July 19, 2026
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16 Minuten Lesezeit

Die nächste rechte Welle in Lateinamerika

Überall in der Region siegen rechte Kandidaten – das ist nicht überraschend, doch es gibt eine Neuheit.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
  • In Peru und Kolumbien kommen in extrem knappen Stichwahlen wieder rechte Kandidaten an die Macht.
  • Damit setzt sich ein Trend der letzten Jahre fort: Überall auf dem Kontinent übernehmen nach einer linken Welle jetzt rechte Regierungen die Macht.
  • Die Gesellschaften Lateinamerikas sind zumeist tief gespalten, historisch gewachsene linke und rechte Lager sind klar abgetrennt, Mehrheiten bleiben meist hauchdünn.
  • Diese Spaltung ist ein Erbe der feudalen Ordnung der Kolonialzeit. Extreme Ungleichheit, ethnische Spannungen und Polarisierung bestimmen immer noch die Politik.
  • Bislang war die Politik auf dem Kontinent zyklisch, linke und rechte Lager wechselten sich in den letzten 25 Jahren recht regelmäßig ab.
  • Eine Neuheit ist der Faktor Donald Trump: Seine Bewegung inspiriert eine "neue Rechte", bricht etablierte Strukturen auf und entscheidet womöglich Wahlen.
  • Obwohl die rechte Welle keinen strukturellen Rechtsruck der Gesellschaft bedeutet, zeigt sie eine Verschiebung innerhalb der Rechten selbst, hin zu radikaleren Positionen und zu Trumpistischer Identitätspolitik.

Der Schritt nach rechts_

(10 Minuten Lesezeit)

Hauchdünn in Peru

In Peru wurden gut einen Monat nach den Präsidentschaftswahlen vom 7. Juni endlich die Ergebnisse bekannt gemacht: die Konservative Keiko Fujimori siegte mit einer Marge von weniger als 50.000 von insgesamt rund 18 Millionen Stimmen in der Stichwahl gegen den linken Querfront-Kandidaten Roberto Sanchez. Trotz des knappen Ergebnisses hoffen viele Beobachter, dass nun endlich wieder Stabilität in die peruanische Politik kommt: Seit 2021 gab es vier Präsidenten, von denen drei des Amtes enthoben wurden.

Damals, vor fünf Jahren, wählte Peru mit Pedro Castillo zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren einen linken Kandidaten zum Präsidenten, mit ähnlich hauchdünner Mehrheit. Er wurde bereits 2022 wieder abgesetzt und sogar inhaftiert, nachdem er versucht hatte, durch eine putschähnliche Auflösung des Parlaments einem Amtsenthebungsverfahren zu entgehen. Seitdem folgt Skandal auf Skandal, Übergangspräsident auf Übergangspräsident, Wahlen gab es erst dieses Jahr wieder.



In der Zwischenzeit erschütterten immer wieder große Proteste das Land, die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich laufend, Verbraucher- und Energiepreise stiegen, Bandenkriminalität wurde auf den Straßen immer sichtbarer. Fujimori positionierte sich im Wahlkampf als Kandidatin der Ordnung; mit starker Hand will sie gegen die Probleme im Land vorgehen. Dabei berief sie sich immer wieder direkt auf ihren Vater, den rechtsautoritären Alberto Fujimori, der Peru zwischen 1990 und 2000 teilweise diktatorisch regierte.


Das Ende des Experiments in Kolumbien

Jetzt hat also nach einem kurzen und turbulenten linken Zwischenspiel das rechte Lager wieder die Macht in Peru übernommen. Dasselbe ist letzten Monat in Kolumbien geschehen: Dort siegte halbwegs überraschend der parteiunabhängige Rechtsaußen-Kandidat Abelardo de la Espriella ebenfalls extrem knapp über Iván Cepeda, den die seit 2022 regierende linke Koalition aufgestellt hatte. Anders als in Peru war die amtierende linke Regierung unter Präsident Gustavo Petro in weiten Teilen der kolumbianischen Bevölkerung sehr populär, und aus Sicht linker Beobachter erfolgreich: Petro erhöhte die Sozialausgaben, stärkte die Rechte von Arbeitnehmern und der indigenen Bevölkerung, senkte die Armuts- und Arbeitslosenquote, und machte sich daran, mit einer Politik des “Totalen Friedens” durch die Entwaffnung von Paramilitärs den seit gut einem Jahrhundert schwelenden internen Konflikt in Kolumbien zu beenden. Seine Vizepräsidentin Francia Márquez war die erste schwarze Frau in der Regierung, ein entscheidender Schritt in der Emanzipation der historisch benachteiligten Afro-Kolumbier. Die Präsidentschaft Petros repräsentierte als erste linke Regierung Kolumbiens seit der Unabhängigkeit 1810 eine historische Zeitenwende. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wurde sie jetzt abgewählt. Die rechte Mehrheit betrug gerade einmal 0,94 Prozentpunkte.

