August 16, 2026
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Mekka-Pakt: Das neue Bündnis im Nahen Osten

Die Machtlinien in der Region verschieben sich. Das bedeutet zumindest teilweise einen Einflussverlust der USA, doch weniger als mitunter angenommen.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

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  • Der Irankrieg und Washingtons erratische Strategie schwächen die US‑geführte Sicherheitsordnung im Nahen Osten weiter.
  • Mit dem Mekka-Abkommen entsteht eine neue regionale strategische Kooperation.
  • Es enthält vermutlich eine kollektive Verteidigungsklausel, bleibt aber zunächst operativ vage.
  • Der Pakt ist in erster Linie ein politisches Signal der Einigkeit und der steigenden strategischen Eigenständigkeit gegenüber den USA.
  • Trotzdem wird die Bindung an Washington wohl kaum aufgehoben, Saudi-Arabien stärkt sie momentan sogar noch weiter durch ein Atomabkommen mit den USA.
  • Das US-Bündnis wird allerdings durch den neuen Pakt komplementiert, was allen drei Akteuren mehr Flexibilität verschafft.
  • Auffällig sind auch Implikationen in Richtung Israel und der VAE.

Von der Weltmacht zur regionalen Ordnung_

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‍Unter dem Einfluss des Irankrieges wandelt sich die politische und strategische Ordnung im Mittleren Osten immer weiter. Der Krieg zwischen USA und Iran bleibt auch mit dem Ablauf des jüngsten Waffenstillstandes am kommenden Montag weiter festgefahren; die Straße von Hormuz befindet sich noch immer unter mindestens teilweiser iranischer Kontrolle, und Washington gehen nach sechs Monaten der Luftangriffe allem Anschein nach die Mittel und Ideen aus, um Iran nach eigenen Konditionen zu Verhandlungen zu zwingen.

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So unbeweglich der Konflikt aber zwischen den Hauptbeteiligten scheint, umso mehr tut sich zwischen anderen, in diesem Krieg peripher wirkenden Regionalmächten etwas: Recht überraschend haben Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan in Mekka ein trilaterales Verteidigungsbündnis geschlossen. Die genauen Bestimmungen des Vertrages wurden nicht veröffentlicht – bekannt wurde aber, dass er wohl einen Artikel zur kollektiven Verteidigung beinhaltet. Demnach gilt ein Angriff auf eines der Länder ab jetzt als Angriff auf alle drei.

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Aufgrund der Ähnlichkeit dieser mutmaßlichen Bestimmung zum Artikel 5 der NATO zogen vor allem Medien sofort Vergleiche zwischen dem Mekka-Abkommen und dem einflussreichsten Militärbündnis der Nachkriegsgeschichte. Schnell war von der “Islamischen NATO” die Rede. In Teilen des Nachrichtenzyklus geht mitunter das Gespenst einer vereinigten islamischen Welt als geschlossen auftretender Militärmacht um. Das muss nicht unbedingt schrill-islamophob gemeint sein, sondern womöglich als Wink an letztlich gescheiterte historische Bewegungen wie den Panarabismus der 1950er und 60er Jahre.

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Tatsächlich lässt sich dazu aus den bisher bekannten Informationen nur wenig ablesen. Niemand weiß, wie das Abkommen “Angriffe” definiert, wie weit die Pflichten eines etwaigen Bündnisfalles gehen, und ob der Vertrag neben reinen Lippenbekenntnissen zur gemeinsamen Verteidigung auch den Ausbau gemeinsamer Kommandostrukturen und militärischer Infrastruktur vorsieht, wie die NATO sie hat. Gerade diese operative Integration und die rechtssichere Definition des Bündnisfalles sorgen nämlich dafür, dass die NATO strategisch effizient und verlässlich operieren kann – und nach außen grundsätzlich glaubwürdig wirkt.

