June 21, 2026
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16 Minuten Lesezeit

Was wir vom Irankrieg lernen

Die strategische Geographie im Nahen Osten verändert sich.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Der Irankrieg gerät zum Desaster für die USA.
  • Sie verfehlen fast alle Kriegsziele, müssen iranische rote Linien akzeptieren, erleiden materielle, wirtschaftliche und reputative Schäden, konnten ihre Verbündeten nicht beschützen und konnten Israel nur bedingt einhegen.
  • Die Lage des Irans ist zweischneidiger: Er geht aus dem Irankrieg paradoxerweise wirtschaftlich zerrüttet und geopolitisch gestärkt hervor.
  • Durch seine Befähigung, die Straße von Hormus zu kontrollieren, Nachbarn effektiv zu attackieren und amerikanisch-israelische Angriffe zu überstehen, wird er für die Region zum unvermeidlichen Faktor.
  • Damit stellt sich eine Anfang des Jahres unwahrscheinlich wirkende Einflussverschiebung der USA zugunsten Irans ein. Dieser geht zudem selbstbewusster in weitere Verhandlungen; die USA haben hingegen keinerlei Vorteil gegenüber dem Status quo ante bellum.
  • Die prekäre wirtschaftliche Lage schafft für Teheran jedoch Anreize, eine diplomatische Lösung zu finden.
  • Weiterhin zeigt der Irankrieg eine unerwartete Resilienz der Ölmärkte auf – allerdings in hohem Maße dank China.

Krieg als ineffektives Mittel_

(3 Minuten Lesezeit)

Ist der Irankrieg aus dem Jahr 2026 bereits vorbei? Schwer zu sagen. Zum Zeitpunkt dieses Explainers steht zwar formell eine Einigung zwischen den USA und Iran (ein "Memorandum of Understanding" mitsamt Plänen für weitere Verhandlungen) sowie zwischen Israel und der Hisbollah (eine Waffenruhe), doch es gibt reichlich Hin und Her. Teheran hat soeben wegen anhaltender Kämpfe im Libanon die Straße von Hormus erneut geschlossen. Doch unabhängig vom Fortgang der nächsten Wochen ist es bereits jetzt ein guter Punkt, um ein erstes Resümee des Irankriegs zu ziehen. Was hat er uns gelehrt?

Krieg bleibt ineffektiv

Eine Lektion des Ukrainekriegs wird auch im Irankrieg bestätigt: Krieg ist anscheinend ein ineffektives Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Die Kriegsziele der USA (und Israels) waren von Anfang an vage und wechselhaft: Es schien darum zu gehen, iranische militärische Kapazitäten zu zerrütten, das Atomprogramm zu zerschlagen, die lokale Opposition zu stärken und die Regierung zu stürzen – alles davon wurde von der Trump-Regierung ausdrücklich erwähnt. Später wurde aus dem Ziel des "Regime Change" nur noch "Regime Alteration", also das Hervorbringen einer freundlicher gesinnten, oder zumindest pragmatischeren Regierung (im Stile der Entwicklung in Venezuela).

Gelungen ist davon wenig. Das Raketenprogramm des Landes und andere konventionelle militärische Kapazitäten scheinen tatsächlich dezimiert worden zu sein, doch in welchem Ausmaß, ist schwierig einzuschätzen. Die Regierung wurde zwar in weiten Teilen geköpft – inklusive Ex-Ayatollah Ali Khamenei –, doch in Teheran regiert weiterhin dasselbe militärisch-klerikale System, mit Khameneis Sohn Mojtaba als neuem Ayatollah. Vermutlich ist es sogar noch feindseliger gegenüber den USA gesinnt, denn es gibt intuitive Anzeichen, dass die Revolutionsgarden (IRGC) und konservative Fraktionen gegenüber den Moderaten an Einfluss gewonnen haben. Die Opposition wirkt geschwächt, nicht gestärkt, und es ist nicht bekannt, dass das Atomprogramm gegenüber der Kriegsrunde 2025 (deren Effekt ebenfalls nicht völlig eindeutig war) weiter zurückgeworfen worden sei.

