September 27, 2026
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12 Minuten Lesezeit

Das Wirtschaftswunder Polen

Kein EU-Land wächst so schnell wie Polen. Wieso – und wie geht es weiter?
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Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

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  • Polen wächst derzeit so schnell wie kein anderes großes EU-Land und lässt eine Reputation als verarmtes Emigrationsland hinter sich. Das ist die Fortsetzung einer 30-jährigen Erfolgsgeschichte.
  • Nachdem Polen verarmt in die 1990er Jahre kam, versetzte es sich durch marktliberale Reformen und einen klaren Westruck in die Lage, sein Wachstumspotenzial auszuschöpfen.
  • Ein wichtiger Moment war der EU-Beitritt 2004, mit welchem Zugang zum Binnenmarkt, Freizügigkeit und bislang 261 Milliarden Euro EU-Gelder einhergingen.
  • Herausforderungen werden die Vermeidung der "middle-income trap" und der Umgang mit dem demografischen Wandel sowie mit der rasch steigenden Verschuldung sein.
  • Polen könnte außerdem stärker exponiert gegenüber KI-Risiken sein und die geopolitische Situation des Landes birgt sowohl Chancen als auch Gefahren.
  • Das größte Risiko dürfte die polarisierte Politik sein: Zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber; kehrt die nationalkonservative PiS an die Macht zurück, würde das teuren Streit mit der EU und Investorenmisstrauen andeuten.

Der Aufstieg_

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In Deutschland mag es seit Jahren um Konjunkturprobleme gehen, doch im benachbarten Polen kann davon keine Rede sein. Im Gegenteil: Das Land wächst rasant und macht bislang keine Anstalten, damit aufzuhören. Wichtiger noch: Polen ist seit drei Jahrzehnten eine beeindruckende Erfolgsstory. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich nominal seit 2015 verdoppelt und seit der Jahrtausendwende verfünffacht. Vor einigen Monaten kam ein symbolischer Meilenstein hinzu: Das BIP stieg auf über 1 Billion USD, was Polen in einen exklusiven Club aus 21 Ländern hievte – und dem Land eine Einladung als Gast zum G20-Gipfel einbrachte.

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Von Jamaika nach Japan

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Wertvoller als das reine BIP ist der Blick auf das BIP pro Kopf, denn die Metrik kontrolliert den Wohlstand eines Landes für die Bevölkerungsgröße und ist ein guter Proxy für das persönliche Wohlergehen (sie korreliert z.B. mit selbst berichteten Zufriedenheitsscores und der Lebenserwartung). Kaufkraftbereinigt kommt Polen laut IWF inzwischen auf 59.792 USD und hat damit Spanien, Israel und Japan knapp überholt. Selbst Italien und Großbritannien sind plötzlich in Reichweite. Rein rechnerisch ist der durchschnittliche Pole plötzlich so wohlhabend wie die Einwohner einiger der größten Volkswirtschaften Europas und der fortschrittlichsten Länder weltweit.

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‍Der polnische Aufstieg ist bemerkenswert, denn das Land betrat die 1990er verarmt nach Jahrzehnten kommunistischer Misswirtschaft und Autoritarismus. Die Arbeitslosigkeit lag 1992 bei beträchtlichen 14 Prozent und sollte bis 2000 sogar auf 20 Prozent klettern; die Armutsrate lag (etwas nach Messart variierend) bei 20 bis 30 Prozent. Hyperinflation von bis zu 570 Prozent plagte die Haushalte und den schwachen Privatsektor. Polen hatten preisbereinigt dieselbe Kaufkraft wie Jamaikaner. Öffentliche Dienstleistungen funktionierten kaum, die Verbrechensrate war hoch. Heute liegt die Arbeitslosigkeit bei niedrigen 3 Prozent, die Armutsrate bei ca. 1 Prozent und die Inflation bei 3,4 Prozent. Die BIP-Wachstumsraten seit den frühen 1990ern lagen im Durchschnitt bei beeindruckenden 4 Prozent pro Jahr (zum Vergleich, Deutschland: ca. 1,2 Prozent; EU ca. 1,8 Prozent).