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Die ersten Wochen des neuen Bündnisses geben wenig Anlass zur Aufregung: Nur zwei Tage nach der Unterzeichnung am 7. August wurde Saudi-Arabien wieder aus dem Jemen beschossen, eine Ölraffinerie in der südlichen Hafenstadt Jizan stand in Flammen. Der erste Verteidigungsfall des neuen Bündnisses blieb aus, Saudi-Arabien fragte seine neuen Verbündeten schlichtweg nicht um Hilfe. Das könnte nahelegen, dass der Verteidigungsfall des Mekka-Abkommens nicht automatisch greift, dass Saudi-Arabien die Bedrohung durch die Houthis nicht als gefährlich genug ansieht, oder sogar dass die saudische Regierung kein echtes Vertrauen in die Bündnistreue ihrer Alliierten hat. Die pakistanische Diplomatin Riffat Masood dagegen vermutet, die kollektive Verteidigung des Abkommens richte sich ausschließlich gegen externe Bedrohungen von außerhalb der Region. Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn sich ein Verteidigungsbündnis in semantischen Detailinterpretationen verliert. Und wie dem auch sei, das Mekka-Abkommen hat bislang auf jeden Fall noch keinen praktischen Einfluss auf die Konflikte der Region.
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Trotzdem sollte man seine Bedeutung nicht vorschnell verwerfen. Tatsächlich geht es dabei nämlich nicht nur um Sicherheitsgarantien, sondern vor allem auch um ein politisches Signal der Einigkeit. Das Bündnis ist nicht nur ein Zeichen der strategischen Zusammenarbeit zwischen drei der wichtigsten militärischen Mächte in der Region, sondern auch eine Erklärung der strategischen Eigenständigkeit gegenüber der historischen Schutzmacht des Mittleren Ostens, den USA. Damit repräsentiert es die jüngste in einer Reihe von Entwicklungen hin zu einer neuen, multipolaren Ordnung in der Region.

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Das Monopol der Macht

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Spätestens seit den 1970er Jahren hatten die USA eine regionale Ordnung im Mittleren Osten aufgebaut, die es ihnen ermöglichte, über die Beziehungen zu regionalen Partnern ihren eigenen Einfluss zu maximieren und den der Sowjetunion einzuschränken. Die US-geführte Ordnung schloss zwar nicht alle regionalen Mächte ein, denkwürdige Ausnahmen waren Syrien und der Irak, sowie bis heute der Iran, sie umfasste aber genug starke Verbündete, um die Macht der Sowjetunion und obiger regionaler Akteure weitgehend zu kontern. Bahrain, Ägypten, Jordanien, Katar, Saudi-Arabien, die VAE und die Türkei gehörten dazu, und auch Israel spielte eine Schlüsselrolle. Offiziell waren diese Länder zwar nicht immer miteinander auf einer Linie, die gemeinsame Bindung zum Partner USA sorgte aber dafür, dass sie zumindest bei größeren Fragen de facto einer gemeinsamen Strategie zuarbeiteten. Gleichzeitig machten diese regionalen Verbündeten es den USA überhaupt erst möglich, ihren Einfluss im Mittleren Osten ohne prohibitive Kosten geltend zu machen.

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Diese Ordnung blieb beinahe 50 Jahre lang relativ stabil. Seit Ende der 70er Jahre wurde Israels Existenz nicht mehr ernsthaft bedroht, der Ölpreis nie wieder systematisch zur Waffe gemacht, und die USA blieben der regionale Mediator und Garant von Sicherheit und Stabilität. Ihren Höhepunkt erreichte sie wohl 1990, als es den USA gelang, eine nahezu einstimmige Koalition aus regionalen Verbündeten zusammenzustellen, um Kuwait und Saudi-Arabien vor Saddam Husseins Irak zu verteidigen. Bis zum Beginn der Operation Desert Storm war die Region gespalten, einige Länder unterstützten Saddams Position sogar, doch mit Beginn der Invasion zogen sie alle mit. Das Machtmonopol der USA wurde nie deutlicher.