Bereits Russland hatte in der Ukraine demonstriert, wie schwierig es ist, ein hinreichend großes und zur Verteidigung motiviertes Land tatsächlich zu besiegen. Es ist trotz einer großen Bodeninvasion bis heute nicht imstande, das Land unter seine Kontrolle zu bringen (passend dazu unser jüngster Explainer zum Ukrainekrieg). Im Iran lernten die USA und Beobachter wiederum, dass eine reine Luftkampagne nur bedingt imstande ist, einen Regierungswechsel herbeizuführen. Und sowohl die USA als auch Russland stellten fest, dass moderne Drohnentechnologie das Schlachtfeld ebener macht: Seien es die Versorgungswege der Bodenarmee, eigene Militärbasen oder neuralgische Wirtschaftspunkte in der Region: Ein kleines Land kann die Kosten eines Angriffskrieges für ein großes Land ins Prohibitive steigern.

Gut zu wissen: Zeit, für einen Vietnam- oder Afghanistan-Vergleich? Nur bedingt. Sowohl die USA (Vietnam, Afghanistan) als auch die Sowjetunion (Afghanistan) scheiterten an einem weitaus kleineren, nominell schwächeren Gegner, doch in allen drei Kriegen ging es nicht um territoriale Einverleibung und in allen dreien gelangen den Großmächten zuerst militärische Siege, welche sich dann allmählich umkehrten. In der Ukraine und in Iran sind Ausgangs- und Gemengelage anders.

Der Schluss, dass Krieg heutzutage immer zwecklos sei, wäre zu weitreichend. Aserbaidschan veränderte mit den Bergkarabachkriegen 2020 und 2023 die Situation im Südkaukasus grundlegend (maßgeblich durch den offensiven Einsatz von Drohnen). Wie die Veränderung in Israels strategischer Lage seit 2023 einzustufen ist, lässt sich kontrovers diskutieren, doch es gibt robuste Argumente dafür, dass der Gazakrieg, der Libanonkrieg und insbesondere der 12-Tage-Krieg mit Iran 2025 die israelische Position gestärkt haben. Und doch: Die Ukraine und Iran 2026 liefern weitaus größere warnende Beispiele für Aggressoren. Und Israels Unfähigkeit, die Hamas in Gaza und die Hisbollah im Libanon endgültig zu bezwingen – beziehungsweise inländisch so zu schwächen, dass ein Regierungswechsel erwirkt wird – lassen sich ebenfalls als Beweise für die Limitationen von Krieg lesen.

Der gestärkte schwache Iran_

(4,5 Minuten Lesezeit)

Szene aus Teheran, mutmaßlich nach US-israelischen Luftschlägen, 3. März 2026. Quelle: Avash Media, wikimedia
Ein zerstörtes Land

Der Iran geht gestärkt aus dem Krieg heraus. Das ist bemerkenswert, denn in vielerlei Hinsicht ist das Land ein Verlierer des Krieges. Die wirtschaftlichen Schäden sind immens, das ist bereits jetzt klar, wo sich der Staub noch nicht vollends gelegt hat. Der Krieg und die Blockade der USA im Golf von Oman (in welchen die Straße von Hormus mündet) haben die wichtigen Ölexporte des Landes einbrechen lassen. Das heftige Luftbombardement hat zahlreiche Industrieanlagen zerstört, aber auch durch seine indirekten Arbeitsmarkteffekte Verbraucher und Firmen schwer getroffen.

Um die ohnehin zutiefst fragile, seit Jahren kriselnde iranische Wirtschaft in eine Depression zu schubsen, braucht es nicht viel. Schon jetzt liegt die offizielle Inflationsrate auf dem höchsten Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg, und Hunderttausende Iraner haben ihre Jobs verloren. Reuters zitiert einen 34-jährigen Unternehmer: "Ich glaube, 99% der Menschen befinden sich im Überlebensmodus und leben einfach von Tag zu Tag. Ich glaube nicht, dass noch irgendjemand Hoffnungen hat. Ich glaube nicht, dass irgendjemand eine Vorstellung davon hat, wie die Zukunft aussehen könnte."

