Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)
- Mit SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen dieses Jahr voraussichtlich drei spektakulär große Börsengänge bevor.
- Den Firmen geht es in erster Linie um die Kapitalbeschaffung, denn das Training von Modellen ist teuer und Rechenzentrenkapazität ("compute") rar.
- Darüber hinaus sind Börsengänge (IPOs) eine Gelegenheit für Bestandsinvestoren, ihre Rendite zu erwirtschaften – und für viele Firmen sind sie auch einfach ein Weg, Prestigeträchtigkeit zu beweisen.
- Exotischere Börseneintrittsmethoden wie DPOs und SPACs existieren ebenfalls, doch der klassische IPO – ein monatelanger, teurer Prozess, von Banken begleitet – bleibt dominant.
- Die drei Mega-Börsengänge dieses Jahr deuten eine kräftige Vergrößerung des Aktienmarktes, doch auch mehr Konzentration auf einige wenige Tech-Werte an.
- Darüber hinaus könnten die IPOs die Fortschrittsrichtung von KI beeinflussen – etwa, weil die FIrmen stärker auf Investoreninteressen achten oder Transparenzregeln berücksichtigen müssen.
Wie IPOs funktionieren_
(8 Minuten Lesezeit)
Gleich drei gigantische Börsengänge (IPOs) stehen dieses Jahr bevor: SpaceX, OpenAI und Anthropic möchten in den kommenden Monaten an die öffentlichen Märkte treten. Alle drei werden mit hoher Wahrscheinlichkeit unter den größten IPOs der Geschichte sein. SpaceX wird diese Liste gar mit einer angepeilten Unternehmensbewertung von 1,75 Billionen USD anführen (zum Vergleich: alle Unternehmen im DAX 40, dem deutschen Leitindex, sind kollektiv ca. 1,8 Billionen USD wert). Andere Firmen sind mehr wert, doch keine kam jemals mit einer so hohen Bewertung an die Börse.
Gut zu wissen: Dieser Explainer erklärt Börsengänge grundsätzlich sowie die Dynamik, welche sich dieses Jahr abzeichnet, blickt aber nicht tiefer in die einzelnen Firmen hinein. In einigen Wochen veröffentlichen wir höchstwahrscheinlich einen separaten Explainer zu SpaceX und dessen IPO. Die Pläne von OpenAI und Anthropic befinden sich derzeit noch in einer früheren Phase.
Der Weg zur Börse
Firmen werden nicht an der Börse geboren. Nachdem ein Unternehmen gegründet wird, ist es erst einmal privat finanziert: durch die Gründer selbst (Bootstrapping, im Startup-Sprech), durch Fremdkapital (also meist Bankenkredite), durch öffentliche oder private Förderungen, oder durch gezielt eingeladene Wagniskapitalgeber. Kleinere Summen an Wagniskapital gibt es beispielsweise seitens Business Angels, also Privatpersonen; größere Summen meist nur seitens institutioneller VC-Fonds (Venture Capital).
Wie auch die Einzahlung durch die Gründer stellt Wagniskapital für ein Unternehmen meistens Eigenkapital dar: Die Investoren übernehmen im Gegenzug für ihr Kapital einen Anteil an der Firma, werden also zu ihren Eigentümern. Während Fremdkapital (sprich, Kredite) zu einem bestimmten Zeitpunkt und mit Zinsen zurückgezahlt werden muss, gibt es bei Eigenkapital keinerlei Befristung oder Rückzahlungspflicht. Eigenkapitalgeber nehmen also ein höheres Risiko auf sich – doch haben sie auch ein höheres Renditepotenzial, da ihr Anteil an Wert gewinnt, wenn das Unternehmen an Wert gewinnt.