Damit zeigt sich in Peru und Kolumbien ein Trend, der in den letzten Jahren scheinbar ganz Lateinamerika ergriffen hat. Überall gewinnen rechte Kräfte wieder die Oberhand, linke Regierungen stürzen momentan eine nach der anderen. In den letzten drei Jahren gewannen nicht nur in Peru und Kolumbien rechte Kandidaten die Macht von linken Regierungen, sondern auch in Argentinien (Javier Milei, 2023), El Salvador (Nayib Bukele, 2024, eigentlich jedoch schon 2019), Chile (José Antonio Kast, 2026), Bolivien (Rodrigo Paz, 2025) und Ecuador (Daniel Noboa, 2023 und 2025). Damit gibt es in Lateinamerika nur noch in Brasilien eine wirklich linke Regierung unter Lula da Silva (wobei die Wahl im Oktober in beide Richtungen gehen könnte), und auch Mexiko widersetzt sich unter der sozialliberalen Claudia Sheinbaum und der linkspopulistischen Morena-Partei bisher noch dem Trend.

Gut zu wissen: Auch Venezuela ist faktisch nach rechts gerückt. Die politische Lage ist in Anbetracht der Ausnahmesituation – rund um eine starke US-amerikanischen Einflussnahme und eine sich noch etablierende Regierung – zwar nicht völlig sauber einzustufen, doch die neue Rodriguez-Regierung scheint wirtschaftlich und außenpolitisch eine Linie zu wählen, welche eher an lateinamerikanisch rechtere Positionen erinnert.


Ein Zyklus aus Lagerwechseln

Dass es tatsächlich um einen Makrotrend geht, zeigen die vielen grundlegenden Parallelen zwischen den Entwicklungen in den einzelnen Ländern: Fast überall sind die Wahlergebnisse sehr knapp, überall ist die Gesellschaft stark polarisiert und tief in langfristig gewachsene politische Lager gespalten, überall gibt es historisch gewachsene Ungleichheit und langjährige, oft gewalttätig ausgetragene gesellschaftliche Konflikte. Auf dieser Basis zeichnet sich wiederum eine zyklische Politik ab, die von periodischen Machtwechseln zwischen den Lagern geprägt ist.


Die Beispiele Perus und Kolumbiens zeigen jetzt also unmissverständlich auf, dass der nächste Zyklus in der lateinamerikanischen Politik angebrochen ist; genauer bestätigen sie die seit längerem gehegte Annahme dahingehend. Zugleich geht es nicht mehr nur um einen periodischen Rechtsruck, denn die neuen Machthaber auf dem Kontinent sind häufig keine traditionellen Konservativen mehr. Immer öfter sind sie einer globalen "neuen Rechten" zuordnbar, welche gewisse neue Themen wählt, vor allem aber in der Kommunikation aggressiver und populistischer auftritt. Etwas plakativer ausgedrückt: Der ganze Kontinent fühlt den Einfluss von Donald Trump.