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In den letzten 25 Jahren ist das Monopol immer weiter erodiert. Die Kriege im Irak 2003 und in Afghanistan 2001 haben die USA zwar ins politische Zentrum der Region gehievt, aber auch ihre Limits beim Durchsetzen politischer Ziele und beim Erreichen von Stabilität aufgezeigt – und die amerikanische Öffentlichkeit ermüden lassen. Entsprechend waren die USA im Arabischen Frühling ab 2011 eher ein Nebenakteur; traten im Syrischen Bürgerkrieg z.B. zwar als Garant der Kurden auf, darüber hinaus aber nur nebensächlich. Der Kampf gegen den Islamischen Staat ab 2014 zeigte zwar die Fähigkeit amerikanischer Militärmacht auf, war aber auch ein Symptom für ihre Fehler im Irakkrieg. Auch der Gazakrieg seit 2023 und der jüngste Irankrieg 2026 haben die Rolle der USA als Garantiemacht immer weiter in Frage gezogen, denn die USA bewiesen darin, dass ihr Einfluss auf die Geschehnisse vor Ort nicht unbegrenzt ist - sei es diplomatisch gegenüber Israel oder militärisch am Persischen Golf.

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Die Person Trump spielt in diesen Einflussverlust ebenfalls hinein. Seine Regierung beweist im Irankrieg überraschend wenig kohärente Strategie, scheint häufig einfach dem Bauchgefühl des Präsidenten zu folgen. Im Irankrieg 2026 wechselte sie zwischen der Androhung von Gewalt, der Durchführung von Gewalt, Verhandlungen und Lob. Im Tagestakt schwankte sie zwischen Nixonscher "Madman Theory" im Stile des Vietnamkriegs (etwa als Trump mit dem "Untergang einer Zivilisation" oder Angriffen auf zivile Infrastruktur drohte) und großzügigen Versprechen, etwa Sanktionslockerungen und Investitionszusagen. Die whathappened-Redaktion nannte das in ihrer Berichterstattung häufig erratisch. Trump und Unterstützer dürften es als gezielte Unvorhersehbarkeit und politische Flexibilität bezeichnen, doch für die regionalen Partner ist es ein strategischer Komplettausfall. Es ist das eine, sich auf ein halbes Jahr an Konflikt vorzubereiten. Es ist etwas völlig anderes, nicht zu wissen, worauf man sich im nächsten halben Jahr vorbereiten muss.

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Neue Ordnung oder bloß Sicherheitsbedürfnis?_

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Türkische Bayraktar TB2-Drohne: Ein Verkaufsschlager der türkischen Rüstungsindustrie. Quelle: Bayhaluk, wikimedia

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Vor diesem Hintergrund ist es daher wohl am hilfreichsten, das Mekka-Abkommen nicht direkt als Konkurrenz zur US-basierten Ordnung zu sehen, sondern als Gegengewicht zur Unentschlossenheit der amerikanischen Strategie in der Region. Gerade Saudi-Arabien benötigt einen Pol der strategischen Stabilität: Die anhaltende Intervention im Jemen gegen die mit dem Iran verbündeten Houthis (wenn auch seit 2020 längste Zeit in reduzierter Form) bindet Ressourcen und schafft einen Unsicherheitsfaktor im sprichwörtlichen Hinterhof. Die geografische Lage und die strukturelle Abhängigkeit von Ölexporten durch die umkämpften Seewege im Persischen Golf und im Roten Meer machen es zudem besonders exponiert gegenüber jeglichem Konflikt mit dem Iran (auch wenn das für einige Akteure wie Qatar noch stärker gilt).



