Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
- Saudi-Arabien steht unter Druck: Iran droht, die Houthis bombardieren. Der Export leidet und wichtige Konferenzen werden abgesagt.
- Für den autoritären, doch reformbewussten Machthaber MBS stellt das eine Gefährdung tiefgreifender Transformationsprozesse dar.
- Er hat den Staat personalisiert; versucht, ihn vom Öl zu diversifizieren; und versucht, die Macht der klerikalen Wahhabis zu senken. Das ist nicht weniger als der Aufbau eines "vierten Saudi-Staat".
- Das ist bezogen auf die wechselhafte Geschichte der Saudis, welche seit dem 18. Jahrhundert zwei Staaten wegen externen Drucks und interner Streitigkeiten untergehen sahen, bevor sie 1932 zur dominanten Macht in Arabien gerieten. Das heutige Saudi-Arabien ist der "dritte Staat".
- Der Irankrieg erschwert die Transformation jedoch deutlich: Er stört die Wirtschaftsagenda "Vision 2030" und bedroht den saudischen Gesellschaftsvertrag, auch wenn sich aktuell keine akuten internen Gefahren abzeichnen.
- Ein weiteres Risiko: Das wichtige Bündnis zu den USA wirkt unsicher; die Trump-Regierung erweist sich als unzuverlässiger Partner.
Ein annus horribilis für Saudi-Arabien. Viele Jahrzehnte war das Königreich auf der arabischen Halbinsel im Aufstieg begriffen, angetrieben von Billionen US-Dollar an Ölumsätzen und dem politischen Einfluss, welchen diese bringen. Saudi-Arabien um seinen ambitionierten Kronprinzen Mohammed bin Salman war gern gesehener Gast in den Hauptstädten der Welt und geriet zu einem wichtigen Player im globalen Wagniskapital. Bin Salman, im Politiksprech gern MBS abgekürzt, schien das Land auf einen neuen, moderneren, zukunftsträchtigeren Kurs zu bringen: liberalisierende Reformen, eine diversifizierte Wirtschaft und Hightech-Großprojekte. Flankiert war das von einer der besser ausgestatteten Armeen des Nahen Ostens, einer engen Partnerschaft mit den USA und einer sanften Annäherung an die Regionalmächte Israel und Iran.
Und heute? Saudi-Arabien wirkt vulnerabel, überfordert und unsicher. Drohnen und Raketen der Houthi-Miliz im Jemen töten Einwohner und sperren den Flughafen der Hauptstadt; die wichtige FII-Konferenz, das "Davos in der Wüste", ist vorerst abgesagt. Für Saudi-Arabien birgt das das Risiko, dass sich das Narrativ, mit dem es bedacht wird, fundamental verändert. Für ein Land, das so sehr auf Investoren, Touristen und ausländische Spezialisten angewiesen ist, ist sein Image mehr als ein "nice to have". Mehr noch: Die aktuelle Eskalation geschieht inmitten klarer Schwächesignale bei zentralen, transformativen Projekten wie der Diversifizierung der Wirtschaft und bei wichtigen Grundpfeilern wie der Sicherheitsbeziehung zu den USA. Für ein hochdynamisches Land bewegen sich die Dinge plötzlich etwas zu schnell.
Wo Saudi-Arabien herkommt_
(6,5 Minuten Lesezeit)
Für die frühesten Menschen waren Saudi-Arabien und die arabische Halbinsel lange ein reines "Durchfahrtsziel", bevor vor mindestens rund 65.000 Jahren die erste permanente Besiedlung begann. Die Halbinsel war zwar nahe gelegen an Mesopotamien, dem heutigen Irak, in welchem sich frühe Hochkulturen die Klinke gaben, doch sie selbst war in der Entwicklung der Menschheit und der Zivilisationsgeschichte lange eher zweitrangig (wobei die ältesten Darstellungen domestizierter Hunde aus Saudi-Arabien stammen).
In der Antike verstanden die Griechen und Römer Arabien dreigeteilt: Der Norden, welcher eng mit dem Zivilisationsraum des östlichen Mittelmeers interagierte, das von Nomadenvölkern dominierte, in der Geschichtsschreibung weniger gut verstandene Zentrum und die fruchtbare, wohlhabende Küstenregion rund um den heutigen Jemen (passend als "Arabia Felix", also glückliches Arabien, bezeichnet). Die Reiche und Stämme folgten meist ihren lokalen polytheistischen Religionen, doch übernahmen später auch das Christentum und sogar das Judentum.