Sture Lager, tiefe Gräben

Was bei den Wahlen in Peru und Kolumbien sofort auffällt, sind die extrem knappen Ergebnisse. Die sind allerdings keine Ausnahme, sondern die Regel, überall in Lateinamerika sind sie beobachtbar. Auch wenn Peru mit weniger als 50.000 Stimmen ein Extrembeispiel ist, lagen die Gewinnspannen bei den meisten großen Wahlen in Lateinamerika in den vergangenen fünf Jahren im einstelligen Prozentbereich: 2021 gewann Pedro Castillo in Peru mit ebenfalls unter 0,1 Prozentpunkten Vorsprung gegen Keiko, und in Chile sicherte sich der linke Ex-Präsident Gabriel Boric die Stichwahl gegen seinen späteren Nachfolger José Antonio Kast mit etwa 5,5 Prozentpunkten. Bei Kolumbiens Gustavo Petro waren es 2022 weniger als 3 Prozentpunkte; bei Javier Mileis “historischem Sieg” ein Jahr später in Argentinien gerade einmal 5 Prozentpunkte. Auch die letzten Wahlen in Kolumbien vor etwa einem Monat gingen extrem knapp aus, der einstweilige Außenseiter Abelardo de la Espriella gewann die Stichwahl Ende Juni mit weniger als 1 Prozentpunkt Vorsprung. Großer Ausreißer ist nur El Salvadors Nayib Bukele – er gewann nach offiziellen Zählungen rund 83 Prozent aller Stimmen, dank eines Mixes aus realer Popularität und geschwächten Institutionen, seine Gegenkandidaten lagen sämtlich unter 7 Prozent.


Die extrem engen Ergebnisse liegen teilweise am relativ einheitlichen politischen System auf dem Kontinent: Präsidentielle Systeme sind die Norm, darum läuft der politische Prozess auf einige wenige Schlüsselwahlen um das Amt des Präsidenten hinaus. So gut wie alle Länder verlangen eine absolute Mehrheit, was Stichwahlen zwischen zwei Kandidaten nötig macht, was häufig eine relativ saubere Trennlinie durch die Wahlbevölkerung schafft. Gleichzeitig spiegeln dieses System und die knappen Wahlergebnisse darin die Struktur der Gesellschaft wider: Sie teilt sich in relativ unbewegliche politische Lager, große Wählerbewegungen gibt es kaum, und Wahlen werden von hauchdünnen Mehrheiten entschieden. Ein Politikwechsel drückt also nicht unbedingt die Meinung einer Mehrheit der Bevölkerung aus, es reicht oft, wenn Kandidaten kleine Gesellschaftsgruppen von sich überzeugen können; oder eine Seite ihre Basis besonders gut mobilisieren kann.

Das koloniale Erbe

Diese Dynamik weist auf die extreme politische und gesellschaftliche Polarisierungin Lateinamerika hin. Die hat eine lange Tradition, spätestens seit dem Kalten Krieg teilt sie ganze Nationen in zwei gesellschaftliche und politische Lager, ein linkes und ein rechtes. Parteien sind dabei Nebensache, sie sind historisch gesehen schwach und instabil – die Lager sind viel wichtiger. Diese tiefe Links-Rechts Spaltung ist historisch gewachsen. Sie entwickelte sich überall in Lateinamerika entlang bestehender sozialer Trennlinien und gesellschaftlicher Spannungen, vor allem entlang einer seit der Kolonialzeit gewachsenen, tiefen wirtschaftlichen Ungleichheit.

Ein kurzer Überblick über die lateinamerikanische Geschichte verdeutlicht das. Die allen Nationen Lateinamerikas gemeine Kolonialgeschichte bestimmt bis heute die Grundlagen der gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Lateinamerika bildete das erste großflächige Kolonialreich der Europäer, zumeist Spaniens (mit dem portugiesischen Brasilien und kleineren Kolonien am Atlantik als Ausnahmen). Es hatte sich bemerkenswert schnell gebildet: Binnen 60 Jahren nach der ersten Reise von Christopher Kolumbus war die spanisch-portugiesische Herrschaft über Lateinamerika nicht mehr ernsthaft angefochten; bis 1750 kontrollierten sie das gesamte Südamerika bis auf seinen Südzipfel.

Die Eroberung geschah dabei zwar mit Lizenz der iberischen Kronen, wurde jedoch von individuellen Glücksrittern ausgeführt – früher nannte man sie “Entdecker”, doch die Motivation der Conquistadores wie Cortez, Pizarro und Valdivia war die Landnahme: Die Krone bezahlte sie nicht, stattdessen plünderten sie oder konnten sich die unterworfenen Gebiete selbst als Lehen oder sogar Privatbesitz einverleiben. Der Kolonialismus in Lateinamerika war dadurch ein Auswuchs des europäischen Feudalismus: Die Eroberer brachten die Institutionen und Gesellschaftsordnung des Mittelalters mit sich, der Kontinent wurde für rund 300 Jahre zur Mark der iberischen Königreiche, also zu einer riesigen militarisierten Grenzregion, von der hohe Tribute erhoben wurden.

