August 30, 2026
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Island entscheidet über seinen Weg

Der kleine Inselstaat könnte in Richtung EU aufbrechen. Das hätte geopolitische Implikationen für zwei Kontinente.
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Island stimmt per Referendum darüber ab, ob es mit der EU Beitrittsverhandlungen führen soll. Zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Explainer liegt das "Nein"-Lager hauchdünn vorne.
  • Der Wahlkampf entbrennt sich nicht an geopolitischen Fragen – einem bedrohlicheren Russland und unzuverlässigeren USA –, sondern an den Themen Souveränität und Wirtschaft.
  • Unterstützer hoffen auf mehr Wechselkursstabilität und geringere Lebenshaltungskosten durch einen späteren Euro-Beitritt; Kritiker haben Sorgen vor einer Schwächung der wichtigen Fischerei (40% Anteil an allen Exporten).
  • Für die EU würde Islands Beitritt ein wohlhabendes, demokratisches Land in strategisch wichtiger Lage bringen – und womöglich den Startschuss für eine neue Erweiterungsphase der Union bilden.
  • Auf ein "Ja" würden allerdings Verhandlungen folgen, welche komplex werden könnten – eine erste Runde 2009–2013 scheiterte – und die in Island mit einem neuen Referendum bestätigt werden müssten.
  • Eine EU, die geopolitischer als je zuvor denkt, sendet jedoch Signale, zu ungewöhnlich weitreichenden Konzessionen bereit zu sein, um Island hereinzuholen.
  • Ein "Nein" wäre nicht das Ende der europäisch-isländischen Integrationsanläufe – doch würde sie vermutlich bis ins nächste Jahrzehnt pausieren.

Tritt Island der EU bei? Gestern stimmte das Land darüber ab, ob es sich zumindest diese Frage stellen soll. Ein Referendum über die Wiederaufnahme der EU‑Beitrittsverhandlungen – eine erste Runde war 2013 eingestellt worden – fand statt. Ein Ja zum Referendum bedeutet Verhandlungen, an deren Ende ein zweites Referendum über einen Beitritt stünde; ein Nein würde den Prozess sofort stoppen. In Umfragen waren Ja- und Nein-Lager praktisch gleichauf. Zum Zeitpunkt dieses Explainers um rund 6 Uhr MEZ liegt das "Nein"-Lager minimal vorne (mit 50,1 zu 49,9 Prozent), bei 80 Prozent an ausgewerteten Stimmzetteln. Wer den Explainer nach Sonntag, 14 Uhr MEZ, liest, dürfte das faktisch endgültige Resultat kennen.

Ein EU-Beitritt Islands würde sowohl dem Land als auch der EU zugutekommen, sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch. Sorgen über Souveränität und Fischerei stehen jedoch im Weg, sowohl im jetzigen Referendum als auch bei etwaigen Verhandlungen. Doch erst einmal: Wo kommt das moderne Island überhaupt her?

Islands Pfad_

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Kolonialisierung und Krone

Als Hrafna-Flóki Vilgerðarsson im Jahr 868 ein Land suchte, an das zwei andere Entdecker einige Jahre zuvor versehentlich getrieben worden waren, staunte er nicht schlecht: Obwohl das Land (damals noch nicht als Insel erwiesen) hoch im Norden und weit westlich lag, war es überraschend mild temperiert – was, wie wir heute wissen, am Golfstrom liegt. Flókis Begeisterung hielt allerdings nur bis zum harschen Winter an, auf welchen er und seine kleine Mannschaft schlecht vorbereitet waren. Flóki kehrte nach Norwegen zurück und berichtete enttäuscht, dass das Land wertlos sei. Island war gefunden worden.

Flókis schlechte Rezension konnte die Besiedlung Islands nicht stoppen. 874 entstand dort die erste Siedlung (auch wenn es literarische und spärliche archäologische Indizien gibt, dass irisch-schottische Mönche schon vorher dort gelebt haben könnten). Die isländische Geschichte war in den folgenden Jahrhunderten eher behäbig: Es ging um die Besitznahme und Verteilung des Ackerlands, um Bevölkerungswachstum (was um 968 zur Besiedlung Grönlands führte) und um das Christentum (welches im Jahr 1000 per Abstimmung im Althing, einer Art Proto-Parlament, angenommen wurde).