Die islamische Ära
Im Jahr 610 begann Mohammed in Mekka, den Islam zu verbreiten. Die Stadt, deren genauer Ursprung unbekannt ist, wurde seinerzeit von einer oligarchischen Händlerkaste des Quraysh-Stamms kontrolliert. Mohammed geriet in Konflikt mit ihnen, floh nach Medina und kehrte mit einer Armee aus Unterstützern zurück. Er eroberte nicht nur Mekka, sondern einen Großteil der arabischen Halbinsel, welche spätestens unter seinen Nachfolgern damit zum ersten Mal unter einer einzigen politischen Entität vereint war. Mohammeds Nachfolger würden außerdem das Kalifat ausrufen. Die Namen der regierenden Dynastien sollte sich über die Jahrhunderte wandeln: Anfangs waren es die Raschidun, dann die Umayyaden, dann die Abbasiden und so weiter.
Die frühen Kalifate expandierten rasant: Sie nutzten die Schwäche der römischen Byzantiner und der persischen Sassaniden aus, welche seit Jahrhunderten in Kriege verwickelt und zuletzt von einer Epidemie geplagt waren, um ihre Territorialkontrolle auf den weiteren Nahen Osten, Nordafrika und Iran auszuweiten; und später expandierten sie bis nach Europa, etwa Spanien und Sizilien. Das politische und spirituelle Zentrum blieben anfangs Mekka und Medina. Kein Wunder, schließlich formulierte auch der Koran nun, dass jeder Moslem möglichst eine Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen soll, um das "Haus Gottes", die Kaaba in der al-Haram-Moschee, zu besuchen.
Relativ schnell verlor die arabische Halbinsel jedoch an zumindest weltlichem Einfluss. Die neu eroberten Gebiete in Ägypten, in Syrien, in Spanien und im Irak waren entwickelter, wirtschaftsstärker und politisch bedeutsamer. Die Hauptstädte der Kalifate (inzwischen keine einzelne Entität mehr, sondern mehrere verschiedene) wanderten in die neu eroberten Gebiete. Die arabische Halbinsel geriet de-facto wieder unter Kontrolle lokaler, meist nomadischer Stämme, welche formell den Anführern in Bagdad, Kairo oder Istanbul gehorchten. Mekka selbst wurde zwischen 967 und 1925 vom Scherifen von Mekka regiert, welcher viel Autonomie behielt – eben auch, weil die arabische Halbinsel an Wichtigkeit verloren hatte, außer in religiös-kultureller Hinsicht.
Der Aufstieg der Saudis
Die Saud-Dynastie, welche das heutige Saudi-Arabien aus der Taufe heben (und benennen) würde, trat erstmals 1727 in Erscheinung. In den Folgejahrzehnten baute der Stamm um Mohammed bin Saud seine Macht im zentralen Arabien aus, allerdings nicht alleine: 1744 schloss er ein Bündnis mit Mohammed ibn Abd al-Wahhab, dem Gründer des Wahhabitentums. Dabei handelt es sich um eine besonders strenge, konservative Ausrichtung des sunnitischen Islam, welcher nur sich selbst als authentischen Islam betrachtet und andere Glaubensrichtungen schnell als unislamisch abtut. Die Saudis brachten die weltliche Macht, die Wahhabiten die religiöse Legitimation und Triebkraft.
Das Ergebnis war der "Erste Saudi-Staat". Die Geschichte Saudi-Arabiens lässt sich nämlich in drei aufeinanderfolgende Staaten teilen, von denen zwei durch innere Streitigkeiten oder äußere Bedrohungen zerfielen. Der erste Staat expandierte nach 1744 schnell in Arabien, eroberte die heiligen Stätten in Mekka und Medina und geriet zur offenen Machtprobe für das Osmanische Reich, den Suzerän im Nahen Osten. Istanbul beauftragte das unterworfene Ägypten, die Saudis zu bezwingen, was bis 1818 gelang; der Saudi-Staat zerfiel. Doch schon sechs Jahre später konnten sich die Saudis zumindest im Landesinneren, der Region Najd rund um die damals ernannte Hauptstadt Riad, wieder konsolidieren. Der zweite Saudi-Staat war bescheidener als der erste, doch er existierte immerhin – bis 1891, als interne Streitigkeiten in der Dynastie ihn schwächten und die rivalisierende Raschid-Familie den Staat zerschlug.