Das Mekka-Abkommen ist nicht die einzige saudische Initiative in die Richtung regionaler Allianzen. Ende Juli richtete Saudi-Arabien bereits die sogenannte Multinationale Maritime Verteidigungs-Allianz ein, der seitdem dreizehn Länder beigetreten sind, darunter auch die Türkei und Pakistan. Sie soll die Navigationsfreiheit im Roten Meer sicherstellen und die Meeresenge der Bab al-Mandeb offenhalten, durch die nun so gut wie alle saudischen Ölexporte fließen, und die immer wieder durch die Houthis bedroht wird. Auch dieses Bündnis existiert bisher vor allem auf dem Papier, hätte aber zumindest auf diesem das Potential, langfristig die strategische Situation in der Region entscheidend mitzuprägen. Genauso wie das Mekka-Abkommen signalisiert die maritime Allianz eine eigenständige Verteidigungsstrategie der Saudis, getragen durch regionale Verbündete anstatt den historischen Verteidigungspartner USA.

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Mehr noch: Saudi-Arabien hatte bereits im September 2025 einen Verteidigungspakt mit Pakistan geschlossen. Das Strategic Mutual Defense Agreement (SMDA) war offenbar eine Reaktion auf israelische Luftschläge auf Qatar zwölf Tage zuvor, welche in den Golfstaaten für Verunsicherung und einen Vertrauensverlust gegenüber den USA – welche die Attacke weder ankündigen noch stoppen oder vergelten konnten – gesorgt habe. Auch dieser Pakt hatte im folgenden Irankrieg keinerlei erkennbaren praktischen Effekt: Saudi-Arabien rief trotz aktiver iranischer Angriffe nie den Bündnisfall aus. Das deutet an, dass auch der Mekka-Pakt operativ wenig relevant bleiben könnte.

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Selbst das kürzlich geschlossene Atom-Abkommen zwischen Saudi-Arabien und den USA passt in diese Entwicklung der strategischen Eigenständigkeit, obwohl das paradox wirken mag. Im Juli einigten sich die Länder auf eine Zusammenarbeit nach dem US-Atomgesetz, die es Riad erlaubt, mit US-Technologie ein eigenes ziviles Atomprogramm aufzubauen und dafür selbstständig Uran im eigenen Land anzureichern. Der Deal muss zwar noch den US-Kongress passieren, doch auch er zeigt jetzt schon, dass sich die Verhältnisse in der Region und zwischen den USA und ihren Bündnispartnern verschieben.

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Riad strebt schon lange ein eigenes Atomprogramm an, vor allem als Gegengewicht zum Iran, doch noch vor kurzem wäre das so gut wie undenkbar gewesen. Zu groß war das US-Interesse an der Beibehaltung des Status quo im Nahen Osten, der auch an der rigiden Kontrolle von Nukleartechnologie hängt. Jetzt scheinen zwei gegenläufige Effekte stärker zu wirken: Wahlweise, dass die USA einfach weniger Interesse haben, ihre politische Position im Nahen Osten derart zu verteidigen, und kommerzielle Interessen stärker priorisieren (amerikanische Firmen werden den Atomausbau anführen); oder, dass Washington erkennt, dass es Riad etwas bieten muss, um seinen Einfluss zu wahren. Beides könnte gleichzeitig wahr sein: Die USA müssen ihre Rolle im Nahen Osten teurer erkaufen als früher, und sie schrecken zugleich weniger als früher davor zurück, diese Karte auf den Tisch zu legen.

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Für Saudi-Arabien ist das Abkommen ein großer Erfolg: Mittelfristig könnte es die energiepolitische Souveränität des Landes enorm verbessern, und vergrößert damit jetzt schon Riads politischen Handlungsspielraum. Mit dem reinen Schreckgespenst einer atomaren Aufrüstung Saudi-Arabiens (welche das Abkommen ausschließt, doch insgesamt dennoch wahrscheinlicher macht) fügt es der Region zugleich eine weitere komplexe strategische Dimension hinzu, die langfristig auch verteidigungspolitisch relevant werden könnte.