Ist ein Unternehmen erst einmal groß genug, entscheidet es sich womöglich, an die Börse zu gehen. Ein solcher Börsengang bedeutet in aller Kürze, dass ein Unternehmen seine Anteile (oder zumindest einen Teil davon) der Öffentlichkeit zugänglich und an einer Börse handelbar macht. Dementsprechend der englische Begriff Initial Public Offering (IPO), also das erste öffentliche Angebot. Ganz genau genommen läuft nicht jeder Börsengang als IPO ab, aber doch so viele, dass die Begriffe im Prinzip synonym verwendet werden.
Gut zu wissen: "Groß genug" ist dabei relativ. Im Median waren Firmen, welche 2025 an die Börse gingen, 13 Jahre alt, so die Investmentbank Renaissance Capital. Im Jahr 2018 habe das Medianalter noch bei 10 Jahren gelegen. Das deckt sich überwiegend mit einer separaten Studie der University of Florida, laut welcher das durchschnittliche Medianalter zwischen 2014 und 2024 bei 11,5 Jahren, jenes in den 1980ern noch bei knapp 7 Jahren gelegen hatte. Beides bezieht sich allerdings nur auf die USA, deren großer Kapitalmarkt am aktivsten und am besten mit Daten durchleuchtet ist.
Von der Equity Story zur Erstnotiz
Wie funktioniert ein IPO genau? Nachdem ein Unternehmen die Entscheidung trifft, an die Börse zu gehen, können noch problemlos sechs bis 18 Monate vergehen. Erst wird ein Börsenprospekt angefertigt, ein rechtlich verbindliches Dokument, in welchem eine Firma wesentliche Informationen über sich deklariert, damit Anleger Transparenz haben. Finanzaufsichtsbehörden, in Deutschland die BaFin und in den USA die SEC, müssen den Prospekt abnehmen.
Es folgt eine Roadshow: Das Unternehmen trifft institutionelle Investoren, zum Beispiel Investmentfonds, und versucht, bei ihnen Interesse für die bald öffentliche Aktie zu wecken. Parallel geht es auch stärker an die Öffentlichkeit und spricht mit Medien oder sogar direkt mit Privatanlegern. Hier wird eine "Equity Story" erzählt, also das Narrativ bespielt, warum das Unternehmen auf eine erfolgreiche Zukunft blickt.
Gegen Ende des Prozesses geht es primär um die Preisfestsetzung der Aktie. Dafür setzen Unternehmen meist auf das sogenannte Bookbuilding: Sie verkünden eine Preisspanne, gehen dann in konkrete Gespräche mit interessierten institutionellen Investoren und legen dann einen finalen Preis fest. Alternativ können Firmen auch einfach direkt einen Fixpreis festlegen oder eine Auktion durchführen, wie Google es 2004 ungewöhnlicherweise tat.
Ist das alles abgeschlossen, kann die Firma an die Börse gehen. Bis zum First Day of Trading haben institutionelle Investoren bereits erklärt, wie viele Aktien sie zu welchem Preis kaufen möchten, und erhalten diese vor dem offiziellen Börsenstart zum Emissionspreis zugeteilt (allotment). Dann sind die Aktien der Firma öffentlich kaufbar, zur Erstnotiz – dem ersten offiziellen Kurs. Dieser steigt und fällt nun damit, wie Anleger – erstmals auch Privatanleger – kaufen oder verkaufen.
Teure Hilfe von Außen
Der Prozess des IPOs ist langwierig, informationsdicht und teuer, weswegen Unternehmen ihn selten alleine begehen. Meist ist eine Reihe von Banken involviert, wobei sie sich in einem "Beauty Contest" darum bewerben, Teil des Konsortiums zu sein oder es anzuführen. Sie erstellen den Prospekt, bewerben die Aktie bei Investoren, helfen bei der Preisfestlegung, übernehmen mitunter das Platzierungsrisiko, indem sie die Aktien zum Festpreis von der Firma kaufen und dann weiterverkaufen, und intervenieren mitunter nach erfolgtem Börsengang, um den Kurs zu stabilisieren. Im Gegenzug erhalten die Banken eine Vergütung von häufig rund 5 Prozent des Emissionsvolumens, was den höchsten Kostenblock am IPO ausmacht und schon einmal Dutzende Millionen Dollar darstellen kann.