Der dritte Saudi-Staat ließ nicht lange auf sich warten: Bereits 1902 eroberte der Sohn des elf Jahre zuvor geschlagenen Emirs, Abdul Aziz bin Abdul Rahman (auch als Ibn Saud bekannt), Riad zurück. Er rief das Emirat von Riad ins Leben und expandierte lokal, unterstützt von der Ikhwan-Miliz, deren Truppen aus dem Wahhabismus beigetretenen Stammesangehörigen bestanden. Als Großbritannien die Araber 1916 zu einer Revolte gegen das schwächelnde Osmanische Reich bewegte, hielten sich die Saudis weitestgehend heraus. Die Revolte hatte zwar nur wenig Effekt, doch die Briten und Franzosen beendeten unabhängig davon die Kontrolle der Osmanen über den Nahen Osten und damit auch über die Arabische Halbinsel. Das schuf dort neue Gelegenheiten.
Die Saudis hatten in der Zwischenzeit ihre Kontrolle über das Zentrum Arabiens konsolidiert und dort 1921 das Königreich Najd ausgerufen. Das nächste Expansionsziel war das Königreich Hejaz, jene westliche Region, zu welcher auch Mekka und Medina gehören. Hejaz hatte sich in der Arabischen Revolte gegen die Osmanen zur führenden Kraft aufgeschwungen und wurde von Großbritannien unterstützt, was es unangreifbar erscheinen ließ. London entzog 1923 jedoch seine Unterstützung und sympathisierte plötzlich stärker mit den Saudis. Also griffen diese Hejaz an und erzielten auch mithilfe der Ikhwan bis 1925 den Sieg. Die letzte Hürde zur nationalen Vereinigung waren jedoch ausgerechnet die wahhabitischen Ikhwan: Ihnen waren die Saudis plötzlich zu reformbedacht, zu liberal und zu freundlich gegenüber den Briten. Ein Krieg brach aus. Die Saudis siegten 1929, richteten die gesamte Stammesführung der Ikhwan hin und vereinten die Königreiche Najd und Hejaz 1932 formell – im modernen Königreich Saudi-Arabien.
Das Königreich und seine Krisen
Saudi-Arabien war ein armes, rückständiges Land, welches von Landwirtschaft, Viehzucht und Pilgerfahrtsumsätzen lebte. Zumindest bis 1938, als die großen Ölreserven entdeckt wurden. Die amerikanische Ölfirma Aramco (Arabian American Oil Company) begann mit der Förderung, und Saudi-Arabien begann seine Transformation. Das Wirtschaftswachstum war immens, das Land modernisierte sich und öffnete sich zum Rest der Welt.
Gut zu wissen: Aramco wurde bis 1980 schrittweise von Saudi-Arabien aufgekauft und ist heute als Saudi Aramco der größte Ölkonzern der Welt – und war zeitweise das wertvollste Unternehmen nach Marktkapitalisierung überhaupt.
Externe Feinde hatte Saudi-Arabien zu dieser Zeit keine, doch dafür reichlich interne Probleme. Streits innerhalb der königlichen Dynastie führten zur Absetzung von König Saud im Jahr 1964 durch seinen Halbbruder Faisal, welcher wiederum 1975 von seinem Neffen ermordet wurde. Dynastischer Streit war eine Konstante. Besonders dramatisch wurde allerdings das Jahr 1979, das originale annus horribilis Saudi-Arabiens, da es zu gleich zwei historischen Zäsuren kam.
