October 25, 2026
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15 Minuten Lesezeit

Israel ringt um die Zukunft (und mit sich selbst)

Das nervöse, polarisierte Land wählt am Dienstag zwischen zwei unterschiedlichen Visionen.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

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  • Israels erste Wahl seit 2022 ist zugleich die erste politische Abrechnung mit dem 7. Oktober 2023 und seinen Folgen.
  • Premier Netanjahu kämpft einmal erneut um den Machterhalt und damit auch seine persönliche rechtliche Sicherheit; die Opposition will seine Ära beenden – wie schon seit vielen Jahren.
  • Netanjahus ultrarechte Koalition trug zu heftiger Polarisierung bei, attackierte die demokratischen Institutionen und trieb die Vision eines ethnonationalistisch-religiösen Israels voran.
  • Der Wahlkampf dreht sich vor allem um Innenpolitik: Justizreform, Korruption, Demokratie, Lebenshaltungskosten und den Umgang mit dem 7. Oktober.
  • Eine neue Zweckgemeinschaft der Mitte um den Ex-Oberbefehlshaber Gadi Eisenkot bildet eine breite, aber heterogene Anti-Netanjahu-Front. Eine Mehrheit bleibt trotz guter Umfragewerte schwierig, es sei denn, eine arabische Partei hilft.
  • Ein Oppositionssieg brächte vermutlich eine innenpolitische Kurskorrektur, aber keinen radikalen Bruch in der Außenpolitik.

Was bisher geschah_

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Szenen vom 7. Oktober 2023. Quelle: wikimedia

‍In den letzten drei Jahren steht Israel beinahe ununterbrochen im Brennpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit. Dabei geht es fast immer um außenpolitische Themen: Die Kriege in Gaza, im Libanon und gegen Iran; und die Verschiebung der Machtverhältnisse im Mittleren Osten. Sie halten die Welt in Atem und sorgen vor allem auf dem Energiemarkt für Chaos. Am kommenden Dienstag steht jedoch Israel selbst im Fokus. Das Land wählt zum ersten Mal seit Ende 2022 sein Parlament, die Knesset, und schreitet damit auch zum ersten Mal seit dem 7. Oktober zur Wahl.

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Damit kommt diesen Wahlen natürlich eine ganz besondere Wichtigkeit zu, denn sie stellen auch die erste interne Abrechnung mit einer Periode dar, die Israel und die Region so einschneidend verändert hat wie kaum eine zweite in den letzten 50 Jahren. Der amtierende Regierungschef Benjamin Netanjahu, der das Land mit einer kurzen Unterbrechung mittlerweile seit 2009 regiert, kämpft nicht nur um die Billigung seiner Politik der letzten Jahre, sondern auch für ein Mandat zu deren Fortsetzung. Die Opposition, diesmal angeführt vom ehemaligen Stabschef der Armee (IDF), Gadi Eisenkot, will Netanjahu dagegen für mutmaßliche Fehler rund um den 7. Oktober und die militärische Reaktion darauf zur Verantwortung ziehen. Mit seinem Versuch, die Ära Netanjahu zu beenden, stellt sich Eisenkot in eine ganze Reihe bislang durchweg erfolgloser Oppositioneller.
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Netanjahu ohne Unterbrechung
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Trotz der sicherheitspolitischen Erschütterungen der letzten Jahre zeugt diese Wahl auch für eine politisch erstaunlich stabile Periode im Land. Die aktuelle Regierung ist seit 2022 im Amt. Dem gegenüber gab es zwischen 2019 und 2022 in nur knapp drei Jahren fünfmal Wahlen. whathappened erklärte schon im März 2021 warum diese Instabilität nicht nur an politischen Auseinandersetzungen um Netanjahu, sondern auch am Wahlsystem und den vielen ideologischen und demographischen Bruchlinien in der israelischen Bevölkerung lag.