Abseits der Wirtschaft sind auch die militärischen Kapazitäten des Landes zerrüttet, wie wir oben andeuteten. Die Marine des Landes ist weitestgehend außer Gefecht, viele Raketenlager und Abschussrampen sind zerstört, und die Flugabwehr ohnehin. Vor allem in den ersten Tagen des Kriegs wirkte es, als wäre Iran den Angriffen der USA und Israels hilflos ausgeliefert. Auch das iranische Netzwerk aus regionalen Proxy-Milizen ist zerrüttet: Vor einigen Jahren steuerte Teheran die bedrohlich wirkende Hisbollah im Libanon, behandelte Syrien unter Assad wie einen Vorposten, rüstete die Hamas (und Ableger im Westjordanland) aus, manövrierte Milizen im Irak und ließ die Houthis im Jemen das Rote Meer drangsalieren. Heute sind die Hisbollah und Hamas zutiefst geschwächt, Assad ist gestürzt und die irakischen Milizen sowie die Houthis sind auffällig vorsichtig.

Strategisch oben

Und doch steht Iran so stark da wie seit Jahren nicht mehr. Das Land hat bewiesen, dass es auch mit seinen verbleibenden – und kaum neutralisierbaren, da kleinteiligen und günstigen – Ressourcen imstande ist, Macht in der Region auszuüben. Die zwei größten Faktoren darin sind selbstverständlich, dass Iran die Straße von Hormus schließen und damit die Weltwirtschaft in Gefahr bringen kann, und dass es imstande ist, andere Golfstaaten effektiv zu attackieren. Dafür benötigt es weder seine Marine noch große Raketen, welche verhältnismäßig einfach zu zerstören sind, sondern feuert tief aus dem Landesinneren oder von der bergigen Küste aus günstige Drohnen und kleine Raketen ab, oder setzt Schnellboote ein.

Darüber hinaus konnte Iran eine Reihe an symbolischen Erfolgen erzielen, welche darlegen, dass Land militärisch eben doch nicht völlig ausgeliefert ist (und andersherum, dass die USA in ihrer Verteidigungsfähigkeit Lücken aufweisen). Allen voran sind die Zerstörung eines wichtigen amerikanischen Radarflugzeugs in einer Basis in Saudi-Arabien und der Abschuss eines Kampfjets über Iran, was zu einer hektischen, doch erfolgreichen Rettungsaktion der USA führte, in deren Zuge mehrere Militärflugzeuge verloren gingen.

Keine Angst vor Eskalation

Teheran weiß also, dass es seinen regionalen Rivalen und den USA echte Kosten zufügen kann. Entsprechend agiert es mit auffälligem Selbstbewusstsein. Nachdem sich der Irankrieg ab April relativ beruhigte, ließ Teheran nicht erkennen, beim Erreichen eines größeren Abkommens (mitsamt Öffnung der Straße von Hormus) in Eile zu sein. Es ging bei amerikanischen Eskalationen mit, und es initiierte eigene. Welche Seite die Eskalationsdominanz am Golf besaß, war damit gar nicht so klar. Zeitweise schien es so, dass Iran sie innehatte.

Nicht nur das: Die Regierung ist zuhause konsolidierter denn je. Noch im Januar war ein Tenor unter Beobachtern, darunter auch der whathappened-Redaktion, dass ihre Position zutiefst fragil sei. Der 12-Tage-Krieg 2025 hatte Iran materiell geschwächt, die Wirtschaft war prekär und eine große neue Protestrunde brach aus, welche die Behörden mit ungewöhnlicher Brutalität niederschlugen – zwischen 7.000 und 36.500 Toten binnen weniger Tage waren das Resultat. Heute ist nicht erkennbar, dass die Regierung akut in Gefahr sei. Proteste kommen praktisch nicht mehr vor. Zwar richteten sich nur relativ wenige Angriffe Israels und der USA direkt gegen zivile Infrastruktur, doch diese waren eindrucksvoll genug – und der Krieg als solcher erfasst das Land heftig genug –, damit ein anfänglicher Enthusiasmus regimekritischer Iraner über die Angriffe anekdotisch inzwischen verflogen ist.

In die bevorstehenden Verhandlungen, bei welchen es um eine weitergehende Friedenslösung und das iranische Atomprogramm geht, dürfte Iran somit relativ furchtlos gehen. Die Führung hat gelernt, dass sie das Schlimmste, das die USA und Israel auf sie zu werfen haben, überstehen kann. Mehr noch: Teheran hat gelernt, dass es die Straße von Hormus kontrollieren kann. Es spricht davon, illegale Transitgebühren zu verlangen, und es erklärte nach jüngsten Angriffen Israels auf den Libanon kurzerhand, dass die Straße eben wieder geschlossen sei, ungeachtet des neuen Abkommens mit den USA.