Erstens, die Erstürmung der al-Haram-Moschee in Mekka durch über 500 militante wahhabische Islamisten: Sie nahmen Gläubige als Geiseln und verlangten die Absetzung der Monarchie, die Aufgabe von Bündnissen mit dem Westen sowie die Einrichtung eines apokalyptisch-religiösen Staats. Sie nannten sich selbst "Ikhwan", nahmen also Bezug auf jene wahhabitische Miliz, welche die Saudis erst unterstützt und dann bekämpft hatte. Die Saudis beendeten die Besetzung in einer zweiwöchigen Militäraktion mit 244 Toten.
Riad reagierte auf die Erstürmung der Moschee damit, dass es auf das konservative religiöse Establishment zuging, um ähnliche Eskalationen zu vermeiden und um die eigene religiöse Legitimation wiederherzustellen, welche die Angreifer offen in Frage gestellt hatten. Der Staat wurde religiöser, die Wahhabiten wurden stärker; viele kulturelle Liberalisierungen und Modernisierungen der vergangenen Jahrzehnte wurden zurückgedreht. Kinos verschwanden beispielsweise wieder aus der Öffentlichkeit.
Zweitens, die Islamische Revolution in Iran. Die Machtübernahme einer fundamentalistischen schiitischen Klerikerklasse im großen Nachbarland rüttelte die Region auf und schuf plötzlich doch eine externe Gefahr für die Saudis. Nicht nur das: Die Revolution weckte die Sorge, dass die schiitische Minderheit im Osten Saudi-Arabiens – also in Nähe zu Iran – an Aufstände denken könnte. Und tatsächlich kam es fast sofort zu großen Unruhen, bei welchen Dutzende Menschen getötet wurden. Es folgte eine jahrelange Repressionswelle mit vielen weiteren Toten.
Der vierte Staat_
(8 Minuten Lesezeit)

Vier Säulen
Das moderne Saudi-Arabien existiert auf Basis von vier Säulen, welche Legitimation oder Existenzgarantien bringen: der Saudi-Dynastie, welche für sich die Vereinigung Arabiens beanspruchen kann; dem wahhabitischen Islam und der Rolle als Hüterin der heiligen Stätten des Islams; dem Ölwohlstand; und der engen Sicherheitskooperation mit den USA, welche sicherheits- und außenpolitische Stabilität brachte. Bemerkenswert ist, dass Saudi-Arabien heute an zwei dieser vier Säulen rüttelt. Genauer: Kronprinz Mohammed bin Salman tut es. Und baut damit gewissermaßen einen vierten saudischen Staat auf.
Mohammed bin Salman führt Saudi-Arabien seit 2017 an, als er von seinem Vater König Salman zum Kronprinzen berufen wurde. Letzterer lebt und amtiert noch heute, doch "MBS" ist der de-facto-Anführer. Sein Agieren ist dabei an vielen Stellen ein Wink an die Vergangenheit. Zum Beispiel zeigt sich eine kräftige Obsession mit Regimestabilität: Als MBS wenige Monate nach seiner Ernennung zum Kronprinzen 2017 Hunderte Dynastiemitglieder, Minister und Geschäftsleute im Edelhotel Ritz-Carlton festhalten und verhaften ließ, war das ein Versuch, die destabilisierenden inneren Streitigkeiten zu verhindern, die die Saudis in den Vorjahrhunderten begleitet und mitunter zum Zusammenbruch ihrer Staaten geführt hatten. Mohammed bin Salmans Antwort darauf waren Machtzentralisierung, Einschüchterung und die Ausschaltung (potenzieller) politischer Gegner.
Gut zu wissen: Auch Dissidenten werden unter MBS konsequent verfolgt, teils sogar außerhalb der Landesgrenzen: Die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat, vermutlich direkt durch MBS in Auftrag gegeben, sorgte für internationales Aufsehen.