Die Kosten enden hier nicht. Wenn eine Firma an der Börse ist, muss sie interne Strukturen schaffen, um ihre Aktionärsbeziehungen zu verwalten. Für das Management entstehen Opportunitätskosten, da es seine Aufmerksamkeit plötzlich auch auf die Aktionäre legen muss. Die Transparenzanforderungen an eine öffentliche Firma sind ebenfalls teurer Verwaltungsaufwand.
Gut zu wissen: Noch in den allerersten Stufen, bevor überhaupt Banken engagiert sind, holen sich Firmen mitunter einen externen IPO-Berater herein, welcher anhand der Geschäftslage prüft, ob sie börsenreif sind. Manchmal bleibt dieser an Bord und hilft der Firma, mit den Banken für den weiteren IPO-Prozess zu verhandeln.
Die Mühe wertWarum führen Unternehmen also einen Börsengang durch?In erster Linie, weil der Anteilsverkauf Kapital hereinbringt: Die Firma emittiert neue Anteile, Investoren kaufen sie. Das akquirierte Kapital nutzen Firmen fürs Wachstum, für die Produktentwicklung oder um Schulden abzubezahlen. Die öffentlichen Märkte haben dabei weitaus mehr Kapital als private Märkte, und die Firma hat nun Zugang dazu.
Darüber hinaus sind Börsengänge eine Gelegenheit für Anteilseigner, sprich Wagniskapitalgeber und Mitarbeiter, ihre existierenden Anteile in Geld umzumünzen. Das war in den Jahren davor nur punktuell, womöglich aber gar nicht möglich, je nachdem, wie das Unternehmen frühere Finanzierungsrunden gestaltete. Für viele VCs ist der Börsengang damit überhaupt erst der Moment, zu welchem sich eine Investition in ein Startup endlich rentiert – entweder ein Börsengang oder ein Verkauf.
Ein weiterer großer Grund ist, dass eine Firma dadurch mehr Bekanntheit erlangt. Das hat eine symbolische und eine praktische Dimension. Symbolisch, weil ein Börsengang gerne als prestigeträchtiger Ritterschlag gilt. Vor allem für Startups ist ein IPO ein Ausdruck davon, "gesiegt" zu haben: Weder gehört man zu der hohen Statistik aus untergegangenen Jungfirmen, noch wurde man unterwegs aufgekauft – der IPO zeige, dass man zweifelsohne etabliert ist.
Praktisch erleichtern die höhere Bekanntheit, die Transparenz und der öffentliche Kapitalmarkt es, die eigenen Aktien einzusetzen, um Firmenübernahmen zu tätigen oder Mitarbeiter zu vergüten. Schließlich lässt sich der aktuelle Wert einer Aktie wortwörtlich online ablesen, statt sich hinter den Büchern und Eigennarrativen einer privaten Entität zu verstecken. Und Mitarbeiter wissen, dass sie ihre Anteile theoretisch jederzeit verkaufen könnten, und nicht erst in Jahren oder niemals, wie es bei nicht-börsennotierten Unternehmen der Fall sein kann. Zu guter Letzt dürfte die zusätzliche Bekanntheit, welche mit einem Börsengang einhergeht, auch bei der Reputation bei Kunden und Neueinstellungen helfen.
Gut zu wissen: Firmen setzen gerne auf eigene Anteile, wenn sie andere Firmen kaufen oder neue Mitarbeiter einstellen. In beiden Fällen werden die eigenen Anteile Teil des Vergütungspakets, was Cash spart und Liquiditätsdruck nimmt. Für die gekaufte Firma bzw. die Mitarbeiter entsteht im Gegenzug höheres Aufwärtspotenzial, sollte die Aktie deutlich hinzugewinnen.
