October 4, 2026
·
15 Minuten Lesezeit

Brasilien erlebt sein Déjà-vu

Drei, im Grunde vier, Männer und der unerbitterliche Konflikt zweier Lager prägen das Schicksal des Landes in den bevorstehenden Wahlen.
Shape Image
Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

‍

  • Der amtierende linke Präsident Lula da Silva steht dem rechten Flávio Bolsonaro, Sohn des verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, in einem Duell gegenüber, das wohl erst Ende des Monats entschieden wird.
  • Lulas Amtszeit war für Brasilien wirtschaftlich günstig, doch darum geht es nicht: Der politische Konflikt zwischen rechts und links schluckt alles.
  • Nach Lulas Amtseinführung stürmten Bolsonaristas das Regierungsviertel im Stile der amerikanischen Kapitolerstürmung. Ermittlungen ergaben einen Putschversuch durch Bolsonaro und Getreue; das Ergebnis waren 27 Jahre Haft für den Ex-Präsidenten.
  • Flávio inszeniert sich als moderaterer Erbe seines Vaters, unterscheidet sich politisch aber kaum von ihm und wird seine Politik fortsetzen.
  • Eine Hauptfigur ist der Oberste Richter Alexandre de Moraes, primär durch sein kompromissloses Vorgehen gegen rechte Desinformation und den Putschversuch.
  • Der größte Finanzskandal Brasiliens belastet beide Lager – Flávio ist direkt verwickelt, während Verbindungen zu Moraes die Glaubwürdigkeit des Obersten Gerichtshofs beschädigen und die Wahl entscheiden könnten.

Brasiliens politischer Kampf geht in die zweite Runde_

‍(3 Minuten Lesezeit)

‍

‍In Brasilien steht heute die erste Runde der Präsidentschaftswahlen an, und es fühlt sich wie ein Déjà-vu an. Vier Jahre nach der Niederlage des rechtspopulistischen Jair Bolsonaro gegen den linken Altpräsidenten Lula da Silva geht das Duell der zwei eingegrabenen politischen Lager nämlich in die nächste Runde. Die Kontrahenten: Der mittlerweile achtzigjährige Amtsinhaber Lula von der Arbeiterpartei (PT) gegen Senator Flávio Bolsonaro, den Kandidaten der Liberalen (LP) und ältesten Sohn des Ex-Präsidenten. Gleichzeitig finden auch Wahlen zu beiden Kammern des Parlaments sowie für die Gouverneursposten und Lokalparlamente der Bundesstaaten statt. Die gesamte Demokratie des Landes ist also in Bewegung.

‍

Eine Entscheidung wird es heute aber höchstwahrscheinlich nicht geben, denn in Brasilien kann die Präsidentschaft nur mit absoluter Mehrheit gewonnen werden. Die wird heute voraussichtlich keiner der zwei Hauptanwärter auf das Amt erringen können, insgesamt gibt es nämlich sechs weitere Kandidaten die zusammen auf etwa 10 Prozent der prognostizierten Stimmen kommen. Bei der Stichwahl, die für den 25. Oktober angesetzt ist, werden wohl nur noch Lula und Flávio gegeneinander antreten, wobei die Wahlempfehlungen der ausgeschiedenen Kandidaten großen Einfluss haben könnten.

‍

Das letzte Mal berichtete die whathappened-Redaktion 2022 über Brasilien, kurz vor den letzten Präsidentschaftswahlen. Damals porträtierten wir die Präsidentschaft Bolsonaros und den sogenannten “Bolsonarismo”, der den traditionellen lateinamerikanischen Sozialkonservatismus mit einer gehörigen Portion Populismus verpackte, und ausdrücklich die Inspiration in Donald Trump suchte. Wir beschrieben, wie Bolsonaro seinen Kontrahenten Lula als kommunistischen Weltverschwörer zeichnete, einen eschatologischen Kampf zwischen Gut und Böse skizzierte, und das Wahlsystem vorsorglich in Zweifel zog.