Mit seiner Lage direkt am Polarkreis und nur den Golfstrom mit einem gemäßigten Klima ausgestattet, war Island besonders exponiert gegenüber der Natur – und ihrem Missmanagement durch den Menschen. Heftige Entwaldung erschwerte die Landwirtschaft in Island bis zum Hochmittelalter bedeutsam; Konflikte zwischen lokalen Stämmen brachen aus. So geschwächt geriet Island um 1260 unter die norwegische Krone und blieb für die nächsten sechshundert Jahre fremdbestimmt.

Auch weiter sollte das Leben auf der Insel schwierig bleiben, zumindest im Takt einiger Jahrzehnte: Das Hereinbrechen der Kleinen Eiszeit um etwa 1300, die Pest im 15. Jahrhundert, welche rund die Hälfte der Bevölkerung dahinraffte, eine Reihe von Vulkan- und Krankheitsausbrüchen und im Jahr 1627 die erste und bis heute einzige tödliche Invasion Islands: Berberpiraten aus Nordafrika entführten Hunderte Isländer und verkauften sie in die Sklaverei. Diese "Türkischen Entführungen" (bezogen auf das Osmanische Reich, welches Nordafrika kontrollierte) wirkten in Island traumatisch und sind dort bis heute ein allgemein bekanntes Ereignis, im Rest der Welt dagegen völlig unbekannt.

Unabhängigkeit und Neutralität

Ein isländisches Nationalverständnis entstand im 19. Jahrhundert, wenig überraschend inmitten der romantischen und nationalistischen Welle in ganz Europa. Die Insel war inzwischen ein Teil von Dänemark (welches sich zwischenzeitlich mit Norwegen vereinigt und dann wieder getrennt hatte), und es waren in Dänemark unterrichtete Intellektuelle, welche eine Unabhängigkeitsbewegung anführten. Der Weg dorthin war vergleichsweise reibungslos: 1874 gestattete Kopenhagen der Insel eine Verfassung und Autonomie (nicht zufällig exakt 1000 Jahre nach ihrer Besiedlung), 1918 dann die vollwertige Unabhängigkeit in Personalunion mit Dänemark – beide Länder akzeptierten also den dänischen König als Staatsoberhaupt.

Im Zweiten Weltkrieg wählte Island anfangs wie Dänemark die Neutralität. Doch nur einen Monat, nachdem Nazi-Deutschland Dänemark besetzt hatte, führte Großbritannien die "Operation Fork" durch – und besetzte widerstandslos Island. Die Briten befürchteten, dass Deutschland die strategisch gelegene Insel besetzen und damit Kontrolle über wichtige Handels- und Schiffsrouten im Nordatlantik ausüben könnte. Island protestierte gegen die Invasion, doch war im Kern auf der Seite der Alliierten und widersetzte sich der militärischen Nutzung durch diese nicht. 1941 übernahmen die USA mit isländischer Zustimmung die Kontrolle, damit Großbritannien seine Truppen anderswo verwenden konnte.

Die alliierte Besetzung war ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sorgten der massive Ausbau von Infrastruktur, welcher für die militärische Nutzung notwendig war, und der Zufluss an Soldaten für einen kräftigen Wirtschaftsboom. Zum anderen beklagten die Isländer einen Verlust ihrer Souveränität und gesellschaftliche Verwerfungen im Beziehungs- und Heiratsgefüge: Zeitweise waren mehr ausländische Soldaten auf der Insel als einheimische Männer, was als Ástandið, also "Situation", für Aufsehen sorgte.

Westruck und ModerneEin weiterer Effekt der "freundlichen" Besatzungsphase war, dass Island mit einem deutlichen Westruck aus dem Weltkrieg hervorging. Das Land wurde ein Gründungsmitglied der NATO und schloss einen Verteidigungspakt mit den USA, mit welchem auch amerikanische Truppen auf der Insel stationiert wurden, welche sie erst 2006 verließen. Parallel ließ es 1944 per Referendum die Monarchie abschaffen und wandelte sich in die heutige Republik um.