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Das Atomabkommen läuft dem Mekka-Abkommen und dem dahinter spekulierten Autonomieprozess nicht entgegen. Der Atompakt vertieft die strategische Partnerschaft Saudi-Arabiens und der USA, denn er bindet beide Länder für mindestens 30 Jahre in einem hoch lukrativen und potentiell sicherheitspolitisch sensiblen Kooperationsprozess. Das ist auch für Saudi-Arabien nützlich, denn bei allem schwindenden Einfluss ziehen sich die USA keineswegs vollends aus dem Nahen Osten zurück, und Einflussverlust ist durchaus reversibel. Die USA als strategischen Partner zu behalten und zu binden ist für Riad also nützlich - doch parallel geht es eben auch seinen separaten Weg. Das scheint die USA nicht überrascht zu haben, denn es ist auffällig, wie zurückhaltend die US-Reaktion auf das Mekka-Abkommen bisher ausgefallen ist. In der Tat ist es nur schwer denkbar, dass drei enge US-Verbündete ohne deren Zustimmung ein trilaterales Verteidigungsabkommen schließen könnten.

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Möglicherweise spielt das Mekka-Abkommen den USA also sogar in die Karten. Es hebt die Bindung an die USA eindeutig nicht auf, sondern stellt lediglich die Sicherheitsgarantie für ihre verbündeten Länder im Nahen Osten auf einer solideren Basis auf. Anstatt vieler einzelner Länder, die individuell von den USA verteidigt werden, wird diese Aufgabe in erster Instanz jetzt durch regionale Kooperationen übernommen. Damit institutionalisieren das Mekka-Abkommen und die Maritime Verteidigungs-Allianz die Forderung der USA unter Trump nach mehr Eigeninitiative und Einsatz ihrer Bündnispartner in deren eigener Verteidigung. In dieser Lesart wäre das Mekka-Abkommen also gar nicht unbedingt Ausdruck für einen ungewollten Einflussverlust der USA, sondern eher für eine andere "Arbeitsteilung" innerhalb des amerikanischen Bündnisraums im Nahen Osten – was an das amerikanische Agieren in Europa erinnern mag, bezogen auf die Forderung nach höheren Verteidigungsausgaben und mehr europäischer Verantwortung innerhalb der NATO-Strukturen.

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Abhängigkeit oder Autarkie?‍

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‍Auch die Türkei und Pakistan bleiben vorerst weiter an die USA und ihre regionale Ordnung gebunden. Die Türkei ist als einziges NATO-Mitglied im Nahen Osten schon seit langem einer der wichtigsten Vertreter westlicher Sicherheitspolitik in der Region. Sie hat das zweitgrößte Militär des Bündnisses nach Truppenstärke, und ist eng in die gemeinsamen Strukturen der NATO eingebunden, darunter Kommandostrukturen, Rüstungspolitik und die nukleare Teilhabe. Pakistan war mit dem "War on Terror" nach 2001 lange der wichtigste Partner der USA in Südasien, auch wenn Indien inzwischen strategisch wichtiger geworden ist. Das pakistanische Militär und vor allem seine Geheimdienste arbeiten eng mit ihren amerikanischen Kollegen zusammen, und die USA unterhalten auch nach ihrem Abzug aus Afghanistan eine dauerhafte militärische Präsenz im Land. Beide sind aus der globalen Strategie der USA nicht wegzudenken.

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‍Gleichzeitig stehen beide Länder seit längerem auch mit einem Bein außerhalb der US-Hegemonie. Die Türkei hat als aufstrebende Regionalmacht ihre eigenen Interessen, die nicht immer im Einklang mit denen der USA stehen. Besonders in Syrien hat sich das gezeigt, wo die Türkei ohne Zustimmung Washingtons in den Bürgerkrieg eingriff und weite Teile des (teils kurdischen) Nordens besetzt hielt. Sie wählt auch eine pragmatischere Linie gegenüber Russland, und handelte sich mit dem Kauf eines russischen S400-Luftabwehrsystems 2019 ein Verbot für den Kauf amerikanischer F-35-Kampfjets ein.