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‍Den Kommunismus abreißen

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‍‍Für Polens Aufstieg gab es zwei große Gründe. Der eine waren die konsequenten marktliberalen Reformen, welche praktisch umgehend nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1989 ergriffen wurden. Der Ökonom Leszek Henryk Balcerowicz, damals Vizepremier und Finanzminister, setzte den Balcerowicz-Plan durch: Er hob Preiskontrollen und Außenhandelssperren auf, erlaubte den Umtausch der Landeswährung Zloty (Konvertibilität genannt), erzwang einen ausgeglichenen Haushalt und eine strenge Geldpolitik, und begann die Förderung eines jungen Privatsektors samt allmählicher – auffällig vorsichtiger – Privatisierung der lethargischen Staatsfirmen.

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‍Liberale Reformen waren im gesamten Ostblock der 1990er Jahre gang und gäbe, doch in Polen erfolgten sie besonders schnell und radikal. In der Kurzfrist verschlimmerte das viele der Probleme, im Zuge einer typischen "Transformationsrezession": Das Wachstum stürzte ab, die Armutsquote stieg. Die Reformen brachten Polen allerdings in die Position, als eines der ersten postkommunistischen Länder wieder ins strukturelle Wirtschaftswachstum bei gesünderer fiskalischer Position zurückzukehren. Punktuelle Stärken des kommunistischen Modells – z.B. die relativ hohe Zahl an gut ausgebildeten Polen – konnten in dieser Lage weitaus besser verwertet werden.

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Gen Westen

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‍‍Der zweite Grund war der klare Westruck des Landes. Die Annäherung an die NATO und die EU bedeutete mehr Reformdruck und institutionellen Qualitätsgewinn, z.B. in Form von mehr Rechtssicherheit, Eigentumsrechten, Wettbewerbsrechten, Korruptionsbekämpfung und mehr.  Dadurch entstand Investitionssicherheit für ausländische Firmen, was zum Zufluss von wichtigem Kapital und Knowhow führte. Diese Direktinvestitionen (foreign direct investment, FDI) waren eine zentrale Säule des polnischen Wirtschaftsaufstiegs.

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‍Das Interesse am Land war dabei reichlich hoch: Die Umallokation der produktiven Ressourcen, welche in der Planwirtschaft ineffizient eingesetzt worden waren, versprach hohe Renditen für Investoren und brachte Polen hohe Wachstumsraten ein. Zudem war Polen geografisch nahe an Mittel- und Westeuropa und hatte vergleichsweise günstige Arbeitskräfte; das Land war also ein intuitiver Standort, um enger in die europäischen Wertschöpfungsketten eingebunden zu werden.

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‍Der NATO-Beitritt folgte 1999, der EU-Beitritt 2004. Als EU-Mitglied profitierte Polen von einem erheblichen Kapitalzufluss aus dem EU‑Haushalt in Höhe von über 261 Milliarden Euro, welche in Infrastruktur, Landwirtschaft, Regionalentwicklung und weitere Felder flossen. Andersherum konnten polnische Exporteure in den riesigen EU-Binnenmarkt exportieren und ihren komparativen Vorteil geringer Arbeitskosten ausnutzen. Der polnische Ökonom Marcin Piątkowski schätzt, dass die Einkommen in Polen ohne die EU heute nur bei 60 Prozent des aktuellen Niveaus liegen würden.

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In der EU, aber nicht im Euro