‍

Damals sah es für einen erneuten Sieg Bolsonaros schlecht aus. In den letzten Umfragen vor der Wahl lag Lula mit bis zu 13 Prozentpunkten vorne, trotzdem war das Endergebnis der Wahl das knappste in der brasilianischen Geschichte: Gerade einmal 1,8 Prozentpunkte der Stimmen trennten beide Kandidaten in der Stichwahl, welche Lula also haarscharf gewann. Sein Wahlsieg basierte maßgeblich auf seinem Versprechen, die Politik seines Vorgängers Bolsonaro rückgängig zu machen und ihn und seine Unterstützer von einer Übernahme des Staates abzuhalten.

‍

Wie sich erwarten ließ, blieb die Polarisierung in der Gesellschaft auch nach dem Machtwechsel hoch; genau genommen ist sie über Lulas jetzige Amtszeit hinweg nur stärker geworden. In der brasilianischen Politik und entsprechend auch im heutigen Wahlkampf geht es nicht um Themen, sondern um den Konflikt der zwei politischen Lager. Das prägt auch die Wahlprogramme der beiden Spitzenkandidaten, welche nicht mit Zukunftsvisionen auffallen, sondern mit Kontinuität und mit drastischen Warnungen vor der Gegenseite. Beide Seiten wollen Brasilien vor dem Ruin retten, indem sie die Präsidentschaft des anderen verhindern, welche das Überleben der Demokratie gefährden würde. Lula will etwa ausdrücklich die Demokratie und ihre Institutionen schützen und rechte Kräfte verfolgen, die sie zerstören wollen würden; Flávio dagegen will seinen Vater und dessen Gleichgesinnte begnadigen und nach eigenen Worten die korrupte und verräterische Linke und die von ihr kontrollierten Organe des Staates bekämpfen. Die Wahl steht also ganz im Zeichen der letzten vier Jahre.

‍

Die Polarisierung zeigt sich etwa in den Wahlpräferenzen der Wähler. Rund 56 Prozent der Brasilianer erklären, niemals für Flávio stimmen zu wollen; für Lula sind das knapp 55 Prozent. Jeweils die Hälfte der Bevölkerung lehnt das Gegenüber also in schärfsten Tönen ab, was etwa an die Polarisierung in den USA erinnert. Wie bereits 2022 steht auch diesmal der Ausgang der Wahl auf Messers Schneide: Laut Hochrechnungen für die Stichwahl können weder Lula (44-48 Prozent) noch Flávio (45-48 Prozent) auf eine deutliche Mehrheit hoffen, der Abstand zwischen den beiden Favoriten liegt im Rahmen der statistischen Fehlertoleranz. Nur eines ist deutlich: Das Land ist politisch und sozial tief gespalten, der politische Konflikt zieht sich längst durch alle Teile der Gesellschaft und ist schriller als noch 2022. Es geht um Putschversuche, Strafverfolgungen, Festnahmen und um den größten Finanzskandal der brasilianischen Geschichte.

‍

Was bisher geschah_

‍(5,5 Minuten Lesezeit)

‍

Sicherheitskamera-Aufnahmen von der Erstürmung des Regierungsviertels in Brasilia, am 8. Januar 2023. Quelle: wikimedia.

‍

Außerhalb des tiefgreifenden gesellschaftlichen Konfliktes und nominell war Lulas letzte Amtszeit für Brasilien eigentlich eine recht positive Phase. Zu Beginn der Amtszeit steckte Brasilien in einer Wirtschaftskrise, heute hat es drei Jahre des soliden Wirtschaftswachstums von durchschnittlich etwa 3 Prozent hinter sich, die Arbeitslosenquote sank sogar auf den tiefsten Stand seit 13 Jahren und liegt nun bei 5,3 Prozent. Die Wirtschaft hat sich also erholt (zum Vergleich: In Deutschland liegt die Arbeitslosenquote momentan bei 6,4 Prozent, und das obwohl Brasilien als Entwicklungsland grundsätzlich eine etwas höhere Quote zu erwarten hätte).