Gut zu wissen: Die einzigen kolonialen Ausnahmen bildeten Belize und Guyana (früher Großbritannien), Suriname (früher Niederlande), und das noch heute zur Kolonialmacht gehörende Französisch-Guayana. Sie alle, mit Ausnahme von Belize, lagen geographisch vom Rest des Kontinents weitgehend isoliert und werden eher zum karibischen Kulturraum gezählt. Weniger erfolgreiche (insofern kurzlebige) Kolonien waren das schottische "Neukaledonien" in der heute noch unwegsamen Darien-Lücke, was die schottische Krone in eine Schuldenkrise und in das Vereinigte Königreich stieß; Lettland (damals Kurland) und Malta, welche einige Karibikinseln kontrollierten; und Russland, dessen Handelsvorposten im spanischen Kalifornien technisch gesehen im damaligen Lateinamerika lag.

Spanien und Portugal verwalteten ihre Kolonien und deren Bevölkerung auf ähnliche Weise: Sie zwangen zunächst die Einheimischen unter oft desolaten Bedingungen zur Ausbeutung von Rohstoffvorkommen, darunter die bis heute weltgrößte Silbermine in Potosí in Peru, an deren Profiten sich ausschließlich die Kolonialmacht und ihre lokalen Vertreter bereicherten. Über das Encomienda-System verteilten sie die indigene Bevölkerung an die europäischen Eroberer. Die Encomiendas waren feudale Lehen, deren Besitzer die Befehlsgewalt über eine bestimmte Anzahl Einheimischer erhielten. Diese schuldeten den Encomenderos Fronarbeit und Rohstofftribute im Gegenzug für militärischen Schutz. In der Praxis war das nichts anderes als Sklaverei.

Mit der Zeit konnten viele Encomenderos ihren Menschenreichtum zu Landbesitz machen und große Haciendas formen, also Landgüter, die beinahe alles landwirtschaftlich produktive Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer konzentrierten. Wo die indigene Bevölkerung, ob durch die Dezimierung der Bevölkerung oder aggressives Wirtschaftswachstum, zur Bewirtschaftung nicht mehr ausreichte, nahmen versklavte Afrikaner ihren Platz ein. Vor allem in den atlantischen Kolonien Kolumbien, Venezuela und Brasilien geschah das; in Peru, Bolivien, Chile und Ecuador dagegen blieb die indigene Bevölkerung die wichtigste Quelle günstiger Arbeitskraft. Die historische Ungleichheit ist in Lateinamerika also auch ethnisch geprägt und artikuliert sich bis heute entlang rassifizierter Kategorien.

Bis heute zeigt sich die Geschichte dieses feudalen Kolonialismusin den Strukturen der lateinamerikanischen Nationen:Er sorgte für eine fundamentale Ungleichheit, weil eine kleine Elite europäischstämmiger Großgrundbesitzer eine Art Adel formte, der nicht nur den wirtschaftlichen Wohlstand, sondern auch die Politik monopolisierte. Weil der Reichtum dieser Eliten lange Zeit auf der Gewinnung natürlicher Ressourcen basierte, richteten sie auch den Staat auf diesen Zweck aus. Eine Hauptaufgabe der lateinamerikanischen Staaten wurde die Gewährleistung der bestehenden Ordnung durch die Kontrolle über Land und Arbeitskraft, gesichert durch das Militär und eine autoritäre Herrschaft über die arbeitende Bevölkerung. In diesem Sinne ist eine starke gesellschaftliche Polarisierung bereits in die grundlegenden Eigentumsverhältnisse eingebaut, nämlich zwischen den historisch Besitzenden und den Besitzlosen.