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Mit der Öffnung zur EU wurde Polen auch ein Teil der Freizügigkeit der Union. Millionen polnische Arbeitskräfte gingen insbesondere nach Deutschland und Großbritannien. Das bedeutete zwar einen Braindrain gut ausgebildeter, junger Polen und verschärfte die ungünstige demografische Lage, doch insgesamt profitierte Polen von der Arbeitsmigration immens: Inmitten hoher Arbeitslosigkeit nahm die Emigration Druck vom Arbeitsmarkt; sie brachte Milliarden an Euro an Zahlungen von Auslandspolen aus ihren ausländischen Gehältern (sogenannte Remittances); und mit der späteren Rückkehr vieler Polen kam viel unternehmerisches und technisches Knowhow zurück ins Land.
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Ein erster Hinweis darauf, dass Polen sich wirtschaftlich konsolidiert hatte, kam in der Finanzkrise 2008: Während die EU in eine tiefe Krise rutschte, konnte Polen diese fast gänzlich vermeiden. Mit seiner Größe von heute wie damals rund 38 Millionen Einwohnern hatte es einen großen Binnenmarkt, der schockdämpfend wirkte (anders als z.B. die Baltikumstaaten), und dadurch, dass es nicht dem Euro beigetreten war, konnte es den Zloty abwerten und die Krise abpuffern (eine schwächere Währung begünstigt Exporte, was das Wirtschaftswachstum ankurbelt). Polens Krisenresilienz war teilweise auch eine Konsequenz von Zufall – ein günstig getimter Bauboom und eine relativ geringe Rolle des Bankensektors an der Gesamtwirtschaft –, doch das weitaus bessere Abschneiden als die Gesamt-EU sorgte dennoch für Aufsehen im Ausland und für steigendes Selbstbewusstsein zuhause.
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Im Kern erklären dieselben Faktoren, welche Polen seit den 1990ern antreiben, auch das heutige Wachstum: Kapitalausstattung und Produktivität liegen nach wie vor unterhalb Westeuropas, es gibt also Raum zum Aufholen. Die Arbeitskosten in Polen sind nach wie vor geringer, was Wettbewerbsvorteile kreiert. Es ist weiterhin das größte Empfängerland von EU‑Kohäsionsmitteln. Dazu kommen neue Faktoren, die direkt aus diesem ersten "Wirtschaftswunder" resultieren: Da die Polen progressiv reicher werden, trägt ihr Binnenkonsum immer stärker zum Wachstum bei. Ebenso der Export, da polnische Firmen inzwischen wettbewerbsfähiger und stärker in globale Lieferketten eingebunden sind: Der Exportanteil der Wirtschaft hat sich von 27 Prozent im Jahr 2000 auf heute 50 Prozent verdoppelt. Und das Emigrationsland Polen gerät plötzlich selbst zum Immigrationsziel, nämlich durch Belarussen und Ukrainer, welche Engpässe im Arbeitsmarkt auffüllen.

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Der große Nachbar‍

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‍Heute ist Polen also nicht länger ein Land, welches mit Armut, Kriminalität, Emigration und Verfall in Verbindung gebracht wird, sondern mit Wachstum und Perspektiven. Polnische Firmen blicken zunehmend ins Ausland, um dort zu investieren – polnisches FDI, also. Für das vergangene Jahr zählt Bloomberg 22 polnische Übernahmen in Westeuropa, der höchste Wert aller Zeiten. Anekdotisch häufen sich auch die Übernahmen in Deutschland, wo polnische Firmen derzeit in Anbetracht der Konjunkturkrise und eines Nachfolgermangels bei mittelständischen Unternehmen günstige Preise antreffen. Das geht so weit, dass Polens Premier Donald Tusk auf X stolz eine Headline der FAZ teilt: "Die Polen kommen", nur jetzt eben nicht als Arbeitsmigranten, sondern als Investoren.

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Dazu gehört allerdings ein wenig Nuance. Bei den polnischen Übernahmen geht es nicht um Blockbuster, sondern eher um die dritte und vierte Riege der Firmenwelt: Die drittgrößte Reiseplattform Invia Group wurde gekauft, ebenso der Kerzenspezialist Gala, der Straßenbahnbauer HeiterBlick. Die Summen, um die es geht, sind meist moderat hoch. Entsprechend steigt der Anteil Polens an den Direktinvestitionen in Deutschland zwar rasch, aber auf sehr niedrigem Niveau: Das Land machte nur 0,2 Prozent der über 1 Billion EUR an FDI-Bestand in die Bundesrepublik 2025 aus, und war damit auf Rang 31 der wichtigsten deutschen Investorenländer.

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‍Dennoch ist das Verhältnis zu Deutschland in der polnischen Wirtschaftsstory zentral. Kein anderes Land hat so viel in Polen investiert, nämlich circa 65 Milliarden EUR seit 2004. Polen ist regelmäßig unter den Top 10 der wichtigsten Investitionsziele für Kapital aus Deutschland. Die Gründe sind intuitiv: Polen ist geografisch und kulturell nahe (etwa im Vergleich zu China), hat starke Institutionen und einen großen Binnenmarkt. Eine weitere Verbindung: Die Bundesrepublik ist seit jeher der größte Beitragszahler in die EU-Gelder, von welchen Polen so stark profitiert hat. Obwohl die polnische Rechte seit jeher äußerst skeptisch auf Deutschland blickt, wäre der Aufstieg des Landes ohne den großen Nachbarn wohl nicht in dieser Form möglich gewesen.