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‍Gleichzeitig ist die Türkei zwar in die Rüstungsstrukturen der NATO eingebettet, verfolgt aber auch eine eigene Expansion in der Rüstungsindustrie, die auf Autarkie und damit auch auf den Export von spezialisierten Gütern wie Drohnen und Cybertechnologie abzielt (einige Beobachter mögen sich an einen gewissen Hype um türkische Bayraktar-Drohnen zu Beginn des Jahrzehnts erinnern). Die Industrie wächst in der Türkei enorm: 2025 waren Rüstungsexporte aus der Türkei etwa 11 Milliarden USD wert, ein Anstieg von rund 49 Prozent gegenüber 2024. Neben der Ukraine sind gerade viele Länder des Nahen Ostens wichtige Abnehmer türkischer Waffen. Auch für das Mekka-Abkommen ist das ein wichtiger Faktor, denn die Türkei könnte so noch weiter zum Ausrüster der Region werden.

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‍Pakistan dagegen ist schon als unabhängige Atommacht und einziges islamisches Land mit Atomwaffenstrategisch auf einem eigenen Kurs. Für Pakistan ist vor allem der generationelle Konflikt mit Indien relevant, das ebenfalls Atommacht und aufstrebender regionaler Player ist. Da auch Indien ein wichtiger Verbündeter der USA ist, lassen sich diese Spannungen nicht innerhalb der Strukturen einer US-Hegemonie lösen. Auch Pakistan braucht also alternative Sicherheitsgarantien, gegen Indien aber auch gegen den Iran, denn seine nukleare Abschreckung wirkt vor allem gegen konventionelle Bedrohungen, zeigt im asymmetrischen Konflikt der letzten Jahre aber immer wieder ihre Grenzen als strategisches Werkzeug auf. Anders ausgedrückt: Atomwaffen mögen eine hypothetische indische Invasion abschrecken können, doch gegen die ausländische Unterstützung von bewaffneten Milizen im Inland sind sie völlig nutzlos.

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‍Das saudi-pakistanisch-türkische Bündnis ist damit strategisch intuitiv: Alle drei sind wichtige Regionalmächte. Saudi-Arabien bringt Kapital und besonders enge Verbindungen zu den USA ins Bündnis, die Türkei bringt eine wachsende Rüstungsindustrie sowie eine große Armee, und Pakistan bringt ebenfalls eine hohe Anzahl an Soldaten und seine atomare Abschreckung. Sowohl die Türkei als auch Pakistan sind erfahren im Kampf mit Milizen, aber auch im Konflikt mit staatlichen Rivalen (z.B. Griechenland, Indien).

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‍Darüber hinaus pflegen alle drei Länder seit jeher gute Beziehungen: Sie sind weit genug voneinander entfernt, um nicht direkt außenpolitisch zu kollidieren (auch wenn die Türkei beizeiten andeutet, Riads Position als sunnitische Führungsmacht streitig machen zu wollen) und haben relativ enge kulturelle und religiöse Verbindungen. Pakistanische Truppen waren seit den 1960ern in Saudi-Arabien vertreten, um das Land z.B. gegen ein offensiveres Ägypten zu schützen; und alle drei Länder bieten einander seit Jahrzehnten gegenseitig Militärausbildung. Sie können auch in sensiblen politischen Fragen aufeinander zählen: Ankara unterstützt Islamabad im Kaschmir-Konflikt, im Gegenzug bleibt dieses beim Genozid an den Armeniern auf türkischer Linie.

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‍Die arabische Presse ist vom neuen Verteidigungsbündnis jedenfalls vollends überzeugt. Viele sehen in ihm eine lang überfällige eigenständige Verteidigungsstrategie. Obwohl das Bündnis laut seiner Partner nicht explizit gegen ein anderes Land gerichtet ist, ist der Fall für sie klar: Das Mekka-Abkommen bildet eine Allianz gegen den schiitischen Iran, die ihn von drei Seiten einkreist. Die Bedrohung durch den Iran ist ohne Zweifel der Katalysator für alles, was momentan im Nahen Osten geschieht. Insbesondere für Saudi-Arabien geht es um ein rasches Ende der Gefahr aus dem Iran.