Iran wird für die arabischen Golfstaaten damit zu einem unumgänglichen regionalen Machtzentrum, mit welchem sie sich arrangieren müssen – und zwar nicht aus einer Position der Stärke heraus. Andersherum und im äußersten Fall könnte Iran so weit gehen, die Golfstaaten als eigene Einflusssphäre zu betrachten, was vor dem Krieg undenkbar gewesen wäre. Selbst das Stärkeverhältnis gegenüber Israel wirkt plötzlich gekippt: Die Hightech-Nation kann zwar hohe Schäden verursachen und iranische Funktionäre töten, doch sie war nicht imstande, die Regierung zu stürzen oder Irans Machtprojektion in der Region und in der Straße von Hormus zu verhindern. Im Gegenteil: Teheran erlebt derzeit, wie die USA ihrem Verbündeten beispiellose militärische Einschränkungen aufzwingen, und zwar den iranischen roten Linien folgend (z.B. was israelische Operationen im Libanon betrifft).

Die USA scheitern_

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Donald Trump beobachtet Operation Epic Fury gegen Iran, am 28. Februar 2026, in seiner Privatresidenz Mar-a-Lago. Quelle: White House
Der Tiefpunkt der Trumpschen Außenpolitik

Für die USA war der Irankrieg ein Desaster. Es ist immer fehleranfällig, die langfristigen Auswirkungen eines großen Ereignisses so kurzfristig einzuschätzen, doch wenn wir uns das mit den verfügbaren Informationen gestatten, so ist das der einzige robuste Schluss. Der Krieg könnte sich als Fehlschlag in einer Reihe mit dem Vietnamkrieg und dem Irakkrieg einreihen, wobei sich bei letzterem die problematischen Folgen erst Jahre nach einer eingangs erfolgreichen Militärkampagne zeigten.

Da wäre einmal die materielle Ebene. Die USA verschossen einen Großteil ihrer Präzisionsmunition, welche nun anderswo fehlt, sie verloren mehrere Militärflugzeuge, erlebten 13 tote Soldaten und verbuchten Schäden an fast allen Militärbasen im Nahen Osten. Die Wiederherstellung der Munitionsvorräte dürfte Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Noch schlimmer wiegt vermutlich der außenpolitische Effekt. Erst einmal auf der höchsten Ebene: Nach ihrer äußerst erfolgreichen Venezuela-Operation gegen Ex-Machthaber Nicolás Maduro im Januar 2026 wirkten die USA militärisch hochkompetent; das dürfte Eindruck auf Russland, China und andere Rivalen gemacht haben. Der Irankrieg zeigt hingegen die Limits des amerikanischen Militärs und seiner Fähigkeit, außenpolitische Prioritäten zu erreichen, auf. Die US-Regierung wirkte im Verlaufe des Krieges getrieben, erratisch und nur bedingt leidensbereit. Auch das wird in feindselig gesinnten Hauptstädten mit Interesse wahrgenommen worden sein.

Einflussverlust in NahostAuf der etwas konkreteren Ebene geht es um die Rolle der USA im Nahen Osten. Diese schien in den 2010ern stark abzunehmen, allerdings durchaus gezielt, da sich Washington mehr auf den Pazifik konzentrieren wollte. In den letzten Jahren änderte sich das wieder: Russland und Iran hatten massiv an Einfluss verloren, die USA füllten die Lücke: mehr Engagement im Südkaukasus, in der Levante, im Irak, im Roten Meer und mit einem aufgebesserten Verhältnis zu den arabischen Golfstaaten. An den USA führte im Nahen Osten wieder kaum ein Weg vorbei, "Pivot to Asia" hin oder her.

Und jetzt? Die USA waren nicht imstande, ihre arabischen Verbündeten vor iranischen Angriffen zu beschützen – mehr noch, sie stümperten regelrecht in die Sperrung der Straße von Hormus hinein, ohne jeglichen Plan dagegen. Sie enttäuschten den Wunsch einiger Staaten in der Region, auf eine Eskalation zu verzichten, als auch jenen anderer Staaten, noch härter gegen Iran vorzugehen (z.B. die VAE und anfangs Saudi-Arabien). Israel zwangen die USA mehrfach auf iranische Forderung hin, sich militärisch einzuschränken. Die Tatsache, dass Washington überhaupt Teherans Gesuch bezüglich Israel Folge leistete, dürfte in der Region bereits als verändertes Stärkeverhältnis gewertet werden; und die andere Tatsache, dass die USA gleichzeitig oft damit scheiterten, Israel einzuhegen, wurde ebenso wahrgenommen.