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Nach einem kurzen Zwischenspiel der Querfront-Opposition gewann der Likud um Netanjahu im November 2022 einmal erneut die Wahlen und konnte mit einer Koalition aus nur vier Parteilisten sogar eine relativ solide Mehrheit in der Knesset formen. Es war die bei weitem rechteste und religiöseste Regierung Israels aller Zeiten. Eine zentrale Rolle als Koalitionspartner des Likud nahmen die rechtsextreme Otzma Yehudit, angeführt von Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, und die religiös-zionistische Tkuma, unter Finanzminister Bezalel Smotrich, ein. Diese zwei Männer sorgten in den Folgejahren sowohl in Israel als auch im Ausland regelmäßig mit ihren extremen Positionen für Aufsehen. Ideologisch kollidierten sie reichlich mit dem pragmatischeren, moderateren Likud, doch diese Unterschiede wurden schnell dem Ziel untergeordnet, das Land nach rechtskonservativem Vorbild umzubauen. Auch über die Ultrarechten berichtete whathappened damals im Detail.

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‍Gut zu wissen: Warum gebrauchen wir für Ben-Gvirs Partei die Bezeichnung “rechtsextrem”? Zum einen ist Otzma Yehudit die ideologische Nachfolgerin der extremistischen Partei Kach, die 1994 unter Berufung auf das israelische Antiterrorgesetz verboten wurde, nachdem die Partei offen den Anschlag auf die Grotte der Patriarchen unterstützt hatte. Bei dem Anschlag tötete ein jüdischer Extremist 29 Palästinenser. Zum anderen sind die Positionen der Partei selbst im Kontext der israelischen Politik extrem: Sie steht für einen kompromisslosen Ultranationalismus, nach dem die jüdische Vorherrschaft über das ganze biblische Land Israel ohne Vorbehalt auch mit Gewalt erreicht werden muss. Sie will daher Gaza, das Westjordanland und Israel selbst von illoyalen Arabern “reinigen”; auch wenn sie inzwischen betont, dass das nicht alle Araber meine.

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Vor dem 7. Oktober hätte wohl fast niemand prophezeit, dass Netanjahus vierte Regierung in ebensovielen Jahren diesmal halten würde. Sein Bündnis mit den Rechtsaußen war ein Eingeständnis der Schwäche, schließlich konnte er den Machterhalt nicht mehr aus der eigenen Hausmacht heraus erreichen. Die Parteien bedienten unterschiedliche Demografien im weiten rechten Spektrum, und einige große innenpolitische Konflikte schienen kaum zu lösen – und sind es deswegen auch bis heute nicht. Darunter vor allem die Debatte um die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, deren Parteien weitreichende Ausnahmen verlangen, und die äußerst umstrittene Justizreform – zu welcher whathappened ebenfalls einen Explainer veröffentlichte. Insbesondere Ben-Gvir drohte häufiger mit dem Koalitionsbruch. Doch so kam es nicht, und stattdessen geht die Legislaturperiode regulär zu Ende.

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Der 7. Oktober

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Nur fünf Tage nach dem Angriff der Hamas auf Israel 2023 wurde ganz nach historischem Vorbild eine Koalition der nationalen Einheit gebildet. Die gibt es in Israel öfter, meist im Angesicht einer äußeren Bedrohung, und zuletzt während der Covid-Pandemie. Einer der wichtigsten Oppositionsführer, Benny Gantz, schloss sich angesichts des beispiellosen Angriffs auf den Staat dem Kriegskabinett unter Netanjahu an. Es war eine Regierung der nationalen Einheit, deren Name jedoch überdeckte, wie stark die Differenzen und wie polarisiert die Politik blieben.