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Eine bipolare Ordnung?_

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Israels Premier Benjamin Netanjahu, US-Verteidigungsminister Pete Hegseth; hier nach dem gelungenen 12-Tage-Krieg gegen Iran im Juli 2025. Eingerahmt sind ein B-2-Tarnkappenbomber und eine Karte, welche die Flugroute der amerikanischen Operation Midnight Hammer gegen Iran zeigt. Quelle: U.S. Secretary of Defense, wikimedia

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Der Ausbau der strategischen Eigenständigkeit in der Region ist also nur ein Aspekt des Mekka-Abkommens. Es steht auch für eine Verschiebung der Prioritäten, und damit für eine Verschiebung der Machtlinien im Mittleren Osten. Damit könnte es schlussendlich doch den Zielen der USA entgegenwirken, denn es scheint, dass sich das Bündnis neben dem Iran auch gegen einen ausgesprochenen Verbündeten der USA formiert: Israel. Alle drei Bündnispartner vereint eine kritische bis feindselige Haltung gegenüber Israel: Saudi-Arabien und Pakistan erkennen das Land nicht einmal an, die Türkei unterhält zwar diplomatische Beziehungen, doch diese sind seit 2023 faktisch eingefroren.

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Ungeachtet der nominellen Eiszeit pflegte Saudi-Arabien dabei seit etwa der Jahrtausendwende eine recht pragmatische Linie gegenüber Jerusalem, und bis 2023 war sogar von einer möglichen Aufnahme diplomatischer Beziehungen die Rede. Es wäre das Kronjuwel der "Abraham Accords" gewesen, mit welchen eine Reihe arabischer Länder ab 2020 die Annäherung an Israel wagte. Seit 2023 ist die saudi-arabisch-israelische Detente kaum denkbar, und das Mekka-Abkommen macht sie noch unwahrscheinlicher. Eine Annäherung an Israel ist innenpolitisch und für das Selbstverständnis als sunnitische Schutzmacht riskant, und dieses Risiko ist weniger attraktiv, wenn Riad sich seine regionale Stärke in einem Bündnis mit anderen Partnern sichern kann.

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Mehr noch: Israel ist seit 2023 selbst als bemerkenswert offensiver Akteur und als eigene Regionalmacht wahrzunehmen. Ganz unabhängig von der kontroversen Palästinenserfrage: Das Land verschiebt in Gaza und im Libanon Grenzen und Machtverhältnisse, es beeinflusst das postrevolutionäre Syrien, es stieß einen offenen Krieg gegen Iran los und manövrierte die USA in diesen hinein (womit es eben auch den Irankrieg mit seinen kinetischen Folgen für die arabischen Golfstaaten auslöste) und es führte Luftschläge auf das bis dahin sicher wirkende Qatar durch, um Hamas-Funktionäre zu töten. Für regionale Akteure geht es plötzlich auch darum, sich gegenüber Israel abzusichern. Das wird nicht der maßgebliche Grund für das Mekka-Abkommen sein – da ist Iran eine bessere Erklärung –, doch es ist sicherlich ein weiterer Grund.

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Passend dazu lohnt sich auch der Blick auf die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Sie halten nach wie vor an ihrer Annäherung zu Israel fest und sie liegen derzeit mit Saudi-Arabien im tiefen Streit (was maßgeblich den jüngsten OPEC-Austritt der VAE erklärt). Das Mekka-Abkommen ließe sich damit auch als saudi-arabisches Signal an die VAE lesen, und als regionale Zweiteilung: Hier ein israelfreundliches Lager mit den VAE, dort ein israelskeptischer Block in der Form des neuen Mekka-Pakts mit Saudi-Arabien. Durch diese Linse wäre das Mekka-Abkommen auch eine Absage an eine amerikanische Vision von vor einigen Jahren, den Nahen Osten im Sinne der Abraham Accords zu einer Region umzubauen, welche sich noch freundlicher an ein zentrales amerikanisch-israelisches Bündnis anknüpft.