Kurz gesagt, die USA sind kein verlässlicher Garant von Stabilität und Sicherheit mehr, und das bedeutet, dass Länder wie Saudi-Arabien, die VAE, Ägypten oder Israel ihre Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse stärker auf den Prüfstand stellen werden. Eine Folge des Krieges wird, wie oben erwähnt, sein, dass die Region weitaus stärker auf Iran zugehen muss. Ein solcher Einflussverlust der USA zugunsten Irans wäre Anfang des Jahres noch kaum vorhersehbar gewesen.

Gut zu wissen: Der russische Einflussverlust im Nahen Osten hängt maßgeblich mit dem Ukrainekrieg zusammen, welcher wichtige Ressourcen band; Irans Einflussverlust war wiederum eine Folge der effektiven israelischen Schläge gegen das Proxy-Netzwerk des Landes (mit dem 12-Tage-Krieg 2025 als Höhepunkt). Der Sturz des proiranischen, prorussischen Assad-Regimes in Syrien Ende 2024 war ein wichtiges Puzzlestück hierin, allerdings eben auch eine direkte Folge des verringerten russischen Engagements seit 2022 und der Dezimierung der Hisbollah durch Israel ab Mitte 2024.

Keine guten Vorzeichen für Atomgespräche

Die Gemengelage aus einem gestärkten Iran und geschwächter USA bedeutet außerdem, dass die Atomverhandlungen unter weitaus schlechteren Vorzeichen stattfinden, zumindest aus westlicher Sicht. Als Ex-US-Präsident Barack Obama vor dreizehn Jahren begann, das Atomabkommen (JCPOA) mit Iran auszuhandeln, war die Drohgebärde eines amerikanischen militärischen Eingreifens stets präsent und als Verhandlungsmasse implizit mit am Tisch. Heute können die USA kaum noch glaubwürdig mit mehr Eskalation drohen, als sie ohnehin bereits geliefert hatten – und welche Teheran überstehen konnte. Das bedeutet, dass die USA in weitaus schlechterer Verhandlungsposition agieren, als jemals in den letzten Jahrzehnten, und Iran andersherum in ungewohnt guter Position. Der Kontrast selbst zu Anfang des Jahres ist beachtlich, denn da agierte die iranische Führung noch unter dem Eindruck des effektiven 12-Tage-Kriegs mit Israel (mit limitierter Beteiligung der USA).

Auch das ist eine Folge des amerikanischen Versagens: Die künftige Führung in Iran dürfte nicht nur zu weniger Konzessionen bereit sein, weil sie selbstbewusster ist, sondern auch, weil sie den USA noch weniger traut. Vorwürfe gegen Iran in den vergangenen Jahren, wonach es nicht in guter Absicht verhandelte, waren durchaus plausibel; das Land verfolgte seit Jahren eine Taktik des Lavierens, Verzögerns und Grenzen-Austestens. Gleichzeitig war es unter Ali Khamenei vor allem zuletzt recht risikoavers und versuchte, direkte Konflikte mit Israel und den USA zu vermeiden. Bei seiner Reaktion auf einen israelischen Luftangriff 2024, die erste Runde des aktuellen Eskalationszykluses, teilte Teheran den Gegnern beispielsweise im Vorhinein mit, wo es attackieren würde – mehr diplomatische Symbolik als tatsächlicher militärischer Schaden.

Wer jetzt in Teheran am Steuer sitzt, ist noch nicht ganz klar zu beantworten; es deuten sich Lagerstreits zwischen einem pragmatischeren und einem radikaleren Lager an. Und doch ist es sehr wahrscheinlich, dass die neue Führung weniger kompromissbereit sein wird: Sie hat noch weniger Grund, dem Westen zu glauben – durchaus nachvollziehbar, denn die USA begannen sowohl 2025 als auch 2026 ihre Luftangriffe ausgerechnet inmitten laufender Verhandlungen. Auch jetzt rechnen die meisten Iraner anekdotisch nicht damit, dass auf das Abkommen mit den USA zu setzen sei; stattdessen erwarten sie erneute Bombardements. Entsprechend wird es ein moderates Lager ausgesprochen schwer haben, jegliches Tauwetter mit dem Westen durchzusetzen.