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Der Gazakrieg wurde schnell zur neuen zentralen Bruchstelle der nationalen Politik. Auf der einen Seite versuchten Parteien der alten Opposition wie Benny Gantz’ Blau-Weiß durch Androhungen eines Austritts aus der Einheitskoalition, einen Waffenstillstand zu erzwingen. Auf der anderen Seite verweigerten Ben-Gvir und Smotrich jede Einstellung der Kampfhandlungen, ebenfalls unter Androhung eines Austritts aus der Regierung. Im Grunde geschah beides: Da Netanjahu anfangs eine Waffenruhe verweigerte, traten Gantz und weitere Oppositionelle 2024 aus der Einheitsregierung aus; da er im Januar 2025 dann doch eine Kampfpause einging, verließ Ben-Gvir die Regierung – zumindest kurzzeitig. Die Regierung schaffte es, durch all diese Ränkespiele hinweg mit Mehrheit bestehen zu bleiben.

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Heute, im eigentlichen Wahlkampf, ist der Gazakrieg nicht mehr das dominierende Thema; der Krieg mit Iran und die stärker werdende Siedlergewalt im Westjordanland ebenso wenig. Die Themen, welche das Ausland beschäftigen, sind in Israel relativ wenig kontrovers. Es geht zwar darum, wie und wie intensiv Krieg geführt werden soll, doch nicht um die Frage, ob er überhaupt geführt werden soll. Aus Sicht der allermeisten Israelis ist die neue militärische Realität ihres Landes eine mindestens unglückliche Notwendigkeit, aus Sicht einiger eine ersehnte Gelegenheit. Entsprechend differenzieren sich die Parteien nicht in erster Linie entlang der Sicherheits- und Außenpolitik, sondern primär über innenpolitische Themen.  

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Die Wahl: Akteure und Themen_

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Die beiden Oppositionskandidaten Gadi Eisenkot (dritter von links) und Yair Golan (zweiter links) mit Benny Gantz (rechts) und dem damaligen Premierminister Ehud Barak (links) im Jahr 2011. Quelle: Israel Defence Forces, wikimedia
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Der erneute Zweikampf

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Wieder einmal zeichnet sich ein Zweikampf ab, zwischen Langzeitpremier Netanjahu und einem relativ charismatischen Gegenkandidaten der Mitte. Und wieder einmal führt der Mitte-Kandidat ein beachtlich großes, ideologisch breites Bündnis an, welches sich in erster Linie über die Opposition zu Netanjahu definiert und organisiert. Gemeint ist diesmal der eingangs ehemalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte Gadi Eisenkot. Eisenkot war zuvor Mitglied in Benny Gantz’ Partei der Nationalen Einheit, trat aber Mitte 2025 aus und gründete seine eigene Partei Yashar (Geradeaus), weil ihm Gantz in der Partei zu bestimmend war. Seine Mission ist dabei eine direkte Neuauflage von Gantz’ politischem Projekt: Er stilisiert sich als nahezu überparteilich, will “reparieren, heilen und Hoffnung geben” und die nationale Sicherheit und die Interessen der Gesamtbevölkerung voranstellen.

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‍Gut zu wissen: Die Dynamik eines Zweikampfs, in welchem sich die Opposition vor allem als "Anti-Netanjahu"-Option stilisiert, ist spätestens seit den Wahlen 2019 bekannt. Damals trat der politische Newcomer und Ex-Oberbefehlshaber Benny Gantz an (also mit sehr ähnlicher Biografie wie heute Eisenkot). Gantz war vor allem deswegen in die Politik gegangen war, um eine Querfront der Mitte gegen den immer weiter nach rechts driftenden Netanjahu zu bilden. 2021 übernahm der ehemalige Journalist Yair Lapid die Rolle und wurde sogar kurzfristig Premierminister.

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Eisenkot präsentiert sich damit, wie Gantz vor ihm, als Kandidat des gesunden Pragmatismus in Zeiten zunehmender Polarisierung. Das verschafft ihm viel Zuspruch in jener Hälfte der Gesellschaft, die zunächst hauptsächlich Netanjahu loswerden will. Eisenkots junge Partei besteht daher aus großen Namen aus der Politik, dem Militär und der Zivilgesellschaft. Das Parteiprogramm zeigt sich derweil auffällig allgemein, schließlich spricht es ein breites Publikum an. Es geht darum die soziale Polarisierung zu bekämpfen, die Lebenshaltungskosten zu senken, das Bildungssystem zu standardisieren und eine Untersuchungskommission zum 7. Oktober einzurichten. Die IDF soll gestärkt werden, die Grenzen gesichert und die Beziehungen zum Ausland verbessert werden. Vieles davon also Allgemeinposten, welche einen breiten Konsens in der gesamten Gesellschaft oder mindestens im Netanjahu-kritischen Lager finden.