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Die Herausforderungen_

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Die Falle vermeiden

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‍‍Wie lange Polen sein kräftiges Wachstum noch beibehalten kann, ist die große Frage für das Land. Bislang konnte es der "middle-income trap", die viele Länder erwischt hat, entgehen: jene Dynamik, bei welcher ein Entwicklungsland aufgrund der steigenden Löhne seinen internationalen Wettbewerbsvorteil einbüßt und damit an Wachstumsdynamik verliert. Nach und nach könnte Polen allerdings zu spüren bekommen, dass es auf Arbeitskostenebene nicht mehr der klare Gewinner ist.

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‍Die Regierung reagiert darauf, indem sie versucht, anspruchsvollere Wertschöpfung ins Land zu bringen. Polen soll kein reines "Montagezentrum" mehr sein (bzw. ist es nicht mehr, so Premier Tusk), sondern bei Hochtechnologien mitspielen, wo der schrumpfende Arbeitskostenvorteil weniger ins Gewicht fällt. Halbleiter, KI-Infrastruktur, Industrieroboter und vieles mehr. Bislang übersetzt sich das allerdings primär in Elektromobilität: Acht der zehn größten Direktinvestitionen seit 2004 haben mit Elektroautos oder Batterien zu tun, dazu ein Autowerk von VW und ein Rechenzentrum von Microsoft. Ein großer Plan von Intel, ein Chipwerk zu errichten – mit 4,6 Milliarden USD wäre es die größte ausländische Direktinvestition der polnischen Geschichte gewesen – scheiterte hingegen 2024. Noch lässt sich also nicht sagen, wie erfolgreich die Hoffnungen auf eine Transformation der polnischen Wertschöpfung sein werden.

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‍KI, triff Krakau‍

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‍Ein zweites Risiko ist Künstliche Intelligenz. Polen hat in den vergangenen Jahrzehnten so hohe Investitionen in seinen IT-Sektor erfahren wie kein anderes europäisches Land, vor allem, weil Firmen ihre Business-Services- und IT-Tätigkeiten dorthin verlagert haben – erneut, um den Mix aus niedrigen Arbeitskosten und hohem Bildungsstand auszunutzen. Ausgerechnet solche Rollen sind jetzt allerdings durch eine neue potenzielle Automatisierungswelle aufgrund von KI gefährdet.

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‍In Krakau, dem IT-Hub des Landes, zeigt sich das anekdotisch stark: Konzerne wie Shell, Heineken, HSBC und UBS streichen Stellen; bislang vom Arbeitsmarkt verwöhnte IT‑ler berichten von Schwierigkeiten. Allein bis Oktober 2025 meldeten Firmen den Behörden 70 Prozent mehr Stellenstreichungen an als im Gesamtjahr 2024. Die Wohnungspreise in Krakau, bis hierhin die am schnellsten steigenden Polens, fallen plötzlich. In einigen polnischen Medien werden bereits Vergleiche zu Detroit gezogen, jener US-Großstadt, welche mit der Krise ihrer dominierenden Autobranche in einen tiefen Abschwung geriet. Das ist fraglos übertrieben, doch zeigt eine gewisse Nervosität.

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‍Der Frontstaat‍

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‍Etwas uneindeutiger sind die geopolitischen Risiken. Die Nähe zu Russland – Polen grenzt an die Exklave Kaliningrad und das von Russland abhängige Belarus – schafft offensichtliche physische Gefahren, von Sabotageaktionen über Drohnengefahr bis hin zum Extremszenario eines bewaffneten Konflikts. Zugleich investiert Polen enorm in seine Verteidigung: Mit 4,7 Prozent vom BIP gibt es mehr aus als jeder andere NATO-Staat, mit Ausnahme der kleinen Baltikumländer – und weitaus mehr als der NATO-Durchschnitt von 2,9 Prozent. Das Geld fehlt anderswo, wo es produktiver investiert sein könnte, wirkt zugleich über Staatsausgaben aber auch wieder in die Wirtschaft ein. Weiterhin ist Polen durch seine Aufrüstung und seine strategische Position (in der Nähe Russlands und als Transportweg in die Ukraine) in optimaler Lage, von der weiteren europäischen Aufrüstung zu profitieren, etwa als Standort der militärischen Wertschöpfung.