Den Wahhabismus zurückdrängen
An der Dynastie als Legitimationsquelle rüttelt MBS nur ansatzweise; er zentralisiert die Macht zwar auf sich, doch die Familie bleibt bedeutsam. Anders bei der zweiten Säule, dem Wahhabismus. MBS hat die Rolle der Geistlichkeit bedeutend geschwächt und das Land kulturell modernisiert; für saudi-arabische Verhältnisse bedeutsam. Frauen dürfen Auto fahren, alleine Geschäfte eröffnen und haben mehr Bewegungs- und Erwerbsfreiheit; Kinos und Musik sind zurück; und die religiöse Sittenpolizei hat an Einfluss verloren. Das ist ein Versuch, die Folgen des Jahres 1979 zurückzudrehen, wie MBS selbst in mehreren Interviews erklärte. Der Kronprinz geht sogar noch mehr auf Konflikt mit den Wahhabis: Er kündigte 2021 an, Zehntausende Hadithe auf "Authentizität" überprüfen zu lassen, also Überlieferungen des Propheten Mohammed, welche neben dem Koran einen zentralen Aspekt des islamischen Rechts bilden. Auch wenn das Großprojekt bis heute nicht geschehen ist: Alleine mit der Ankündigung griff der Staat plötzlich in die religiöse Autorität der wahhabitischen Gelehrten ein.
MBS schrieb sogar die Geschichte um, um den Einfluss der Wahhabis zurückzudrängen. Traditionell galt 1744 als Geburtsstunde Saudi-Arabiens, also das Datum des Bündnisses zwischen Saudis und Wahhabis. Unter MBS erklären die Behörden jedoch 1727 zum Gründungsjahr, das Datum, als Mohammed ibn Saud erstmals die Macht ergriff. Die Allianz mit den religiösen Gelehrten gerät also zum sekundären Ereignis in der saudi-arabischen Geschichte. MBS macht aus dem teilsklerikalen Saudi-Arabien einen Nationalstaat, in dem es keinen zweiten Pol neben der Familie Saud – und in erster Linie MBS selbst – mehr gibt.
Vision 2030
Die Ölwirtschaft machte Saudi-Arabien wohlhabend und legitimierte den Gesellschaftsvertrag rund um keinerlei politische Teilhabe, doch MBS sieht darin keine Zukunftsperspektive für das Land. Bereits 2016 verlautbarte er die "Vision 2030", welche eine ambitionierte Transformationsstrategie formuliert, um Saudi-Arabien vom Öl weg zu diversifizieren. Stattdessen sollen Tourismus, Industrie, Bergbau und vor allem allerlei Hightech- und Dienstleistungssektoren gestärkt werden. Saudi-Arabien soll nach Vorstellung von MBS eine moderne Wissens- und Dienstleistungswirtschaft sein, kein Energiekiosk. Schon vor MBS war Diversifizierung ein großes Thema in Saudi-Arabien, doch der Kronprinz hat es zur Priorität erhoben und an seine eigene Person gebunden.
Bislang läuft die Vision 2030 durchmischt. Es gibt große, öffentlichkeitswirksame Rückschläge, vor allem bei ambitionierten Megaprojekten wie der Hightech-Stadt Neom, welche mitten in der Wüste hochgezogen werden sollte. Sie wurde massiv zusammengestrichen und in großen Teilen eingefroren. Damit scheint sie, nach negativer Lesart, auf die Hybris der Führung und die Megalomanie der Vision 2030 zu verweisen. Auch wichtige Metriken wie die FDI-Quote (also Auslandsinvestitionen anteilig zum BIP) und die Umsätze außerhalb des Ölsektors enttäuschen. Das bedeutet nicht, dass Vision 2030 ein völliger Misserfolg sei: Die Wirtschaft diversifiziert sich tatsächlich allmählich. Die Frauenerwerbsquote ist von 22,8 auf fast 35 Prozent gestiegen und der Privatsektoranteil hat das Zwischenziel erreicht. Der Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) ist einer der wichtigsten Techinvestoren der Welt, und Konferenzen wie die Future Investment Initiative (FII), unser eingangs erwähntes "Davos der Wüste", versammeln Tausende Anführer aus Politik, Finanzen und Wirtschaft in Riad, weil das Interesse am Land hoch bleibt.
Die inhärente Schwierigkeit ist, dass Saudi-Arabien ohne seine Ölumsätze nicht imstande ist, die Transformation zu vollziehen. Wie gut es beim Öl läuft, entscheidet also, wie gut Saudi-Arabien vom Öl wegkommt. Das zeigte sich noch nie so stark wie im aktuellen Irankrieg.