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Die Zweckgemeinschaft der Mitte

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Das Programm der zweiten Kraft in der Opposition, der Allianz BeJachad (Zusammen) der ehemaligen Partner-Premiers Yair Lapid und Naftali Bennett, liest sich nahezu identisch. Kein Wunder, denn das Bündnis beruht auf derselben Idee wie Eisenkots Partei: Opposition gegen Netanjahu aus der Mitte. BeJachad ist das, was vom kleinen Erfolg der Opposition aus 2021 noch übrig ist: Damals hatte das breite Anti-Netanjahu-Lager eine hauchdünne Mehrheit von 61 Sitzen in der Parlamentswahl errungen, und Netanjahu schien geschlagen. Lapid und Bennett teilten sich nach dem sogenannten “Israelischen Modell” turnusmäßig das Amt des Premierministers. Nach nur knapp einem Jahr verlor sie jedoch durch Abtrünnige ihre Mehrheit, das Parlament wurde wieder aufgelöst, Netanjahu gewann abermals die Neuwahlen – das ist, wo dieser Explainer oben einsetzte.

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Neben den zwei Mitte-Blöcken gibt es noch zwei weitere Parteien, die zur breiten Front gegen Netanjahu gehören. Avigdor Libermans rechts-säkulare Yisrael Beytenu. Sie ist sicherheitspolitisch hart rechts, steht aber wegen Netanjahu und insbesondere wegen der Privilegien der Ultraorthodoxen fest im Oppositionslager. Und die Demokraten, ein Zusammenschluss der ehemaligen sozialdemokratischen Labour-Partei mit der sozialistischen Partei Meretz. Anders als die Zweckgemeinschaften der Mitte fahren die Demokraten teilweise noch inhaltlich linke Politik und stehen nicht nur in Opposition gegen Netanjahu, sondern auch gegen einige Grundsätze des israelischen Status quo. Sie steht als einzige größere Partei noch explizit für eine Zweistaatenlösung, ist offen gegen die Besatzung des Westjordanlandes und fordert einen Abzug aus Gaza.

Gut zu wissen: Angeführt wird die Linkspartei mittlerweile ebenfalls von einem Ex-Militär, dem früheren General Yair Golan. Er gilt in Israel als Kriegsheld: Am 7. Oktober 2023 war er bereits im Ruhestand, begab sich aber als Zivilist zum Hauptquartier des Heimatfrontkommandos und verlangte eine Wiederversetzung in den aktiven Dienst. Bewaffnet mit einem Gewehr gelangte er zum Ort des Nova-Festivals und rettete dort eingekesselte Zivilisten. Seine Reputation haben den zuletzt historisch schwachen linken Kräften in Israel zu erheblichem Aufschwung verholfen, allerdings eben von recht niedriger Basis. Golan sorgt dabei für gewisse Nervosität im rechten Lager: Netanjahus Ehefrau deutete öffentlich und ohne Beweise vorzulegen an, dass Golan vorzeitig vom Hamas-Angriff gewusst haben könnte - offenbar um seine Integrität zu attackieren.