Mit dem Westruck ging auch ein weiterer Wirtschaftsboom einher: Island profitierte pro Kopf so sehr wie kein anderes Land vom gigantischen amerikanischen Wiederaufbauprogramm Marshall Plan; es erhielt mit 209 USD pro Kopf doppelt so viel wie die Niederlande auf Platz zwei mit 109 USD. Die Annäherung an die EU in Form des Beitritts zum Europäischen Wirtschaftsraum 1994, der Ausbau der Tourismusindustrie und die Liberalisierung des Finanzmarkts brachten noch mehr Wachstum. Der Wohlstand des Landes wuchs beständig – bis zur Finanzkrise 2008. Durch die Liberalisierung der Vorjahrzehnte war Island besonders exponiert; der Finanzsektor kollabierte regelrecht und riss das Land in eine heftige Rezession herab: Das BIP fiel 2009 um 8,3 Prozent. Es war der erste Moment, in welchem Island einen EU-Beitritt ernsthaft erwog und Verhandlungen startete.

Island als Kandidat_

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Kabeljau. Quelle: Joachim S. Müller, flickr
Fisch und Tourismus

Um die damaligen EU-Beitrittsverhandlungen und auch das heutige Referendum zu verstehen, ist ein Blick auf die isländische Wirtschaft vonnöten. Sie basiert vereinfacht auf drei Säulen. Seit 2010 spielt der Tourismus eine große Rolle, mit 8,8 Prozent BIP-Anteil im Jahr 2025 (Deutschland: ca. 4 Prozent) und einem Zehntel aller geleisteten Arbeitsstunden. Die reiche Verfügbarkeit von Energie verschafft einen kompetitiven Vorteil für stromintensive Branchen, weswegen Island ein großer Exporteur von Aluminiumprodukten ist. Sie machen rund 36 Prozent der Exporte aus. Wichtiger ist nur die Fischindustrie mit 40 Prozent Anteil, was einen BIP-Anteil von über 8 Prozent bedeutet.

Die Fischerei ist nicht nur wirtschaftlich wichtig (auch wenn ihr BIP-Anteil seit Jahren schrumpft), sondern auch ein kulturelles Symbol, schließlich begleitete sie Island durch die Jahrhunderte. Zwischen 1958 und 1976 kam es sogar zu drei "Kabeljaukriegen" zwischen Island und Großbritannien, bei welchen sich die beiden Länder über Fischereigründe stritten – und die allesamt von Island gewonnen wurden. Das gelang, indem der kleine Inselstaat einen Austritt aus der NATO androhte. Das war für die USA inakzeptabel, welche also genug Druck auf Großbritannien aufbauten, um die isländischen Interessen jedes Mal vollständig durchzusetzen.

Radarstation im Nordatlantik

Islands Verhandlungsmacht entstammt seiner strategischen Lage direkt am Polarkreis im Nordatlantischen Ozean. Es befindet sich prominent in der sogenannten GIUK-Lücke: die maritime Linie von Grönland über Island bis nach Großbritannien, welche die Norwegische See vom Atlantik trennt – und somit von der russischen Marine sowie ihrer sowjetischen Vorgängerin passiert werden muss. Island geriet damit zum "Türsteher" der NATO für die sowjetische Marine und zu einer Beobachtungsstation für sowjetische (und heute russische) U‑Boote. Darüber hinaus fungiert die Insel als ein "unsinkbarer Flugzeugträger", von welchem vor allem die USA Luftoperationen durchführen, und als Marinebasis. Das machte Island als NATO-Gründungspartner so relevant, in den Kabeljaukriegen so durchsetzungsfähig und heutzutage so interessant.

Die GIUK-Lücke. Quelle: wikimedia

Wohlhabend, demokratisch, strategisch gelegen

Island ist ein intuitiver, attraktiver Partner für die EU, aus politischen und wirtschaftlichen Gründen. Das Land hat das sechsthöchste nominelle BIP pro Kopf mit ca. 110.000 USD (IWF; Deutschland: Platz 18, 65.000 USD), und kommt kaufkraftbereinigt immer noch auf Platz 15 mit 82.000 USD (IWF; Deutschland: Platz 21, 77.000 USD). In Freiheits- und Entwicklungsindizes wie dem Human Development Index schafft es Island regelmäßig auf die Spitzenplätze, dank eines hohen Bildungsniveaus, kräftiger Arbeitsmarktbeteiligung (auch unter Frauen), starker demokratischer Institutionen, etablierter Bürgerrechte und eines großen Sozialstaats. 100 Prozent des Stroms und rund 85 Prozent des Primärenergieverbrauchs stammen aus erneuerbaren Quellen, vorwiegend aus Geothermie und Wasserkraft.