Mit den Napoleonischen Kriegen und ihrer Erschütterung Europas fielen die Kolonialreiche schlagartig – zwischen 1810 und 1825 wurde Lateinamerika unabhängig, aus den anfänglich vier Vizekönigreichen Spaniens wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts die Nationalstaaten von heute. Gleichzeitig wuchs der regionale Einfluss der USA als aufstrebende Weltmacht. Mit der Monroe-Doktrin formulierte das junge Land 1823 zum ersten Mal eine geopolitische Position und steckte den ganzen amerikanischen Kontinent als seinen exklusiven Einflussbereich ab. So wie die wirtschaftliche und politische Macht der Vereinigten Staaten wuchs, so auch ihr Einfluss auf die Nationen Lateinamerikas. Bis 1920 erwarben sie sogar selbst Kolonien in der Region, in Puerto Rico und rund um den auf US-Initiative gebauten Panamakanal.

Gleichzeitig bekamen bestehende Konflikte durch modernes politisches Gedankengut neue Ausdrucksmöglichkeiten, etwa als sozialistische Ideen Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Kontinent ankamen. Spätestens seit Anbruch des Kalten Krieges artikulisierte sich die historisch gewachsene Ungleichheit entlang der im Kern noch heute existierenden Links-Rechts-Spaltung.

Die "Castas", welche eine soziale Hierarchie entlang ethnischer Abstammungen festlegten. Hier 16 Kombinationen in einem mexikanischen Ölgemälde aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Museo Nacional del Virreinato, Tepotzotlán, Mexico, wikimedia

Was "Links" und "Rechts" bedeutet

Diese politischen Identitäten stammen zwar aus derselben Tradition wie die in Europa,haben aber einige Besonderheiten. Grob gezeichnet steht die lateinamerikanische Linke für Umverteilungen im Sinne der sozialen Gerechtigkeit, stärkere Arbeiterrechte, einen umfangreicheren Staatsapparat und hohen Staatsanteil in der Wirtschaft, eine sanftere Linie im Umgang mit inländischen Banden und Milizen, sowie oft auch für die Stärkung der Rechte historisch benachteiligter Gruppen wie der indigenen Bevölkerung. Aufgrund der historischen Rolle der USA in der Region legt sie aber auch einen besonderen Fokus auf Skepsis gegenüber den Vereinigten Staaten und dem globalen Kapitalismus im Allgemeinen.

Die Rechte steht wiederum fürtraditionelle Eigentumsverhältnisse und Eliten, die oft noch aus der Kolonialzeit stammen, für einen harten Kurs gegen Kriminalität, Milizen und Banden, mitunter für eine Militarisierung von Staat und Gesellschaft, sowie fast immer für sozialkonservative Positionen, die eng mit den Werten konservativer christlicher Strömungen verwoben sind. Seit den 1980er Jahren ist die lateinamerikanische Rechte außerdem ein starker Verfechter einer marktwirtschaftlichen Liberalisierung, inklusive Privatisierung, Staatsabbau und Deregulierung. Außenpolitisch verfolgt sie eine enge Annäherung an die USA, besonders an rechtskonservative Kräfte im Land. In den letzten Jahren ist auch die Migrations- und Sicherheitspolitik zum wichtigen Streitpunkt geworden: In Peru, Ecuador, El Salvador und zuletzt in Kolumbien profilieren sich rechte Politiker erfolgreich mit Polemik und hartem Durchgreifen gegen Einwanderung aus zumeist Haiti und Venezuela, welche in den Ländern kontrovers betrachtet wird.

Gut zu wissen: Interessanterweise ist Sozialkonservatismus in Lateinamerika nicht unbedingt eine Domäne der Rechten – auch so manche linke Bewegung tritt zwar wirtschaftlich progressiv auf, ist aber sozialpolitisch zurückhaltend. Die linkspopulistische Regierung Boliviens unter Evo Morales strengte zum Beispiel radikale wirtschaftliche Reformen an und konzentrierte sich auf die Emanzipation der historisch benachteiligten indigenen Bevölkerung, war aber sehr zurückhaltend im Hinblick auf das Abtreibungsrecht oder den Status von queeren Menschen. Mexikos Andrés Manuel López Obrador (AMLO) betonte soziale Gerechtigkeit, sprach aber auch in religiös gefärbter Rhetorik über die “moralische Erneuerung” Mexikos. Auch Pedro Castillo in Peru war im Grunde ein sozialkonservativer linker Präsident.