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Das wäre eine andere Deutung des Pakts, als jene, dass er eine von den USA begrüßte Annäherung seiner Bündnispartner darstellt. Diese zwei Interpretationen sind allerdings nicht völlig unvereinbar: Die USA könnten auf den Mekka-Pakt wohlwollend blicken und tolerieren, dass die Maximalvision der Abraham Accords vorläufig nicht realistisch ist. Der Pakt senkt zwar die Wahrscheinlichkeit, dass auch nach einem Abklingen der aktuellen Krisen eine israelisch-saudi-arabische Annäherung stattfindet, doch das mögen Kosten sein, welche Washington zu akzeptieren bereit ist.

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Wie es weitergeht

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Wirklich deutlich wird die wahre Natur des Abkommens wohl erst mit der Zeit. Vor allem seine mögliche Expansion wird dabei zum Lackmustest. Sollten in naher Zukunft mehr Länder beitreten, könnte das die Theorie einer multipolaren Ordnung in der Region bestärken. Der wichtigste Kandidat dabei ist Ägypten. Das Land war wohl schon zuvor als viertes Mitglied an den Verhandlungen über das Abkommen beteiligt, trat ihm aber aus unbekannten Gründen bisher noch nicht bei. Vermutlich ging es auch dabei um die Beziehung zu Israel. Ägypten ist aufgrund der historisch gewachsenen Beziehungen zu Jerusalem, die heute vor allem in der Sicherheitspolitik sehr eng sind, in seinem Umgang weniger frei. Der Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten gibt dem Frieden zwischen ihnen eine besondere Priorität gegenüber anderen Verpflichtungen. Die Mekka-Länder hoffen dennoch ausdrücklich auf einen baldigen Beitritt Ägyptens und weiterer Länder, wie etwa der türkische Außenminister jüngst erklärte.

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Eine Vergrößerung des Mekka-Abkommens muss dabei nicht zwingend ein Zeichen für dessen Stärke sein. Mehr Mitglieder könnten den Verteidigungspakt weniger glaubwürdig wirken lassen, und sie würden mehr unterschiedliche Positionen hineinbringen. Was aktuell ein relativ intuitives, regional schlagkräftiges Bündnis darstellt, liefe Gefahr, zu einem zahnlosen Plenum zu geraten. Das BRICS-Bündnis, welches nie sonderlich viel praktische Bedeutung einnahm, ist durch seine Vergrößerung in den letzten Jahren etwa in seiner Zielsetzung noch uneindeutiger und in seinem globalen Auftreten handlungsunfähiger geworden.

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Ob sich der Mekka-Pakt nun vergrößert oder nicht, die Frage, welche Auswirkungen er haben wird, ist bislang offen. Eine echte "Nahost-NATO" sollte nicht erwartet werden, doch als politisches Zeichen fungiert sie allemal. Nämlich für Verunsicherung bezüglich Iran und Israel, und weniger Einfluss der USA. In diesem Sinne ist "Mekka" ein Signal dafür, dass der Nahe Osten nicht mehr vom einen großen, außerregionalen Akteur USA dominiert wird. Stattdessen "regionalisiert" und zersplittert sich: Regionalmächte wie Iran, Israel, die Türkei, die VAE, Pakistan und Saudi-Arabien (und noch kleinere Akteure wie die Houthis und die Hisbollah) sind heute wichtiger in der geopolitischen Machtallokation im Nahen Osten. Kein Wunder, dass die Bündnisbildung untereinander anläuft.

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Was wir vom Irankrieg lernen (2026)
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Zum Nahostkonflikt
Israel und Palästina (Oktober 2023)
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