Alternativen: DPO und SPACs
In den vergangenen Jahren haben sich Alternativen zum IPO popularisiert. Bei der Direktnotierung (DPO, englisch: Direct Listing oder Direct Public Offering) überspringt eine Firma fast alles vom Prozess: Keine Roadshow, keine Preisspanne und meist auch keine beteiligten Banken. Stattdessen lässt sich die Firma im Grunde einfach an der Börse eintragen. Das bedeutet, dass sie auch kein Kapital einnimmt, denn sie emittiert ja keine neuen Aktien – aber sie spart sich auch die hohen Kosten, welche mit einem IPO einhergehen. Das Aktienangebot entsteht nur dadurch, dass bestehende Eigentümer ihre Anteile an der Börse verkaufen.
Ein solcher DPO ergibt eigentlich nur für zwei Kategorien an Unternehmen Sinn. Zum einen große, äußerst gut bekannte Unternehmen, deren Marke ausreicht, um ganz ohne direkten Investorenkontakt für reichlich Interesse zu sorgen: Spotify startete den Trend 2018, dann folgten Slack und Roblox. Zum anderen kleine und mittlere Unternehmen, welche die hohen klassischen IPO-Kosten nicht tragen können, doch an die Börse möchten (z.B. um Anteilseignern die Möglichkeit zu geben, ihre Anteile zu veräußern).
Die zweite Alternative zum IPO ist der SPAC, eine Special Purpose Acquisition Company. Dabei übernimmt eine börsennotierte Mantelgesellschaft ohne eigene Geschäftstätigkeit ein noch nicht börsennotiertes Unternehmen – und holt es damit an die Börse, ganz ohne IPO und Bankenkonsortium. Der SPAC hört im Anschluss auf, zu existieren, denn die Fusion mit einer attraktiven Firma war von Anfang an der Grund, warum die Entität ins Leben gerufen worden war.
Solche SPACs wurden vor allem 2020/21 populär. Inmitten des Covid-Booms suchten Firmen nach Wegen, möglichst schnell die Kapitalmärkte anzuzapfen. SPAC-Börsengänge sind nicht nur weitaus schneller als klassische IPO-Prozesse, dauern nämlich nur rund drei bis sechs Monate, sondern sind auch noch weitaus schwächer reglementiert. Wo bei einem IPO Banken und institutionelle Investoren Einblick in das Unternehmen kriegen und es diverse Transparenzregeln erfüllen muss, ist ein SPAC für Anleger häufig regelrecht nebulös.
Zu guter Letzt profitieren Firmen davon, dass sie genau wissen, wie viel Kapital sie bei einem SPAC-Börsengang einsammeln: Sie erhalten einen Teil des Geldes, welchen der SPAC-Manager beim Aufbau der Mantelfirma von Investoren eingesammelt hatte. Die Investoren halten nun im Gegenzug Anteile am "gekauften" Unternehmen.
SpaceX, OpenAI und Anthropic_
(5 Minuten Lesezeit)

Mit SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen dieses Jahr also drei spektakuläre IPOs bevor. Der Anlass für die Firmen, an die Börse zu gehen, dürfte ein Mix aus den oben erklärten Gründen sein. Der wichtigste ist eindeutig die Kapitalakquise: Allein OpenAI möchte bis 2030 rund 600 Milliarden USD ausgeben, vornehmlich für Rechenzentrenkapazitäten und die darin eingesetzten KI-spezialisierten GPUs. Das Geld muss es erst beschaffen – und bei aller Begeisterung privater Geldgeber ist die Liquidität der öffentlichen Märkte weitaus tiefer. OpenAI könnte realistisch 50 bis 100 Milliarden USD einsammeln, je nachdem, welchen Anteil von sich es zu verkaufen bereit ist.
Gut zu wissen: OpenAI hatte seine Ausgabenpläne im Februar relativ leise herabjustiert, von rund 1,5 Billionen auf nun 600 Milliarden USD. Das ist auch ein Hinweis darauf, wie schwierig die Kapitalakquise ist, und wieso ein Börsengang attraktiv ist.