Es wird schnell deutlich, dass Rechts und Links in Lateinamerika unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre politischen Positionen sind einander oft direkt entgegengesetzt. Ein Blick auf die Umweltpolitik und den Umgang mit indigenen Gruppen zeigt das besonders gut: Die Regierung Petro/Márquez in Kolumbien positionierte sich als Verfechterin der Rechte indigener Kolumbier, die direkt mit dem Schutz der Natur zusammenhängen, in denen sie oft leben. Francia Márquez wurde vor der Politik als Umweltschützerin in ihrer ländlichen Heimatregion bekannt, Gustavo Petro ist Menschenrechtsaktivist und Anwalt. Der neue Präsident Espriella will dagegen die selbstverwalteten indigenen Gebietskörperschaften, die seine Vorgänger erst kürzlich mühsam etabliert hatten, sofort wieder aufheben und deren Territorium stattdessen durch die Schwerindustrie erschließen lassen.

Ein ähnlicher Konflikt entbrennt in Brasilien: In der Regierungszeit von Javier Bolsonaro häuften sich Schlagzeilen über eine aggressive Abholzung des Amazonasregenwaldes und der Ermordung indigener Aktivisten (eine Folge von Deregulierung und tolerierter industrieller Expansion), während sein linker Gegner Lula sich den Schutz der entlegenen Region und ihrer Bewohner auf die Fahne schreibt.

Zyklus, Rechtsruck oder Bruch?

(6 Minuten Lesezeit)

Bogotá. Quelle: Pedro Szekely, wikimedia

Polarisierung ist also keine Neuheit, sondern eine langfristige und vor allem stabile Grundeigenschaft der lateinamerikanischen Politik. Sie ist die Basis für jeden Prozess des politischen Wandels. Der zeigt dadurch einen interessanten Kontrast auf: extreme Politik von beiden Lagern auf der einen Seite, einen grundsätzlichen Mangel an fundamentaler Veränderung auf der anderen. Es gibt zwar genug Politikwechsel auf dem Kontinent, doch zu einer grundsätzlichen Neuordnung führen diese nur selten. Die lang gewachsenen historischen Probleme bleiben im Grundsatz bestehen, genauso wie die gesellschaftlichen Strukturen, die aus ihnen gewachsen sind. Stattdessen ist die Politik in Lateinamerika von politischen Zyklen geprägt: extreme Politik auf der einen Seite provoziert eine ebenso extreme Reaktion von der anderen, die die vorangegangene Veränderung rückgängig macht. Dadurch verhindert die Spaltung der Gesellschaft effektiv jegliche prinzipielle Veränderung, die historische Spannungen und damit die Polarisierung der Gesellschaft auflösen könnte. Das System hält sich gewissermaßen von selbst aufrecht.



Viele Politikwissenschaftler charakterisieren den Normalzustand der lateinamerikanischen Politik seit dem Jahr 2000 als Abfolge wiederkehrender politischer Zyklen von aufeinanderfolgenden Links- und Rechtsverschiebungen. Nach den 90er-Jahren, die durch rechte, teils diktatorische Regierungen geprägt waren, gab es mit der Rückkehr der Demokratie in den 2000ern zwei sogenannte “rosa Wellen” auf dem Kontinent, die wieder linke Regierungen an die Macht brachten. Unterbrochen wurden sie von einer Phase der rechten Reaktion. Momentan erleben wir demnach die zweite derartige rechte Reaktionsphase. Die Aufeinanderfolge dieser Phasen ist durch die Polarisierung so regelmäßig, weil eben sehr kleine Mehrheiten für einen Wahlsieg ausreichen. Jede Unzufriedenheit in der Bevölkerung kann der amtierenden Regierung schnell zum Verhängnis werden und die Opposition mobilisieren.



Aufgrund ihrer tiefen Wurzeln sind die zugrundeliegenden Problemursachen nur sehr schwer auszuheben, einzelne Regierungen haben kaum Chancen, die Grundlage der zyklischen Politik zu verändern, bevor sie wieder abgewählt werden. Die amtierende Regierung ist also wahlpolitisch immer im Nachteil, weil sie für Probleme verantwortlich gemacht wird, die sie nicht selbst verursacht hat und die sie im Rahmen ihres Mandats nicht lösen kann.



Rechtsruck oder Kurskorrektur?