Der Irankrieg
Der Irankrieg hat mehrere der Schwierigkeiten und Risiken von Mohammed bin Salmans Transformation seines Landes aufgezeigt. Da wären eben die Ölumsätze: Iran sperrte die Straße von Hormus, proiranische Milizen im Irak beschädigten die wichtige East-West-Pipeline quer durchs Land und die Houthis attackieren Öl- und Exportinfrastruktur am Roten Meer. Ohne Ölumsätze muss die Vision 2030 allerdings zurückgestuft werden, da der bloße Staatsbetrieb Vorrang nehmen muss. 2025 wuchs Saudi-Arabiens BIP noch um 4,6 Prozent, im laufenden Jahr erwartet es dagegen 3,6 Prozent Schrumpfung. Das wäre wohlgemerkt fast so viel wie in der Covid-Krise. Der Nicht-Öl-Sektor wächst zwar weiterhin ordentlich, doch auch er ist betroffen. Zum einen, weil eben weniger Ölumsätze bereitstehen, um ihn zu unterstützen; zum anderen, weil die Angriffe von drei Seiten, welche Saudi-Arabien nicht in den Griff bekommt, Investoren und Touristen abschrecken. Die Absage der FII-Konferenz war ein schwerwiegendes Eingeständnis der Regierung, die Sicherheit nicht garantieren zu können.
Mit den Sicherheitsproblemen wackelt die nächste Legitimationsquelle Saudi-Arabiens nach innen. Das Land mit einer der größten und modernsten Armeen der Region ist nicht imstande, sich gegen gegen den Iran oder sogar die Houthis zu erwehren. Die Hauptstadt Riad ist regelmäßig unter Beschuss; der Flughafen ist gesperrt. Dabei ist gerade die Lage im Jemen eine Art "Ursünde" für MBS.
Der Jemenkrieg
Als Verteidigungsminister wollte MBS 2015 verhindern, dass die proiranischen Houthi-Rebellen den jemenitischen Bürgerkrieg für sich entscheiden würden – und sich vermutlich auch einen Namen machen. Also ließ er sein Land im Nachbarland intervenieren. Der Einsatz sollte kurz bleiben, doch geriet zum Desaster: Saudi-Arabien konnte die Konsolidierung der Houthis nicht stoppen, sondern versank in seinem eigenen "Forever War", der erst 2022 durch eine Waffenruhe eingefroren werden konnte. Im Sommer 2026 traten die Houthis dann aufseiten ihres Verbündeten Iran in den Irankrieg ein und nahmen das Bombardement Saudi-Arabiens sowie erneute Offensiven im jemenitischen Bürgerkrieg auf. Sie kontrollieren heute große Teile der Bab-el-Mandeb-Straße, die Verbindung zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean, stören die saudi-arabischen Exporte und führen regelmäßige Luftangriffe auf das Land durch.
Gut zu wissen: Der Jemen ist für Saudi-Arabien seit jeher ein strategischer Fokus und damit wohl auch eine strategische Schwachstelle. Bereits 1934 führte es Krieg mit dem Nachbarland, und in den 1960ern schlug es sich in einem damaligen jemenitischen Bürgerkrieg auf die Seite der Monarchisten.
Für Saudi-Arabien gibt es keine guten Optionen. Luftangriffe halfen schon zwischen 2015 und 2022 kaum, die materielle Unterstützung der jemenitischen Regierung ebenso wenig. Die Entsendung von Bodentruppen wäre hochriskant. Sich mit den Houthis zu verständigen, würde der Anerkennung einer Niederlage gleichkommen und wäre mangels gegenseitigem Vertrauen schwierig. Und was ist mit der Unterstützung durch Verbündete? Der neue "Mekka-Pakt" mit der Türkei und Pakistan, welcher sein geopolitisches Gewicht noch beweisen muss, könnte Riad bei der Luftabwehr Hilfe leisten. Dass er das jahrelange Problem im Jemen beenden wird, ist dagegen sehr unwahrscheinlich. Und was ist mit den USA?