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Haushalt und Demografie‍

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‍Die Haushaltslage könnte in naher Zukunft kniffliger werden, denn in den kommenden Jahren erhält Polen weniger Geld von der EU. Dann wird es für den Staat schwieriger, die hohen Staatsausgaben aufrechtzuerhalten. Das heimische Investitionsaufkommen des Privatsektors ist jedoch verhalten: Es lag 2024 bei nur 9 Prozent, der viertniedrigste Wert in der EU (Tschechien: 16 Prozent). Zeitgleich muss es ein kräftig gestiegenes Haushaltsdefizit von zuletzt 7,3 Prozent im Jahr 2025 verwalten, das zweithöchste in der EU (Deutschland: 2,7 Prozent). Da die Staatsverschuldung derzeit nur bei 59,7 Prozent liegt (Deutschland: 63,5 Prozent) und die private Verschuldung von Haushalten und Firmen recht niedrig bleibt, lässt sich von einer Schuldenkrise in Polen beileibe nicht sprechen.

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‍Auf lange Sicht gerät der demografische Wandel zum Problem: Polens Einwohnerzahl ist im Grunde seit 1990 nicht mehr gewachsen. Mit einer großen Ausnahme, nämlich der Fluchtbewegung aus der Ukraine ab 2022: Rund 1 Million Ukrainer befinden sich heute im Land. Ihr Aufenthalt ist inzwischen kontrovers und einige Polen beklagen Verteilungskämpfe, z.B. was Sozialausgaben betrifft, doch der Zufluss nimmt auch Druck vom Arbeitsmarkt. Für eine rasch wachsende Wirtschaft mit ansonsten stagnierender Bevölkerungszahl ist das wertvoll. Endet der Ukrainekrieg, könnten viele Ukrainer zurückkehren, womit Polen seinen demografischen Wandel wieder stärker spüren würde.

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‍Die Polarisierung‍

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‍Das größte Standortrisiko für Polen dürfte allerdings die eigene Politik sein. In einer Befragung der deutschen Außenhandelskammer wird "politische Stabilität" von 64 Prozent der befragten Firmen als Investitionshürde benannt, so häufig wie kein anderer Grund. Dabei geht es um den Konflikt zwischen einem zentristischen Lager um Premier Donald Tusk und dem nationalkonservativen Lager um die PiS. Der PiS-nahe Präsident Karol Nawrocki blockiert eine Rekordzahl an Gesetzesvorhaben der Tusk-Regierung, nämlich bislang 41 von 281 vorgelegten, also rund 15 Prozent.

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‍Als PiS bis 2023 noch an der Macht war, schwächte die Partei die unabhängigen Institutionen – zum Beispiel durch eine kontroverse Justizreform und eine Ergreifung der öffentlichen Medien. Damit löste sie einen jahrelangen Rechtsstaatlichkeitskonflikt mit der EU aus, was zum Einfrieren von EU-Geldern führte. Für Investoren und Unternehmen bedeutet das genau jene politische und Rechtsunsicherheit, deren Verringerung einst Polens Aufstieg ermöglicht hatte. Im Kern steht der politische Konflikt dabei stellvertretend für die gesellschaftliche Trennlinie zwischen einer liberaleren, jüngeren, säkularen, urbanen Bevölkerung und einer konservativeren, älteren, religiösen, ländlichen Bevölkerung.

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‍Über 3 Prozent‍Bei allen Risiken stehen die Zeichen in Polen vorerst weiter auf kräftiges Wachstum. Das BIP dürfte 2026 um über 3,3 Prozent zulegen, und damit vergleichbar hoch wie 2025 und 2024. Polen wird wie so häufig das schnellstwachsende Land der EU und auch Europas (insofern wir Malta und Albanien als kleine Länder ausklammern). Die polnische Wirtschaftsstärke setzt sich also fort, und sie übersetzt sich in steigenden Wohlstand, mehr diplomatisches Gewicht und mehr Ressourcen für Großprojekte wie die Aufrüstung.

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‍Für Polen geht es dabei auch um historische Symbolik. Das Land erreichte sein Goldenes Zeitalter in der frühen Neuzeit im 16. Jahrhundert, nur um danach durch Niedergang, Teilungen, Annexionen und einen sowjetischen Satellitenstatus zu wandeln – ab 1795 komplett fremdbestimmt, mit nur 21 Jahren Unabhängigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der wirtschaftliche Aufstieg ist damit auch die Neuinterpretation eines Polens, welches so selbstbestimmt und schlagkräftig in der Welt auftritt, wie seit langem nicht mehr. Und ein Polen, welches inzwischen bei den G20 mit am Tisch sitzt, wenn auch erst einmal nur als Gast.

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