, welche schließlich impliziert, dass zu viel von etwas existiere. Was gemeint ist: Das Angebot in China ist künstlich erhöht, insoweit es durch staatliche Förderung auf ein Niveau angehoben wird, welches die heimische Nachfrage deutlich übertrifft. Firmen hätten dieses Niveau nicht organisch gewählt, und nun versuchen sie die hohe Produktion zu vergleichsweise sehr niedrigen Preisen und für relativ geringe Profitmargen im Ausland zu vertreiben. Der Begriff der Überproduktion versucht, diese Dynamik zu erfassen. Im Kern bleibt er aber unscharf definiert und ein politisches Schlagwort – was an andere politisierte, ökonomisch klingende Begriffe wie "Übergewinne" erinnert.
Der Fokus auf Innovation
Das chinesische Interesse an innovativen Branchen ist seit Jahren auffällig und ein Politikum im Westen, immerhin wird es auch in Strategiepapieren wie Made in China 2025 als Ziel formuliert. Konkret lautet die Befürchtung, dass die chinesische Exportstärke in Bereichen wie Batterien und Solarpaneelen die ausländischen Industrien in Sachen Innovationsfähigkeit schwächt und die chinesische stärkt. Letztere erlebt dank der größeren Produktionsmengen mehr Lerneffekte, und ist dank höherer Umsätze imstande, mehr in Forschung und Entwicklung sowie Skalierung zu investieren. Die westliche Industrie büßt an diesen Fähigkeiten ein – oder existiert im Extremfall einfach nicht mehr in relevantem Ausmaß.
Interessant ist in diesem Kontext auch das chinesische Verhalten bei Auslandsinvestitionen. Das könnte zwar ebenfalls unter einen "China-Schock" gezählt werden, wird genau genommen aber nicht von dem Schlagwort in seiner aktuellen Form mitgemeint, da es darin nur um die Exporte des Landes geht (und theoretisch können Auslandsinvestitionen und Exporte gegeneinanderlaufen, etwa, wenn eine Firma eine Fabrik in Europa errichtet, statt dorthin zu exportieren). China verfolgt seit etwas über einem Jahrzehnt eine ausgesprochen aktive Form der Auslandsinvestitionen, und zielt dabei häufig auf innovative Sektoren ab – auch das ist ein ausdrücklicher Teil der Made-in-China-2025-Strategie. Ziel scheint es zu sein, einen Wissenstransfer zu bewirken.
Eine neue Studie dreier Forscher der Universitäten Georgetown (USA), Nanyang (Singapur) und der Europäischen Zentralbank bietet Hinweise auf das strategische chinesische Vorgehen. Sie erkennt nicht nur, dass chinesische Investoren stark zu Europa (42 Prozent) und Nordamerika (38 Prozent) als Ziele für Auslandsinvestitionen tendieren, sondern auch, dass sich die Investitionsziele im Anschluss ungewöhnlich verhielten: Nach der Übernahme investierten nunmehr chinesisch kontrollierte westliche Firmen deutlich stärker in Forschung und Entwicklung als eine Kontrollgruppe (um rund 7 Prozentpunkte), doch verbuchten eine schwächere Kapitalrendite (minus 1,1 PP) und keinerlei Veränderung in den angemeldeten Patenten – anders als die chinesischen Mutterkonzerne, deren Patentanmeldungen sich im Jahr der Übernahme schlagartig verdreifachten und später weiter stiegen.
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Die Studie kann zwar keinen strikten Kausalzusammenhang herstellen (und es bleiben gewisse methodologische Limitationen), doch sie deutet an, dass chinesische Firmen ihre Übernahmen tatsächlich für Technologietransfer nutzen. Diese Dynamik passt nicht nur zur einer kritisch tendierenden, anekdotisch gewachsenen Reputation Chinas im Westen, sondern eben auch zu den formulierten Strategien des Landes – und die Studienautoren konnten die Dynamik für kein einziges anderes Land replizieren.
Gut zu wissen: Die Studie nutzte ein Datenset aus 161.773 Firmen aus 159 Ländern und stellte mehrstufige Eigentumsketten für sie her. Das erlaubt es auch die Nutzung von Offshore-Hubs wie Hongkong oder den Cayman Islands zu durchschauen. Allein durch Letztere seien 800 Milliarden USD von insgesamt 3,3 Billionen USD an ausländisch investiertem chinesischen Kapital geflossen.