‍

Die Konjunktur muss nicht immer ein Verdienst der Regierung sein, doch Lula bekam auch einige größere Projekte umgesetzt. Eine umfangreiche Steuerreform ersetzte umständliche Konsumsteuern durch eine einheitliche Mehrwertsteuer und führte einen Einkommensteuerfreibetrag und eine Mindestbesteuerung von hohen Einkommen über 600.000 Reais pro Jahr ein. Auch Lulas Vorzeigeprojekt, das Sozialprogramm “Bolsa Familia”, wurde 2023 nach der Abschaffung durch Bolsonaro wieder eingeführt und die durchschnittliche monatliche Leistung seitdem um etwa 40 Prozent erhöht – etwa ein Viertel der brasilianischen Haushalte profitiert von dem Programm. Unter Lulas Führung wurde außerdem im Januar nach 25 Jahren der Verhandlungen ein Handelsabkommen zwischen den südamerikanischen Mercosur-Staaten und der EU beschlossen. Die Staatsverschuldung bleibt allerdings weiterhin ein Problem, sie stieg in den letzten vier Jahren von 72 auf 82 Prozent des BIP.

‍

Auch in der Umwelt- und Klimapolitik konnte Lulas Regierung einige Erfolge verzeichnen, obwohl der konservativ dominierte Kongress mitunter skeptisch entgegensteht. Gleichzeitig wurden viele der extraktiven Maßnahmen in den Naturgebieten Brasiliens gestoppt, besonders hart ging Lula gegen den Goldabbau vor. Er gründete ein Ministerium für die Indigene Bevölkerung und ließ von Bolsonaro aufgelöste Umweltorganisationen wiederaufleben. Zwischen 2022 und 2025 fiel die Entwaldung in Brasilien um 50 Prozent. Erneuerbare Energien machen mittlerweile 50 Prozent des brasilianischen Energiemixes aus. Auch wenn Wermutstropfen für Umweltgruppen bleiben - etwa die Zustimmung für neue Ölkonzessionen im Amazonasdelta - hat Lula Brasilien wieder zu einem Vorreiter in der globalen Umwelt- und Klimapolitik gemacht, und nutzt das, um diplomatischen Einfluss zu hebeln.

‍

Der Putsch und die Eskalation

‍

Eigentlich ging es in den letzten vier Jahren aber kaum bis gar nicht um Wirtschafts-, Außen- oder Umweltpolitik. Alles dreht sich um den politischen Konflikt mit Ex-Präsident Bolsonaro. Lula hatte kaum Zeit, sich einzugewöhnen, da eskalierte der Konflikt bereits. Gleich eine Woche nach seiner Amtseinführung im Januar 2023 bewahrheitete sich eine der Negativprognosen der whathappened-Redaktion: eine Eskalation im Stile der USA, um die Machtübergabe zu verhindern.

‍

Etwa 5.000 teils bewaffnete Unterstützer Bolsonaros stürmten am 8. Januar 2023 das Regierungsviertel in der Hauptstadt Brasília. Sie verwüsteten das Parlament, den Präsidentenpalast und den Obersten Gerichtshof, um die Machtübernahme Lulas zu verhindern. Viele Aufständische erklärten, dass ihr Ziel gewesen sei, eine Intervention des Militärs hervorzurufen – in anderen Worten: einen Staatsstreich gegen Lula.