Mit Island hätte die EU also ein neues Mitglied, welches politisch und kulturell verwandt, und pro Kopf deutlich reicher als ihr Durchschnitt ist, und noch umso mehr als die anderen Beitrittskandidaten im Westbalkan und in Osteuropa. Die Beitrittsgespräche mit Albanien, Moldau und Co. sind eher geopolitisch als wirtschaftlich begründet und in den Mitgliedstaaten kontrovers; ein Wiederbeitritt Großbritanniens oder Ideen über eine kanadische Mitgliedschaft sind derzeit ferner. Inmitten der Diskussionen über eine Wiederaufnahme der EU‑Erweiterung – in den 2010ern nach der Eurokrise mit einer Ausnahme pausiert – wäre Island also ein nützlicher, der EU-Bevölkerung leicht vermittelbarer Meilenstein. Das Land könnte nach Beginn der Verhandlungen vermutlich binnen ein oder zwei Jahren zum Beitritt bereit sein.

Dazu die erwähnte geopolitische Komponente. Mit Island im "Club" hätte die EU mehr Einfluss im Nordatlantik und in der Arktis, was sie vor allem gegenüber Russland geltend machen würde, doch auch gegenüber den offensiver auftretenden USA. Es bestünde plötzlich eine klare geografische Achse von Kontinentaleuropa bis ins von den Trumpisten beanspruchte Grönland – und auch nach Kanada, mit welchem sich die EU derzeit politisch und wirtschaftlich annähert.

Stabilität in einer instabileren Welt

Auch für Island gibt es klaren geopolitischen Nutzen in einem Zusammenschluss. Das Land besitzt eine kleine Küstenwache, aber kein Militär. Die einzige Absicherung bieten rotierende Luftwaffen der NATO-Bündnispartner auf der Luftbasis Keflavik. Island blickt mit Unruhe auf eine Zunahme russischer U-Boot-Aktivität, die Gefahr hybrider Angriffe auf Infrastruktur (z.B. wichtige Kabelverbindungen) und auch auf das Gebaren der Trumpschen USA. Es hilft nicht, dass Donald Trump bereits einige Male Island und Grönland verwechselte. Die Isländer sorgen sich nicht nur über amerikanische Expansion, sondern auch über amerikanische Indifferenz: Ein (Teil-)Abzug der USA aus Europa würde die isländische Verteidigung wegbrechen lassen. Bereits jetzt sei die Luftbasis Keflavik auffällig ruhig, da die Amerikaner "ein wenig abgelenkt im Mittelmeer" seien – ein Verweis auf den Irankrieg.

Die EU ist zwar kein Militärbündnis, beinhaltet aber einen Verteidigungspakt, und würde politisches Gewicht und mehr Absicherung bringen. Im Grönland-Streit mit den USA warf sie ihr handelspolitisches und diplomatisches Gewicht in die Waagschale, um die Souveränität der Insel zu schützen, und entsandte sogar zur Abschreckung eine symbolische Militärmission. Skeptiker mögen zwar anmerken, dass Island sich mit einer stärkeren Assoziation mit der EU ein Fadenkreuz aufmalen könnte, doch die Lage als kleines, neutrales Land ist fast garantiert vulnerabler.

Dazu kommt, dass Island allein durch seine Stimmrechte in der EU plötzlich mehr Einfluss in der Welt ausüben würde. Knapp 400.000 Menschen könnten schlagartig ihre Interessen in einem kontinentgroßen Block mit 450 Millionen Menschen überproportional hebeln. Das ist auch relevant, weil Island bereits heute als Teil des Europäischen Wirtschaftsraums Zugang zum EU-Binnenmarkt hat, ihn aber nicht legislativ beeinflussen kann.

Gut zu wissen: In Island läuft wie im Rest Europas eine Debatte über Aufrüstung an. Das Land will seine Verteidigungsausgaben von 0,2 Prozent des BIP auf 1,5 Prozent steigern. Das dürfte in erster Linie mehr Ausrüstung zur maritimen Überwachung und Infrastruktur für ausländische Marinen und Luftwaffen meinen. Erste Stimmen, etwa Ex-Sicherheitschef Arnor Sigurjonsson, fordern sogar den Aufbau einer echten eigenen Armee, im Stile Luxemburgs, oder Marine, im Stile Maltas.