Export, triff Geopolitik
Der neue China-Schock sorgt auch deswegen für Aufsehen, weil Peking heute weitaus selbst- und machtbewusster agiert, als es vor 20 Jahren der Fall war. Es kollidiert immer häufiger mit westlichen außenpolitischen Interessen oder verdrängt westlichen Einfluss im Rest der Welt. Wirtschaftlich-technologischer Bedeutungsgewinn für China wird heute in Europa, Nordamerika und anderen Orten mit viel Skepsis betrachtet. Wenn das Land jedoch in allerlei hochtechnologischen Lieferketten nicht nur Einfluss gewinnt, sondern teilweise unersetzlich wird, schafft das wirtschaftliche, technologische und politische Abhängigkeiten, und mit ihnen Hebel für Peking.
Inzwischen ist das keine bloße Theorie mehr: China schnitt im vergangenen Jahr den Zugang Europas und Nordamerikas zu seltenen Erden ab, was zu Verwerfungen in mehreren Industrien führte. Nur einige Monate später stoppte es inmitten eines Streits um den Autozulieferer Nexperia die Lieferung von Komponenten für diesen, was die europäische Autoindustrie traf. Ähnliche Vorgänge dürften in der Zukunft zunehmen. In jedem Fall zeigen sie ein weiteres Risiko des China-Schocks auf.
Wie es weiter geht_
(4 Minuten Lesezeit)
Ein "konjunktureller" Teil des China-Schocks dürfte mittelfristig abflauen: Chinas Industrie kann nicht ewig in ruinösen Preiskämpfen verbleiben und die Konjunktur wird in den kommenden Monaten oder Jahren sicherlich wieder anziehen, womit der chinesische Binnenmarkt mehr Güter aufsaugen wird. Ein Teil der chinesischen Exportschwemme wird sich damit von selbst lösen.
Dann bleibt allerdings noch der strukturelle Teil. Die staatliche Bevorteilung chinesischer Firmen wird sie auf absehbare Zeit imstande versetzen, internationale Wettbewerber eher zu unterbieten; und Peking hat bereits neue Strategien formuliert, welche das Wachstum als wichtig befundener Technologiefelder zur Priorität erheben – vermutlich mitsamt Subventionen und einem strategisch vorangetriebenen Einflussausbau in den globalen Wertschöpfungsketten. Die Technologiefelder, welche Peking konkret benennt, sind KI, Quantencomputing, humanoide Roboter, Biotechnologie, 6G-Telekommunikation, Elektromobilität und Batterien, sowie "low-altitude economy" (z.B. Drohnen). Außerdem soll KI bis 2030 in 90 Prozent der Wirtschaft eingebunden sein. Das deutet weitere direkte staatliche Fördermaßnahmen an.
Zugleich lässt Peking nicht erkennen, die heimische Nachfrage strukturell steigern zu wollen: Ökonomen (vornehmlich westliche) empfehlen dem Land seit längerem, seine Wirtschaft vom derzeitigen Fokus auf Infrastruktur- und Immobilieninvestitionen sowie Export stärker auf den Binnenkonsum umzuschichten. Tatsächlich ist der Konsumanteil des BIP mit 40 Prozent ziemlich gering (USA: ca. 70 Prozent), und der jahrzehntelange Investitionsfokus bedeutet Verschuldung, sinkende Rendite und Preiskämpfe; der resultierende Export führt zu Handelsstreitigkeiten mit dem Ausland. Peking scheint das allerdings nicht zur Priorität zu machen, sondern möchte den Investitionsfokus beibehalten, nur eben auf besagte Hochtechnologie umfokussieren.
Gut zu wissen: Mehr dazu erfährst du in unserem Explainer: Chinas Wachstumssorgen und das "Rebalancing" aus März dieses Jahres.
Europa an der WegscheideDer zweite China-Schock wird also auf absehbare Zeit fortgehen, und mit ihm energische politische Debatten. Das gilt vor allem für Europa: Wo der erste Schock vorwiegend die USA traf, sind diese nun dank der Trumpschen Zölle stärker isoliert – was Europa umso exponierter macht, da noch größere Exportmengen dorthin fließen. Schon jetzt diskutiert die EU, welche den Freihandel eigentlich stets nominell als Priorität beschreibt, protektionistische Maßnahmen, um die heimischen Industrien gegen chinesische Exporte zu schützen. Das könnte in den kommenden Monaten und Jahren zunehmen. Die Kosten wären allerdings real: Verbraucher und Firmen würden höhere Preise erleben, und Chinas Rolle in wichtigen Wertschöpfungsketten wie Dekarbonisierung und Energiesicherheit würde diese Großprojekte überproportional verteuern. Dazu käme die reelle Gefahr chinesischer Vergeltung, welche dann europäische Exporteure negativ treffen würde. Das alles würde das Wachstum und die Innovationsfähigkeit senken.