‍

Der Angriff ging glimpflich aus. Weder Lula noch Bolsonaro befanden sich zu dem Zeitpunkt in der Hauptstadt: Bolsonaro war bereits vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit nach Florida gereist, Lula befand sich, umgeben von Parteifreunden und der Presse, im von Flutschäden geplagten Hinterland von São Paulo. Auch der Kongress tagte nicht. Die politische Reaktion auf den Aufruhr war entschlossen und schnell: Neupräsident Lula ordnete eine Intervention der Bundesbehörden an, der Oberste Gerichtshof suspendierte den Gouverneur des Bundesdistrikts zeitweise und die Zentralregierung übernahm die Hauptstadt. Nach etwa fünf Stunden wurde der Aufstand von Nationaler und Militärpolizei niedergeschlagen, es gab rund 1.400 Festnahmen und Dutzende Verletzte auf Seiten der Angreifer und der Sicherheitskräfte.

‍

Der Angriff führte zu hoher Nervosität in der brasilianischen Gesellschaft und in der Politik, denn es blieb eingangs unklar, wie hoch die Unterstützung der Institutionen und der Putschisten für die Aufständischen war. Auf Überwachungsvideos zeigte sich später beispielsweise, dass lokale Sicherheitskräfte kaum gegen die Angreifer vorgingen und sie teilweise sogar unterstützten. Gleichzeitig fürchteten Regierung und Beobachter, dass der Angriff Teil eines längeren Plans, also eines tatsächlichen Putschversuchs, gewesen sein könnte - vor allem seitens Fraktionen in Sicherheitsbehörden und dem Militär. Dort hatte Jair Bolsonaro während seiner Amtszeit große Neuordnungen veranlasst und Loyalisten zu wichtigen Posten verholfen. Tatsächlich wurden nach dem Angriff vom 8. Januar auch der Chef der Militärpolizei des Hauptstadtbezirks und dessen Staatssekretär für öffentliche Sicherheit, Anderson Torres (unter Bolsonaro lange Justizminister), festgenommen. Bei Durchsuchungen fand die Polizei den Entwurf eines Dokuments, mit dem Bolsonaro den Verteidigungsfall (also praktisch militärischen Ausnahmezustand) verhängen und so die Wahlen hätte aufheben können.

‍

Mit dem Fund des Entwurfs erreichte der Vorgang eine neue Dimension: Der Angriff in Brasilia wirkte plötzlich eindrücklich wie ein Putschversuch durch Bolsonaro und Unterstützer. In der Öffentlichkeit formte sich eine breite Front dagegen: Zehntausende Menschen demonstrierten im ganzen Land für den Rechtsstaat und die demokratische Machtübergabe, auch die 27 Provinzgouverneure stellten sich demonstrativ hinter Lula. Der befürchtete Volksaufstand blieb also aus.

‍

Verfolgung oder Aufarbeitung?

‍

Nachdem ihr politischer Rückhalt eindrucksvoll demonstriert worden war, verschärfte sich auch das Durchgreifen der Behörden unter der neuen Lula-Regierung gegen die Bolsonaristas. Sie begannen mit allen Mitteln des Rechtsstaats gegen die mutmaßliche Verschwörung vorzugehen. Das prominenteste Opfer dieser Kampagne war dabei Ex-Präsident Bolsonaro selbst. In einem ersten Schlag wurde ihm im Juni 2023 von der Obersten Wahlkommission das passive Wahlrecht bis 2030 entzogen, weil er in einem Treffen mit ausländischen Botschaftern vor der Wahl 2022 den Ablauf brasilianischer Wahlen diskreditiert und Zweifel an den Ergebnissen der elektronischen Wahlurnen geäußert hatte. Das ist auch der Grund, warum nun sein Sohn an seiner Stelle zur Wahl antritt; rein nach der Verfassung wäre Jair imstande, sich erneut zum Präsidenten wählen zu lassen.

‍

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss erhob im Oktober 2023 Klage gegen 61 Verschwörer, darunter Bolsonaro. Im Februar 2024 wurden in einer konzentrierten Aktion mehrere Verbündete Bolsonaros verhaftet und dessen Reisepass eingezogen. Die Beweise gegen Bolsonaro verdichteten sich: Das Video eines Meetings zwischen Bolsonaro und mehreren hochrangigen Militärs und Politikern tauchte auf, in welchem er explizit die Möglichkeit ansprach, Brasilien durch seine Reaktion auf die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl 2022 in einen “großen Guerillakrieg” zu stürzen.