Spektakulär groß
Beachtlich sind sie aus mehreren Gründen. In erster Linie die schiere Größe: SpaceX peilt auf 1,75 Billionen USD Marktwert ab und würde sich damit unter die acht wertvollsten Firmen der Welt schieben. OpenAI wurde zuletzt seitens privater Investoren mit 852 Milliarden USD bewertet, Anthropic im Februar noch mit 380 Milliarden USD, doch wurde in einem jüngsten Anteilsverkauf (also keine Finanzierungsrunde, bei welcher neues Kapital hereinkam) offenbar mit über 1 Billion USD bewertet. Kollektiv dürften die drei Firmen über 3 Billionen USD an Marktwert hinzufügen, was den gesamten amerikanischen Aktienmarkt schlagartig um 4 Prozent auf 72 Billionen USD heben würde. Das wäre historisch.
Gehen drei Unternehmen solcher Größe an die Börse, verändert das den Gesamtmarkt.In erster Linie macht es ihn konzentrierter: Noch mehr Kapital wird sich auf eine kleine Zahl an Unternehmen, vornehmlich aus dem Techbereich, konzentrieren. Das schafft noch mehr Klumpenrisiko, bei welchem ein scharfer Abschwung im Techbereich auf den gesamten Aktienmarkt durchschlägt und im äußersten Fall ein systemisches Finanzrisiko darstellen kann. Andersherum schaffen die IPOs aber zumindest innerhalb der großen Techaktien – derzeit als "Magnificient Seven" bezeichnet, nachdem "FAANG" aus der Mode geraten ist – etwas mehr Diversifikation: Schließlich gibt es dann immerhin drei weitere Techriesen als zuvor.
Gut zu wissen: Die "FAANG"-Unternehmen waren Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google. Die "Magnificient Seven" fügen noch Tesla und Microsoft hinzu und ersetzen Netflix für Nvidia. Bei beiden Begriffen handelt es sich einfach um "Schubladen" für rasant wachsende Techaktien, welche bei Analysen beliebt sind bzw. waren.
Spektakulär unprofitabel
Der zweite Grund, warum die IPO-Welle beachtlich sein wird, ist, dass es sich um bislang recht verschlossene Firmen handelt. Sind sie an der Börse, müssen sie weitaus mehr Finanzinformationen über sich preisgeben. Die Öffentlichkeit würde erfahren, wie es um Umsätze und Profitabilität steht, wie die Bilanz aussieht, wie es bei bestimmten Geschäftseinheiten läuft und vieles mehr.
Der dritte Grund hat mit dieser Transparenz zu tun: Es handelt sich sehr wahrscheinlich um bislang zutiefst unprofitable Firmen. Bei SpaceX wissen wir inzwischen, dass es fast 5 Milliarden USD Verlust im Jahr 2025 waren (wenn auch in hohem Maße wegen der xAI-Fusion); bei OpenAI scheinen es im ersten Halbjahr 2025 zwischen 7 und 13 Milliarden USD Verlust gewesen zu sein. Ihr Wachstumsnarrativ dürfte dennoch so stark sein, dass sie gewaltiges Interesse und gigantischen Marktwert mobilisieren werden. Das ist in dieser Größenordnung einzigartig: Techaktien gelten zwar seit jeher als "growth stocks", in welchen es im Zweifel eben mehr ums Wachstum und das Ausstechen von Rivalen als um kurzfristige Profitabilität (bzw. die dazugehörige Metrik "Return on Equity") geht – doch Facebook (Meta), Google, Apple und Co. waren zum Zeitpunkt ihrer Börsengänge allesamt profitabel.
Das ist kein reines Kosmetikproblem, denn ohne Profit werden die Firmen nicht sofort in bestimmten Indizes gelistet. Sie würden etwa nicht im S&P 500, dem amerikanischen Leitindex, auftauchen, da dieser vier aufeinanderfolgende profitable Quartale voraussetzt (und 12 Monate Wartezeit). Indexfonds, welche den S&P 500 tracken, würden SpaceX und Co. somit ignorieren – was bedeutet, dass die Firmen vorerst nicht von dem vielen Kapital, welches in solchen Indexfonds steckt, profitieren können.