Zusammengefasst haben die USA also ihre Verhandlungsposition vis-à-vis Iran bedeutsam verschlechtert, die Wahrscheinlichkeit für eine Lösung im Atomstreit gesenkt (dass Trump ein besserer Deal gelingt als das von ihm als "schlechtestes Abkommen" verschriene Obamasche JCPOA aus 2015, ist derzeit nicht absehbar), ihre eigene Führungsrolle im Nahen Osten verwässert und ihre globale Reputation bezüglich politischer Zuverlässigkeit und militärischer Fähigkeit beschädigt. Das alles hat Signalwirkung auf Regierungen weltweit, und auf deren Entscheidungen, was Bündnisse, Abhängigkeiten und außenpolitische Manöver betrifft.

Nicht Schwarz und Weiß

An dieser Stelle allerdings wieder etwas Einordnung. Die USA sind nicht über Nacht vom Machtzentrum im Nahen Osten zur Sekundärmacht geworden; sie werden weiterhin eine große Rolle spielen, nur eben mit sichtbaren Schäden. Und Irans strategische Lage mag sich akut verbessert haben, doch die heftige Zerrüttung der Wirtschaft schränkt die Hand der Regierung dennoch ein. Materiell gesehen findet sich Iran im Status quo ante bellum (im Vorkriegsstatus) wieder, doch unter deutlich verschlechterten wirtschaftlichen Vorzeichen. Neue Protestwellen in einigen Monaten sind ausdrücklich denkbar; die Stabilität der Regierung mag schon in Kürze wieder wackelig wirken, wenn es wieder weniger um militärisches Einigeln als um Versorgungssicherheit und öffentliche Dienstleistungen geht.

Die USA mögen also nicht primär mit der Androhung ihrer Militärmacht verhandeln können, doch dafür mit dem Angebot finanzieller Unterstützung: Sanktionslockerungen, freigegebene eingefrorene Gelder, Investitionszusagen. Kein Wunder, dass genau das sich auch im US-Iran-Abkommen wiederfindet. Und mittelfristig könnte Iran seinen größten Preis, die Kontrolle über die Straße von Hormus, einbüßen: Die Golfstaaten werden an Ausweichrouten arbeiten. Das macht den Effekt und somit das Schreckgespenst einer gesperrten Straße von Hormus mittelfristig geringfügiger. Teheran mag also selbstbewusster in die künftigen Verhandlungen gehen, doch es hat immer noch viel Anreiz, ein Abkommen zu finden.

Die unerwartet resilienten Ölmärkte_

(3,5 Minuten Lesezeit)

Wo bleibt die Verdreifachung?

Der Irankrieg hat nahtlos in eine Energiekrise geführt, ausgelöst durch die Schließung der Straße von Hormus. Rund 20 Prozent des globalen Ölexports und ein Viertel der Flüssigerdgas (LNG)-Exporte liefen durch das Nadelöhr. Die Ölpreise stiegen daraufhin zum Höhepunkt um rund 70 Prozent – was überraschend wenig war. Denn Öl ist eigentlich ein Gut mit geringer Nachfrageelastizität: Selbst wenn der Preis steigt, bleibt die Nachfrage relativ konsistent, denn in vielen Wirtschaftsbereichen lassen sich Öl und Ölprodukte nicht sonderlich gut (und zumindest nicht auf die Schnelle) ersetzen. Wenn also ein Fünftel des Weltmarkts wegfällt, dann müssen die Preise um weitaus mehr als ein Fünftel steigen – Analysten spekulierten eher über eine Verdrei- oder Vervierfachung –, um sogenannte Nachfragezerstörung herbeizuführen. Wo blieb diese?