‍

Mehr noch: Im November 2023 deckte die “Operation Gegenputsch” der Bundespolizei eine Verschwörung wichtiger Bolsonaristas mit Mitgliedern der Spezialkräfte der brasilianischen Armee auf. Laut dem Obersten Gerichtshof plante die Gruppe, darunter der ehemalige Präsident, der Vorsitzende seiner Partei LP, mehrere ehemalige Minister, und Offiziere der Streitkräfte, den designierten Präsidenten Lula, seinen Vizepräsidenten Geraldo Alckmin sowie den Bundesrichter Alexandre de Moraes zu ermorden, um einem Staatsstreich Vorschub zu leisten.

‍

Es kam zum Prozess und im September 2025 wurden acht der Verschwörer schuldig gesprochen, darunter Bolsonaro, drei seiner ehemaligen Minister, der ehemalige Stabschef der Marine, und der ehemalige Direktor des Geheimdienstes unter Bolsonaro. Die meisten von ihnen erhielten hohe Gefängnisstrafen zwischen sechzehn und 26 Jahren. Als Rädelsführer erhielt Bolsonaro mit 27 Jahren und drei Monaten das höchste Strafmaß. Brasilien schien seine schwerste Staatskrise seit der Militärdiktatur erfolgreich aufgearbeitet zu haben.

‍

Flávio, de Moraes und der Skandal_

‍(6,5 Minuten Lesezeit)

‍

Brasiliens prominentester Richter: Alexandre de Moraes. Quelle: Agência Brasil, wikimedia

‍

Wer ist Flávio?

‍

Ex-Präsident Jair Bolsonaro sitzt zwar nicht im Gefängnis – der Einundsiebzigjährige leistet seine Strafe im Hausarrest ab –, er hat aber zumindest für den Moment die Auseinandersetzung mit Lula verloren. Neben seiner Freiheitsstrafe ist er zusätzlich bis zum Jahr 2060 vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen, könnte also frühstens mit 105 Jahren wieder Präsident werden. Flávio ist weniger sein Nachfolger als sein Ersatz, sein Vater hat ihn nach seiner Verurteilung direkt als Stellvertreter auserkoren. Schon seit seiner Geburt nennt Jair seinen ältesten Sohn nur “01”, was dem militärischen Funksystem entlehnt ist. Zwischen 2003 und 2018 war Flávio Provinzialabgeordneter in Rio de Janeiro, seit 2018 sitzt er im Senat. Dabei war er immer schon ein Agent seines Vaters, sei es bei der zutiefst sozialkonservativen Linie, dem Fokus auf die Kriminalitätsbekämpfung oder der Unterstützung der Sicherheitskräfte, welche bis zu Sympathien für die Ära der Militärdiktatur reicht.

‍

Um der Verbindung zum Vater ein eigenes Profil hinzuzufügen, inszeniert sich Flávio bewusst als “moderaterer Bolsonaro”, auch der Titel “der Bolsonaro, der sich impfen ließ” fällt in diesem Kontext. Ihm fehlt das feurige Image seines Vaters, weswegen er versucht, sich stattdessen als dessen vernünftige, fast ruhige Version darzustellen. Trotzdem gibt es inhaltlich kaum Unterschiede zwischen den beiden, lediglich ihr Stil und die Familienpolitik unterscheiden sie gelegentlich. Zuletzt zeichnete sich sogar kurz ein Bruch ab zwischen Flávio und seiner Stiefmutter, der ehemaligen First Lady Michelle Bolsonaro, die gerade bei den evangelikalen Christen sehr beliebt ist. In einem Video kritisierte sie ihn direkt - kurz darauf kam es zur medienwirksamen Versöhnung, denn Flávio braucht die Beliebtheit seiner ein Jahr jüngeren Stiefmutter bei Frauen und fundamentalistischen Christen.