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Das wohl relevanteste Thema im Programm beider Parteien der Mitte versteckt sich hinter dem allgemeinen Begriff der “Demokratie”. Beide wollen explizit den Rechtsstaat stärken, und mit ihm die Menschen- und Minderheitenrechte, auch in der Militärbesatzung im Westjordanland. Es geht um Israel als "jüdischen und demokratischen" Staat. Das ist ein direkter Angriff auf Netanjahus Politik, welche die Opposition als antidemokratisch kritisiert, und welcher insbesondere den jüdischen Charakter betont, was Kritiker als exkludierend werten. Oppositionspartei Yashar benennt etwa direkt als Ziel, die umstrittene Netanjahu-Justizreform aufheben zu wollen. An ihr entzündeten sich vor dem 7. Oktober die schweren Proteste im Land gegen die Regierung. Beide Parteien wollen auch eine Amtszeitbeschränkung für Premierminister einführen und einen Untersuchungsausschuss zum 7. Oktober einrichten – beides direkte Angriffe auf Netanjahu: Der Premier versucht, jegliche Verantwortung für das gravierende Sicherheitsversagen von sich zu weisen (häufig mit Beschuldigungen gegen das Militär) und musste sich jüngst gegen Vorwürfe erwehren, dass er nicht auf Vorwarnungen ausländischer Partner reagiert habe.

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Ist Wandel möglich?

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Eisenkot hat realistische Chancen auf einen Sieg, doch die Herausforderungen sind immens. In Prognosen wird seine Partei meist knapp vor dem Likud stärkste Kraft, und das Oppositionslager erreicht mehr Sitze als das Regierungslager – doch verfehlt in aller Regel eine Mehrheit von 61 Sitzen. Das würde in der Theorie die arabischen Parteien zu den Königsmachern machen: Die Vereinte Liste und Ra'am erzielen meist rund 10 Prozent aller Sitze, was für eine Oppositionsmehrheit genügen könnte.

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In der Praxis wird das allerdings kompliziert. Eine Koalition mit arabischer Mitarbeit gab es erst einmal, nämlich dank Ra'am in der Acht-Parteien-Koalition 2021, da sowohl jüdische als auch arabische Parteien zuvor wenig Interesse an Zusammenarbeit zeigten. Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich das politische Klima entlang dieser Trennlinie verschärft, und Eisenkot hat eine Koalition mit den arabischen Parteien ausgeschlossen – womöglich auch, weil das Rechtslager genau vor einem solchen Szenario warnt: "Rechts oder Palästina", beschreibt ein Wahlkampfspruch der Regierung die vermeintliche Auswahl.

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Und doch: Sollte die Opposition knapp vor einer Mehrheit stehen, ist es denkbar, dass sie sich mit der vergleichsweise moderaten Ra'am zusammenschließt. Ra'am hat bereits 2021 bewiesen, zur Kooperation bereit zu sein, und es war ein relativ friedlicher Bestandteil der kurzlebigen Anti-Netanjahu-Regierung (die stattdessen am Wegbruch ihrer rechten Mitgliedern scheiterte). Für Aufsehen sorgt diesmal, dass Ra'am, also eine arabische Partei, den jüdischen Ex-Vize-Polizeiminister Yoav Segalovitz auf Listenplatz zwei aufstellt, auch an viel Kritik aus dem arabischen Spektrum vorbei. Das lässt sich als erneute Bereitschaft zur Zusammenarbeit werten. Womöglich werden Eisenkot und andere Anti-Netanjahu-Politiker wie der sicherheitspolitische Hardliner Avigdor Liberman von ihren Boykotts gegen die arabischen Parteien also noch zurücktreten, sollte die Parlamentsarithmetik es verlangen. Oder alle Seiten geben sich damit zufrieden, dass die arabischen Parteien eine Minderheitsregierung des Anti-Netanjahu-Lagers unterstützen – das könnte als gesichtswahrende, passable, aber auch instabilere Lösung gewählt werden.