Es stellte sich heraus, dass die Ölmärkte resilienter waren, als angenommen. Erstens war die Straße von Hormus eben doch keine perfekte Sackgasse: Saudi-Arabien ließ seine East-West-Pipeline, einmal quer durchs ganze Land bis hin zum Roten Meer, auf Hochtouren arbeiten. Die VAE nutzten ihre Fujairah-Pipeline, welche ebenfalls an der Straße von Hormus vorbeiführte. Iran attackierte die Infrastruktur zwar, doch konnte ihre Nutzung nicht völlig verhindern. Die Kapazitäten waren nicht mit dem regulären Warenverkehr durch die Straße von Hormus vergleichbar, doch linderten den Schaden etwas.

Gut zu wissen: Die Lehre aus dem Irankrieg könnte zum Bau von noch mehr alternativen Pipelines und von Schienen- sowie Straßenverbindungen führen. Ironischerweise könnte die Existenz weiterer Alternativen dazu führen, dass sie weniger wahrscheinlich gebraucht werden: Wenn Teheran die Wirkung einer Schließung der Straße von Hormus als gering einstuft, da viele Ausweichmethoden existieren, hat es weniger Anreiz, ebendiese Schließung durchzuführen.

China greift in die Reserven

Ein zweiter großer Faktor waren die globalen Ölreserven. Die Internationale Energieagentur (IEA) ließ ihre staatliche Notfallreserve anzapfen, und Regierungen sowie Unternehmen nutzten ihre eigenen Reserven. Das war nur eine temporäre Lösung, da mit jedem weiteren Sinken des Füllstands die Notwendigkeit für mehr Nachfragezerstörung wuchs, doch es war eine notwendige und effektive Übergangslösung.

Und drittens und am wichtigsten: China ließ viel Nachfrage vom Markt verschwinden. Chinesische Unternehmen setzten lieber auf die prall gefüllten Reserven des Landes, statt zu den erhöhten Marktpreisen einzukaufen – in der Erwartung, dass sich die Lage rechtzeitig wieder normalisieren würde. Das ließ den Nachfrageüberhang am Markt weitaus geringer ausfallen, als er hätte sein können, und verhinderte damit einen noch stärkeren Preisauftrieb.

Der China-Effekt ist ein zweischneidiges Zeichen für den Ölmarkt. Zum einen verhinderte er maßgeblich eine noch drastischere Situation. Zum anderen ist er nicht unbedingt ein Zeichen für Resilienz: Hätten sich die chinesischen Firmen und Staatsfirmen anders entschieden, wäre die Lage am Ölmarkt deutlich prekärer gewesen.

Kein gleichverteilter Schmerz

Die whathappened-Redaktion schreibt hier hauptsächlich im Präteritum, doch noch ist die Lage nicht gelöst. Erstens gibt es keine Garantie, dass der Irankrieg tatsächlich vorerst beigelegt ist. Ist er es nicht, geht das Anzapfen von Reserven weiter – und mit ihm der allmähliche Preisauftrieb. Der Moment, an welchem chinesische Akteure in kritischer Menge daran zweifeln, dass sie das erhöhte Preisniveau "überwintern" können und wieder am Markt einkaufen, steigt der Preisdruck immens. Zweitens würde es selbst im Fall einer stabilen politischen Lösung noch Monate dauern, bis sich Angebot und Nachfrage ungefähr normalisieren: Die Reparatur und das Hochfahren von Förder- und Exportanlagen wird Monate (in einigen Fällen womöglich Jahre) dauern und solange die Reserven wieder von zahlreichen Akteuren gleichzeitig aufgefüllt werden, bleibt die Nachfrage erhöht.

Eine weitere Lehre aus der Krise: Die Ölmärkte sind eben doch kein Monolith, so global integriert sie auch sein mögen. 60 Prozent des Rohöls aus dem Nahen Osten gingen nach Asien, und dort wurden die Effekte der Hormus-Krise am stärksten gespürt, statt sich weltweit ähnlich stark zu äußern. Auch die Dissonanz zwischen den vorwärtsblickenden Futures-Märkten (um welche es fast immer geht, wenn Ölpreise berichtet werden) und den tatsächlichen Spotmärkten für die Lieferung physischer Barrel war beachtlich, zeitweise waren letztere 50 Prozent teurer. Weniger überraschend war dagegen, dass Entwicklungsländer in reale Versorgungsschwierigkeiten gerieten, während Industriestaaten noch immer an Öl gelangten, aber höhere Preise und damit steigende Inflationsraten erlebten.

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