Die Debatte im Land_

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Reykjavik. Quelle: picryl

Brot, Butter und Wechselkurse

Die hochtrabenden (geo-)politischen Fragen spielten im isländischen Wahlkampf für das Referendum interessanterweise allerdings fast keinerlei Rolle. Statt um Trump und Russland ging es, wie so oft, um Souveränität und Wirtschaft. Unterstützer, was primär die sozialdemokratischen und liberalen Regierungsparteien und urbane Isländer meint, hoffen etwa, dass ein EU-Beitritt und ein späterer Euro-Beitritt die hartnäckig hohe Inflation (zuletzt 5,6 Prozent) bändigen und die hohen Leitzinsen sowie Lebenshaltungskosten auf der Insel senken werden.

Denn die isländische Króna ist aufgrund der winzigen Volkswirtschaft äußerst volatil gegenüber anderen Währungen, was Importpreisinstabilität bringt. Und wann immer die Währung fällt, führt das zu Inflation und steigenden Leitzinsen, welche z.B. den Wohnungsbau prohibitiv verteuern. Eine Euro-Einführung wäre zwar kein Allheilmittel für die isländische Wirtschaft – allerlei Strukturprobleme blieben erst einmal unberührt –, doch die Wechselkursinstabilität und die daraus resultierenden Inflations- und Zinsniveaus würde sie tatsächlich schlagartig lösen.

Fisch (und Souveränität)

Die Gegner verweisen hingegen auf generische Souveränitätsargumente, also den Verlust bestimmter Entscheidungsmacht an Brüssel, und auf die Fischerei. Sie befürchten, dass die EU Island zu einer Öffnung des Fischereisektors zwingen oder ihn mit Bürokratie einschränken würde, mittels der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP), welche Fangquoten formuliert. Tatsächlich scheiterten an diesem Thema bereits erste Verhandlungen: Nachdem Island von der Finanzkrise 2008 schwer getroffen worden war, stießen die regierenden Sozialdemokraten 2009 EU-Beitrittsverhandlungen an. Der Streit über den Umgang mit der Fischerei zog sich jedoch hin, und 2013 brach ein wieder wirtschaftlich konsolidiertes Island unter neuer Regierung die Gespräche ab.

Heute deutet Brüssel weitaus mehr Flexibilität an und beabsichtigt, den Isländern deutlich entgegenzukommen. Das Skeptikerlager zweifelt allerdings daran, dass die EU dem kleinen Island tatsächlich ein bislang ungewöhnliches Maß an Konzessionen zu bieten bereit sein wird. Dieses Lager ist nicht per se EU-feindlich, sondern mit der Kooperation mit dem Block durchaus zufrieden (von einigen Rechts- und Linkspopulisten abgesehen), doch es zweifelt am Grenznutzen einer tieferen Integration. Die Unterstützer halten dagegen, dass man sich den Deal unabhängig der eigenen Europhilie mindestens anschauen solle; eine Gruppe der Ja-Kampagne heißt passenderweise "Ja zum Anschauen".

Quo vadis?

Scheitert das aktuelle Referendum, ist das ein Rückschlag für das proeuropäische Lager in Island und für die EU bei ihrem Versuch, ein relevanterer politischer Akteur zu werden. Es ist allerdings auch nicht das völlige Ende, denn es gäbe bestimmt einen nächsten Anlauf. Gelingt das Referendum, beginnt die Arbeit überhaupt erst: Dann müssen Reykjavík und Brüssel verhandeln, und zwar vermutlich mit hauchdünnem Mandat. Die isländische Regierung müsste in der Fischereifrage und bei anderen Ausnahmeregelungen vermutlich eine strenge Linie fahren, um im anschließenden Beitrittsreferendum eine Chance zu haben; die Forderungen könnten in der EU noch zu Frustration führen.

Kontroverse Richtungsentscheidungen im Angesicht einer sich verändernden Welt sind für Island allerdings nichts Neues. Schon der NATO-Beitritt Islands 1949 sorgte für aufstandsartige Proteste, denn Kritiker lehnten den Westruck ab. Die Regierung war unbeirrt: Die veränderte Bedrohungslage des Kalten Kriegs bewegte sie dazu, ihre Neutralität aufzugeben und sich auf eine Seite zu schlagen. Womöglich steht jetzt etwas Ähnliches bevor. Im isländischen Wahlkampf mag es eher um Fische und Supermarktpreise gegangen sein, doch russische U-Boote und amerikanischer Rechtspopulismus existieren weiter, selbst wenn sie ignoriert werden.

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