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‍Der Ausblick_‍

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Für viele Israelis fühlt sich diese Wahl wie der wichtigste Richtungsentscheid in ihrem Leben an, auch wenn ähnliche Superlative bereits seit einigen Wahlen aufgetaucht sein mögen. Es geht um zwei miteinander inkompatible Visionen für die Zukunft des Landes: Der Likud und seine ultrarechten Verbündeten wollen Israel mit einem ethnonationalistischen Leitbild eines ausdrücklich jüdischen Staates interpretieren, und die Macht von Institutionen wie der Justiz beschneiden. Das Rechtslager sieht das als notwendige demokratische Korrektur; die Opposition wittert hingegen einen Autoritarisierungsprozess à la Türkei, Ungarn oder Russland. Sie möchte stattdessen den als verloren empfundenen demokratischen, inklusiven Charakter des Staates wiederherstellen – in den Augen der rechten Parteien auf Kosten seiner jüdischen Identität.

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Die aktuelle Wahl ist jedoch nicht nur ein Richtungsentscheid, sondern auch ein Fingerzeig auf die bemerkenswerten gesellschaftlichen Veränderungen in Israel in den vergangenen Jahren. Die israelische Gesellschaft heute ist rechter, polarisierter und nervöser als seit Jahrzehnten. Danach befragt, was Israelis am meisten fürchten, antworten die meisten mit Bürgerkrieg, gleichauf zu iranischen Atomwaffen und noch vor Raketenbeschuss oder langwährendem Krieg (und bei Experten sind interne gewalttätige Konflikte und das Abtragen demokratischer Institutionen sogar mit weitem Abstand die größten Sorgen).

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Existenzangst

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Zum ersten Mal seit dem Yom Kippur-Krieg 1973 fürchtet ein großer Teil der Israelis um die bloße Existenz ihres Staates. Eine Gefahr, die mit dem fortschreitenden Friedensprozess und der immer weiter wachsenden militärischen Überlegenheit Israels eigentlich überholt schien, doch es geht bei der Existenzfrage eben nicht nur um regionale Kriege, sondern auch besagte interne Zerreißprobe. Und um die wachsende internationale Isolation Israels, denn der Verlust des westlichen, insbesondere amerikanischen Rückhalts sorgt in Israel für Unbehagen, auch wenn es in der Bevölkerung bislang nicht als Priorität betrachtet wird (siehe Grafik oben).

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Der Eindruck permanenter, existenzieller Bedrohung zeigt sich auch in der Omnipräsenz von Ex-Militärs in der heutigen politischen Landschaft. Im Grundsatz ist es zwar nichts Besonderes, dass israelische Politiker einen militärischen Hintergrund haben, doch ihre Vielzahl und Prominenz in der obersten Parteienpolitik ist auffällig. Gadi Eisenkot, Yair Golan und Benny Gantz personifizieren die Rolle des Militärs in Israel derzeit am besten, aber bei weitem nicht als einzige.

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Die  Armee ist in Israel eigens eine wichtige Institution. Ihr Image ist im israelischen Verständnis idealisiert und romantisch sowie gesellschaftlich zentral. Sozial gilt sie als großer Gleichmacher, denn der Militärdienst ist für die meisten Israelis verpflichtend; und die Verteidigung des Landes gerät zur universell vereinigenden Aufgabe. Die Armee besitzt insbesondere unter jüdischen Israelis außergewöhnlich hohes Ansehen: 2025 vertrauten ihr laut Israel Democracy Institute 84 Prozent der jüdischen Befragten, mehr als jeder anderen abgefragten staatlichen Institution. Ideologisch gilt die IDF seit jeher als Bollwerk des pragmatischen Moralismus, sie steht überparteilich und unideologisch für die Sicherheit aller Israelis, ungeachtet von Gruppenzugehörigkeit und politischer Coleur. Die Armee empfinden viele Israelis durch ihr kulturelles Bild als seltenen Stabilitätsanker in Zeiten der extremen Polarisierung; Eisenkot, Golan und Co. dienen damit auch als Symbole des alten, idealisierten Staates.