Gut zu wissen: Innerhalb Europas ist vor allem Deutschland betroffen, aufgrund seines wichtigen Autosektors. Da Deutschland, wie China, ebenfalls historisch einen kräftigen Leistungsbilanzüberschuss verbucht (sprich, viele Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskraft exportiert) spricht der Historiker Adam Tooze von einem "Bandenkrieg unter Merkantilisten". Zwei Länder, welche in den Rest der Welt exportierten und Geld von dort aufsaugten, gehen nun gegeneinander vor. Kleines Addendum: Genauer bezeichnet Tooze es als "mercantilist-on-mercantilist violence", was eine Anspielung auf die Kriminalitätsberichterstattung in den USA ist, wo mitunter von "black-on-black violence" die Rede ist – doch dieses Ausdrucksmuster gibt es im Deutschen nicht, also übersetzte die whathappened-Redaktion hier sinngemäß.
Europa steht damit vor einem schwierigen Balanceakt, und seine Optionen auf Policyebene sind limitiert beziehungsweise riskant. Tut es nichts, riskiert es sektorale Deindustrialisierung, technologisches Hinterherhinken und politische Verwerfungen – auch der zweite China-Schock könnte Populisten zugutekommen. Schützt es seine Branchen, garantiert das höhere Preise und riskiert Handelsstreitigkeiten sowie einen globalen Auftrieb protektionistischer Maßnahmen. Das Endergebnis dürfte etwas zwischen den beiden Polen sein: selektiver Protektionismus, mäßig erfolgreiche Handelsgespräche, und viel eigene Industriepolitik (sprich, Subventionen und Ähnliches), um jene Pekings zu kontern. Proaktiv ist seitens China keine Handlung zu erwarten, und die konjunkturelle Aufhellung im Land wird nur einen Teil der Exportschwemme bremsen.
Gleichzeitig sollte die aktuelle Dynamik nicht allein als Ausdruck chinesischer Stärke interpretiert werden. Schließlich ist die Exportschwemme in vermutlich hohem Maße eine Konsequenz des historisch schwachen Wachstums, welches China derzeit erlebt (wohlgemerkt selbst wenn die als relativ unzuverlässig geltenden offiziellen Zahlen herangeführt werden). Da seine Firmen zuhause für ihre Produkte einfach keine Abnehmer finden, subventioniert Peking gewissermaßen die Wertschöpfungsketten im Ausland (und erhält im Gegenzug Exporterlöse und steigenden Einfluss). Das verschafft Europa und anderen Abnehmerländern wiederum Verhandlungsmacht: Die Androhung protektionistischer Maßnahmen ist für Peking nicht trivial, da sie fragile Branchen und damit das ohnehin schwache Wachstum gefährden könnten.
In dieser Gemengelage entstehen allermindestens klare Handlungsanweisungen für Firmen. Um sich dem Druck aus China zu erwehren, werden sie strenger auf ihre Profitabilität achten müssen, bestimmte Segmente aufgeben und Dividenden zugunsten von Investitionen zusammenstreichen (die drei großen deutschen Autobauer zahlten noch 2023 ganze 31 Milliarden EUR an Dividenden an Aktionäre aus, trotz hoher China-Konkurrenz). Konsolidierungen in betroffenen Branchen sind wahrscheinlich, um Effizienzgewinne zu realisieren und Innovation ins Haus zu holen. Entwicklungszyklen müssen durch organisatorische Reformen verkürzt werden.
Hier entstehen auch wieder Empfehlungen an die nationale Politik, ungeachtet des Balanceakts rund um Handelsgespräche und Industriepolitik. Schafft es Europa, seine klassischen Strukturprobleme rund um überbordende Bürokratie, langsame Genehmigungsprozesse, teure Energie, Arbeitskraftmangel und häufig hohe Steuern zu lösen, versetzt es seine Firmen weitaus leichter imstande, obige Maßnahmen zu ergreifen. Dann ließe sich der China-Schock zu etwas formen, in welchem sich Wettbewerbsdruck und gesamtwirtschaftliche Vorteile besser die Waage halten.
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