Schon in diesem Kontext ist deutlich, dass die Wahlerfolge rechter Kandidaten in Lateinamerika nicht unbedingt einen Rechtsruck der Gesellschaft ausdrücken. Überhaupt wäre eine “Rückkehr” zu rechten Regierungen in den meisten Ländern keine Anomalie, sondern eine Korrektur – rechte Regierungen sind historisch auf dem ganzen Kontinent nämlich in der überwältigenden Überzahl, bereits die koloniale Ausgangssituation war im heutigen Sinne rechtskonservativ. Linke Regierungen sind eher Ausnahmen, genauso wie überhaupt demokratische Perioden.



Feststellbar ist zudem eine meist starke rechte Reaktion auf sporadische Bewegungen nach links. Einige Beobachter mögen das eben mit der konservativen Grundeinstellung auf dem Kontinent und mit einer stärkeren Verankerung rechter Positionen in den politischen und wirtschaftlichen Institutionen erklären (eine Folge der historisch gewachsenen Eliten); letzteres zeigt sich auch in den Militärdiktaturen, welche im 20. Jahrhundert in einer Vielzahl der Länder existierten und häufig linke Experimente beendeten.



Andere Beobachter mögen auf eine gewisse Erfolglosigkeit vieler linker Regierungen verweisen, um zu begründen, warum sie meist rasch wieder abgelöst wurden. Vielen Lateinamerikanern, insbesondere jenen der Mittel- und Oberschicht, gelten Länder wie Venezuela, Kuba, Bolivien und Argentinien als extreme warnende Beispiele für ein Versagen linker Politik. Und Militärdiktaturen waren zwar fast immer rechts (mit Peru als Ausnahme), doch auch die Linke hat beizeiten autoritäre Tendenzen bewiesen: sei es in den genannten Ländern Venezuela und Kuba, in Bolivien unter Evo Morales, in Peru bei Pedro Castillos Versuch, das peruanische Parlament aufzulösen, oder in Mexiko bei einer Reihe fragwürdiger Wahlrechts- und Justizreformen der Morena-Partei.

Neue Ordnung unter Trump

Die rechte Welle in Lateinamerika mag nichts Neues sein, doch ein Faktor ist diesmal anders: Donald Trump. Während Keiko Fujimori in Peru eine eher traditionelle Kandidatin der "alten Rechten" ist, ist der neue Präsident Kolumbiens das nicht. Abelardo de la Espriella kommt aus keiner etablierten rechten Bewegung, sondern ist Quereinsteiger. Er wurde zunächst als eher komische Figur in den Medien bekannt, und als Strafverteidiger vertrat er rechte Paramilitärs, Drogenschmuggler und Geldwäscher. Seine politische Karriere begann als Rechtsaußen-Alternative zu den traditionellen rechten Kandidaten aus dem Lager der sogenannten Uribistas um den Ex-Präsidenten Alvaro Uribe. Weil er anders als die etablierten Kandidaten noch nicht in allzu viele Skandale verstrickt war, konnte er schnell einen ansehnlichen Teil des rechten Lagers von sich überzeugen. So richtig ins Rollen kam seine Kampagne aber erst in der Stichwahl, als er auch offiziell die Unterstützung Trumps gewinnen konnte. Trumps Unterstützung sorgte für mediale Omnipräsenz und hat Espriellas Sieg sicher nicht unwesentlich beeinflusst. Die Uribistas sind dagegen marginalisiert, das historische Gleichgewicht der kolumbianischen Politik ist damit aufgebrochen.



Damit ist Espriella der jüngste in einer Reihe von siegreichen Außenseiterkandidaten, die durch Trumps Unterstützung an die Macht kamen. Javier Milei und Jair Bolsonaro sind die prominentesten Vorbilder, auch Nayib Bukele in El Salvador und José Antonio Kast in Chile folgten dem Trumpschen Vorbild. Sie vereint das politische Außenseitertum, welches einzahlt in eine intensive populistische Kommunikation entlang rechter Positionen (darunter neuerdings auch auffällig viel Identitätspolitik, also z.B. auf Gender- und Sexualitätsfragen bezogen). Damit treffen Espriella und Co. in den lateinamerikanischen Bevölkerungen einen Nerv, schließlich sind diese ermüdet von den sich seit Jahren erfolglos abwechselnden "Mainstream"-Parteien. Mit ihren Erfolgen stechen sie die traditionelle Rechte aus und übernehmen sie für sich.