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Alles beim Alten‍

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‍Siegt Netanjahu in der bevorstehenden Wahl, wird er das als Mandat zur Fortführung seiner aktuellen Politik werten. Mehr noch: Er dürfte Fragen nach seiner Verantwortung für das Desaster des 7. Oktobers als "demokratisch abgetan" werten, was ihm mehr Manövrierraum bieten könnte, und er würde vermutlich stärker von den Ultrarechten abhängen, da sie relativ zum Likud zulegen dürften. Das Ergebnis würde ein noch aktiveres Vorgehen gegen Institutionen wie die Justiz und eine robustere Linie im Westjordanland sein, wo die Netanjahu-Regierung den bislang größten Ausbruch von jüdischer Siedlergewalt stets toleriert und häufig unterstützt, und wo sie zudem hochkontroverse Siedlungsprojekte vorantreibt.

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‍In der Außenpolitik wäre eine Fortsetzung oder Intensivierung der aktuellen aggressiven Linie denkbar. Netanjahu macht keinen Hehl aus seinem Wunsch, Iran und die Hisbollah noch heftiger zu attackieren; er scheint die bisherigen Kriegsrunden höchstens als Salven in einem größeren Krieg zu werten. Ein Abzug aus Gaza ist derweil kaum vorstellbar. Stattdessen deuten die Ultrarechten für Gaza de-facto ethnische Säuberungen an, wenn sie davon sprechen, "freiwillige Ausreisen" der Palästinenser unterstützen zu wollen. Das fordern Ben-Gvir und Co. zwar seit einiger Zeit, doch nach einem Wahlsieg würde die Gefahr wachsen, dass etwas Ähnliches offizielle Politik wird. Gerade die Außenpolitik bleibt allerdings schwieriger vorherzusagen, da sie von äußeren Faktoren, allen voran der Linie der USA, mit beeinflusst wird.

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‍Oder manches neu‍

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‍Siegt die Opposition, ändert sich außenpolitisch vermutlich erst einmal relativ wenig. Sicherlich gäbe es weniger staatliche Unterstützung für die Siedlerbewegung und mehr Zuwendung zu westlichen Ländern; vielleicht gäbe es mehr Vorsicht gegenüber neuen militärischen Abenteuern. Das könnte in seiner Gesamtheit zwar reichlich Unterschied zu einer hypothetischen Netanjahu-Fortsetzung darstellen, doch in den bestehenden Fronten in Gaza, im Libanon und gegenüber Iran würde sich fundamental erst einmal nichts verändern. Genauso wenig im Westjordanland, wo die akuten Spannungen abnehmen könnten, aber tiefgehende politische Veränderung (bis hin zu einer Friedenslösung) vorerst ausgeschlossen ist.

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‍Anders in der Innenpolitik. Hier könnte ein Sieg der Opposition große Auswirkungen haben. Im besten Fall, aus Oppositionssicht, gelänge ein "Ungarn-Moment": Die Regierung wird abgewählt und ihr fragwürdiger institutioneller Einfluss rückgängig gemacht; Israel vollzieht einen ernstzunehmenden politischen Wandel und bekräftigt sein demokratisches Staatsverständnis gegenüber der ethnonationalistisch-religiösen Vision, welche das Rechtslager vorangestellt hatte. Im schlechtesten Fall liefe es wie 2021: Die Opposition kommt zwar an die Macht, doch sie verliert sich in zahlreichen Flügelstreits und scheitert binnen einiger Monate. Netanjahu, kaum im Sitz des Oppositionsführers angenommen, kehrt zurück, und wirkt unvermeidbarer denn je.

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‍Eine Regel in Israel in den vergangenen 15 Jahren war es, nicht gegen Netanjahu zu wetten. Der gekonnte Politiker, eher Opportunist als Ideologe, überlebte unmöglich scheinende politische Rückschläge und Korruptionsvorwürfe. Bleibt Netanjahu auch nach dieser Wahl Premierminister, ließe sich das also kaum als Überraschung bezeichnen. Doch der 7. Oktober hat in Israel bekanntlich vieles für sicher Geglaubte auf den Kopf gestellt. Vielleicht gilt das sogar für unumstößbare politische Regeln.

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