Gut zu wissen: Der US-Techindex Nasdaq möchte seine Regeln ändern, damit besonders wertvolle Unternehmen schneller in den Index eintreten können. Das hatte SpaceX offenbar zur Bedingung gemacht, um seinen Börsengang auf der gleichnamigen Nasdaq-Börse abzuleisten, statt etwa auf der New York Stock Exchange.
KI in Aktionärshand
Der vierte Grund: Die Börsengänge könnten direkte Auswirkungen auf die Entwicklung von KI und die Interaktion von KI und Gesellschaft haben. Der Börseneintritt könnte die Geschäftsstrategie von OpenAI, Anthropic und SpaceX beeinflussen, denn die Firmen möchten künftig womöglich die Interessen ihrer Anteilseigner mitbalancieren. Dazu käme, dass sich der Konkurrenzkampf im Feld der KI plötzlich in aller Öffentlichkeit ausspielen würde, mit den unterschiedlichen Aktienschicksalen als Punktemetrik. Der Anreiz für die Geschäftsführungen könnte hoch sein, dem zu folgen, was eben doch mehr schnelle Profitabilität bringt oder von Investoren belohnt wird: Satellitenkonstellationen statt Marsmissionen, KI-Tools fürs Büro statt Forschung an Artificial General Intelligence.
Das ist das klassische Argument, dass eine börsennotierte Firma plötzlich zu sehr auf ihre Aktionäre achten würde, statt auf langfristige Innovation. In der Realität existiert die Dynamik selbstverständlich, doch ausgerechnet die großen Techkonzerne bieten Gegenbeispiele. Sie sind trotz ihrer IPOs Innovationsführer geblieben und gehen weiterhin teure, riskante Wetten ein. Sei es Googles "Moonshot-Fabrik" X, Metas große und verlustreiche VR/AR-und-Metaverse-Sparte RealityLabs oder Apples Fahrzeugprojekt "Project Titan", an welchem es 10 Jahre lang gearbeitet hatte, bevor es das Vorhaben 2024 doch einstampfte. Es kann also gut sein, dass der Börseneintritt strategisch relativ wenig an den Anreizfunktionen für OpenAI, Anthropic und SpaceX verändert.
Andersherum könnten die Börsengänge dazu führen, dass die Firmen plötzlich mehr Einfluss von außen erfahren. Abhängig von der Eigentümer- und Anteilsstruktur können Aktionäre nämlich direkten Einfluss auf die Geschäftsführung nehmen. Bei großen Unternehmen wie diesen dreien ist es zwar unwahrscheinlich, dass ein aktivistischer Investor plötzlich die Kontrolle an sich reißt (und Elon Musk stellt offenbar bereits sicher, dass er auch nach dem IPO kontrollierende Stimmrechte an SpaceX behält), doch Anteilseigner könnten über Petitionen und bei Hauptversammlungen ihre Meinung geltend machen. Und damit, welcher Firma sie mehr Kapital zufließen lassen, entscheiden Aktionäre kollektiv, wer im KI-Wettrennen die prallere Kriegskasse besitzt.
Gut zu wissen: Auch SpaceX ist in Teilen eine KI-Firma: Eigentümer Elon Musk hat die Weltraumfirma mit seinem KI-Unternehmen xAI, einem Entwickler großer Sprachmodelle, fusioniert, und will KI zu einer geschäftlichen Priorität machen.
Ein Fazit
Vieles ist noch unklar darüber, wie die großen Börsengänge dieses Jahres ablaufen werden, und zahlreiche unserer Einschätzungen in diesem Kapitel sind spekulativ. Es ist allerdings praktisch sicher, dass die IPOs – insofern sie wie erwartet stattfinden – hohe Auswirkungen haben werden: auf die Märkte allermindestens, doch womöglich auch auf die Stoßrichtung des KI-Fortschritts.
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