‍

Bei allen sanften Umerfindungen ist Flávio im Kern einfach eine Fortsetzung des Bolsonarismo, und das zeigt sich auch im Wahlprogramm. Es konzentriert sich auf die öffentliche Sicherheit, eine populistisch-libertäre Wirtschaftspolitik, öffentlichkeitswirksame Themen wie Lebensmittelpreise und Migration, sowie auf eine umstrittene Justizreform, die eine direkte Reaktion auf die Strafverfolgung seines Vaters abbildet. Besonders letzteres ist interessant: Neben einer Generalamnestie für seinen Vater und alle am Januar-Putsch beteiligten will Flávio unter anderem die Zuständigkeit des Obersten Gerichtshofes einschränken, sodass dieser nicht mehr über Regierungsmitglieder urteilen kann.

‍

Der Dritte Mann

‍

Neben Lula und Flávio gibt es nämlich noch eine dritte Hauptperson im politischen Drama: Alexandre de Moraes, Richter am Obersten Gerichtshof und anscheinend erklärter Erzfeind der Bolsonaristas. Moraes ist bei weitem kein Linker. Er wurde unter Bolsonaros konservativem Vorgänger Michel Temer berufen und machte sich durch ein knallhartes Auftreten als Ankläger mit laxer Attitüde gegenüber Polizeigewalt einen Namen. Trotzdem hat er sich seit der Corona-Pandemie zum größten Einzelhindernis des Bolsonarismo entwickelt.

‍

Wieso? Moraes ist eine Art Hardliner des Rechtsstaats. Er schreckt bei der Anwendung des Rechts auch nicht vor der Prominenz des Angeklagten oder der Intensität des politischen Diskurses zurück. Er interpretiert das Oberste Gericht zudem nicht einfach als letzte Institution im Hintergrund, sondern als mächtigen Akteur erster Güte, welcher nominell zwar nicht "politisch" ist, aber eben doch in die Politik einzuwirken bereit ist. Dazu passend scheut Moraes nicht vor dem Rampenlicht zurück, sondern scheint sich im Gegenteil damit wohlzufühlen, im Zentrum der brasilianischen Politik zu stehen.

‍

Es begann noch recht harmlos, als Moraes die Regierung Bolsonaro im Juni 2020 zwang, ihre Corona-Zahlen wieder regelmäßig zu veröffentlichen. Danach wurde er bekannt, weil er immer wieder drakonisch gegen Medien vorging, die mutmaßlich Falschinformationen publizierten. 2022 ließ er die App Telegram im ganzen Land lahmlegen, ordnete immer wieder erfolgreich die Entfernung von Fake News an und ließ, wenn nötig, ganze Webseiten abschalten. Die Reaktion darauf ist bezeichnend für Moraes' öffentliches Image: Unterstützer sehen in ihm einen Retter der Demokratie, für seine Gegner ist er ein Zensor, der autoritär seine Amtsmacht missbraucht.

‍

Seit 2023 ist er die zentrale Figur in der juristischen Verarbeitung des Putschversuches. Er leitete das Verfahren von den ersten Untersuchungen bis zum Urteilsspruch gegen Jair Bolsonaro. Er setzte noch am Tag des Angriffs den Gouverneur des Hauptstadtbezirks ab, ließ später die ersten hochrangigen Beteiligten festnehmen und erwirkte durch andauernden Druck auf sie die ersten belastenden Beweisstücke gegen Bolsonaro und seine engsten Verbündeten.