Gut zu wissen: Andere rechte Staatschefs wie Daniel Noboa in Ecuador und Rodrigo Paz in Bolivien lassen sich nicht zu den Trumpisten-nahen "neuen Rechten" zählen. Sie wählen zwar außenpolitisch zumeist ebenfalls eine US-freundliche Linie, doch sie sind eher klassische Konservative.



Diese Neuausrichtung an Trump schlägt sich auch inhaltlich nieder. Zum einen in der Außenpolitik: Die lateinamerikanische Rechte wählt zwar prinzipiell ein engeres Verhältnis zu den USA, doch bei der "neuen Rechten" geht es auch noch ganz ausdrücklich um die Nähe zu Trump selbst und den Trumpisten, also einer ganz speziellen rechtspopulistischen Strömung in den USA. Schließlich berufen sich Milei und Co. sowie ihre politischen Bewegungen ganz offen auf Trump und die Trumpisten als Inspiration, entsprechend suchen sie die persönliche Nähe und präsentieren diese der Bevölkerung als eigenen Erfolg. Espriella verbrachte bereits in der Schlüsselphase des Stichwahlkampfes seine Zeit nicht etwa in Bogotá, sondern in Trumps häufigem Wohnort Miami.



Zum anderen gerät der "Kulturkampf", welcher in den USA eine Säule der Trumpschen rechten Identitätspolitik ist, auch zu einem lateinamerikanischen Phänomen. Espriella ließ sich im Wahlkampf ausgiebig über “Woke” und “Gender-Ideologie” aus, auch Kast sagte immer wieder, Chile müsse davor geschützt werden. Javier Milei und Javier Bolsonaro erwähnt(en) die Schlagworte regelmäßig. Solche "identitäre" Themen nehmen plötzlich in der rechten Gesellschaftspolitik eine zentrale Rolle ein, neben klassischen sozialkonservativen Themen wie z.B. dem Abtreibungsrecht. Auffällig ist hierbei auch, wie nah die "neuen Rechten" rhetorisch an Trump und den Trumpisten sind: Wenn von "Kulturmarxismus", "linken Eliten" oder angegriffener Meinungsfreiheit die Rede ist, ist das fast wortgleich übernommen.



Trumps Unterstützung scheint in der festgefahrenen politischen Landschaft Lateinamerikas in den letzten Jahren der entscheidende Faktor geworden zu sein. Global war sie bislang ein zweischneidiges Schwert, denn die kontroverse Trumpsche Unterstützung für bestimmte Kandidaten stärkte in Europa und Nordamerika mitunter die Gegenseite. In Lateinamerika war das noch nicht der Fall, dort stützte Trump tatsächlich stets die Sieger, sei es in Kolumbien, in Argentinien oder in Honduras. Womöglich ist das einfach Glück, denn der rechte US-Präsident tätigt seine (ungewöhnlichen, umstrittenen) Einmischungen inmitten der Rechtsbewegung im lateinamerikanischen Politzyklus. Oder seine Unterstützung ist in Anbetracht der hochpolarisierten, entzweigetrennten lateinamerikanischen Politik eben doch genug Zünglein an der Waage, um den aktuellen Zyklus verstärkt oder beschleunigt zu haben.



Ein weiterer Test steht in Kürze bevor: Im Oktober wählt Brasilien. Die Wahl ist dann zwischen dem amtierenden Präsidenten Lula und Flávio Bolsonaro, Sohn des rechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Beide gelten der Gegenseite als regelrechter Teufel; und wem Trumps Unterstützung gelten wird, ist klar. Die Wahl nimmt damit einige Funktionen ein: Sie lässt die "rechte Welle" in Lateinamerika entweder auf einen klaren Höhepunkt ansteigen oder deutet, womöglich, ihr allmähliches Abebben an; und sie wird anzeigen, ob sich Trumps "Siegessträhne" in Lateinamerika weiter fortsetzt. So oder so: Einen wahren, strukturellen Rechtsruck sollten Beobachter in der Region nicht vermuten. Spätestens in einigen Jahren dürfte der Zyklus wieder umschwingen, und linke Fraktionen werden wieder erstarken.

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