Das Bündnis mit den USA
Die USA sind für Saudi-Arabien der wichtigste Partner. Die Freundschaft begann 1945 und nahm mit der Zeit eine Dynamik an, die sich mit "Öl für Sicherheit" beschreiben lässt. Auch wenn das Verhältnis nicht immer streitfrei war – 1973/74 löste Saudi-Arabien die erste Ölkrise aus und die Khashoggi-Tötung führte zu einer Eiszeit zwischen 2021 und 2025 –, war es doch resilient und langlebig. Die USA verstanden, dass sie den Rohstoffpartner und einen regionalen Stabilitätspol benötigten, und Saudi-Arabien verstand, dass es den amerikanischen Schutz benötigte – zum Beispiel im Angesicht der neuen Bedrohung in Iran ab 1979, der aggressiven Außenpolitik des Iraks unter Saddam Hussein und dem Islamischen Staat ab 2013.
Unter MBS suchte Saudi-Arabien ein wenig mehr Autonomie in der Außenpolitik. Es näherte sich China an, suchte sanfte Tauwetter mit Iran (zumindest vor 2026) und vertiefte seine Beziehungen zur Türkei und zu Pakistan. Doch das Verhältnis zu den USA blieb ungebrochen wichtig und Riad rüttelte nicht an dieser Säule, vor allem nicht während der freundlich gesinnte US-Präsident Donald Trump im Amt war. Im Gegenteil: Das Königreich überhäufte den Präsidenten mit persönlichen finanziellen Vorteilen (z.B. indem es Sportreihen auf seinen Golfkursen abhielt und direkt in seinen Schwiegersohn Jared Kushner investierte) und versprach hohe Investitionen in den USA, welche Trump als Erfolg präsentieren konnte.
Ausgerechnet die Wette auf Trump zahlt sich für Saudi-Arabien jetzt allerdings nicht aus. Nicht nur, dass der Präsident mit dem Irankrieg die wohl größte strategische Gefahr für Saudi-Arabien seit der Staatsgründung losgetreten hat – ohne erkennbaren Nutzen –, er weigert sich auch noch, Riad im Krieg mit den Houthis zu unterstützen. Anekdotisch sitzt die Enttäuschung über Trump in Saudi-Arabien tief; die Führung versteht, dass von ihm keine Loyalität zu erwarten ist. Schwerwiegender ist, dass die Unzuverlässigkeit der USA eben eine zentrale Säule des saudischen Staates ins Wackeln bringt: Das Land kann sich in seiner Sicherheit nicht mehr vollumfänglich auf die USA verlassen.
Ein Fazit
Das sind also der vierte saudische Staat und seine Risiken. MBS baut den Gesellschaftsvertrag um, indem er die Religiösen schwächt und die Wirtschaft umbaut; doch die Wirtschaft leidet unter dem Irankrieg und ihre Transformation stockt. Er zentralisiert und personalisiert den Staat, der bisher breiter auf die Familie Saud verteilt war, doch das bedeutet, dass die nationalen Misserfolge auch seine sind. Und er verliert das eindeutige Sicherheitsversprechen der USA und scheint nur noch bedingten Einfluss auf Trump nehmen zu können.
Derart wackelnde Legitimationsquellen werfen die Frage auf, ob die Führung von MBS gefährdet ist. Akut lässt sich das nicht erkennen, denn es gibt keinerlei bekannte interne Kritiker oder Herausforderer, und einige Beobachter betonen, dass die Lage des Kronprinzen kurz nach der Machtübernahme prekärer war als heute. Krisen können sich verschärfen und könnten schleichende Prozesse anstoßen, welche in einigen Jahren dafür sorgen, dass MBS auf einmal kritisch angeschlagen wirkt. Doch die spannendere Frage ist aktuell nicht, ob sich MBS hält, sondern ob er seine Transformationsprozesse in Saudi-Arabien weiterhin umsetzen können wird.
Die Sache mit Krisen ist, dass sie gleichermaßen Gefahren und Gelegenheiten bilden. Die aktuelle Lage könnte die Diversifizierung von der Ölwirtschaft noch beschleunigen, schließlich wurden die mit ihr verbundenen Risiken spektakulär aufgezeigt. Sie könnte Saudi-Arabien neue Bündnisstrukturen bringen, siehe Mekka-Pakt. Und sie könnte sogar zu einem tatsächlichen Tauwetter mit Iran führen, wenn beide Seiten verstehen, dass der Konflikt zu teuer ist. Heute dürfte es für Saudi-Arabien aber erst einmal darum gehen, halbwegs unbeschadet aus dem Raketenbeschuss zu kommen.
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