‍

Nebenbei suchte er Mitte 2024 Streit mit dem reichsten Mann der Welt und Bolsonaro-Fan, Elon Musk. Moraes hatte den Kurznachrichtendienst X (Twitter) per einstweiliger Verfügung auferlegt, eine große Zahl von Accounts zu sperren, die Fake News im Sinne der brasilianischen Opposition verbreiteten. Als X sich weigerte, erließ Moraes nicht nur empfindliche Strafen von 20.000 US-Dollar pro Account pro Tag, sondern entzog der Website schließlich ganz die Publikationsgenehmigung – Moraes ließ X im ganzen Land für gut einen Monat blocken. Schließlich beugte sich Musk seinem Willen, bezahlte die Strafen und ließ die problematischen Accounts sperren. Der Vorgang ist so weltweit einzigartig.

‍

Auch mit Donald Trump nahm Moraes es auf. Nachdem er als Hauptankläger gegen Bolsonaro aufgetreten war, ernannte ihn die Regierung der USA im Juli 2025 zur persona non grata und sanktionierte ihn, unter anderem mit einem Einreiseverbot und finanziellen Sanktionen, obwohl Moraes gar kein Vermögen in den USA besitzt. Moraes ignorierte das Verfahren gegen ihn einfach, und im Dezember desselben Jahres nahmen die USA ihre Sanktionen ersatzlos zurück.

‍

Wegen seiner kompromisslosen Position gegen jeden Rechtsbruch der Opposition ist Moraes im Wahlkampf neben Lula zum Hauptgegner der Bolsonaristas geworden. Entsprechend zieht Flávio eine direkte Verbindung zwischen den beiden Männern: “Jeder der für Lula stimmt, stimmt für Alexandre de Moraes,” so Flávio in einer Wahlkampfrede. Das ist für Lula nicht nur ein Problem, weil Moraes' Gebaren durchaus für Kontroversen sorgt, sogar außerhalb der Rechtsaußen, sondern vor allem, weil der Richter zuletzt in einen Korruptionsskandal geraten ist.

‍
Ein Skandal auf den letzten Metern ‍

‍

‍Gemeint ist der größte Finanzskandal in der brasilianischen Geschichte: Ende 2025 platzte die Übernahme der Banco Master des Unternehmers Daniel Vorcaro plötzlich, als sich herausstellte, dass die Bank über Jahre als eine Art Schneeballsystem funktioniert hatte. Die Zentralbank ordnete die Liquidation an, etwa 2,2 Milliarden Dollar verschwanden über Nacht. Der Staatsfonds zur Kreditgarantie musste beinahe 7,7 Milliarden Dollar auszahlen, um das Finanzsystem zu stabilisieren, die höchste Summe in seiner Geschichte.

‍

‍Wichtiger als diese Summen ist aber, dass Vorcaro sein beachtliches Vermögen nicht nur durch Betrug am Kunden, sondern auch durch die sehr aktive Nutzung politischer Beziehungen erworben hatte. Durch Verbindungen zu Politikern sorgte er dafür, dass öffentliche Mittel wie Pensionsfonds in seine Bank gelenkt wurden, wo sie betrügerische Geschäfte abdeckten. Dadurch ist eine große Anzahl politischer Figuren in Brasilien in den Skandal involviert. Er erschüttert das politische System im Land kurz vor der Wahl.

‍

‍Während Lula keine direkte Verbindung zu Vorcaro hat, gibt es Quellen, die eine Verbindung zwischen dem Banker und Alexandre de Moraes andeuten. Vorcaro soll den Richter um Rechtsberatung gebeten haben, der streitet jede Kommunikation zwischen ihnen ab und bezeichnet die Anschuldigungen als politisches Ränkespiel. Flávio dagegen ist wohl zweifellos direkt betroffen: Gegen ihn wird im Zusammenhang mit Vorcaro wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt. Laut Tonaufnahmen soll er Vorcaro außerdem um Millionen Dollar an Investition in einen Film über seinen Vater gebeten haben. Nach diesen Enthüllungen im Mai fiel Flávio in Umfragen deutlich hinter Lula zurück, davon hat er sich mittlerweile aber erholt.

‍

‍Trotzdem scheinen Wähler den Skandal vor allem mit dem linken Lager zu verbinden. Gerade für Moraes ist das fatal, denn es kratzt an seinem wichtigen Image als unbestechlicher Garant des Rechtsstaats. Das weitere Ermittlungsverfahren wurde zwar bis nach der Wahl ausgesetzt, doch der Skandal könnte die Wahl kritisch beeinflussen. Obwohl Flávio wohl weitaus stärker involviert ist als Lulas Lager, dürfte er den Bolsonaristas helfen – in jedem Fall unterminiert er die Autorität des Obersten Gerichtshofes und sein Image als Bolsonaro-kritische Institution jetzt schon empfindlich. Denn nicht nur Moraes ist betroffen, sondern gut die Hälfte seiner Richter soll Kontakt zu Vorcaro gehabt haben.

‍

‍Ein Ausblick‍

‍

‍Wer Ende des Monats die Wahl auch gewinnt, der politische Konflikt in Brasilien wird noch lange nicht vorbei sein. Sollte sich Flávio durchsetzen, so wird er wohl seinen Vater und dessen Mitverschwörer begnadigen und dem rechten Lager damit entscheidenden Aufschwung verschaffen. Außerdem wird er sich wohl an den Institutionen rächen, die ihm bisher im Weg stehen. Politisch gäbe es von beiden Kandidaten wohl mehr desselben: Lula wird seinen Kurs in Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft weiter fortsetzen, womöglich gehemmt durch noch schwierigere Mehrheitsverhältnisse im Parlament; Flávio würde zur Politik seines Vaters zurückkehren, mit allem was dazugehört: Eine Wirtschaftspolitik, die zwischen libertärem Laissez-faire, fiskalischer Strenge und populistischer Largesse wandelt; eine minimale Umwelt- und Klimapolitik; eine proamerikanische Außenpolitik; Sozialkonservatismus; und womöglich der Versuch, die Institutionen zu ergreifen. Zudem besteht nach der Wahl stets das Risiko für aufstandsartige Proteste, denn die Gesellschaft ist polarisierter denn je.

‍

‍Erschütternde Korruptionsskandale, Putschsorgen und das Duell Lula gegen Bolsonaro. Für Brasilien, eigentlich ein rasch wachsendes Land im Aufbruch, ist es wahrlich ein Déjà-vu. Anstelle von Zukunftsvisionen geht es um politischen Groll, Existenzängste und Lagerdenken. Egal, wie diese Wahl ausgeht: Frühstens beim nächsten Durchgang in vier Jahren wird Brasilien seinen Blick wieder in die Zukunft richten können. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass es auch dann so weitergeht wie heute. Schließlich wird irgendein Team Ende des Monats verlieren müssen und noch mehr Groll aufbauen; und beide Seiten werden im Gegenüber weiterhin den Untergang des Landes sehen. Um diesen zu verhindern, hat es eine Seite bereits sogar mit einem Putsch versucht – und weiß noch immer die Hälfte des Landes hinter sich.

‍

Weiterlesen

‍

‍Zu Brasilien
Brasilien unter Bolsonaro (2022)
Brasiliens politisches Erdbeben (2021)

Zu Lateinamerika
100 Tage Regime Change in Venezuela (2026)
Venezuela und das Öl (2026)
Die neue Monroe-Doktrin der USA (2025)
Die USA wagen den Expansionismus (2025)
Wie steht es um Haiti? (2025)
Mexikos Wahl ist eine riskante Wette (2024)
Was Venezuelas Wahl bedeutet (2024)
Argentinien unter Milei (2024)
Haiti im Zerfall (2024)
Venezuelas Fiasko (und das kleine Comeback) (2022)
Peru und das ewige Chaos (2022)
Brasilien unter Bolsonaro (2022)
Brasiliens politisches Erdbeben (2021)
Bolivien: Ein Land zwischen Mandela und Mugabe (2020)

‍

‍

‍

‍